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Es war eines Sonntagabends.
Der Entenmüller und die Annemarie waren ins Dorf gegangen, auch Jakob war abwesend. Hämmermäuschen war in der Stube. Sie war schier nicht mehr zu erkennen. Eine gespenstige Blässe lag auf ihren abgehärmten Zügen, aus ihren Augen athmete eine un— endliche Schwermuth. Sie ließ vor ihrer Erinnerung die wechselnden Bilder der Vergangenheit hingleiten. Ihre Jugend, wie sie mit Jakob am Mühlbach gesessen, Kränze geflochten und buntfarbige Muscheln gesucht halte, dann wie die Müllerin krank wurde, wie sie dieselbe mit aufopfernder Kindesliebe gepflegt hatte, bis man sie hinaustrug unter die Trauerweide, die Häammermäuschen im Sommer täglich bezoß, damit sie wachse und grüne, die einsame Schildwache vor dem Thore des ewigen Lebens. Das Haar des Entenmüllers war grau, dann weiß, Jakob aus dem Knaben ein Mann geworden.
Sie sah ihn noch als wär's erst heute, wie er damals in später Nacht aus dem Zuchthaus zurückkehrte, todtenbleich, im Blick die verhaltene Wuth eines Tigers, der nur auf den Sprung lauert. Sie hörte noch die tiefe Stimme seines Vaters, wie er den wieder⸗ gefundenen Sohn an sein Herz schloß. Und sie kam weiter auf ihrer Gedankenreise. Sie gedachte eines Tages, eines heiligen Sonntags, wo sie mit dem Entenmüller in der Gartenlaube saß und der alte Mann plötzlich seine Hände wie segnend auf ihr Haupt legte und dabei sprach:
„Du wirst den Abend meines irdischen zum Morgenroth meines
ewigen Lebens machen; Du wirst Jakobs Weib werden, Du wirst ihm eine Gehülfin, ein Stab und eine Stütze sein, und ihr werdet, wenn ich heimgegangen bin, mein Andenken in Ehren halten!— Und immer weiter, immer weiter. Der Wilddieb war zum Schmuggler, der Fehltritt zum Riesensprung geworden. Blieb es dabei? Konnte es dabei bleiben? Und dann? Und dann?
Schwere Tritte rissen den Faden ihres Gedankengewebes entzwei, Jost trat ein. Sein Gesicht glühte, sein Gang schwankte.
„Ganz allein?“ war sein Gruß. Hämmermäuschen wich scheu zurück. Die Augen des Schmugglers funkelten in dem Phosphor⸗ glanze eines Basiliskenblickes.„Der Jakob ist fort,“ gab sie zurück, in der Hoffnung, er werde sich entfernen.
„Desto besser! Was ich Dir zu sagen hab', braucht Niemand zu hören;“ und roh auflachend warf er sich in den Sessel. Eine namenlose Angst kam über Hämmermäuschen. Kein Mensch war in der Nähe; der alte halbtaube Stoffel schlief in seiner Kammer und der einzige Ausgang der Stube führte am Sessel vorbei, in dem Jost saß.
„Und was hast Du mir zu sagen?“ fragte sie, Gleichgültigkeit heuchelnd.
„Viel, viel, mein Zuckerschäfchen! Vor Allen aber, daß ich Dich arg lieb hab' und daß Du meine Frau werden mußt.“
Er heftete seinen stechenden Blick gierig auf das Mädchen.
„Ich, Deine Frau? Lieber gleich den Tod!“ rief sie, ihre Furcht vergessend und ein innerer Ekel malte sich auf ihren Zügen.
„Lieber den Tod!“ lachte der Schmuggler;„ha! ha! Du wirst schon noch sagen: lieber den Jost. Ich kann eine Frau ernähren, Donnerwetter! Und noch zwanzig Kinder dazu; mein Geschäft trägt mir mehr ein als die Entenmühle; übrigens brauchst Du gar nit so dick zu thun— den Jost hat man in keinem Korb gefunden.“
Eine glühende Röthe schoß in Hämmermäuschens Wange, denn sie hatte die rohe Anspielung auf ihre Herkunft verstanden.
„Kann das Kind etwas für die Schuld ihrer Eltern?“ gab sie zurück und eine Thräne stieg in ihr Auge.
Es lag so etwas wie Rührung in dem Ton des Schmugglers, als er polterte:„Na, zum Teufel, flenn nur nit gleich, es war ja nit bös gemeint. Aber warum bringst Du mich auch so aus dem Häusel?“ fuhr er nach einer Weile grollend auf.
„Ich will Dich nicht aus dem Häusel bringen, Jost! Geh' fort und ich will Dein Unrecht vergessen.“ Sie deutete nach der Thüre.
„Bin ich ein Hund, Mädel?“ knurrte er und sein Gesicht färbte sich dunkelroth.„Mein mußt Du werden: todt oder lebendig!“ Er war aufgesprungen; seine Augen glühten wie Kohlen. Eben wollte er sich über das von Entsetzen gelähmte Mädchen herwerfen, als ihn plötzlich zwei Fäuste packten und emporrissen; mit einem dumpfen Stoͤhnen brach der Unhold in mächtigem Wurfe zusammen. Vor Hämmermäuschen aber stand Jakob, das noch flammende Auge mit dem Ausdruck einer unnennbaren Angst auf die marmorstarren Jüge des Mädchens gerichtet und unter der Thüre stand die alte
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Annemarie, die Hände in sprachlosem Entsetzen über dem Kopf sammenschlagend. Nach einer Weile raffte sich Jost mühsam a „Für heut' hab' ich genug!“ preßte er zwischen den blutige Lippen hervor. 5 „Pfui, schäm Dich;“ zürnte Jakob und eine tiefe Verachtung 1 sprach aus seiner Stimme.„Ich hab' Dir zwar nit weh thun wollen, Gott soll's wissen!“ setzte er wie entschuldigend bei und er 1 streckte seine Hand aus, die Jost aber zurückstieß. I „Ich hab genug, sag ich Dir noch einmal;“ lallte jener,„gut f
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Nacht!“ und er schwankte aus der Thüre. IA Einige Augenblicke stand Jakob wie unschlüssig,„Annemarie, ich komm' gleich wieder,“ rief er dann heftig und eilte hinaus. 1
„Jost! Jost!“ rief er wiederholt in die Nacht hinein; doch der
war schon in dem Hohlweg, der vom Dorf zur Mühle hinabführt, verschwunden. Erst droben wandte er sich um, sein Arm reckte sich e gegen die Mühle aus, sein Mund blieb stumm, aber seiner schwarzen Seele entrang sich ein höllisches Gelübde.—— 1
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Schon am andern Abend schritt Jakob Jost's Wohnung zu. Als sein Blut wieder kälter geworden war, da hatte es ihn wie eine stille Reue angewandelt. Jost war der treue Begleiter all' seiner abenteuerlichen Fahrten gewesen, und wenn er Hämmermäuschen liebte, wer wollte ihm das wehren? Er war gestern betrunken ge⸗ wesen und mochte freilich zu weit gegangen sein; aber war es denn deshalb nöthig gewesen, ihn gerade so zu traktiren? Für wen hast Du Dich denn so ereifert? Für Hämmermäuschen? Hat sie es denn verdient, daß Du ihretwegen deinen besten Freund aufgeopfert hast! Wird sie dich für dieses Opfer jemals entschädigen, und was kann dir denn überhaupt an einem Wesen liegen, das dir bisher nur immer kalte Theilnahmlosigkeit, wenn nicht gar unverblümte Ab neigung gezeigt hat! 1
„Ich war ein Narr,“ beantwortete er sich all' diese brennenden Fragen, die ihn wie neckende Kobolde zu umhüpfen, sich an seinem Unmuth schadenfroh zu weiden schienen, und er beschloß, Josts Verzeihung um jenen Preis wiederzuerlangen.
Mit einer ganz unnatürlichen Freundlichkeit empfing ihn dieser. Jeder Andere, der Jost's Charakter nur einigermaßen kannte, haͤtte Verrath gewittert— nur Jakob nicht. Sein Maaß war voll,, seine Zeit gekommen und ein düsteres Verhängniß trieb ihn un aufhaltsam in sein Verderben, wie es das Eisen zum Magnete hinzieht.
„Du hast ganz Recht gehabt, ich war ein besoffener Toͤlpel.“ versicherte Jost ein über das andere Mal und er drückte herzlich 9 a die Hand Jakobs. Der Versöhnungsbund sollte im Wirthshaus besiegelt werden und hinter der Flasche ward, um auch den aller-. letzten Groll hinunter zu spülen, auf die nächste Nacht eine neue Fahrt verabredet, deren Gewinnantheil Jakob, um seine Schuld nach allen Seiten hin zu sühnen, im Voraus schon an Jost abtrat. 1
Den ganzen andern Tag wich Jakob jedem Alleinsein mit Hämmermaͤuschen fast ängstlich aus; sie lächelte wehmüthig vor sich hin, denn sie durchschaute seine Absicht: er fürchtete sich vor ihrem Dank für seine gestrige Hilfeleistung und bot seine ganze Kraft auf, das Mädchen zu vergessen. Es wäre ihm jetzt Wollust, grausane Befriedigung gewesen, zu wissen, daß sie ihn hasse.
Hämmermäuschen war es in der Mühle zum Ersticken eng ge. worden; sie mußte hinaus in's Freie, um sich einmal so recht satt zu weinen. So ging sie denn in den Garten und von da zum Bach hinunter.
Wie oft war sie mit Jakob diesen Weg gewandelt, als Beide noch die Dorfschule besuchten! Langsam schritt sie zwischen den Weiden hinab, die längs dem Ufer eine natürliche Allee bildeten.
So war sie bis an die Stelle gekommen, wo der Bach eine starke Krümmung machte und ein fast undurchdringliches Dickickt von Hecken und Erlenstauden sein Bett umzäumte. Mitten darin hatte Jakob einmal eine rohe Bank aufgeschlagen, zu der jezt Hämmermäuschen mechanisch ihre Schritte hinlenkte. Den Kopf inn die Hand gestützt, starrte sie in das Wasser, das wirbelnd sich an 1 g der Landspitze brach. Es ward ihr, als ob die Geister der Tiefe ihr Trost und Hoffnung in's kranke Herz flͤͤßten und sie brach ein stilles, linderndes Weinen aus. 0
Es war Abend geworden, ohne daß sie es merkte.
Plötzlich erhob sie sich, aus ihren Zügen leuchtete ein fester E
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