Ausgabe 
11.9.1887
 
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den sichern Pfad nicht zu verlassen wagten, erst um soviel später

die entgegengesetzte Seite des Gehölzes erreichen konnten. Den Karabiner in der Hand, war der Brigadier seinen Unter

gebenen vorausgestürmt. Grimm, Eitelkeit und Geldgier spornten

ihn an, des Ausreißers todt oder lebendig habhaft zu werden. Eben

hatte er athemlos die Spitze des Gehölzes erreicht hinter ihm

drein keuchten die Andern, da ließ ein furchtbarer Anblick die ver

folgenden Männer in jähem Grausen erstarren.

Der Zufall nun fügte es, daß der Kaufmann,

Einen Steinwurf weit vom Pfade beleuchtete der Mondschein hell und klar ein Menschenpaar, das, eng sich umschlungen haltend, bis über die Brust in die mörderische Tiefe des Moores eingesunken war. Von einer Rettung konnte keine Rede sein. Schritt um Schritt sich heransondirend, konnten die Zöllner nichts weiter thun, als, selbst von den geisterhaften Schauern des Todes angeweht, in feierlichem Schweigen Augenzeugen eines Dramas zu sein, wie es grauenhafter keine Dichterphantasie zu ersinnen vermöchte. Und langsam, aber un⸗ aufhaltsam sank das unglückliche Paar immer tiefer und tiefer in den jähen Schlamm hinab, der sich wie ein Leichentuch um ihre er⸗ starrenden Leiber legte. Der Kopf Hämmermäuschens hatte sich auf die Schulter Jakobs hingeneigt, ihr blondes Haar leuchtete im Mond- schein wie mattes Gold.

Grüßt meinen Vater! scholl es aus dem schaurigen Grabe herüber in Lauten, die schon nicht mehr dieser Welt anzugehören schienen.

Und tiefer hinab immer tiefer.

Ein langer, schwarzer Wolkenzug flatterte über den Mond hin,

als wolle er erbarmungsvoll den schreckgelähmten Augenzeugen den letzten Moment ersparen. lauschende Ohr der Männer herüber. Dann ward es still.

Noch wie ein Seufzer zitterte es in das

Und als der Mond aus seinem Wolkenschleier hervortrat, da er glänzte die grüne Moorfläche wieder so glatt und eben wie zuvor.

In der mörderischen Tiefe aber war etwas Köstlicheres versunken, als weiland der sagenhafte Nibelungenhort im Rhein. Da war es nur armseliges Gold und Edelgestein. Dort aber war es das Höchste und Heiligste, zwei Menschen, die das Leben tückisch auseinander⸗ gehalten hatte und die den Tod brauchten, um sich endlich zu finden.

Lose Blätter.

Tauentzien und Bülow. Graf v. Tauentzien erhielt unterm 3. Juni 1814 vom König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den Beinamenvon Witten⸗ berg. Aus der Ertheilung dieses Beinamens entspann sich zwischen ihm und Bülow von Dennewitz ein ärgerlicher Handel. Tauentzien, welcher sich wohl bewußt war, wie gering sein Antheil an der Belagerung und Ein nahme von Wittenberg gewesen, glaubte darin mehr einen Spott, als eine Auszeichnung zu erkennen, zu welchem Uebelgesinnte den König, ohne daß dieser darum gewußt, veranlaßt hätten. Er machte deshalb eine Eingabe an den Monarchen, worin er die Annahme des Titels eines Grafen v. Wittenberg ablehnte und dagegen den bereits an Bülow vergebenen, eines Grafen v. Dennewitz, für sich in Anspruch nahm. Der König ließ ihm hierauf durch seinen Flügeladjutanten Oberstlieutenant v. Thile erklären, daß Se. Majestät dem General Grafen Tauentzien und dem 4. Armee⸗ Korps Gerechtigkeit widerfahren ließen und deren Verdienste beim Siege von Dennewitz anerkennten und durch Beilegung des Namensvon Dennewitz an den General v. Bülow keineswegs beabsichtigt hätten, den Grafen v. Tauentzien und das 4. Armee⸗Korps zu kränken oder herabzusetzen. Hierbei beruhigte sich Tauentzien nicht. Er theilte Bülow in einem Briefe aus Berlin vom 12. August 1814 die bei dem Könige erhobene Beschwerde und den darauf erhaltenen Bescheid mit, so wie daß er sich dabei nicht beruhigen könne.Ereignisse von solcher Wichtigkeit, wie die Schlacht von Dennewitz, schreibt er an Bülow,welche in den Annalen der Geschichte Preußens glänzen und der Nachwelt mit Wahrheit übertragen werden sollen, verdienen gründlich berücksichtigt zu werden, daher ich nunmehr diese wahr⸗ hafte Ehrensache mit Hochdieselben direkt abmachen will. Bülow ant⸗ wortete sofort, worauf Tauentzien am 30. August eine Forderung an Bülow stellte und dieser einen Sekundanten schickte in der Person des Majors v. Auer, um das Nöthige zu verabreden. Jetzt lenkte Tauentzien ein. Er antwortete Bülow aus Berlin, den 24. August: Er halte es für seine Pflicht, da dieser Gegenstand ein öffentlicher, kein persönlicher sei, sich nochmals schriftlich zu erklären. Er erklärte nun, daß es ihm nie in den Sinn gekommen, Bülow persönlich zu beleidigen. Hierauf antwortete Bülow, daß er an die persönliche Beleidigung Tauentzien's nie gedacht und daß hier nur Mißverständnisse obgewaltet, und somit war dieser ärgerliche Handel gütlich beigelegt. Dr A. B.

Komischer Irrthum. Ein Kaufmann in Marseille hatte einen Ge⸗ I an der afrikanischen Küste, und bat denselben, ihm bei passender Gelegenheit zwei oder drei Affen von den werthvollsten Arten zu senden. f als er das ou(oder) zwischen

2 und 3 schrieb, das o sehr groß, das u dagegen sehr klein machte. Wie aus kleinen Ursachen große Wirkungen hervorgehen, ist aus Folgendem zu ersehen! Einige Monate vergingen und endlich kam ein Hafendiener in voller Eile zu dem alten Handelsherrn, um ihm anzuzeigen, daß seine Menagerie angekommen sei.Meine Menagerie!? fragte der Kaufmann erstaunt.Ja, eine Menagerie, eine ganze Ladung von Affen ist für Sie angelangt. Der Kaufmann wollte den Worten des Dieners nicht glauben, bis ihm ein Schreiben von seinem Handelsfreunde in Afrika übergeben wurde, in welchem derselbe, ein Mann von der gewissenhaftesten Pünktlich⸗ keit, sich in vollem Ernste entschuldigte, daß es ihm trotz aller aufgewandten Mühe nicht möglich gewesen wäre, mehr als 160 Affen, statt der bestellten 203 anzuschaffen, versprach aber, sobald als möglich die noch fehlenden nachzuschicken. Was der Kaufmann empfand, als er selbst an den Hafen ging und sich mit eigenen Augen von dem Dasein seiner 160 Affen über⸗ flesch. die alle bequem untergebracht waren und ihm die Zähne entgegen⸗

etschten, kann man sich wohl kaum vorstellen; es war für ihn einer der Augenblicke, in welchen der Mensch nicht weiß, ob er lachen oder weinen soll.

M.

Als Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1823 in Rom war, begegnete er eines Tages einem Leichenzuge. Der Todte, den sie zur Ruhe geleiteten, war so arm, aber au so einsam und verlassen gewesen, daß auch nicht ein einziger Mensch, nicht ein liebendes Wesen dem ärmlichen Sarge folgte. Dieses trostlose Bild menschlicher Verlassenheit ergriff den König tief. War der Mann, den sie da begraben, so arm und aufgegeben, daß auch nicht eine Seele ihn zur Gruft begleiten mag, sagte er,so will ich es thun. Mit diesen Worten ging er hinter dem Sarge her; seine Begleiter folgten seinem Beispiele, und ebenso schlossen sich alle Vorübergehenden dem Zuge an. Der letzte Tag des verblichenen Armen ward für ihn zum Triumph⸗ zuge; sein langes düsteres Leben wäre in im Voraus versöhnt und ge⸗ lichtet gewesen, hätte er gewußt, daß ihm ein olches Leichenbegängniß werden sollte. Am Grabe angekommen, entblößte der König sein Haupt und betete für die Ruhe des Bettlers Ein menschlich-großer Moment, echter, als mancher aus der alten Heldenzeit, mit welchem die Weltgeschichte seit Jahr⸗ hunderten zu prunken pflegt. M.

Zurückgegeben. Als Philipp der Fünfte im Jahre 1707 mit großem Pomp nach Madrid zog, um von seinem Königreich Spanien Besitz zu er⸗ greifen, zog ihm, als er in die Nähe von Mont de Marsan kam, die Ein⸗ wobnerschaft entgegen. Ungefähr eine Stunde vor der Stadt trafen sich die Züge, der Bürgermeister von Mont de Marsan trat an die Sänfte, in welcher der König saß und hielt demselben folgende Rede:Sire, lange Anreden sind lästig und ermüden bald, ich werde Ihnen lieber etwas singen. Sprach's und sang ein kurzes Loblied auf den König, welches demselben so gut gefiel, daß erda kapo! rief. Der Bürgermeister sang das Lied noch einmal. Der König bedankte sich nun und reichte dem Sänger zehn Louisdor. Das schien aber dem Oberhaupt von Mont de Marsan nicht genug, und schnell entschlossen dem König die leere Hand entgegenstreckend, rief nun er:da kapo! Der König lachte und gab dem schlagfertigen Sänger das Gewünschte.

p.

Kunst adelt. Als Ludwig XIV. von Frankreich das erste Mal die OperIsis gehört hatte, war er von derselben so entzückt, daß er ein Dekret ausfertigen ließ, nach welchem es jedem Edelmanne erlaubt war, auf öffentlichen Bühnen in dieser Oper zu singen und Bezahlung für seine Leistungen zu nehmen, ohne daß es seinem Stande zum Nachtheil ge⸗ reichen sollte. 5

Ein Ehrenamt mit Schattenseiten ist das des Sheriffs von London, welches jeder Bürger der Stadt anzunehmen gezwungen ist, falls die Wahl auf ihn fällt, da das Ausschlagen dieser Stellung eine Strafe von fünf⸗ hundert Pfund Sterling nach sich zieht Dennoch ist dieses Ehrenamt schon von mehr als einem der Gewählten ausgeschlagen worden, weil es die un⸗ angenehme Verpflichtung auferlegt, daß der Sheriff, im Falle sich bei einer Exekution kein Henker finden sollte, gezwungen ist, den Delinquenten selbst zu hängen, damit dem Gesetz sein Recht werde. Obwohl dieser Fall sich bis heute erst ein einziges Mal ereignete, ist die Wahl des Sheriffs stets mit großen Schwierigkeiten verbunden, und vermögende Leute kaufen sich lieber los, als daß sie sich der Gefahr aussetzen, den Henker zu spielen.

p.

Ein Elefant mit zwei Rüsseln wurde im Sommer des Jahres 1831 in London gezeigt. Aus Ostindien stammend, hatte er einen gespaltenen oder vielmehr doppelten Rüssel, an dem jeder Arm mit einem sogenannten Finger besetzt war und sich unabhängig vom anderen nach Belieben bewegte. Das seltsame Thier war ungefähr sieben Jahre alt, sehr zahm und machte vermöge seines Doppelrüssels erstaunliche Kunststücke, zum Beispiel schlug er einen trefflichen Wirbel auf der Trommel. 1 1 8

Als Friedrich der Große eines Morgens aus dem Thore ritt, begegnete ihm eine Extrapost, in welcher der General v. B., der ungeheure Schulden hatte, saß. Der König, der ihn seiner Bravour wegen sehr schätzte, ritt, als er ihn erkannte, näher und befahl zu halten.Guten Morgen, lieber General, Er hat sich ja früh auf die Beine gemacht! redete der König ihn an. Ja, Ew. Majestät, ich muß wohl!Weshalb?Ich will mich heute mit meinen Gläubigern setzen.Da hätte Er immer in Berlin

bleiben sollen; in Potsdam findet Er schwerlich so viel Stühle! erwiderte der König, und ritt weiter. 6