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Ehe noch einer der eigentlichen Spritzenleute erschien, waren die Füchse angespannt, hatte sich der junge Braumeister auf das Leit-, Kurt Blenke auf das Handpferd geschwungen. Die Uebrigen hatten die Plätze auf der Spritze und der Wassertonne eingenommen, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Rasch ging es den Weg um den See durch den Wald der Brand⸗ stätte zu. Von Sekunde zu Sekunde verstärkte sich der rothe Schein am Firmament. Aufsteigende Rauchwolken unterbrachen nur theil⸗ weise die feurige Gluth, auf welche die Blicke sich fort und fort wendeten. Jetzt war der Waldes rand erreicht, vor den Augen der Nachtschwärmer lag das Gehöft des reichen Hüfners Peter Goritz, inmitte des dazu gehörigen, jetzt schon abgemähten fetten Ackers, allein für sich, als genüge es sich selbst.
Die Scheune, die Ställe standen in Flammen. Dazwischen sah man das schöne Wohnhaus, dessen Bewohner erschreckt emporgefahren waren und jetzt schreiend und die Hände ringend in fast unbekleidetem Zustande auf dem Felde umherliefen. Die Besinnung schien nur einen Knecht nicht verlassen zu haben, der trotz der Gefahr die Ställe aufriß, um das Vieh zu retten. Auf den ersten Blick war es Jedem deutlich geworden, daß der Brand nicht zufällig entstanden sei, da er an drei verschiedenen Stellen zugleich aufgelodert sein mußte.
Vielleicht waren die Augen Gebhard Knaus allein ausschließlich auf die Feuersbrunst gerichtet; denn er wies seitwärts auf eine Stelle des Waldrandes, während er zu seinem Freunde Kurt Blenke sagte:„Schau, da steht ein Kerl unbeweglich an der Lisiere.“
„Kümmern wir uns nicht um müßige Gaffer,“ lautete die Antwort.
Die Spritze rasselte durch den Thorweg auf den geräumigen Hof, der von drei Seiten mit brennenden Scheunen und Ställen umgeben war.—„Was zuerst?“ riefen die Nachtschwärmer.
„Das Wohnhaus schützen!“ kommandirte Gebhard Knaus.„Der Giebel dort raucht schon. An die Pumpen!“ Der Wasserstrahl traf die bedrohte Stelle; aber so kräftig die jungen Leute arbeiteten, die Gewalt des Elementes war größer, um so mehr, als die Hitze den Hof zu verlassen nöthigte und die Kräfte der ruhelos Thätigen erschlafften.
Inzwischen langte auch die eigentliche Spritzenmannschaft an. Auch Hilfe aus den nächsten Dörfern traf ein, als der Dachstuhl des Wohnhauses zu brennen begann.
„Vielleicht gelingt es uns, noch einiges Hausgeräth zu retten,“ meinte der Brauereiinspektor zu Karl Walter, als sie sich verschnauft hatten.—„Ich bin dabei,“ lautete die Erwiderung.
Die Beiden eilten in das brennende Haus und erschienen bald mit einer Lade wieder. Als sie damit auf dem Felde anlangten, rief Frau Goritz ihnen zornig zu:„Die Truhe hättet Ihr auch verbrennen lassen können; die gehört dem Alten, der sich nun schon acht Tage fern vom Hause umhertreibt.“ f
Die jungen Männer stutzten; ihnen war Peter Goritz als ein mäßiger und häuslicher Bauer bekannt.
„Ja, ja,“ stimmten die beiden Töchter der Mutter bei,„die Lade konnte verbrennen.“
Der Ton erbitterte Gebhard Knaus. ist, rege ich keinen Finger mehr.“
Dann wandte er sich an Kurt Blenke. reiten, hier erblüht uns nur Undank.“
Als sie zurückritten, bemerkte Knaus wieder den Mann, der un— verwandt von derselben Stelle, die er früher inne hatte, dem Feuer zuzuschauen schien. Die Beiden hielten jetzt auf ihn zu und er— kannten beim Näherkommen den Hufner Peter Goritz; doch lebte er nicht mehr— er hatte mittelst eines Strickes seinem Leben ein Ende gemacht.
Die Entdeckung lenkte um so mehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Teodten, als jeder die Nutzlosigkeit des Löschens und Rettens einsah. Die Scheunen waren heruntergebrannt, das Wohnhaus stand in Flammen und der einzige Brunnen versagte. Man lief zusammen, schnitt die Leiche ab, und ein anwesender Barbier schlug vergebens an dem schon Erkalteten die Ader.
Während dies geschah, hatte Gebhard Knaus seine Blicke auf die Frau und Töchter des Todten gerichtet. Er sah sie die Achseln zucken; doch machte keine von ihnen eine Bewegung, sich der Leiche zu nähern. Sie hatten sich auf die Trümmer ihrer Habe gesetzt und schienen diese, Möbel, Betten und dergleichen zu bewachen.
„Wenn es also gemeint
„Komm', laß uns zurück—
von Peter am meisten geliebt, so daß die beiden Andern sich zurück.
„Hier scheint sich eine Tragödie abgespielt zu haben,“ meinte der Braumeister zu seinem Freunde..
„Oder noch zu spielen,“ versetzte Kurt Blenke. nach Hause.“ 5 g
Thatsächlich hatte das Trauerspiel, das in jener Nacht sein furcht⸗ bares Ende erreichte, schon bereits vor mehreren Jahren in dem Gehöft des todten Hufners begonnen, wie sich aus einer Schrift ergab, welche die Leiche in der Rocktasche trug, und in welcher der Dahingeschiedene seine That zu rechtfertigen bestrebt gewesen war.
„Reiten wir
Peter Goritz war schon ein reicher Mann, als seine erste Frau starb, die ihm nicht nur Vermögen, sondern auch Arbeitsamkeit und Sparsamkeit zugebracht hatte. Ergriffen saß er an ihrem Sterbe— bette, ihre abgemagerte Hand mit seiner sonnverbrannten liebevoll umschließend. Da zuckte sie zusammen. 5
„Was hast Du?“ fragte er sie.„Willst Du Arznei?“
Sie schüttelte den Kopf.„Mir kam nur soeben etwas in den Sinn,“ erwiderte sie.
„Und was ist das?“ fragte er weiter.
Sie athmete tief auf, dann entgegnete sie:„Peter, Du bist mir stets ein lieber Mann gewesen, wir sind mit einander alt ge— worden, und ich dachte oft, daß man uns zusammen hinaustragen sollte, die Füße voran. Das soll nicht sein, Du wirst noch viele Jahre leben. Wohl; doch, Peter, das Eine versprich mir, Dich nicht wieder zu verheirathen. Unsere Töchter sind erwachsen, es thut nicht gut, daß Du ihnen eine Stiefmutter giebst.“
Peter blickte die Sterbende an, dann gab er ihr das Versprechen, sich nicht wieder zu verheirathen und seinen drei Töchtern keine Stiefmutter zu geben. Das schien ihr wohl zu thun, und sie starb beruhigt.
Die Verstorbene hatte ihrem Manne im Laufe der Jahre acht Kinder geschenkt; fünf derselben waren ihr aber vorausgegangen, und nur die Aeltesten, Marie, Anna und Gertrud zurückgeblieben, von denen Anna damals zwanzig, Marie achtzehn und Gertrud sechszehn Jahre zählte. Letztere war die Hübscheste und wurde auch
gesetzt meinten. Die Mutter hatte Alles auszugleichen gesucht; als sie jedoch gestorben war, fehlte das besänftigende Oel aaf den er⸗ regten Wogen des Unwillens, der je länger desto mehr in Haß überging. a f
Gertrud ahnte nicht, daß die Schwestern ihr übel wollten, und ahnte sie es, so fürchtete sie doch nichts, besaß sie doch die Liebe ihres Vaters. Da kam ein Moment, in dem Peter's Zuneigung zu seiner Tochter plötzlich erlosch. Schon früher hatten Marie und Anna ihm zugeraunt, daß Gertrud eine Liebschaft zu haben scheine; doch wollte er davon nichts wissen. Das Kind— so nannte er die jetzt Achtzehnjährige— wisse nicht, was das sei, auch sei sie 1 ihm zu sehr zugethan, um noch eine andere Zärtlichkeit zu empfinden. 4
Die beiden ältesten Mädchen meinten, sie allein seien ihm zu— gethan, er irre sich in seinem Liebling. a
Der durch dergleichen Reden aufgereizte Vater ließ nun Gertrud kommen und fragte sie, wie es mit ihrem Herzen stehe, und ob die Schwestern Recht hätten. Das schöne Mädchen vertheidigte sich nicht, sondern erklärte kurz und bündig mit gesenkten Augen und hochrothen Wangen: sie habe den Jagdgehilfen Ferdinand Rasch im Walde ge— troffen, darauf habe der sie an die Hand genommen und ihr in
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das Auge geschaut, und dann seien sie sich um den Hals gefallen und hätten sich Treue gelobt, wollten sich auch, sobald Ferdinand Rasch eine Försterstelle erhielte, wozu nahe Aussicht vorhanden sei, heirathen.
So einfach und rührend Gertrud dieses Bekenntniß ablegte, so versetzte dasselbe den Vater in wilden ungerechten Zorn. Er nannte sie eine schamlose Dirne und fragte, ob sie nicht an ihn, den alten Mann, gedacht habe, den Vater, der sie stets geliebt habe.
Unter Thränen gestand Gertrud, daß dies nicht der Fall ge⸗ wesen sei.
Des von den ältesten Töchtern schon aufgereizten Vaters Wuth kannte keine Grenzen; er überschüttete das liebende und wahrheits⸗ getreue Mädchen mit einer Fluth der niedrigsten Schimpfworte, schlug sie auch und jagte sie endlich aus dem Hause..
Höhnisch schauten Anna und Marie der Versteßenen nach, die schluchzend, mit zerschlagenem Angesicht, das Gehöft des grausamen
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