Ausgabe 
13.2.1887
 
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Der Prinz war sehr gnädig und theilnehmend, aber auch tief verstimmt, da er für Dich eine herrliche Chance bereit hielt, mit welcher es nun nichts ist. Schwamm darüber! wie Ihr jungen Burschen sagt. Du sollst warten, ganz still sein. Er rechnet es Dir hoch an, daß Du den Namen Deines Schwagers vor den fatalsten Konsequenzen gerettet hast. Also warten ganz still sein, todtschweigen die ganze Geschichte. Aber nur Urlaub, noch kein Wort von Abschied! Morgen zum Doktor gehn soll Deinen Arm untersuchen wegen der Muskelschwäche. Hörst Du? Dann mit Attest zum Kommandeur und dann zu mir

Erich fühlte vor der Hand nur Eins die unaussprechliche Erleichterung, daß vorläufig von einem Quittiren des Dienstes keine Rede sein solle. Wie man Mittel finden werde, dies Ende zu vermeiden, und was er thun könne, seinen Schwestern Ersatz zu geben Theo besonders, das lag jetzt nur dumpf wie eine

Felslast auf ihm, er war viel zu müde, um überhaupt noch zu

denken. Ein letzter tiefer Seufzer, und er fiel in einen viele Stunden langen Schlaf.

Als er endlich seinem Burschen klingelte, stand die Sonne hoch am Himmel, und Gräfin Hedwig saß in seiner Stube am Theetisch.

Sie war so bleich, so verhärmt, daß er erschrak.

Freude, Glück und Heiterkeit waren schon lange seltene Gäste in dem lieben, sanften Antlitz der jungen Frau, aber die stumme, klaglose Ergebung, welche die Augen sonst wohl verriethen, war daraus entwichen vor der tiefen Empörung und Bitterkeit, die ihr Herz

erfüllten. f

Leidenschaftlich erregt wies sie seine Bitten sich zu beruhigen, das Unglück als unwiderruflich zu betrachten, ab.Rechne es mir nicht an, daß mein Mann nicht wenigstens den Versuch macht, die Schwestern zu entschädigen! Ich habe ihn angefleht, mit mir nach Eulenstein hinauszuziehn. Dort, wo das enge, alte Haus und die Abgelegenheit schon jeden Verkehr unmöglich machen, könnten wir so billig leben. Irmas Gouvernante und zwei bis drei Leute würden unser ganzes Hauspersonal ausmachen. Wir könnten die Hälfte von dem ent behren, was uns seine Gläubiger gelassen haben, denn ich würde sparen, Erich.

Liebe, arme Hedwig!

O, nein, ich würde ja glücklich sein, zu glücklich, wenn ich etwas thun könnte, aber er lacht, er streichelt meine Hände, er küßt sie und ist wie immer nach außen der liebe, herzensgute Mann, der uns Alle kaltblütig in Todesqualen sich winden sieht, wenn sein Wohlbefinden es verlangte. O, Erich, Erich! Kein Mensch ahnt, was es heißt, neben einem Manne zu leben, dessen einziger Zweck sein eignes liebes, erbärmliches Ich ist.

Hedwig, liebe

Du meinst, es sei Unrecht von mir, daß ich so rede? fuhr sie, des Bruders Unterbrechung abschneidend, mit funkelnden Augen fort.Laß mich, laß mich, es muß einmal heraus, daß ich mich seiner schäme. Ja, ich schäme mich des Mannes, der meines Kindes Vater ist! Ach, wüßtest Du, was ich gelitten, als mir so nach und nach die Binde von den Augen sank. Und nun ist es vorbei. Er hat mich belogen, daß ich Dich arglos belog, wie er Dich kalt⸗ blütig betrog. Und weißt Du, was er auf meine Vorwürfe ant⸗ wortete, als er endlich um zwei Uhr diese Nacht aus dem Klub kam? Mein Herzenskind, ich wollte ja gewinnen. Ich konnte es und dann hätte Erichs Name mir drei Mal so viel eingebracht, wie der arme Junge verlor. Und dabei ist er so sanft, so unerschütterlich heiter, wie der Gerechte in der Bibel. Und vorhin ist er zu seiner Er holung auf's Land gereist. So ging sofort am frühen Morgen die Aufregung und Verbitterung von Neuem an.

Erich Willwarth zwang seine Schwester etwas zu genießen, sprach,

mit ihr so ruhig er vermochte und freute sich, als es ihm gelang, sie einigermaßen gefaßter werden zu sehn. Dann führte er seine Schwester nach Haus und ging seinen Geschäften nach.

Als er später, seinen Urlaub in der Tasche, zu seinem Onkel kam, erzählte dieser ihm, Prinz Otto habe ihn als Stellvertreter des er krankten Hofmarschallrath nach D. schicken wollen, der Herzog, sein Schwiegersohn, erinnere sich Erichs mit besonderem Wohlwollen.

Du würdest jedenfalls die Charge erlangt haben, wenn der alte Herr von Orla sterben oder in nicht allzu ferner Zeit abgehen sollte. Das ist jetzt vorbei, denn dazu gehört immer der Rückhalt eines, wenn auch nur mäßigen Vermögens, fuhr der General fort. Und so wäre ja also dieser unerwartete Friedensschluß mit dem

Familie erklären zu müssen.

Froysberger ganz genehm. Die Tante und Emmy haben ja eine ganz gute Meinung von ihm gefaßt.

Hast Du eine Idee, was ihn zu diesem Vorgehen veranlaßt? fragte Erich.

Was ihn jetzt grade so energisch vorgehen läßt, ahne ich nicht, vermuthlich will er heirathen und mag es wünschenswerth finden, den demnächstigen Verwandten seinerseits nicht diesen Zwist mit der Man sagte einmal vor längerer Zeit, er bewürbe sich um die reiche Calander von Sonnenstein, war des Generals Antwort. 75 ö

Calander? wo habe ich den Namen kürzlich gehört? dachte Erich, hatte ihn aber im nächsten Augenblicke schon vergessen.

Am folgenden Morgen gab es für ihn nun doch mancherlei noch zu besorgen. Seine Kameraden beneideten ihn um den Urlaub, hatten aber sichtlich keine Ahnung, daß ihre Glückwünsche Erich nur die größte Pein verursachten.

Als er dann später wegen seiner Pferde noch einen andern Weg hatte, kam er an einem eleganten Modemagazin vorüber, vor dessen Thür eine sehr schöne Equipage hielt. Ein junges Mädchen, sein Schützling, trat heraus und ging zu einer Dame, welche im Wagen wartete.

Erich von Willwarth grüßte höflich. Sie erröthete und dankte; er aber sagte sich: die Kleine ist reizend!

Ihm war das Loss dienender gebildeter Mädchen immer so be sonders mitleiderregend vorgekommen. Die junge Dame, Erichs Schützling, war roth und verwirrt wieder in den Laden zurückgetreten. Sie freute sich, daß sie einen Augenblick warten mußte, ehe man kam, sie zu bedienen; so war es möglich, die Aufregung zu unter⸗ drücken, die so sonderbar sie überkommen hatte bei der Begegnung mit Erich von Willwarth.

Leise sagte Erna Calander den Namen vor sich hin.

Dann mußte sie sich ihren Einkäufen widmen, während man sich eifrig um sie bemühte.

Im Hinausgehen wurde sie von einer Dame angeredet, welche eben eintrat.

Ah sieh, Fräulein Calander! Wie angenehm, daß ich Sie treffe! Ich wollte von hier zu Ihnen und würde Sie also verfehlt haben! rief diese ihr entgegen.

Es war die Gemahlin eines höheren Beamten und ein eifriges Mitglied des Comites für die Unterstützung der Ueberschwemmten.

Die Dame hatte Erna betreffs des Bazars, den man zu diesem Zwecke plante, allerlei zu sagen, war überaus geschäftig und zog zuletzt eine Liste hervor, welche sie der jungen Dame zeigte.

Sehen Sie, mein liebes Fräulein, zu all diesen Damen wollte ich gehen, um ihnen dasselbe zu sagen, was wir hier besprechen. Wie wär's, wenn Sie gut und lieb sein wollten Ihre Equipage seh ich vor der Thür.

Mit tausend Freuden, gnädige Frau, verfügen Sie ganz nach Belieben darüber.

Ach nein, mein liebes Kind, so war es nicht gemeint, erwiderte die Dame indeß,die Wahrheit ist, ich war unbescheiden genug, Ihnen die ganze Last aufbürden zu wollen!

Auch das werde ich der gnädigen Frau sehr gern abnehmen, die Sache ist nur, ich bin den Damen fremd. Erna Calander er⸗ röthete wieder.

O, man wird Sie mit Auszeichnung empfangen, man war ent⸗ zückt, daß ich daran gedacht, Ihren großmüthigen Herrn Papa seine Mildthätigkeit hat wirklich allgemein die freudigste Dankbarkeit

Es war doch so natürlich! Papas Heimathsdorf ist eins der überschwemmten er kennt die ganze Gegend, jeder Baum ist ihm lieb, mit jedem Bauer redet er von allerlei alten Geschichten, wenn wir da sind

Ach, wie interessant! Nun also, mein liebes Kind, Sie thun mir den Gefallen? Die Wahrheit zu sagen, meine Tochter hat sich gestern verlobt! Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht die unzähligen Besorgungen f

Erna Calander gratulirte und versicherte abermals ihre Bereit willigkeit, welche ihr verschiedene warme Händedrücke eintrug.

Und zuerst fahren Sie zur Generalin von Grumbach Dem Fräulein von Willwarth, der Nichte derselben, ist mit Ihnen der Blumenladen durch das Loos zugefallen. Ich bitte, bringen Sie Fräulein Emmy diese gewiß erfreuliche Nachricht.

Willwarth?

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