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am Bett der apathischen Mutter sitzend, vergaß Maria dies Alles über den steten angstvollen Versuchen, die Stimme ihres Herzens zu betäuben.
So gingen wohl zwei Wochen hin. Ein Theil der Uniformen war fertig und die Jungen sahen nicht nur ganz stolz und glücklich, sondern auch hübsch darin aus. Man exercierte in dem herrlichen Frühlingswetter jeden Tag. Auf einmal begann eine lebhafte Un⸗ ruhe das Schloß zu erfüllen, und als Maria nach der Ursache des Lärmes fragte, erfuhr sie von Gottlieb, die Mansarden würden ausgeräumt und der ganze dort aufgesammelte Hausrath auf die Dreschtenne gebracht, wo die Auktion stattfinden sollte.
Zum ersten Male dachte sie wieder daran.— Ganz betäubt von der Nachricht, die ihr wie eine Herabwürdigung erscheinende Versteigerung solle wirklich stattfinden, sah sie selbst nach. Richtig— es war so.— Der sonst so unpraktische Baron ließ Alles vom Staube säubern, putzen und auffrischen, so gut es in der Eile ging, viele Hände waren dabei geschäftig, vom Dorfe waren Frauen hercitirt.
Eine heiße Röthe des Zornes und der Scham stieg der Baronesse in's Gesicht.
Sie mußte wieder täglich Demüthigungen ihres Stolzes schwei⸗ gend überhören und übersehen, und diese unaufhörlichen Nadelstiche machten sie reizbar, wie sie nie gewesen. Die heutige traf sie bis in's Herz, denn sie wußte sofort, ihr Vater that dies nur, um Geld zu erhalten, von welchem seine Kuratoren und Wohlthäter vor der Hand nichts erfuhren. f
Da kam er auch schon selbst. Ein kleiner, dicker Mann von ordinärem Aussehen ging neben ihm her. Beide traten dann in die Scheune und Maria erfuhr von Gottlieb, das sei der Auktionator.
Am Abend spielten die drei Herren mit glühenden Augen wieder einmal um Geld, was sie seit Wochen schon aufgegeben, denn sie hatten eben keins mehr.
Maria sah, ihres Vaters Hände waren mit Goldstücken gefüllt, sein Gesicht glänzte vor Vergnügen.
„Er wird Alles versteigern, was wir haben!“ dachte sie, ob⸗ gleich eigentlich jedes Stück ihres Besitzes dem Onkel Bolko und den Hooglanders gehört..
Anderen Tages mußte ein Ackerwagen zur Stadt geschickt werden. Gottlieb und einer der Verwalter fuhren hinein und brachten Körbe voll Wein, Delikatessen aller Art und tausend Dinge mit, welche der Baron entvehrt zu haben behauptete.
Er wollte jetzt ein Fest geben und dasselbe durch ein Liebhaber⸗ Theater verherrlichen. Die Töchter des Pastors, die Verwalter, ein paar andere junge Herren aus der Nachbarschast und vor Allem Maria sollten spielen— die Bekannten von den umliegenden Gütern würden unendlich erfreut sein, einmal wieder mit ihnen in Be⸗ rührung zu kommen.
Maria lehnte diesmal ohne jede gewohnte Rücksicht auf des Vaters Wünsche ihre Beiheiligung entschieden ab. Ihr war, Gott wußte es, nicht danach zu Muthe, als erste Liebhaberin darin zu glänzen„und mit diesen Leuten!“
Ihr Hochmuth sträubte sich heftig gegen eine derartige Gemein- schaft und doch schämte sie sich im nächsten Augenblicke dieser Regung, denn wie zart, wie rücksichtsvoll und ehrfürchtig begegneten ihr alle die jungen Leute. Sie war ihnen eine entthronte Königin, aber immer Königin, und als sie jetzt begann nachzudenken, fielen ihr plötzlich tausend kleine unscheinbare Erlebnisse der letzten Wochen ein, in welchen sie diese stille, sie jetzt tief rührende Sympathie mit ihrem Unglück erkannt.
Ach, in ihrem hochfahrenden Sinne hatte sie auf diese Men⸗ schen, die„so tief unter ihr standen“, kaum je geachtet. Ein freundlicher Gruß, ein flüchtiges Wort, bei dem sie sich nichts dachte, war Alles gewesen, was sie ihnen gab, und nun erkannte sie plöͤtz⸗ lich, daß jeder Einzelne für sie und ihr Behagen gesorgt, sei es auch nur durch Kleinigkeiten.
Dennoch beharrte sie bei ihrer Weigerung wie ihr Vater bei seiner„Idee“. Sie erinnerte ihn daran, daß dies Alles die Mama sehr stören würde, aber eine ärgerliche Antwort von ihm ließ sie dann schweigen.
Wenigstens solle sie helfen für die Kostüme zu sorgen— in den Schraͤnken und Koffern oben, habe sie gesagt, liege noch so unendlich viel unnütz gewordener Staat, den solle sie herabschaffen lassen und ihm nicht die armselige kleine Freude verbittern.
Seufzend that sie nach seinem Befehl. Es war eben jetzt immer: Ihr Vater hatte sich einfach nicht geändert. Wie konnte sie das auch erwarten? f
Sie hatte das beste Streben, sich nicht entmuthigen zu lasser Onno schrieb ihr neulich:„Es ist sehr leicht zu sagen: Ich nehme die Konsequenzen meines Thuns auf mich, ach, aber wenn diese Konsequenzen durch ein ganzes Leben währen—! Und doch, Maria, glaub mir, ich bereue nicht für mich;— wenn man gethan hat, was Recht ist, dann kommt doch trotz Allem ein freudiger Stolz uns zu Hülfe und wir sagen uns, ohne das Recht auf diesen Stolz wäre das Leben ja ein elendes!“ 8
Sie fühlte nichts von diesem Stolz, sie war in der tiefsten Seele zusammengebrochen. f.
Wie sich ihre Zukunft gestalten würde, daran wagte sie nicht einmal zu denken.
Inzwischen gewährte es ihr zuletzt doch eine flüchtige Zerstreuung,, die lebenslustigen Töchter des Pastors für ihre Rollen mit aus. statten zu helfen.„
Im großen Saale wurde unter Below's Aufsicht eine Bühne gezimmert und am dritten Tage die Auktion gehalten, zu welcher,, wie der Baron richtig spekulirt, die ganze Umgegend gewandert kam. 1
Er selbst war immer mitten zwischen den Leuten. Wie ein Heißhungriger stürzte er sich in das Gewühl, wo er überall alte Bekannte traf, und in seiner Freude einmal wieder Menschen zu sehen, gegen jeden Handwerker, jeden Bauer in der Leutseligkeite seiner früheren Tage sprach, so daß nur eine Stimme der herz- 55 lichsten Theilnahme für ihn in der Menge war. 19 N
Seine Standesgenossen nannten ihn unter sich einen„Pracht ⸗ 5 9 kerl“, der nichts dafür konnte, daß ihm das Pech so auf den Fersenn saß; die Benach barten versprachen gerne, zu dem kleinen Feste zu kommen, welches er plante. 34
Von allen Seiten machte man ihm liebenswürdige Vorwürfe,, daß er und die Damen so unsichtbar seien. Er erklärte dies trübe lächelnd mit Valeria's Zustand, der keine Geselligkeit er ⸗ laube;— sie selbst habe aber für Maria eine kleine Zerstreuung gewünscht.
Von einem
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Fenster der oberen Etage aus blickte Maria auf das Gewühl. Sie kannte wenige von all diesen Menschen, aber ihr Vater kam sehr animirt zu Tisch, nachtem der Verkauf vorüber, und er und der Hauptmann saßen noch lange beim schweren Weine. i Das war auch eine von Maria's großen Sorgen— ihr Vater trank aus Langeweile, und zwar auch alle möglichen Spirituosen. Daß ihm dies nicht bekam, war ersichtlich. 2 „Wie oft habe ich ihn gebeten, es zu lassen! Wann hätte er aber jemals auf uns gehört? Du ärgerst ihn nur!“ war die Ant
wort der Mutter gewesen.——— 1 (Schluß folgt.).
Eine Krokodiljagd. Humoreske von Wilh. Grothe.
Die edle Waidmannskunst zieht Unglaubliches groß, und die Geschichten, die der selige Münchhausen seinen andächtigen Zuhörern auftischte, ind nicht das Großartigste, was die gewaltigen Nimrode 5 geleistet haben. So war auch der Forstmeister Panzow nicht nut ein Jäger, der ein ganzes Rudel Wolfe allein zu bestehen der Mann war, sondern auch ein Kriegsheld, der mancherlei erlebt hatte, wovon 8 sich die kühnste Dichterphantasie kaum etwas träumen läßt. Sein eisernes Kreuz, das er sich im Kriege gegen den ersten Napoleon erworben hatte, bewies, daß er kein Feigling gewesen war, und 7 das bestätigte auch mein Onkel Fritz, der von seinem Vater, einem Kolberger, gehört hatte, Panzow habe zu den verwegensten Leuten des Schillschen Korps gehört. Das außergewöhnlich Natürliche war ihm aber zu gewöhnlich, um es der Mühe werth zu halten, seine Lungen deswegen anzustrengen. 5
Nach der Schlacht von Jena war Panzow bis zur pommerschen Festung gekommen, wo er sich dem Kommandanten von Loucad vorstellte und, von diesem zurückgewiesen, in Schills Schaar 5 Aus jener Zeit erzählte Panzow mit Vorliebe, wie er, von Seinen abgeschnitten, drei Tage und Nächte in der zugefroren Persante gestanden habe und so der Gefangenschaft entgangen
Bei solchen Geschichten pflegte mein Onkel Fritz im höͤchf


