Ausgabe 
13.3.1887
 
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Es war eine schreckliche Stunde, die er durchkämpfte. Ab gewiesen! Mit seinem vollen glück- und liebesehnenden Herzen ab gewiesen!

Und Erna? War sie eine Kokette, die ihn bis zu diesem Punkte hatte bringen wollen, um die Reihe ihrer Triumphe zu verlängern? Oder liebte sie ihn und man zwang sie, ihn zu ver⸗ meiden? Aber nein! Das war undenkbar. Alle Welt wußte, Calander ließ seiner Tochter bei der Wahl eines Gatten vollste Freiheit. Oder war sie launenhaft bis zu solchem Grade? Ihr rasch wechselndes Benehmen aus der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft, die eigenthümliche Mischung von Herbheit und mädchenhaftester Liebenswürdigkeit war ihm nur zu wohl erinnerlich. Traf er gestern ihren guken Tag und bestrahlte ihn so warm die Sonne ihrer Huld, weil sie guter Laune war und an seiner Stelle jeden Andern auch so freundlich behandelt hätte?

Es war schon Abend geworden, als er in das Schloß zurück ging. Am andern Morgen um zehn Uhr traf er die Seinen auf dem Perron des Bahnhofs und eine Stunde später lag Berlin mit seiner Dunstatmosphäre weit hinter ihnen.

Auf den Schlössern am See verging kaum ein einziger Tag ohne Gäste. Sonnenschein, blauer Himmel, Blumen und helle Sommerkleider, Musik und das silberne Lachen fröhlicher Mädchen brachten für die nächsten Monate so viel Reiz und Poesie in die vom großen Verkehr abseits liegende Gegend, daß man es kein Wunder nennen konnte, wenn die männliche Jugend tagaus tagein unterwegs war, der versammelten Schönheit zu huldigen.

Mehr noch als im letzten Jahre bildete der Sonnenstein den Mittelpunkt dieser heiteren, sorgenlosen Geselligkeit, welcher alle Mittel des Luxus zu Gebote standen und welche doch im Grunde dieselben kaum zu bedürfen schien.

War es weiser Vorbedacht von Tante Louise, oder glücklicher Zufall, es hatte sich eine ganze Reihe schöner, zum mindesten reizender Mädchen zum Besuch Ernas auf dem herrlichen Landsitz versammelt; Pensionsfreundinnen, Reisegefährtinnen und Ballbekanntschaften des letzten Winters, eine Art internationaler weiblicher Kongreß, wie man ihn nicht anziehender sich denken konnte, und da mehrere derselben ihre Mutter oder Tante mit sich gebracht, so fehlte es auch nicht an einem ehrfurchtgebietenden Hintergrunde, dessen Mittelpunkt Tante Louise mit sichtlicher Befriedigung einnahm.

Herr Calander lachte vergnügt, machte den liebenswürdigen Wirth gegen Alt und Jung mit jener ihm eignen zwanglosen Ruhe und Sicherheit und blickte nur zuweilen heimlich mit unruhiger Sorge nach dem immer gleichmäßig freundlichen Gesicht seiner Tochter, welches niemals aufleuchtete in einem wärmeren Empfinden, und auf dessen weißer Stirn eine nie verschwindende Wolke stiller, sorgsam verheimlichter Traurigkeit lag, welche nur der erkannte, welcher Erna früher lächeln und lachen gesehen.

Was fehlt dem Kinde, Fräulein Meister? fragte der reiche Mann jeden Abend.

Seine Puppe! hatte Tante Luise zuerst herbe geantwortet, dann erklärte sie, Erna sei in dem Stadium, wo jedes Mädchen durchaus eineunglückliche Liebe haben müsse, das gehe vor über wie das Zahnen bei den Kindern. Nur zuletzt, als immer noch dieser Schatten über dem Wesen ihres Zöglings lag, gab sie zu, daß Erna immer eine Art weiblicher Don Quixote gewesen und sich stets gemüßigt gefunden habe, für die Angegriffenen Partei zu nehmen, wofür es ihr ohne Zweifel auch noch einmal übel ergehen werde.

Herr Calander brauchte keine Erklärung für die Charakteristik seiner Tochter; die starkgeistige Philosophin hielt ihn fleißig auf dem Laufenden betreffs des landesüblichen Klatsches und verfehlte niemals, daran die Versicherung zu knüpfen, daß, wer sie betrügen wolle, früher aufstehen müsse. Was aber den Klatsch betraf, so be wies derselbe die Unfehlbarkeit der philosophischen Tante mehr, als Calander je geahnt. Welche furchtbare Situation wäre es für ihn und sein liebes einziges Kind gewesen, wenn dieses jetzt die Braut eines Mannes wäre, von dem man immer lauter und entschiedener behauptete, er sei doch der Mörder seines Vetters wie auch immer das Resultat der von seinem Studiengenossen und intimen Freunde Birkner geführten Untersuchung laute.

Die allzeit geschäftige, anklagende Bosheit, wie die abwehrende Freundschaft hatten sich stets vor immer neu auftauchenden wirklichen oder falschen Indizien gefunden. Man berichtete von Aeußerungen Kyburgs, man hatte von den Dienstleuten auf Froysberg allerlei Aussagen über Differenzen der Herren, über die Geldnoth Willwarths erforscht. Es gab ein Brieffragment, zerrissen und halb verregnet, worin eine Dame Theodora von Willwarth wahrscheinlich, ihn überredete, zu dem Aeußersten sei es noch immer Zeit, ein Mann in seiner Lage müsse ebenso rechtzeitig warten, wie handeln können; der Prinz sei gesonnen, alle Hebel für ihn in Bewegung zu setzen de. Jetzt neuerdings, erst gestern, war Rochlitz mit bleichem Gesicht zu Calander gekommen und hatte berichtet, daß man herausgebracht, Willwarth's Gewehr habe ganz genau das gleiche Kaliber, dieselbe Form der Kugel wie dasjenige, mit welchem Froysberg sich erschossen.

Das Alles im Einzelnen war nichts, aber Eins an das Andere gereiht eine solche Kette von Verdachtsmomenten, daß die beiden Herren wohl Recht hatten, in ernster Sorge zu berathen, was den Freunden Willwarths zur Pflicht-wurde. Aber waren sie denn über haupt verpflichtet? Calander gewiß nicht. Und hatte Willwarth nicht ältere Freunde?

Wußte denn Diringer nichts von diesem Allem, und sollte denn Niemand ihm sagen, wie nun auch jene alte Froysbergsche Erbschafts geschichte mit allen Einzelheiten wieder zu Verdachtsmomenten gegen Willwarth ausgebeutet wurde?

Diringer, heißt es, schreibt ein Werk über Fortifikation, sagte Rochlitz und soll nach Metz gereist sein.

Aber seine Kameraden? Rochlitz wußte nicht, was diese erfahren hatten.

Ich habe gestern bei Sathens einen Disput mit Ritberg ge habt, erzählte er,der sehr nahe an ein ernstes Renkontre streifte. Ritberg ist meinem Gefühl nach von einem wahren Haß gegen Willwarth erfüllt. Er ist die Seele einer Koalition, die sich gegen den armen Kerl gebildet hat, und ich will Ihnen sagen, Calander, um was es sich bei diesem Allen handelt: um die Eifersucht.

Calander sprang auf von seinem Sessel und sah blaß aus vor Erregung.

Rochlitz hatte, den Ringen seiner Zigarre nachblickend, eine Weile

vor sich hingesehn; jetzt begann er von Neuem zu reden, und Calander hoͤrte ihm, langsam auf und abgehend, ernst zu. 5

Man sagt, Calander, Erna liebe Willwarth; sehen Sie, das ist, meines Erachtens, einer der ersten Gründe für Ritberg, den ge fährlichen Nebenbuhler unmöglich zu machen. Er erfindet nichts, es kann ihn kein Mensch tadeln, wenn er einfach das Unrecht an sich verfolgt, sei dasselbe verübt, von wem immer. Das warfen mir auch die andern Herren ein, da ich leider hitziger als nöthig vorging.

Ja, ja! ich begreife. Und wer kann den Leuten verwehren, es zu machen wie Graf Ritberg? sagte Calander.

Wenn Erich nur zurückkäme, meinte Rochlitz,seine Persönlich keit allein brächte all dies Gerede zum Schweigen. Ich möchte ihm schreiben, aber damit würde ich mich in die Lage bringen, ihm reinen Wein einschenken zu müssen und je argloser er bleibt, um so besser, darin sind wir ja einig!

Dies ganze Gespräch hatte einen Zuhörer, von dem die beiden Herren nichts ahnten.

Es war Fritz, der Kutscher, der seinem Herrn eine Mittheilung machen wollte, und den die Namen Froysberg und Willwarth im Vorzimmer dicht neben der Thür festbannten. Daß sein Ohr in

unmittelbare Berührung mit dem Schlüsselloch dabei kam, schien

der Bursche garnicht für unberechtigt zu halten, aber wie blaß und unruhig schlich er, ohne sich bei seinem Herrn gemeldet zu haben, wieder hinaus.

Und sonderbar war es, daß er dann, statt wie sonst, Abends in den Obstbaumalleen des Gemüsegartens mit seinem Schatz Kathrin kosend und plaudernd auf und ab zu wandeln, heute das Mädchen an der Hand in den letzten Winkel des Gartens zog und aufgeregt auf Dieses einredete, sichtlich von ihr immer wieder beschwichtigt, bis sie Beide, traurig, muthlos und scheu in's Haus schlichen. Dort flüsterte Kathrin ihm zu:Laß Dir nur nichts merken, sonst kriegen sie Dich auch noch unter die Zähne, weil er Dich damals geprügelt hat. Dir aber hilft dann kein Bitten und Beten. Die Vornehmen stehen sich untereinander immer bei, die werden dem guten gnädigen Herrn nichts thun lassen!