Ausgabe 
9.1.1887
 
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N N50 D,

weißen Piquéeweste zog.Sie verwünschter Schurke! Sie Elender! das ist einer Ihrer boshaften Streiche! Aber ich räche mich, ich räche mich! Sie sollen Ihre Strafe haben!

Vielleicht haben Sie die Güte, mir zu erklären, welche Gründe hub ich in voller Unschuld an.

Welche Gründe? Gründe? Sie scheinheiliger Heuchler Sie! fiel er mir wuthschnaubend ins Wort.Gut, Sie sollen die Gründe hören! Vor zehn, nein, vor fünf Minuten stehe ich, wie das so meine Gewohnheit ist, meine Zeitung lesend und mir den Rücken wärmend, am Ofen, als eine Lawine, eine schmutzige Fluth, ein wahrer Wasserfall durch meine Esse herabgestürzt kommt, mich, meinen türkischen Teppich, kurz, meine halbe Stube überschwemmt und mir mein Feuer auslöscht! Sobald ich mich einigermaßen von meinem Schrecken erholt habe, stecke ich den Kopf in die Esse und brülle Ihnen zu, daß Sie aufhören sollen mit diesem Unsinn,

als verwünscht! eine zweite Lawine herabkommt und und zum Teufel! Hier, sehen Sie, wie Sie mich zugerichtet haben!

Ich muß gestehen, der arme Kerl sah in der That zum Er barmen aus. f

Und nun, mein Herr, brüllte er wüthend,jetzt sagen Sie mir, was das zu bedeuten hat?

Das hat zu bedeuten, versetzte ich gelassen mit mitleidigem Lächeln,daß ich das Wasser vermuthlich den falschen Schornstein hinuntergegossen habe!

Lose Blätter.

Die englische Sonntagsfeier. Als König Jakob J. einmal durch Lancashire reiste, wurde ihm angezeigt, daß die Grafschaft vonQuäkern und anderm überspannten Volke 9 5 7 sei, das sich des Sonntags der Arbeit und der Vergnügungen enthalte. Nach seiner Rückkehr erließ er ein Edikt, das die strenge Sonntagsfeier als gefährlich bezeichnete für Staat, Religion, Gesellschaft und ee Für den Staat, weil die Menschen den Sonntag über grübeln und auf unzufriedene Gedanken kommen würden; für die Religion, weil die Menschen keinen Gefallen finden können an einer Religion, die ihnen solche Langweiligkeit auflegt; für die Gesellschaft, weil Müßiggang zum Trunk führe; für das Heerwesen, weil die Race sich schnell verschlechtern würde, wenn sie nicht einmal die Wochetanze, froschhüpfe, Mohrentänze aufführe u. s. w. Geistliche und weltliche Obrigkeiten wurden angewiesen, die Uebelgesinnten zu verwarnen und, wenn dies nicht hülfe, aus dem Lande zu treiben. Diese Verordnung, wegen des darin enthaltenen Kataloges von Spielen das Book ok Sports genannt, wurde von Karl J. erneuert, auf Befehl des langen Parlaments von Henkershand verbrannt. Die heutige e in England, angeblich eine Hauptsäule von Thron und Altar, ist ein Vermächtniß der Republik. Er.

Der Ehescheue. Der Herzog von Bridgewater, welcher gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts sich durch die Förderung nützlicher Kanalbauten auszeichnete, legte einen großen Widerwillen gegen das eheliche Leben an den Tag, welcher dem erklärlich war, welcher seine Vergangenheit kannte. Als er soeben die Universität Cambridge verlassen hatte, lud ihn einer seiner Studiengenossen mit auf's Land ein, wo er Gelegenheit erhalten sollte, die Schöne zu bewundern, welche letzterer nach wenigen Monaten heimzuführen entschlossen war. Die junge Dame war bildschön, aber eben so leichtsinnig als schön. Obschon seit mehreren Jahren Braut und anscheinend ihrem Verlobten mit der größten Zärtlichkeit ergeben, legte sie doch eine große Zuneigung zu dem Herzog an den Tag, den sie erst seit wenigen Tagen kannte. Vielleicht war an dieser schnell auflodernden Liebe der Titel Herzog mit Schuld. Der Herzog, welchen ihr leichtsinniges Betragen gegen seinen Freund tief erschütterte, faßte einen solchen Widerwillen gegen das schöne Geschlecht, daß er sich entschloß, nie zu heirathen und seinem Gelübde auch treu blieb. Th. Bd.

Der Camsin, ein südamerikanisches Insekt, richtet solche Zerstörungen an, daß er in einer Nacht sich durch das dickste Holz durchfressen kann. Man hat gesehen, daß es in dieser Zeit einen Ballen Papier von 24 Ries durch⸗ bohrte. Wenn man nicht die größte Wachsamkeit anwendete, um es von Magazinen abzuhalten, würde es in denselben die größten Verwüstungen an⸗ richten. Es knüpft sich an dieses Insekt eine besondere Anekdote. Man hatte einst von Spanien eine große Menge Kisten mit Flintensteinen über Panama nach Lima geschickt; da sie nicht ankamen, so forderte der Vice⸗ könig von Peru Aufschluß von dem Gouverneur von Panama. Dieser gab folgenden Bescheid:Der Camsin habe alle Kisten in den königlichen Magazinen vernichtet. Sogleich kam von dem strengen Vicekönig, welcher das Insekt nicht kannte, an den Gouverneur der Beschl besagten Camsin festzunehmen und in Ketten und Banden nach Spanien zu schicken. 1

Wittwentrauer. Nach einem alten Gebrauche mußte eine Königin von

Frankreich nach dem Tode ihres Gemahls sechs Wochen in einem Zimmer,

das nur durch Kerzenlicht erhellt war, zu Bett bleiben. Anna von Bretagne soll die erste gewesen sein, welche bei dem Tode ihres Gemahls Karl VIII. dem Herkommen entgegentrat, das aber nach dem Tode Ludwigs XII.(1515) wieder von dessen Wittwe Marie Besch wurde. Dagegen mußte eine Königin von Spanien nach einem Beschlusse der Kirchenversammlung von Saragossa(1691), sobald der Tod ihres Gatten eingetreten war, in ein Kloster gehen. W. G.

Bei den Tulpen ist es nicht selten, daß sich Brutzwiebeln auch an den Stengeln zeigen. Während die an der alten Zwiebel aber die Färbung der Mutterpflanze beibehalten, ist dies bei denen am Stengel nicht der Fall; sie blühen einfarbig und zeigen keine grelle Farbe. Erst wenn sie jährlich aus der Erde genommen werden, beginnen sie sich nach zwei Jahren zu zeichnen, meistentheils jedoch anders als die Mutterpflanze, so daß man auf diese Art sehr werthoolle neue Abarten erhalten kann. W. G.

Das weiße Huhn. Noch im vorigen Jahrhundert herrschte allgemein in den Vogesen die Sitte, einer jungfräulichen Braut ein weißes Huhn vorzutragen. Dieses wurde mit einer Spindel an einer langen Stange be⸗ festigt und mit Blumen und bunten Bändern geschmückt. Nach dem Kirch⸗ gange wurde es geschlachtet und den beiden Vermählten vorgesetzt.Ich will lieber kein Haus haben, als des weißen Huhnes bei der Hochzeit ent behren, pflegten die jungen Mädchen zu sagen. W. G.

Die Niesenpyramide. Eines der größten Denkmäler der Vorzeit ist die Riesenpyramide des Königs Cheops in Mittel-Aegypten. Um einen Begriff von der Größe dieses Monuments zu geben, darf nur angeführt werden, daß alten Ueberlieferungen zufolge 360 000 Aegypter volle 26 Jahre mit Erbauung desselben ununterbrochen beschäftigt waren. Napoleon ließ, bei seiner Anwesenheit in diesem Lande der Ruinen, neben der Pyramide ein Denkmal von Trümmern aufrichten, und den obersten Stein mit einer Inschrift versehen. Nach dem Abzuge der französischen Truppen zerstörten die Araber dieses ganze Denkmal in einem einzigen Tage, während an der Riesen-Pyramide mehrere tausend Jahre, wie die Wogen an einem Meeres- felsen, ohnmächtig vorübergerauscht sind. Der Stein, auf welchem sich die Inschrift befand, wurde unter dem Schutte wieder aufgefunden und soll nach Paris transportirt und im Pantheon aufgestellt worden sein. x.

Die liebesüße Jugend der Vereinigten Staaten. Als Vertilger von Süßigkeiten steht Jung- Amerika unerreicht in der Welt da. Dabei unterliegt es keinem Zweifel, daß die amerikanischenLadies die jungen Männer noch bedeutend übertreffen. Auf jede Candyfabrik und auf jede Conditorei in den Vereinigten Staaten kommen je 100 Zahnärzte und Kurpfuscher gehen mit in den Kauf. Der ursächliche Zusammenhang ist leicht zu ergründen.Bruder Jonathan oderOnkel Samuel, wie man ihn auch wohl nennt, ist von Kindesbeinen an ein unersättlicher Süßigkeits vertilger, ein sogenanntes Lutschmaul und bleibt es fast immer bis an sein seliges Ende. Die Unmasse des in Nordamerika verschlungenenCandy erscheint uns Europäern ganz unglaublich. Sie beträgt weit mehr als das Doppelte des in der gesammten übrigen Welt zusammengenommen vertilgten Quantums, und sogar das Vierfache dessen, was das zweitsüßeste Land der Welt, Frankreich, das Vaterland des Bonbons, konsumirt. New Jork und Boston produziren über 15000 Tonnen Candies aller Art Jahr für Jahr, wozu etwa 75 000 Faß Zucker, 150 Zentner Farbestoffe und 12 000 Zentner Gummi ꝛc. verbraucht werden. Philadelphia und Baltimore produziren circa 10 000, Chicago und St. Louis ungefähr 7000, Cincinnati und Detroit an 4000 und alle andern Städte der Union zusammen wenigstens 24000 Tonnen Candies im Jahr. Selbstverständlich verdanken diesen in den Vereinigten Staaten alljährlich aufgenaschten 60 000 oder noch mehr Tonnen Bonbons oc. die nordamerikanischen 15000 bis 16 000 Zahnkünstler ihre Existenz. Geben

wir dabei zu, daß dies auch mit einen Grund bildet, warum die amerikanische

Zahnheilkunde so großartige Fortschritte gemacht hat. Jedenfalls wirken aber jene Unmassen von Süßigkeiten nebenbei auch noch verderblich, indem sie bedeutend zur Entwicklung der nordamerikanischen Nationalkrankheit, der Dyspepsie, mitwirken, was nur den Aerzten und Apothekern, sowie zahl losen Kurpfuschern zu gute kommt. Th. Bd.

Das älteste Taschenbuch stammt wohl aus dem Jahre 1510. Sein

Titel lautet: f

Aus einem closter in dem Rieß

Kompt dieses Taschenbüchlein süß,

Das der Mensch sol bey jm tragen,

Und damit sein Vämd verjagen. Es ist in Augsburg beimaister Hansen otmar gedruckt und mit vierzehn Holzschnitten geziert. W. C.

Dem Hofschneider König Heinrichs IV. fiel es einst ein, seinem Monarchen einen Plan über die beste und zweckmäßigste Staatsverwaltung zu überreichen. Heinrich machte sich darüber lustig und, wenn er sich ein neues Kleid machen ließ, pflegte er dann öfter zu sagen:Laßt mir den Minister kommen, damit er mir ein Kleid anmesse. N.