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„Nein,— ich will es auch nicht wissen,“ antwortete sie schluchzend und rang mit ihm aus voller Kraft.
„Weil ich Sie liebe, Marie!“ schrie er, und mit der wilden Gewalt der Leidenschaft hob er das sich heftig sträubende Mädchen empor und trug es wie ein Kind nach dem Sopha. Hier ließ er sie wieder los und warf sich auf die Knie vor ihr nieder. Er sprach kurz und athemlos weiter:„Geliebtes Mädchen, ich will Ihnen ja nichts Böses anthun, nur bitten will ich, bitten— bis Sie mir Gehör geben!“
Marie schluchzte. Abwehrend hielt sie ihre Arme vorgestreckt, um den stürmischen Anbeter fern zu halten. Aber mit der Beredt⸗ samkeit des gewandten Verführers schilderte er ihr das beneidens⸗ werthe Leben, welches sie zusammen führen würden.
Marie hatte aufgehört zu weinen, bald wurde ihr kalt, bald warm; in lichtem Phantasiegebilde sah sie elegante Roben, Brillanten, Equipagen an sich vorüberziehen.—
Ihr Elend, die Dunkelheit, der eindringliche Klang seiner Stimme, alles kam Alfred zu Hülfe, um das arme, gehetzte Kind schwankend zu machen.
„Ist Ihnen meine Liebe denn garnichts werth?“ sprach er mit bebender Stimme.„Sind denn die Rücksichten auf jene konventionellen Schranken und Fesseln, in deren Bann mit den heiligsten Gefühlen die grausamste Komödie aufgeführt wird— sind Ihnen diese Rück⸗ sichten auf das elendeste allen Menschenwerks denn mehr, als die göttliche Stimme der Natur?“
Marie ließ die vorgestreckten Hände sinken. Das junge Mädchen befand sich schließlich in einem Taumel, sie erkannte die Grenze zwischen Recht und Unrecht nicht mehr. 8
Sie erwiderte nichts; aber leistete auch keinen Widerstand, als er sie stürmisch in seine Arme schloß und ihren Mund mit glühenden Küssen bedeckte.—
— Da war es plötzlich, als würde die Luft mit himmlischem Gesang erfüllt. Wie ein warnender Ruf, wie eine ernste rührende Bitte drang das Geläute von den vielen Kirchthürmen der großen Stadt, harmonisch zusammengestimmt wie Orgelgesang, an Mariens Ohr.
Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, befreite sie sich aus Alfreds Armen. Dann fuhr sie schaudernd zusammen in einer Be⸗ wegung, als wollte sie einen Alp abschütteln, der bis jetzt ihr ganzes Wesen gelähmt hatte, glättete mit fieberhafter Hast ihr in Unordnung gerathenes Haar und stürzte ans Fenster. Rasch öffnete sie dasselbe und mit fliegendem Athem und weit geöffneten Augen starrte sie gen Himmel und lauschte den immer stärker und mächtiger werdenden Klängen. Die Sylvesterglocken, ihrer Kindheit liebste und erhabenste Freunde, deren frohlockend vecheißungsvollen Stimmen sie als Kind in frommer Ehrfurcht, mit ge alteten Händen und Andacht im Herzen so glückselig gelauscht, die Sylvesterglocken hatten sie überrascht in einem Moment, wo sie im Begriff war, vom Wege der Pflicht und Ehre abzuweichen!
Lange, lange stand sie am offenen Fenster unbeweglich, wie ab⸗ wesend, dann rang es sich plötzlich wie ein Stöhnen aus ihrer Brust und ein heißer Thränenstrom entquoll ihren Augen.
Auch Alfred Glasow hatte sich erhoben, sein Athem war kurz, seine Wangen glühten. Seine Andachtsstunde war noch nicht ge— kommen. Etwas verlegen beugte er sich und hob seine Cravatte auf, die während seiner stürmischen Liebesbezeugungen heruntergefallen war. Dann ging er zögernd und schüchtern ans Fenster
„Es sind die Sylvesterglocken,“ stotterte er, erröthete aber im selben Moment über seine überflüssige Bemerkung.
„Ja, ja, es sind die Sylvesterglocken!“ sprach Marie in heftigster Erregung, dann faltete sie die Hände zum Gebet und unter strömenden Thränen dankte sie Gott dafür, daß er sie in so wunderbarer Weise aus der Gefahr errettet.
Alfred fühlte das Bedürfniß etwas zu sagen, aber eine Be⸗ fangenheit, die sonst seinem Wesen gänzlich fremd war, lähmte seine Zunge, und noch viel weniger wagte er es in jenem Moment sie zu berühren, eine Achtung wie vor etwas Erhabenem, Heiligem hielt ihn zurück. Marie hatte aufgehört zu weinen. Sie trat einen Schritt zurück. Dann fragte er leise:„Fräulein Marie, kann ich nicht etwas für Sie thun, soll ich vielleicht Ihre Wirthin rufen, daß sie die Lampe bringt?“
Aber sie antwortete:„Nein, jetzt brauche ich keine Lampe mehr, um das Richtige zu finden.“
Alfred Glasow verstand, daß seine Sache verloren war. Beschämt
und betroffen beobachtete er das junge Mädchen, über dessen Be⸗ wegungen und ganze Haltung eine heitere Ruhe lag.
Er stand und zupfte an seiner Uhrkette. Endlich fragte er leise: „Fahren Sie morgen mit, Fräulein Marie?“
„Nein, das thue ich ganz bestimmt nicht, ich habe es Ihnen ja gleich gesagt.“ f i
„Ja— a,“ erwiderte er gedehnt und erröthete verlegen,„aber ich dachte, nach dem was passirt ist—“
„Ach!“ unterbrach sie ihn,„daraus dürfen Sie gar nichts schließen, wir befanden uns beide in einem Irrthum, mein Herr, die Sylvester⸗ glocken haben mir erzählt, daß jetzt ein neues Jahr beginnt,* neues Jahr, welches auf eine würdige Weise angefangen sein Vielleicht wird es mir nur Kummer und Sorge bringen, aber soll mich nicht abhalten, ehrlich und strebsam meine Pflicht zu Wissen Sie, mein Freund,“ fuhr sie nach einer kleinen Pause l“ fort,„ich bin der Ansicht, daß unsere Zeit auch gewisse Anspruch an ein unansehnliches, armes Mädchen macht, daß sogar sie eine Aufgabe hier im Leben zu lösen hat, und bei ehrlichem Streben wird es mir auch hoffentlich mit der Zeit gelingen, etwas Nützliches hier im Leben auszurichten.
Er hatte sie erstaunt und beschämt angehört und wollte grade etwas erwidern, als ein lautes Klopfen an der Thür ihn unterbrach.
Mutter Krüger brachte die Lampe. diskret den alten runzeligen Kopf durch die Thür, aber als sie sah, daß alles in schönster Ordnung sei, trat sie nach einem hastigen Blick auf Mariens derangirtes Haar und geröthetes Gesicht in die Stube herein.
„Entschuldigen Sie, Fräulein, daß die Lampe so spät kommt,“ sagte sie in unterwürfigem Ton, aber zugleich mit einem zweideutigen Lächeln,„ich mußte sie erst reinigen und einen neuen Docht kaufen.“ Sie stellte die Lampe auf den Tisch und sagte mit einem Blick nach dem offenen Fenster:„Ja, ja, nun wird das neue Jahr eingeläutet; möchte es Ihnen nur recht viel Freude bringen und recht viel Geld!“ fügte sie hinzu, indem sie dem jungen Mann einen vielsagenden Blick zuwarf.„Der Winter ist eine schlimme Zeit für arme L die Kohlen sind theuer!“ Sie murmelte es ärgerlich, machte Fenster zu und verließ brummend das Zimmer.
Marie schraubte den Docht in die Höhe. Alfred Glasow, das ungewohnte Licht nicht gleich vertragen konnte, hielt die H vor die Augen. 7
„Ja, verbergen Sie nur Ihr Gesicht, mein Herr!“ rief Marie heiter,„jetzt schämen Sie sich, wo es hell geworden ist, und Sie haben auch alle Ursache dazu. Ein Mann mit Ihrem Talent und Ihren Kenntnissen sollte an einem Sylvesterabend doch wirklich etwas Gescheiteres vornehmen als ein armes Mädchen zu verführen. An die Arbeit, Herr Glasow, unsere Zeit bedarf Männer!“
Er antwortete ihr nichts, er fühlte, daß sie Recht hatte; das acht⸗ zehnjährige Kind hatte ihn, den reifen Mann, beschämt und seinen Gedanken eine ernstere Richtung gegeben.
Er erhob sich und zog seinen Paletot an. Einige Minuten später taumelte er die steile Treppe hinunter und trat in einer sonder⸗ baren Stimmung auf die Straße hinaus. Er schritt rasch vorwärts durch die Straßen. Der Wind peitschte ihm die kalten Schnee⸗ flocken ins Gesicht. Der Schellenklang von den vielen vorüberfahrenden Schlitten, das bunte und geschäftige Treiben auf den Straßen, die schreienden Stimmen der Ausrufer und das elektrische Licht, welches hier und da aus irgend einem großen Laden ihm entgegenstrahlte, alles schien ihm zuzurufen:„An die Arbeit, unsere Zeit bedarf Männer!“
Er hatte die Schloßbrücke erreicht, da fingen die Kirchenglocken zum zweiten Male zu läuten an. Der metallne Klang sprach ernste Worte an sein bereits wach gerufenes Gewissen und reifte in ihm einen Entschluß, zu dessen Ausführung er auch sofort den ersten nöthigen Schritt thun wollte.
Er ging durch den hell erleuchteten Flur des Privathotels Unter den Linden. Vor der Thür mit der kleinen Marmortafel blieb er eine Sekunde stehen. Dann biß er sich in die Unterlippe, und mit entschlossener Miene öffnete er die Thür, ging rasch durch das Speise⸗ zimmer, schob eine schwere Portiere zurück und trat in einen größeren Raum, dessen hauptsächliches Meublement aus grünen Plüsche⸗Chaise⸗ longues und Fauteuils bestand. a
Die Wände waren mit großen Oelbildern behängt, die kaiser⸗ liche Familie und den Reichskanzler darstellend.
An dem einen Ende des Zimmers befand sich ein länglicher grüner Tisch, am anderen ein Billard.
Erst steckte sie vorsichtig und.


