Ausgabe 
11.9.1887
 
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Geister und schauerlich mischte sich hinein der Rohrdommel dumpfer Klagesang und des Kibitzes gespenstiges Pfeifen.

Hämmermäuschen bebte zusammen.

Noch einen Blick warf sie um sich, dann flog sie leicht und ge⸗ räuschlos über das Moor, das brennende Auge unverrückt auf die lange Reihe von Pappeln gerichtet, die den Flußdamm begrenzten.

Und die Uhr im Dorfe hob aus; elf Schläge zitterten durch die Nacht.

O, Gott! ist's zu spät? keuchte Hämmermäuschen und sie richtete den Blick himmelwärts und in ihre zuckenden Glieder legte es sich schwer wie Blei.

Abermals trat der Mond hervor; gegen Sonnenaufgang zog sich ein blinkender Streifen am Horizonte hin es war der Rhein. Wie ein gehetztes Reh flog Hämmermäuschen dieser Richtmarke entgegen.

Die Nacht wird famos! kicherte Jost, die Hände reibend, als Jakob mit kurzem Gruß zu ihm trat.

Düstere Wolkengebilde flatterten rasch am Himmel hin, tiefe Schlagschatten in die Landschaft hineinwebend und in jähem Wechsel⸗ spiel die wenigen Sterne bald entschleiernd, bald wieder verhüllend, die wie verlorene Schildwachen in dem unendlichen Raume zer⸗ streut waren. Und wiederum stand Herr Friedling am jenseitigen Ufer. Die Judasthat Jost's sollte eine doppelte sein, seine Rache auch die knausernde Habgier des reichen Kaufmanns treffen, mit Jakob sollte zugleich der Waarentransport in die Hände der Fran⸗ zosen fallen. Und es war der werthvollste, den Herr Friedling jemals über den Rhein geschickt hatte. Jost wußte wohl, daß es von heute Nacht an mit dem Schmuggel auf lange Zeit vorbei war und er hatte beschlossen, die Abschiedsfeier möglichst würdig zu begehen.

Und wiederum trippelte Herr Friedling ängstlich am Ufer hin und her, tausenderlei Vorsichtsmaßregeln an's Herz bindend, und wiederum stieß das Boot ab und wand sich wie ein Aal durch die grauen Nebel, die wie ein luftiger Geisterreigen auf den Wassern hin und wieder tanzten. Unterwegs fiel Jost's Mütze herab; er bückte sich darnach und es dauerte ziemlich lange, bis er sie in der Dunkelheit wiedergefunden hatte. Dann ging es lustig weiter und immer weiter. Schweigsam bewegte Jakob im Vordertheil das Ruder, daß unter der Wucht seines Druckes die leichten Wände des Fahr⸗ zeuges knarrten; im Stern aber kauerte wie ein dunkles Nachtphantom Jost, das glühende Auge abwechslungsweise auf das jenseitige Ufer und sein Opfer gerichtet ein anderer Charon, der eine arme Seele in die stygische Nacht hinübergeleitete.

Mitten im Fluß stieß Jost den scharfen Schrei eines Kibitzes aus, der vom Ufer her dreimal beantwortet wurde.

Das ist der Hauserpeter nicht! rief Jakob aufhorchend und er hielt sein Ruder in der Schwebe.

Wer soll's denn sonst sein? brummte Jost mürrisch;er wird wieder zu viel Schnaps getrunken haben und der hat ihm die Gurgel rauh gemacht; und er tauchte wieder die Steuerschaufel in das Wasser. Da Jakob rücklings im Boot saß, so konnte er anfänglich nicht bemerken, wie Jost dasselbe allmählich weiter stromabwärts trieb, einem Röhrig zu, das sich wie eine Landzunge tief in den

f Fluß hineinschob und so eine Art Bucht bildete.

Zufällig wandte sich Jakob um.

Wo hältst Du denn hin? fragte er, rasch die Umgebung musternd.

Zum Teufel! knurrte Jost grämlich;der verdammte Nebel drückt Einem zentnerschwer auf die Augendeckel!'s ist zwar ganz einerlei wir steuern dann am Ufer hinauf. Eben schlug die Uhr im Dorf die elfte Nachtstunde, als aus ziemlicher Ferne ein schwacher Schrei herüberzitterte; ihm folgte ein zweiter, ein dritter,

vierter immer näher kam es herbei. Erschrocken waren die Beide im Kahn aufgefahren. Und wiederum rief es. f

Wer ist das? raunte Jakob seinem Begleiter zu und griff nach seiner Büchse.

Teufel! der Stimme nach ist's ein Weibsbild, murmelte Jost in den Bart hinein und er steuerte so mächtig auf das Schilf zu, daß der Kahn, plotzlich Widerstand findend, weit zurückprallte und Jakob, der noch immer aufrecht stand, niederwarf.

Im selben Augenblicke knackte ein Dutzend Flintenhähne und dunkle Gestalten tauchten links und rechts aus den Binsen auf.

Verrath! kreischte Jakob, die Büchse an sich reißend. 3 5 Im Namen des Kaisers! donnerte der Brigadier vortretend. 6 Jakob zielte einen Augenblick, dann drückte er ab doch der Hahn schnappte in die leere Pfanne. 1 Haha! lachte Jost, der theilnahmlos sitzen geblieben war, i dafür hab' ich gesorgt, als mir die Mütze vom Kopf gefallen ist. 11 Also Du? und Jakob wandte sich blitzschnell um. b

Ich! höhnte Jost;weißt Du noch, wie Du mich vorgestern wegen dem Mädel aus dem Haus geschmissen hast wie einen Hund? N 1 weißt Du es nit mehr? Jetzt wird sie doch mein! und er lachte 1 wie ein Teufel in die Nacht hinein. Da trat Jakob im schwankenden Kahne einen Schritt rückwärts, seine Arme fuhren mit der Büchse wild in die Höhe, sie sausten herab ein dumpfer Schlag und Jost stürzte rücklings in den Strom, der sich gierig über dem Ver⸗ räther schloß.

Angesichts der sechs oder acht Zöllner, die schußbereit ihren Ge⸗ fangenen umringten, wäre jeder Widerstandsversuch nutzlos gewesen und so ließ sich Jakob, dem Kahn entsteigend, von dem Brigadier willig die Hände fesseln. Die Franzosen stationirten lange genug in ihrem Revier, um ringsum Weg und Steg genau zu kennen und so schlugen sie die Richtung quer durch das Moor ein, um mit ihrem werthvollen Fang in kürzester Zeit das Zollhaus zu erreichen. Der Brigadier war in rosiger Laune; winkte ihm ja nicht blos Avancement, sondern zugleich auch eine klingende Prämie, denn lange genug hatte ja das Gesetz vergeblich seine Fangarme nach dem Frevler ausgestreckt gehalten. Und nun war dem Brigadier das Glück zu⸗ gefallen, den ersehnten Griff zu thun fretlich nur mit verrätherischer Beihilfe, aber zugleich auch ohne Mühe und Kampf. Und das blieb doch die Hauptsache. In dumpfes Brüten verloren, schritt Jakob inmitten seiner Eskorte dahin. Vor ihnen dehnte sich im hellen Mond.. licht das öde Moor. Der Weg, der bisher breit genug gewesen war, 4 um ein Nebeneinandergehen zu ermöglichen, schwand jetzt zu einem so schmalen Pfad zusammen, daß die Zöllner ihre anfängliche Marsch ordnung aufgaben und, wie Indianer auf dem Kriegszug, Mann hinter Mann sich weiterbewegen mußten. Zugleich galt es jetzt die Augen offenhalten. Von grüner, trügerischer Decke übersponnen, zogen sich durch das Moor Stellen von unergründlicher Tiefe. An⸗ scheinend eine feste Masse, schwankt schon der tückische Brei, wenn nur ein müder Vogel sich rastend darauf niederläßt. Wehe dem un. kundigen Wanderer, der seinen Fuß in eine solche Falle setzt! Jählings öffnet sich unter seiner Last die gleißende Decke; jeder Versuch, festen Grund und Boden zu gewinnen, läßt den Unseligen nur immer tiefer und tiefer hinabsinken, bis zuletzt der Spalt sich über seinem Opfer

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schließt. Mehr wie ein übereifriger Zöllner hatte hier schon in der ersten Zeit des Napoleonischen Regimentes sein tragisches Ende gefunden. Einer der Franzosen, der das gefährliche Terrain am besten kannte, 9 5 N

war als Wegweiser an die Spitze getreten, hinter dem Gefangenen schritt der Brigadier. In tiefem Schweigen schlängelte sich die Kolonne durch den Moorgrund, über dem da und dort im Mondschein weiß⸗ graue Nebel dampften.

Seitwärts tauchte vor den nächtlichen Wanderern ein kleines Erlengehölz aus der öden Sumpffläche empor. In mäandrischem Zickzack wand sich der Pfad um diese Oase herum. Abzugsgräben, deren trüber Wasserspiegel stellenweise matt aufleuchtete, durchschnitten links und rechts das unheimliche Terrain.

Garde à vous! hatte soeben vorn an der Spitze der Führer seinen nachfolgenden Kameraden zugerufen da schrillte jenseits des Gehölzes mit einem Mal ein Schrei durch die gespenstige Stille, der Aufschrei eines Menschen in Todesnöthen.

Jakob! scholl es in schauerlichem Tone herüberJakob! zitterte es aus der Tiefe herauf und nochmalsJakob ein hin sterbender Aufschrei dann schwieg die Stimme.

C'est une semme! entfuhr es einem der lauschenden Franzosen.

Der Todesruf hatte aber schon sein Echo gefunden. Mit einem einzigen Ruck seiner herkulischen Arme hatte der Gefangene seine Fessel zersprengt und die ihm zunächststehenden ahnungslosen Zöllner bei Seite geschleudert. Bevor diese daran denken konnten, Hand an den Ausreißer zu legen, flog er schon mit den Sprüngen eines rei · gelassenen Tigers über die Gräben und den schwanken Moorgrund. Von den Schüssen, die ihm die verblüfften Franzosen nachsandten, traf keiner den kreuz und quer sich durchwindenden Flüchtling, der sein Terrain kannte wie ein Lootse den Meeresgrund. Tlas Erlen⸗ holz entzog ihn bald den Blicken seiner Verfolger, die, indem sie