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„Freilich, der Tod des Onkels— auch was!“ Das Weitere verlor sich in unverständlichem Gemurmel. Der Alte schien doch nicht groß geneigt, seinem neuen Herrn die absolute Berechtigung zu seiner„mühevollen Sammlung“ zuzugestehen.„Vater Rahdebrok hin, Vater Rahdebrok her, Herr Alfred, hier handelt es sich nun einmal darum, daß Sie sich bei Zeiten über Ihren Besitz klar werden.“
„Gewiß, gewiß!“ entgegnete Herr Alfred zerstreut. Seine Ge⸗ danken schienen ganz anderswo zu weilen. Er hatte sich an den Fensterrahmen gelehnt und schaute wie träumend in das schleierhafte Zwielicht des Herbstabends. Drüben, jenseits der niedrigen, aber dichten Hainbuchenhecke hoben sich noch einzelne Gruppen von Garten— möbeln undeutlich aus der weißen Nebeldecke hervor, welche dicht über den dunklen Rasenflächen lastete, der Straße zugekehrt spannte sich ein mächtiges Schild in schwarzem Bogen über der Garten⸗ pforte aus.—„Der Garten wird noch benutzt?“ fragte der junge Mann nach einer Weile.
„Wie früher. Die Kundschaft ist dieselbe und— nun, das Bier auf der Berglust ja wohl auch. Seit dem Frühjahr haben auch die Offiziere unseres Bataillons den Garten wieder besucht.“
„Leider Gottes ja! Um einem ehrlichen Christenmenschen das Leben zu verbittern. Wissen Sie, Herr Alfred, ich habe noch Jeder⸗ mann, der zu uns kommt, solide und anständig bedient, und dafür bin ich auch sonst von Jedermann selbst anständig behandelt worden, wie's Unsereinem zukommt, aber mit den Herren—“
„Na, na, Schmiedeken! Sie kann doch nicht verlangen, daß die jungen Lieutenants Ihr Komplimente schneiden wie vor vierzig Jahren.“
„Was? Vor vierzig Jahren?“— Sie sind ja der abgefeimteste Aufschneider, der je auskam! Wer hat mir vor vierzig Jahren Komplimente geschnitten, he? Sie doch wohl nicht, Sie alter, ver⸗ trockneter—“ Die Jungfrau Gertrud Schmiedeke, gemeinhin„ die Schmiedeken“ genannt, verschluckte den Rest, oder vielmehr, sie schluckte ein paarmal, um sich zu neuen Extemporationen zu sammeln.
„Vor vierzig Jahren dachten Sie ja noch nicht an Röhrstädt, und am wenigsten an unsere Wirthschaft; wer weiß, wo Sie da Komplimente geschnitten haben! Aber ich habe die Herrschaften schon damals bedient und—“
„Und fanden die Gesellschaft viel liebenswürdiger als heute; kann mir's denken.“ Rahdebrok lachte.
„Und hatte es mit komplaisanten, gesitteten Herren zu thun— war ja schon damals Militär am Orte, und eine andere Art als heutzutage. Da waren der Hauptmann von Strunkheim und der Lieutenant von Nitzelbuch und—“
„Der's mit fünfundzwanzig Dienstjahren noch nicht zum Kapitän gebracht hatte—“
„Und mir viel lieber war als dies leichtfüßige Volk, dem kaum der Bart wächst, daß man noch nicht so recht weiß, ob eigentlich Haare oder Federn daraus werden, und es will schon ein Wort haben und nörgeln an Allem herum, und je weniger dahinter steckt, um so windiger, und je windiger, desto mehr trumpft das auf. Denn sehen Sie, Herr Alfred, da ist zum Beispiel der Waldemar Dingsda, der von Schönholz, hab' ihm als Jungen so manchmal einen Apfel gegeben oder eine Hand voll Kirschen, wenn er mit Ihnen hereinkam. Aber meinen Sie, daran dächte der heute noch? Immer hänseln, immer faule Witze, keinen Respekt vor dem Alter! Denkt vielleicht, ich ärgerte mich über ihn! Wär' mir grad ge pfiffen, mich über so'nen Springinsfeld zu ärgern, so'nen Wind⸗ beutel, so'nen Laberdan, so' nen Habenichts—“
„Pst, pst, Schmiedeken! Sie vergißt, daß Sie zu Herrn Alfred redet.“
Hier stemmte aber die Schmiedeken beide ansehnlichen Hände in die Seiten, um sich in ihrer ganzen Länge— und sie überragte den kleinen Rahdebrok um ein Beträchtliches— vor ihren Gegner zu pflanzen.
„So! Wer hat mich denn erst durch seine Windbeuteleien ge- reizt? Und wie man auf den Busch klopft, so schallt's heraus, allemal; Herr Alfred aber weiß ganz gut, wie ich's mit ihm meine, der kennt mich nun just lange genug, aber Sie— an Ihnen lernt man ja wohl in Ihren alten Tagen noch jede Stunde neue Un⸗
tugenden.— Aber er ist garnicht werth, daß man sich seinethalben den Appetit vergehen läßt, Herr Alfred, und das Abendbrod ist fertig, Reibpfannkuchen und Stippmilch, das war ja früher Ihr Leibgericht, und deshalb bin ich eigentlich nur hereingekommen.“
„Dann wollen wir Sie auch nicht länger warten lassen, Gertrud,“ sagte der junge Herr des Hauses ein wenig erheitert. Der lebhafte Erguß aus Jungfer Schmiedekes Zornschale schien nicht ganz ohne Wirkung auf seine Gemüthsstimmung geblieben zu sein. 5
Man ging in samem Mahle. Das Fräulein Gertrud, als oberste Leiterin des Haushalts, war nur stoßweise zugegen. Alle Augenblicke mußte sie einmal hinaus in 8 die Küche und Leutestube, wo das Arbeitspersonal der Brauerei sein Nachtessen hielt.
„Die flötet, wie Sie sehen, meinte der Alte.„Nun, eine treue nur so seine kleinen Eigenheiten. Wenn die Herren Lieutenants ihr unbequem werden, könnte sie ja eins von den Mädchen hinaus- chicken, sie zu bedienen, aber ich glaube, sie fürchtet in jedem bunten Rock gleich einen Don Juan. Freilich, mit dem Waldemar, mit Herrn Heußner, hat sie nicht so ganz Unrecht. Uebrigens— ja, ich habe vergessen, Ihnen das zu sagen— er hat sich heute Morgen schon nach Ihnen erkundigt. Ob Herr Doktor Krohne schon an⸗ gekommen wäre— und da wollte ich doch fragen— nichts für un⸗ gut Herr— Herr Alfred— sind Sie denn Doktor?“
„Nennen Sie mich nur weiter wie bisher, Rahdebrok; der Titel thut ja nichts zur Sache, und— es möchte am Ende auch—“
„Klingt allerdings ein bischen sonderbar: brauerei von Doktor Krohne, vormals O. A. Jannecke.“
Der Prokurist lachte behaglich.
Doktor Alfred Krohne lachte nicht mit. Die gute Schmiedeken grollte ihm hernach, daß er ihren kulinarischen Produkten so wenig Ehre anthat. Er schien sehr nachdenklich geworden, noch mehr als zuvor. Waldemar Heußner? Was wollte er von ihm?— Aber er fragte nicht. Schweigend saß er noch einige Minuten seinem alten Freunde gegenüber, dann ließ er sich Licht bringen und ging hinauf auf sein Zimmer. f—
Es war dasselbe, welches er früher, vor Jahren, bewohnt hatte. Derselbe Ofen, derselbe Tisch, dasselbe steifbeinige, altersglänzende Kanapee, dieselbe massige Kommode aus gebohntem Eichenholz und
immer noch die nämliche Tonart,“
das anstoßende Gemach uns setzte sich zu gemein 0 heißt, Rahdebrok und Herr Alfred thaten das; 1
Seele ist sie doch. Das hat
Zur Berglust, Bier-
darauf ein wackliges Repositorium mit einigen Büchern. Planlos
kramte er zwischen diesen; zuletzt schlug er ein dünnes Heft auf.
Am 15. August 1887.
Ich möchte zaubern dir ein Schloß
Von Marmorstein. 5 Gern würfe ich in deinen Schooß
Viel Gold hinein.
Gern bettete auf Rosen ich
Dich holdes Kind,
Und wollt' ein Dörnlein stechen dich,
Ich bräch's geschwind...
Die Bücher schienen auf demselben Fleck volle acht Jahre aus gehalten zu haben, unberührt, wie er sie dereinst verlassen. Warum auch nicht? Dem alten Onkel sah es ganz ähnlich, keine Notiz da- von zu nehmen. Vielleicht auch hatte er dies Gemach aus Groll gegen dessen einstigen Bewohner gar nicht mehr betreten seit jener Zeit— vielleicht— ja, vielleicht war dieser Bewohner sehr gegen
seinen Willen jetzt wieder Herr desselben Zimmers, Herr des Hauses,
der ganzen Besitzung geworden, sein Universalerbe... Vielleicht, daß der Schlagfluß,
ein Ende setzte, ihn nur vorzeitig hinderte,
scheinlich... War ja doch anzunehmen, daß der Verstorbene lieber andere Personen zu Erben gewünscht hatte, als gerade den
Neffen, von welchem er seit acht Jahren nichts hatte wissen mögen,
welcher der rastlosen Thätigkeit des Einsamen ein Testament zu Gunsten entfernterer Verwandten zu machen. Vielleicht— nein, 0 5
dessen briefliche Annäherungsversuche er einfach ignorirt hatte. Alfred
Krohne kam sich vor wie ein Eindringling in die besser begründeten Rechte Anderer.— Aber nein, diese Anderen standen nicht nur ihm selbst fern, sie hatten sogar dem Oheim ferner gestanden als* und sie waren wohlhabend... Wenig Dank hätte er geerntet, w er das Erbe ausschlug. Man hätte den„unpraktischen Mensch in ihm wieder einmal gründlich belacht. 8 Denn ein unpraktischer Mensch war er gewesen, seit er die Bänke des Rohrstädter Gymnasiums abgerutscht hatte, und er war sich dessen bewußt. Das Allerunpraktischste nur, dessen er sich in den Au seiner lieben jetzigen Mitbürger schuldig gemacht hatte: daß er v
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