Ausgabe 
13.11.1887
 
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366 D.

Balzer trommelte erregt auf der Tischplatte.

Sie werfen Ihr Geld in einen glimmenden Aschenhaufen, Fräulein Gerta. Wie die Sachen stehen, scheint Schönholz doch zum Verkauf zu kommen.

Krohne fuhr mit der Hand durch sein Haar.

Schönholz aufgeben! Und die Landräthin Sie müssen das Geld beschaffen, Rahdebrock! Zwanzig⸗, fünfzigtausend Thaler, wenn's nöthig ist. Und wenn die Berglust verkauft werden müßte.

Rahdebrock war starr. Er hatte nicht übel Lust, seinen Herrn zu fragen, ob ihm der Wind draußen den Verstand ein bischen weggeweht hätte. Aber Jungfer Schmiedeke klapperte gerade mit etlichen Glas wärmenden Eierbiers ins Zimmer.

Du mein! Da sitzt das Fräulein noch just wie's gekemmen ist, in nassem Mantel und Hut! Sie sind aber auch nicht gescheidter als ein Buschmann, Rahdebrock, darauf nicht zu achten! Ihren Herrn ignorirte Gertrud völlig; an dem wunderte sie längst nichts mehr.

Ja so! machte Rahdebrock, überließ es aber gleichmüthig, wenn auch ein wenig betreten, seiner alten Freundin, die junge Dame ihrer feuchten Hülle zu entledigen.

Gerta wollte eifrig abwehren. Ich mache mich ja bald wieder auf den Weg. Freilich nicht ehe wir fertig sind, wandte sie sich an Balzer.

Rahdebrock hatte. gerade wieder ein Prieschen genommen. Jetzt klappte er vernehmlich den Deckel der Dose zu.

Bis wir fertig sind! Auch was! Wie spät ist's denn? Meiner Treu, halb elf! Auf Schönholz wird man Sie suchen wie eine Stecknadel.

Wie? rief Balzer;man weiß nicht, daß Fräulein Gerta hier ist? Er eilte hinaus.Sie müssen schon die Nacht bei meiner Frau fürlieb nehmen, Fräulein Gerta, sagte er, als er zurückkam.Nach Schönholz habe ich einen Boten geschickt.

Wohl oder übel konnte Gerta die dargebotene Gastfreundschaft nicht ausschlagen. 5

Wenn Sie sich mit diesem Kram, sie deutete auf das Papier, das sie auf den Tisch geworfen hatte,wenn Sie sich darin nur auch so flott entschließen könnten.

nicht die Idee aufzugeben, so ungefähr sämmtliche Schulden der Familie Heußner auf sich zu nehmen, letzterer nicht, Fräulein Gerta auf ihre Werthpapiere die verlangte Summe vorzustrecken.

Endlich, nach langem Reden, kam man doch zu einem Resultat, und Gerta blieb Siegerin.

Die ist ja verteufelt entschlossen, meinte Rahdebrok, als sie mit Balzer abzog.Von der könnte mein Herr lernen. Aber statt dessen will er fünftausend Thaler wegwerfen. Hm; soll mich wundern, was die Zwei sich zusammenrechnen, wenn sie der Schön⸗ holzer Wirthschaft zu Leibe rücken.'ne nette Wirthschaft ist's ja gewesen. Auch was: Herr Alfred als Praktikus.

Als solcher kam sich Herr Alfred freilich selbst wunderlich vor. Auch scheute er ein wenig, nach Schönholz zurückzukehren, sie wieder dort zu treffen. Er hatte seine Bedenken gehabt.

Bedenken!

Weiter hatte sie ihm kein Wort erwidert, als er schüchterne Zweifel in die Zweckmäßigkeit ihrer Pläne setzte, aber sie hatte ihn mit den großen, strahlenden Augen so eigenthümlich angeschaut, daß er sich vor ihr schämte. Sie verstand es, ihren Ansichten Geltung zu verschaffen. Sie Gerta nämlich. Und ihre Pläne? Sie wollten zusammen auf Schönholz die ganze mißliche Lage der Land- räthin prüfen, die Vermögensverhältnisse mußten ja in beispielloser Unordnung sein; schien es aber unmöglich, das Gut zu halten, so hieß es, einen reellen Käufer finden. Voller Muth ging das junge Mädchen an die ungewohnte Arbeit.

Wer sollte sie denn übernehmen, wenn nicht ich? hatte sie ihn verwundert gefragt.Tante Mathilde doch wohl nicht? Und Adele ist noch weniger dazu im Stande. Klingmann aber kann ich die Sache nicht anvertrauen. a

Klingmann war Verwalter des Vorwerks, welches zu Schönholz gehörte, und hatte seit dem Tode des Landraths auch für die größtentheils in kleineren Loosen verpachteten Ländereien des Haupt- gutes den Zins eingenommen. Ein herzensguter, behaglicher, aber

schwacher, schon ein bischen altersstumpfer Mann. Ihm konnte

man freilich die ganze, ein wenig delikate Angelegenheit nicht übertragen.

Aber entschließen konnten sich weder Krohne noch Balzer. Ersterer

vor einer peinlichen Begegnung mit Adele schien sich als unbegründet erweisen zu sollen; man merkte kaum, daß Schönholz überhaupt noch bewohnt war, so still war es dort geworden. Niemals ließ sich die Landräthin oder deren Tochter außerhalb ihrer Zimmer sehen. In ihrem Schmerze schienen sie völlig theilnahmlos gegen alles, was um sie her vorging; Walde- mar's Streich mußte sie furchtbar hart getroffen haben. So durfte Gerta schalten und walten. Sie führte Kasse ihre Kasse sie ließ sich Klingmanns Bücher vorlegen, sie sammelte sämmtliche Rechnungen, sie verhandelte mit den Gläubigern. Freilich nicht, ohne daß sie, oder vielmehr der Doktor für sie, hie und da Balzers Rath einholte.

Viel Sorge macht mir der Pachtzins der letzten Jahre, sagte sie zu Ende der ersten Woche ihrer Thätigkeit.Die Schönholzer Aecker sind fast durchgehends an geringere Leute verpachtet, kleine Hüfner, Tagelöhner und Röhrstädter Handwerker, und diese haben nicht alle gleichmäßig zahlen können oder wollen. Mißwachs, schlechte Erntejahre sind da die gewöhnliche Entschuldigung.

Sie redete geschäftsmäßig wie ein Mann.

Klingmann selbst meint, es möchte wohl Manchem an gutem Willen gefehlt haben, aber er hätte nicht durchgreifen dürfen; Herr Waldemar hier verzog sich der kleine Mund ein wenig habe ihm ausdrücklich die größte Nachsicht empfohlen.

Der Doktor war erstaunt.

Er hatte also doch ein gutes Herz,

Unwillig warf Gerta den dünnen Folianten, Hand hielt, auf den Tisch.

O Ihr erfahrenen Männer! Der ein gutes Herz! Bequem war's, sich bei den Leuten um ein Billiges einen angenehmen Namen zu verschaffen, unbequem, irgendwo ein biechen Energie zu entwickeln. Sehr bequem, Tausende zu himmelschreienden Zinsen von einem Wucherer zu borgen, so lange es ging, und dann sie fuhr mit der Hand über die Augen,daß aus den kleinen Pachtbeträgen der Leute Hunderte werden würden, daran hat er natürlich nicht gedacht, ebensowenig wie an den moralischen Ein⸗ fluß, den seine Milde auf die Pächter üben mußte. Après moi le deluge, und damit verduftet er. O, ich begreife Tante Mathilde nicht, wie sie sich konnte von dem Sohne leiten, tyrannisiren lassen. Jetzt wäre die Schwierigkeit, festzustellen, wer von den Leuten zahlen kann und wer wirklich Aufschub oder Nachsicht verdient.

Ist denn die restirende Summe von Belang?

Gerta mußte doch lachen.

Nehmen Sie mir's nicht übel, aber Sie sind wirklich naiv. Ein Geschäftsmann comme il faut! Von Belang oder nicht wollen wir Ordnung schaffen, so handelt es sich um jeden Groschen, jeden Pfennig Debet und Kredit. Es schien, sie war nicht um⸗ sonst bei Balzers aus- und eingegangen; mit gelindem Selbst⸗ bewußtsein gebrauchte sie den kaufmännischen Ausdruck.Es sind im Ganzen fast viertausend Mark.

Ihr Hülfearbeiter, wie er sich nannte, denn bei der ernsten Arbeit hatte Krohne merkwürdigerweise scherzen gelernt, machte ein nachdenkliches Gesicht.

Nun?

Vielleicht finde ich Jemanden, die Leute kennt und

Mein Gott, so reden Sie doch! Das wäre?

Knopploch.

Der Lumpenanton? Gerta zog die Brauen zusammen.Er will auch dreihundert Thaler einklagen, natürlich Privatschuld des Herrn Lieutenant, und er hat sich in seinem Mahnbriefe nicht gerade fein ausgedrückt. Aber gleichviel! Man könnte ihm seine Auskunft bezahlen; soviel ich weiß, macht er ja jedes Geschäftchen, das ihm ge⸗ boten wird.

Am Nachmittag ging Krohne den Weg nach der Stubengasse.

Ich habe ein Geschaͤft für Dich, Anton.

Anton Knopploch tupfte gelassen mit dem Zeigefinger in seinen Pfeifenkopf und bückte sich nach einem glimmenden Spänchen am Herde.

Laß hören!

Alfred sagte ihm,

Krohne's Bangen

sagte er. welchen sie in der

der hier in der Gegend überall

um was es sich handle.Ich habe eine Liste der Pächter bei mir; Du würdest darauf zu vermerken haben, bei welchen der Leute man jetzt, bei welchen man später auf Zahlung dringen könnte, ohne sie gerade empfindlich zu bedrücken.