Ausgabe 
13.3.1887
 
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Die Tage gingen hin. Auf dem Sonnenstein und den um⸗ liegenden Schlössern wechselte alle Tage die Art der Freude.

Erna Calander tanzte, plauderte, lachte und sang wie ihre Ge fährtinnen, und Tante Luise lobte sich und ihr eignes kluges Be⸗ nehmen in der Stille ihres jungfräulichen Käramerleins höchlichst. Man muß den Menschen nur zur Selbstbeherrschung zwingen, so findet er auch die Kraft dazu und wie schlau und richtig war es von mir, diesen schrecklichen Schwindelanfall auf der Bahnstation zu bekommen, so daß Calander das eine Wagenpferd abspannen und den Diener darauf zum Doktor reiten ließ, daß wir darüber Stunden verloren und dieses gefährlichen Menschen Visite verpassen mußten. Das arme Kind! Es sah nachher so blaß aus, als wäre es selbst von einem Schwindel befallen und zwar von einem richtigen, aber da kann nichts helfen als Konsequenz und Energie. Man lehre mich doch die Männer nicht kennen!

(Schluß folgt.)

Ein fideler Arrest.

Eine angenehme, behaglich und heiter verbrachte Jugend, in welcher man zugleich etwas Tüchtiges gelernt hat, möchte ich einem anmuthigen Parke vergleichen, durch dessen hochlaubige, mannigfach verschlungene Gänge man, gemüthvolle Erinnerungen auffrischend, stets mit neuer Lust dahinwandelt. Wer eine solche Jugend ge nossen hat, der besitzt für sein ganzes Leben einen unvergänglichen Schatz. Denke man nur an das traurige Gegentheil einer baum losen und öden Sandwüste! Mir ward jene Jugend durch ein gütiges Geschick in vollem Maße zu Theil. In späteren Jahren freilich habe ich, wie tausend andere Bühnenkünstler, unter den Auspizien roher und gewinnsüchtiger Leiter manche trostlose Steppe durchwandert.

Vor mehr als zwanzig Jahren besaß unser kleines Städtchen E in der geräumigen Wohnung des Herrn Hauptpastors eine für Gymnasien vorbereitende Familienschule, von etwa zwölf mun teren Knäblein der angeseheneren Bürger besucht, welche durch einen jungen Kandidaten der Theologie mehrere Jahre lang trefflich ge leitet wurde. Unter diesen Schülern war ich selbst damals der älteste. Eines Tages im Spätsommer hatte ich auf der Straße einen fremden Knaben, welcher mich arg beschimpfte, angegriffen und tüchtig durchgewalkt. Indem er, mit mir ringend, niederfiel, war er, gegen einen Stein aufschlagend, am Kopfe stark verletzt worden. Am folgenden Morgen führte sein erzürnter Vater, ein Klempnermeister, bei unserem Lehrer Beschwerde über mich; ich ward verhört und meiner Missethat entsprechend zu zwei Stunden Arrest verurtheilt. Nachmittags, nach beendigten Lektionen, ward ich allein in unser Schulzimmer eingeschlossen und erhielt zur Beschäftigung ein tüchtiges Exempel aus dem Meier Hirsch nebst dem Auswendiglernen eines langen Kapitels aus Cäsar's Denk würdigkeiten.

Bald war die erste Aufgabe vollendet; ich legte das Heft bei seite und da ich wußte, daß der Hauptpastor, unser Wirth, zu dieser Zeit mit seiner Familie verreist war, ging ich in das anstoßende Vorderzimmer, wo seine Bibliothek stand; in dieser herumkramend, fand ich einige Lustspiele von Raupach, welche ich mir zum Lesen wählte.

Von dem in einer Ecke befindlichen Ständer nahm ich mir sodann eine Pfeife, stopfte sie aus dem Tabakskasten mit edlem Varinas, entzündete sie und verkürzte mir so meine Haft mit ver⸗ gnüglichem Lesen und Schmauchen; es war dies die erste Pfeife, welche mir vortrefflich schmeckte. Nachher stellte ich sie wieder an ihren Ort.

Kurz vor Ablauf der zwei Stunden kam der Lehrer, prüfte die angefertigte Arbeit und ließ mich das aufgegebene Kapitel her⸗ sagen, welches ich schnell und sicher vortrug. Da siel sein Blick auf die Raupach' chen Lustspiele, welche noch vor mir lagen. Was hast Du da? fragte er mich, das Buch aufhebend.Das ist recht hübsch, aber wer hat Dir die Erlaubniß gegeben, die Bibliothek des Herrn Pastors zu benutzen? Das schickt sich nicht.

Das mag sein, versetzte ich,aber diese Lustspiele haben mir sehr gefallen, da kommt man doch auf andere Gedanken!

Gedanken, ein Dichter oder gar ein Schauspieler zu werden? he? Die Teufeleien laß ja bleiben, da verhungerst und verlotterst Du nur! Ich glaube, erwiderte ich,daß selbst der brapste Mensch bei den schönen alten Klassikern gelegentlich auch verhungern kann. Das ist freilich nicht ganz unmöglich! sagte er lächelnd, nahm sodann das Buch und stellte es wieder an seinen Ort.

Hierauf theilte ich ihm mit, daß ich auch das folgende Kapitel im Cäsar gelernt hätte. Auch dieses trug ich ihm geläufig vor. Auch das folgende, sagte ich,habe ich gelernt; dieses ward ebenfalls vorgetragen. Als er mich verwundert anblickte, eröffnete ich ihm, daß ich auch die anderen 35 Kapitel noch vortragen könnte. Einige Stellen derselben fragte er mich ab, ich konnte sie alle sicher aufsagen.Aber zum Kuckuk, wie geht das zu? rief er erstaunt;ich sehe, Du hast mir etwas vorgeredet, ge steh' es nur offen!

Lachend erwiderte ich:Nun ja, ich will es gestehen und bitte Sie, Herr Fengler, mir den schlechten Spaß zu verzeihen. Ich habe alle 38 Kapitel dieses Buches, die wir durchgenommen haben, in etwa drei Wochen für mich zu Hause gelernt.

So? ich will Dir Deine Finte verzeihen, sagte er lächelnd;ich bemerkte das gleich. Aber wie bist Du auf den tollen Einfall gekommen, eine solche Masse auswendig zu lernen? Das ist doch ganz unnütz!

Zu meinem Vergnügen habe ich's gethan, erwiderte ich, weil mir der Cäsar und seine Darstellung so sehr gefällt, bei⸗ nahe so gut wie der Raupach. Ich habe auf diese Art mein schwaches Latein gestärkt; und so war es garnicht unnütz, denke ich, vielmehr achtunddreißig mal so nützlich wie das eine Stück, das Sie mir aufgegeben haben. Darob schaute er mich mit großen Augen an.Ich glaube, fuhr ich fort,daß ich das nicht schlecht, sondern gut gemacht habe. Mein Vater hat mir auch öfter gesagt, daß man fremde Sprachen nicht durch die Gram matik, sondern gerade in dieser Weise, durch lebendige Anschauung, am besten und bequemsten lernen kann; er hat es früher mit dem Lateinischen, dem Griechischen und Französischen ebenso gemacht und sie auf diese Weise alle schnell gelernt.

Du hast nicht Unrecht, versetzte er nach einer Pause;dieser Uebung kannst Du auch Deine guten lateinischen Arbeiten zuschrei ben. Ja, ja, schaden thut das nichts, es ist vielmehr ganz vor⸗ theilhaft! Nun warte noch ein wenig.

Darauf ging er hinaus, kam jedoch gleich wieder, und bald

darauf trat eine Magd bei uns ein mit einem Korbe voll schöner Pflaumen, welchen sie vor uns auf den Tisch setzte.Greif zu und erfrische Dich, sagte er freundlich zu mir;Du wirst inzwischen wohl etwas Hunger bekommen haben.

Wir langten Beide zu, das herrliche Obst schmeckte vortrefflich. Von meiner heimlich gerauchten Pfeife erzählte ich natürlich nichts.

Nach einem Weilchen begann ich:Jetzt will ich Ihnen sagen, Herr Fengler, welche Ursache unsere gestrige Prügelei wahrscheinlich gehabt hat. In der Familie des Magistratssekretärs B, welcher ein Verwandter von Gustav ist, wurde vor vier Tagen eine Hoch zeit gefeiert. Abends kam ich gerade bei dem Hause vorbei und hörte von dem erleuchteten Saale her ein fürchterliches Johlen und Trampeln erschallen. Da ich am nächsten Morgen dem Gustav draußen begegnete, hielt ich mich über den wüsten Lärm auf und sagte ihm, dieses Geblöke und Getrampele hätte ganz kannibalisch geklungen. Das mag er wohl seinen Verwandten gleich wiedererzählt haben, und deshalb haben sie ihn gestern auf mich abgeschickt, so erkläre ich mir die Sache.

Das mag richtig sein, erwiderte er;Du hast aber auch kannibalisch zugehauen. Wärst Du lieber schweigend davongegangen, so würden die Leute sich über Deinen Tadel weit mehr ärgern, als jetzt, da Du bestraft bist. Was kannst Du nun aus jener lauten Festlichkeit lernen?

Nichts, antwortete ich.

Nichts, und doch Etwas, das sich oft beobachten läßt. Menschen, vornehme wie niedrige, welche in ihren Handlungen und Bewe gungen, namentlich bei solchen Gelegenheiten, viel Geräusch, Gepol⸗ ter und Geschrei zu machen pflegen, sind immer hohle und alberne Tölpel, von denen man nichts Sinnreiches und Gutes zu erwarten hat. Wir wollen nun die dumme Geschichte laufen lassen, nimm Dich aber künftig mehr in Acht. Sodann suchte er einen riesigen Zeitungsbogen hervor, wickelte in diesen die noch übrigen

4So? sagte er, mich bedenklich anschauend,wohl auf den 0

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