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zog, gegen den Willen seines Onkels, dem er schon aus purer Dankbarkeit hätte folgen müssen, eine Universität zu beziehen, dort und später, von Ort zu Ort gehetzt, ein kümmerliches Dasein zu fristen, anstatt wie der alte Jannecke auf der„Berglust“ Bier zu brauen und sich dabei— wiederum wie dieser— ein behäbiges Bäuchlein und eine bewundernswerthe Seelenruhe anzugewöhnen— diese Quintessenz aller Dummheit, wie die guten Röhrstädter es nannten, erschien ihm garnicht so ungeheuerlich, wennschon er sich nichts weniger als zufrieden fühlte. Unpraktisch war aber sicherlich von ihm, daß er sich in seinen Studienjahren auf allerhand schön⸗ wissenschaftliche Allotria warf— freilich zunächst nur, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen— sehr unpraktisch, daß er dann gar bald sich von der Tyrannei der Feder beherrschen ließ, daß er, der sich mit leidlichem Geschick an kleinere Sujets gewagt hatte, all⸗ mählich von schriftstellerischem Ehrgeiz ergriffen, immer ernstere, höhere Probleme— und das mit sehr geringem Erfolge— zum Gegenstande seines Denkens machte, schlimmer noch, daß er sich mit Vorliebe der brotlosesten aller Künste, der Lyrik, in die zwar heiß um⸗ strickenden, aber leider Gottes nur sehr kümmerlich aufrecht haltenden Arme warf, am schlimmsten und unpraktischsten, daß er sich dabei garnicht vom Geschmack des Publikums beeinflussen ließ, daß er sich trotz seiner mißlichen Lage nicht entschließen konnte, in's scharfe Horn des weltverdonnernden Pessimismus zu stoßen.„Ein Phantast!“ sagte der Eine,„ein Mensch, der um ein Jahrhundert zu spät auf die Welt gekommen ist,“ der Andere,„ein Träumer, ein Bummler, ein Krüppel, aus dem all' sein Lebtag nichts wird,“ lautete das Verdikt der Röhrstädter.
Und doch besaß Alfred Krohne Talente, große Anlagen. Freilich keine zum großen Dichter. Mit einem sehr mäßigen Wechsel aus⸗ gestattet, hätte er es wahrscheinlich zu einem ganz tüchtigen Philologen gebracht— fortwährend auf Erwerb angewiesen, war nichts aus ihm geworden als ein Doktor der Philosophie und schließlich— doch Brauereibesitzer. Als solcher war ihm aber augenblicklich sehr un—
engbegrenzten Anschauungskreis der eigentlichen Röhrstädter Bürger, zu denen er seiner Herkunft gemäß gehörte, hätte sich der„Poet“ schwerlich gefunden— bei der Creme der Stadt, einem wirklichen Kommerzienrath, um dessen Familie sich ein paar andere von minderem finanziellen, doch ähnlichem gesellschaftlichen Gewicht drehten, wie die Planeten um ihren Fixstern— bei dieser Quintessenz der haute volée hätte der„Bierbrauer“ nicht gegolten. Er wollte Rahdebrok be⸗ auftragen, das ganze Anwesen zu verpachten und dann abreisen. wohin? Er wußte es selbst nicht. Doch— war er nicht wohl⸗ habend jetzt?... und sie noch frei!... Wenn sie noch dächte, fühlte wie er!... Konnte er nicht versuchen, bei ihr anzuklopfen „Ich möchte zaubern Dir ein Schloß“— wie die Verse, die
er als zwanzigjähriger Jüngling hingeschrieben, ihm jene alten Tage wieder wachriefen, wo er noch aus- und eingehen durfte drüben auf Schönholz, welch süßes, lebensfrisches Bild sie vor sein Auge zauberten, einen Mädchenkopf, halb ein Kind noch, mit braun⸗ welligem Haar, über welchem die breite Schleife von dunkelrothem Atlas wie ein leuchtender Falter flatterte, sonnige Tage, an denen er mit ihr und ihrem Bruder auf dem breiten Graben umher⸗ gerudert war, der die Besitzung ihrer Mutter, der Landräthin, um⸗ gab! Sonnige Tage! Doch auch in trüben glänzte ihn nachher dasselbe heitere Gesichtchen noch lange Zeit an, auf sommerlichen Mondesstrahlen umgaukelte ihn die elastische, schlanke Gestalt, im Geflüster der Blätter glaubte er ihre Stimme zu hören, im Ge⸗ dämmer der Winterabende theilte sich ihm das Zwielicht, und sie stand vor seinem Auge in all' dem berückenden Zauber, den die Erinnerung schafft, und er sckloß es und flüsterte leis': ich liebe Dich.“ Und jetzt ward das Alles wieder in ihm lebendig, keine andere weibliche Gestalt hatte sich ja zwischen den Gegenstand seiner rühen Lieder und ihn selbst geschoben— er sah die Frauen, aber r war nicht anders gewohnt, als sie anzuschauen, wie man etwa ein schönes Bild, eine Statue, bewundert, nur daß er dabei mit anderem Auge sah als seine Mitmenschen: mit dem des Träumers. Es war auch gut so, er war sicherlich nicht der Mann, gerade Frauengunst zu heischen. Jetzt eben, wo sein Blick in den alten Spiegel fiel, welcher in verräuchertem Rahmen über dem Sopha
hi ak er vor seinem eigenen Bilde zurück, vor den eckigen, 3 g g sich der Kopf auf dem zu Sonst war er nicht gerade
4 überhohen Schultern, zwischen welchen kurzen Nacken nur ungelenk bewegte.
behaglich zu Muth. Er wußte, hier würde er nicht bleiben: in den
häßlich, aber bis zum Komischen steif, unbeholfen. Daran hatte man ihn nur zu oft erinnert.
Und nur zu oft hatte das Leben ihn aus seinen Träumen mit rauher Hand jäh in die nüchterne Wirklichkeit geweckt, so oft, daß er zuweilen nahe daran war, zu verzweifeln. So manche Lehre hatte es ihm ertheilt— und doch hatte er nur wenig von ihm ge— lernt. Er stand so allein, wie felten Jemand, freilich ohne sich bewußt zu werden, daß er die Menschen noch nie gesucht hatte. Und in dieser Einsamkeit war ihm der materielle Wohlstand, in den er sich plötzlich versetzt sah, fast gleichgültig.
Er stand auf und öffnete das Fenster.
(Fortsetzung folgt.)
Lose Blätter.
Ein Nothverkauf.(Siehe Illustration.) In die Werkstatt eines Geigen⸗ machers werden wir durch das Genrebild Anton Müller's versetzt. Be⸗ kanntlich giebt es auf dem Gebiete des Kunsthandwerks kaum eine seltsamere Erscheinung, als das Entstehen und Vergehen der Cremoneser Geigenindustrie. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts blühte dieselbe auf und erreichte unter Amati und Stradivari ihren Höhepunkt, im vorigen Jahrhundert aber verfiel dieselbe ganz. Die Geigenmacher der Gegenwart stehen den Arbeiten der berühmten Meister Cremonas wie einem ungelösten Räthsel gegenüber; sie vermögen äußerlich die Form nachzuahmen, aber den Klang können sie ihren Instrumenten nicht geben. Eine so ungeheure Anzahl trefflicher Geigen und Celli nun auch aus den Werkstätten der Cremoneser Meister hervor⸗ gegangen sind, so wurden doch viele verloren und zerstört im Laufe der Zeit, andere werden von Sammlern dem Gebrauch entzogen. Besonders hinderlich für die Erwerbslust der Musiker ist die Sammelwuth reicher Eng⸗ länder, welche für kostbare Instrumente erstaunlich hohe Preise zahlen und dann diese Schätze Jahrzehntelang in ihren Museen verschließen. So steigen diese seltener und immer seltener werdenden Musikinstrumente von Jahr zu Jahr im Preise und für junge Violinspieler wird die Erwerbung einer klangvollen Geige in der Regel zur ernsten Lebensfrage. Gar oft kommt es noch heute vor, daß kostbare Geigen aus jener großen Zeit in Rumpel⸗ kammern aufgefunden und ahnungslos von den Besitzern um einen Spott⸗ preis verschleudert werden. Ist es doch noch in diesen Tagen geschehen, daß eine Amati für 40 Mark verschleudert wurde, deren Werth die Summe von 4000 Mark überstieg. Die seltsamste Geschichte hat wohl jene herrliche Geige von Stradivari, welche man heute den Messtas nennt. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren wurde diese Geige in einem Städtchen bei Weimar um den Preis von vier Thalern versteigert. Sie wanderte dann im Laufe der Zeit durch mehrere Hände, bis endlich Kenner ihren vollen Werth er⸗ kannten. Heute befindet sich dieselbe im Besitz des großen pariser Geigen⸗ fabrikanten Gand Bernardell, welcher jüngst ein Angebot von 240 000 Mk. ablehnte. Das Bewußtsein, in dem Messias die beste Geige der Welt zu besitzen, ging dem Herrn Gand, der sehr reich ist, über die Neigung, seinen Reichthum zu vermehren. Joachim, welcher eine kleine Sammlung werth⸗ voller Geigen besitzt, soll sich jüngst wieder das Vorkaufsrecht auf eine Geige gesichert haben, deren Werth auf 65 000 Mark veranschlagt wurde. Den Werth der vier Instrumente des Joachim'schen Quartetts schlägt man auf 50 000 Mark an. 2
Bekannt dürfte wohl der Umstand sein, daß Deutschland fast die ganze Welt mit billigen Geigen versorgt. Die Stadt Plauen im sächsischen Vogtlande versendet alljährlich Tausende von Geigen, welche theils von Musikern für die Lehrjahre benutzt werden, theils als Kinderspielzeug in die Läden wandern nach allen Gegenden des Erdkreises. Ein Theil der Wälder des Fichtelgebirgs wird durch die Fabriken zu Plauen in Geigen verwandelt. Leider ist aus deutschem Holze noch kein Instrument geschnitzt worden, das sich mit einer Amati oder Stradivari vergleichen ließe.
Was unser Bild betrifft, so ist die von A. Müller geschilderte Szene wohl leicht verständlich. Es ist ein armer Musiker, der da dem sachverständigen Geigenmacher sein Instrument zum Verkaufe anbietet. Mit Eifer deutet derselbe auf die vorzüglichen Eigenschaften der Geige hin, während der Alte dieselbe enthüllt und ihren Bau mit kühler Kennermiene prüft. Jedem warmfühlenden Künstler muß es schwer werden, sich von einer Geige zu trennen, die seiner Stimmung gar oft einen volltönigen Ausdruck gab. Solch' ein Instrument wächst uns an's Herz, denn es jubelt und weint mit uns, es tröstet uns gar oft und erhebt unsere Seele in weihevollen Stunden zu den Höhen der Begeisterung. Es giebt Künstler, welche sich von ihrer Geliebten nicht mit größerer Wehmuth trennen würden, als von ihrer kostbaren Geige; das begreift sich, denn im Zusammenleben zwischen Künstler und Instrument kommt es nur zu Dissonanzen, wenn das Letztere schlecht behandelt wird. 5
Fox wurde bei seiner Anwesenheit in Paris gefragt, wie es möglich sei, daß das kleine Inselland die halbe Welt beherrsche.—„Das ist durch⸗ aus nicht wunderbar,“ antwortete er,„was man Britannien nennt, ist nur unser Absteigequartier; die Welt ist das eigenkliche England.“ W. G.
Viele Menschen lieben die Dichter blos so, wie sie den Käse lieben, d. h. sie finden ihn nur dann erst gut, wenn er von den Würmern an⸗ gegangen wird. Die Menschen hören nur dann auf, einen Stein auf ihre ausgezeichneten Männer zu werfen, wenn sie ihnen einen Stein setzen können.
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