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Einige der im Zimmer Anwesenden waren mit Zeitungslektüre beschäftigt, andere spielten Skat. Hier und da stieg eine feine, blaue Rauchsäule von einer echten Havanna empor, ringelte sich in läng— lichen Kreisen nach oben und verschwamm in die Rauchwolke, die wie ein bläucher Schleier unter der Decke durch das ganze Zimmer sich hinzog. 1.
„Na, was sagte die Kleine?“ rief der Fettbleiche, indem er dabei ruhig seine Karten ausspielte,„kommt sie mit?“
„Nein!“ war die lakonische Antwort.
„Einen Korb bekommen? das ist ja ausgezeichnet, aber höre Alfred, deshalb darfst Du morgen nicht fehlen. Schreibe eeine Rohrpostkarte an die kleine Tänzerin Olga, die giebt Dir keinen Korb, es liegen Karten auf dem Schreibtisch.“
Ein Kellner, der mit devoter Miene dem eben Angekommenen nachgelaufen war, um ihm seinen Paletot abzunehmen, wagte endlich unter einer tiefen Verbeugung die Frage:„Sie bleiben doch, Herr Doktor; Sie wissen, es wird heute Abend gespielt.“
„Nein!“ war die entschiedene Antwort,„bringen Sie mir Papier und ein Kouvert.“
Alfred ging an das Schreibpult, wohin der Kellner ihm sofort das Verlangte brachte.
„Was, Du spielst heute Abend nicht mit, was soll denn das heißen?“ rief Einer der Anwesenden.
Alfred schrieb ruhig weiter. Das Kratzen der Feder auf dem Papier ertönte laut.
„Das soll so viel heißen,“ erwiderte er ruhig,„daß ich zum letzten Male mitgespielt habe; in diesem Brief theilte ich dem Vor— stand meinen Austritt aus dem Verein mit.“
„Du bist wohl nicht recht gescheit?— Kinder! hört, was der tolle Mensch sagt, er will aus unserem Verein austreten.“ Diese Mittheilung erregte allgemeines Aufsehen; man erzählte dem Vor⸗ sitzenden, der grade hereintrat, von Alfred Glasow's Vorhaben.
„Unsinn!“ rief er,„an einem Sylvesterabend werden keine
Kündigungen angenommen.“ Er nahm scherzend Alfred die Feder aus der Hand, aber dieser hatte seinen Brief schon beendet. Ich muß auch auf das Vergnügen verzichten, die Schlitten— ee mitzumachen!“ Er erröthete leicht, als er die spottende Daene der Umstehenden wahrnahm, aber der energische Zug, der über sein Gesicht gekommen war, wurde dabei noch schärfer.
„Schade!“ rief der Vorsitzende mit ironischer Betonung,„ich hatte so sehr auf die Wirkung Ihres Fuhrwerks und Ihres schönen Pelzes in unserem Zuge gerechnet.“
„Aber Mensch, was ist Dir denn?“ rief man jetzt,„hat Dir der kleine Goldkopf etwas angethan?“
e will heirathen!“ rief eine Stimme.
ed Glasow hatte seinen Hut ergriffen, er machte der ganzen
aft eine Verbeugung, eine tiefe Röthe bedeckte sein Gesicht,
Adi einem gezwungenen schwachen Lächeln, aber mit fester Stimme antwortete:„Nein,— ich will arbeiten!“
Das Hohngelächter der Mitglieder des fidelen Pfropfens tönte noch in seinen Ohren, als er durch das Brandenburger Thor in den Thiergarten trat.
„Laß sie lachen!“ dachte er und ging rasch weiter. Der Wind hatte aufgehört, dichte Schneeflocken fielen herab, die Luft war un— beschreiblich rein und wohlthuend. Da fing zum dritten und letzten Male das Läuten der Kirchenglocken an. Alfred fegte, an die Löwen— gruppe angekommen, mit dem Aermel den Schnee von einer Bank und setzte sich hin, um hier in Ruhe ihrem erhabenen Klang zu lauschen. Diesmal erfüllte das Geläute seine Seele mit einer reinen, stillen Freude; eine Stimmung der Andacht, die er seit langer Zeit nicht empfunden hatte, kam über ihn. Jetzt fühlte Alfred erst recht deutlich, daß er richtig gehandelt habe. Er fühlte, daß die Zeit ein Anrecht auf seine Kraft und sein Talent hatte, aber anstatt ihn zu bedrücken, ließ die Schwere dieser Verantwortlichkeit seinen Muth wachsen.„An die Arbeit, Alfred, unsere Zeit bedarf Männer!“ sprach er laut.
Eine freudige Begeisterung überkam ihn— er schätzte sich glücklich, in einer Zeit zu leben, wo das Streben nach Wahrheit und Realis— mus dem ganzen Sein und Wirken des Menschen eine so gesunde und natürliche Richtung gab.
Aber jetzt erblickte er zugleich die Gefahren und Versuchungen, die in dieser Richtung liegen. War er doch selbst diesen Versuchungen
für längere Zeit erlegen, war er doch durch seinen Realismus schließlich in Materialismus verfallen.—
„Und gegen diesen Materialismus, der die Grenzen des ewig Wahren und Schönen überschreitet, um entweder leichtsinnig und oberflächlich zu werden,— oder in einen überspannten Pessimismus zu verfallen, dessen nothwendige Folge jene unsichere, nervöse Halt⸗ losigkeit ist, das tranrige Kennzeichen unserer hyper⸗klugen Zeit,— dagegen wollen wir ankämpfen“, sprach er leise, indem er sich erhob. Er fühlte sich so erhaben, so glücklich bei diesem Ge⸗ danken, als er mit hocherhobenem Haupte unter den verschneiten Bäumen dahinschritt. Einmal lächelte er still vor sich hin.
„Und diese Verwandlung hast Du einer kleinen Näherin und den Berliner Thurmwächtern zu verdanken!“ sagte er.
Aber wenn er auch ein wenig darüber spottete, die Verwandlung, der sein ganzes inneres Wesen im Lauf so kurzer Zeit unterlegen war, ruhte auf einem tief moralischen Grund, der immer vorhanden gewesen war und nur auf den befruchtenden Keim gewartet hatte. Dieser Keim war jetzt in einer ernsten Stunde in seine Seele ein— gesenkt worden und hatte sofort tiefe Wurzeln geschlagen.
Er dachte dies Alles, als er durch den Thiergarten auf seine Wohnung zuschritt.
In seinem Studierzimmer angekommen, welches im Laufe der letzten zwei Jahre durch überall angebrachte Makart-Bouquets, frivole Bilder und Sprüche seinen Charakter als ein solches so ziemlich verloren hatte, wurde sein Auge sofort von diesen Gegenständen beleidigt. Heftig riß er die staubigen Dekorationen, aus denen ein wahrer Schwarm von Motten herausflog, von der Wand. Dann öffnete er einen kleinen Geldschrank, nahm eine Banknote und steckte dieselbe in ein Kouvert. Auf ein Stück weißes Papier schrieb er: „Als Gruß von den Sylvesterglocken.“ Dieses Papier wurde nun auch in das Kouvert gesteckt. Darauf versah er den Brief mit Adresse, klingelte und übergab ihn seinem Diener zur Beförderung durch die Post.
Alfred öffnete das Fenster. Der Himmel war klar geworden, eine reine kalte Winterluft schlug ihm entgegen. Drüben lag der Thiergarten in seinem weißen jungfräulichen Gewande wie neugeboren.
Die knarrenden Schritte der Fußgänger und das ferne Getöse des Schellenklanges drangen schwach an sein Ohr. Ueber ihm blinkten die Sterne so friedvoll und heiter, und er glaubte den letzten hin⸗ sterbenden Klang des Läutens zu hören, der ihm wie ein demüthiges Flehen ertönt war, wie ein Werben um die Liebe und die Kraft des Menschen— für die Menschen.
Lose Blätter.
Kleinrussisches Idyll.(Siehe Illustration.) Die Ukraine, das Land im Südwesten des weiten Czarenreichs, ist die Heimath der Kleinrussen. Einst nannten sich die Bewohner der fruchtbaren Ebenen am Dniester und Dnjiepr Kosacken, d. h. Krieger, und etwas von dem wanderlustigen, abenteuer⸗ lichen Sinn ist ihnen geblieben, den Nachkommen jener Wandervölker, die einst mit ihren Herden durch die weiten Ebenen zogen und wilde Kämpfe mit ihren Nachbarn führten. Im Laufe der Jahrhunderte sind die Kleinrussen seßhaft geworden, und blühende Städte wie Kiew und Charkow erheben sich aus den fruchtbaren Ebenen, die jetzt der Pflug längst in reiches Kulturland verwandelt hat. Es ist ein schöner Menschenschlag, der heute die Ukraine bewohnt. Mit den Polen und Orientalen haben sie den Sinn für malerische Trachten gemeinsam, und in ihrer Seele liegt ein seltsamer Hang zur Schwer⸗ muth. Dies prägt sich in ihren Volksliedern aus. Die Kleinrussen lieben die Musik, und das blühende schöne Liebespaar, welches an den schilf⸗ bekränzten Stromufern hinwandert, fühlt bei den Tönen der Geige eine süße Erhebung der Seelen. Die Geliebte hat sich bräutlich geschmückt und die Wasserrosen, welche sie bei der Bootfahrt pflückte, in den Gürtel gesteckt. Der bräunliche Geiger führt die gluthäugige Dirne in seine Bauernhütte, wo sie sein Weib wird. Im Frühling und Sommer ist's schön in der Ukraine, da sind Wiesen und Weiden mit leuchtenden Blumen übersäet, und die Stromufer von Schilf und Röhricht wie von grünen luftigen Wällen umhegt. Wachteln, Enten und Störche nisten zu anenden an den Strömen, Flüssen und Bächen, und Viehberden beleben die Weiden. Wenn aber im Herbst die eisigen Oststürme über das Land braufen, schwindet die farben⸗ reiche Vegetation hin, die Vögel ziehen dem Süden zu, Vieh und Menschen suchen das schützende Dach des Hauses auf. Bald ist die Ukraine verödet; weiße Schneedecken umhüllen Wald, Flur und die Behausung der Landleute. Dann suchen die Kleinrussen durch Tanz und Mustk ihr Haus zu beleben. Das schöne Menschenpaar, welches im Sommer sein Nest baute, träumt dann bei den schwermüthigen Weisen der Geige oder eines Volksliedes noch einmal den schönen Liebestraum. Vor ihrer Phantasie ersteht wieder die blühende Natur, und sie hören den Lockruf der Wachtel und sehen die Purpurgluth der Abendsonne. R. E.
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