Ausgabe 
1.5.1887
 
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Sie hatte, als Nora sich aufrichtete, strenge Worte an sie gerichtet, Worte, die das Kind erschreckten und einschüchterten; vielleicht hätte noch Ernsteres folgen können, wenn nicht ein sanfter Eingriff seitens der kleinen Lehrerin hilfreich eingewirkt hätte.

Ich glaube, Frau Inspektor, es war ein Stolpern ungeschickt gewiß, aber nicht bedacht!

Aus des Kindes Augen schoß ein dankbarer Blick zu der Für⸗ sprecherin auf. Sie war es seit lange nicht mehr gewöhnt, daß man sie schützte, daß man ihr das Wort sprach.

Die Inspektorin war gegangen. Nora sah sie davongehen und eine Erleichterung schien sie zu überkommen. Es war ihr, als fiele ein Druck von ihr ab, als könne sie plötzlich den Kopf heben wie vordem, und sie that es auch. Sie schüttelte den dichten, krausen Haarwulst aus der Stirn und sah sich mit kindlicher Neugierde um. Dicht neben ihr stand die Lehrerin. Sie zog aus einem vor ihr stehenden Arbeitskorbe verschiedene Strähnen farbiger Wolle und be⸗ gann sie langsam zu dehnen. Alsdann hakte sie die Docke über ihren Ellenbogen und Daumen fest und fing an zu wickeln. Nora's Augen hingen an dem kleinen, ernsten, klugen Gesicht, das jung aus- sah und das doch viele Fältchen um Mund und Augen hatte. Es lag etwas Ruhiges in dem Wesen der Lehrerin, etwas überlegen Ruhiges, das wohlthat und das unwillkürlich Eindruck machen mußte.

Die Mädchen saßen wieder vor ihren Tischen. Die Handarbeiten wurden emsig betrieben. Keine sah auf. Es war völlige Ruhe eingetreten, und durch die Stille des Zimmers hörte Nora den Ruf der Lehrerin:

Komm' mal vor, Kleine!

Sie sprang hastig auf und trat vor.

Du heißest Nora?

Ja.

Bei der zweiten Frage senkte sie die Stimme etwas.

Nora und weißt Du, wie weiter?

Die Frage verblüffte das Kind, und die Verblüfftheit malte sich in dem ausdrucksvollen Gesichtchen ab.

Ja, Nora Held hieß sie. War es möglich, daß es große Mädchen gab wie sie, die ihren Familiennamen nicht kannten? Ihre Augen blickten erstaunensvoll geradeaus. Sie wußte nichts von den Ver⸗ hältnissen, die ein Kind in die traurige Lage versetzen, von seiner Abstammung nichts, nicht einmal einen Namen zu wissen. Der Ausdruck ihres Gesichtes mochte der Dame darüber Gewißheit ge geben, sie auch wohl angenehm berührt haben ihre nächste Frage klang auffällig sanft und weich. 5

Kannst Du stricken, Nora?

Nein.

Nähen?

Nein. f

Kannst Du sonst irgendwelche Handarbeiten machen? Nicht? Na, Du bist auch noch sehr klein. Wir wollen mal gleich mit Stricken anfangen. Komm' nahe heran so.

Nora blickte vor sich nieder. Sie fühlte zum ersten Mal die Mängel einer Erziehung, die sie den Andern gleich gestellt hätte; sie empfand es zum ersten Mal, wie arm sie doch war, und ihre leidenschaftlich empfindende Natur ließ sie die Beschämung, die sie überkam, bitter fühlen. Alle Mädchen strickten oder nähten Alle, auch die Kleinen am letzten Tisch nur sie

Nun paß' auf!

Sie hob zögernd den Kopf. Sie scheute die Blicke der Mädchen, die sie auf sich gerichtet fühlte, und so sah sie von unten herauf mit beschämter Miene auf die Hände der Lehrerin, die sich in jeder Biegung der Finger langsam unterweisend bewegten. Arme Kleine! Wie sie die Sache verwirrte!

Wie verwickelt erschien ihr das Ineinanderhängen so vieler Maschen!

(Fortsetzung folgt.)

Kleine Frauen-Zeitung.

f Die Mode.

Wird denn die Mode nicht einmal beständig? hörte ich letzthin fragen. Gewiß, wenn man dem ewigen Wechsel der Erscheinungen Halt gebieten könnte. Aber da sich dies in unsrer schnelllebigen Zeit, in welcher man unaufhaltsam thätig ist, um neue Schöpfungen bervorzubringen, nicht bewerk⸗ stelligen läßt, so müssen wir uns schon darin ergeben, der Wandelsucht jener Machthaberin zu folgen.

Wenn man es indeß genau betrachtet, so ist die Mode doch nicht so un beständig, wie man gemeiniglich anzunehmen pflegt. Es ist nicht zu leugnen, daß sie fortwährend Neubeiten erzeugt; diese verdrängen indeß keineswegs das Aeltere, sondern lassen dasselbe neben sich bestehen. Daher die un⸗ endliche Vielseitigkeit, welche freilich verwirren, betäuben kann.

Wenn nun einerseits der Verschwendungssucht der nicht N

Damenwelt dadurch ein weiter Spielraum geöffnet wird, so ist

wieder auch der Sparsamkeit der Weg geebnet, und die vernünftigen Frauen können ihre verschiedenartigen Kleidungsstücke mehrere Saisons hindurch

tragen und folglich aufbrauchen, ohne damitaus der Mode zu sein.

Lassen Sie uns heut zuerst die Hüte betrachten! Wissen wir da nicht aus Erfahrung, daß die Erstlinge einer neuen Jahreszeit sich in ihren Formen ewöhnlich an diejenigen der vergangenen Saison anschließen? Denn weichen sie gar zu sehr davon ab, so haben sie kein Glück. Es bedarf immer erst, wenigstens für solche Damen, welche nicht das Excentrische lieben, eines allmählichen Ueberganges, und dies lehrt uns von Neuem der Direktoirehut, welcher sich bereits im Herbst flüchtig am Horizont der Mode gezeigt. Er wird wiederum seinen Einzug halten, wohl aber mehr eine exklusive Mode bleiben, wäbrend als seine Vorboten wie als sein Gefolge sich eine Reihe 1 8 805 Halbcapoten einführt, die des allgemeinen Erfolges wohl sicher sein dürfen.

Kehren wir zu oben Gesagtem zurück, so kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn wir deu so beliebten Toques begegnen, wenn wir nach wie vor die kleine Kapote, die großen runden Hüte, Genre Rembrandt, die großen und mittelgroßen Amazonenhüte und den ihnen verwandten Ligueur und Louis XI. sehen, insgesammt in mannigfachen Wandlungen, alten und neuen. Der Lauf der Mode wird also für die sommerlichen Kopfbedeckungen derjenige sein, den sie im Winter genommen, allerdings mit vielen Neben⸗ wegen. Und die Hüte, welche wir in Sammet, Plüsch und Filz gehabt, werden wir in Tüll, Spitzen und Stroh tragen, aber, wie oben angeführt, außer diesen noch viele andere Faßons, theils Abkömmlinge von den bisher bekannten, theils Originale.

Die sogenannten Uebergangshüte aus französischer Faille wie aus weißen Wollenstoffen, welche nur einzelnen Auserwählten zu tragen erlaubt, haben ihren Zweck erfüllt, und man wendet sich nun den luftigeren und mehr sommerlichen Materialien zu. aus schwarzen Chantillyspitzen und solchem Spitzentüll, ganz schwarz oder durch farbige Schleifen, Federn oder Blumen belebt, ferner Hüte aus schwarzem wie aus farbigem Seidentüll mit Seidenstickereien, oder über und über mit Perlendessins bedeckt. Von den praktischen Damen jedoch, deren Toilettenbudget beschränkt, wird, nachdem sie die winterliche Kopfbedeckung abgelegt, gleich diejenige aus Stroh gewählt. Man begünstigt darin wieder vielfach das englische Stroh, sehr fein, stärker oder ganz grob, und ihm reihen sich in den ungemusterten Geflechten das italienische Stroh in allen gangbaren Farben und das satinirte Brüsseler Stroh an, und später wird sich ihnen der feine Bast(Reiestroh, nicht mit den Bastfasern zu verwechseln, von denen ich später sprechen werde) zugesellen. Auch das Roßhaar und der Hanf sollen wieder in die Mode kommen; ersteres verbindet man ent⸗ weder mit den genannten Stroharten, indem man immer eine Roßhaar⸗ und eine Strohtresse abwechsein läßt, oder man durchflicht es mit grobem Zackenstroh oder mit Hanf und bringt hierdurch breite ein-, zwei- oder mehr⸗ farbige Tressen hervor.

Freilich gehören die letzten Zusammenstellungen nun schon in das Reich des Bhanbeffestrohs, das die Hauptmode der Sommerhüte sein wird. Dasselbe umschließt ferner eine unabsehbare Reihe von Bordüren in allen möglichen Musterarten, festen und theilweise durchbrochenen, welche hier in italienischem Stroh: beige, tabakbraun, grau, strohgelb, vieil or, schwarz, marineblau erscheinen, dort sich in mehrfarbigem Ineinandergeflecht von Bastfasern und Baumrinden, von Binsen und grobem Stroh, von Binsen und Bastfasern präsentiren

Das Paillasson mit seinen breiten Zacken⸗ und Knötchentressen erhält sich ebenfalls, sei es, daß man Hüte allein davon bereitet, sei es, daß man es nur zum Kopf oder zur Krämpe verwendet und den anderen Huttheil dann aus englischem Stroh herstellt. 6

Kurz, alle Stroharten und viele Materialien, welche dem Stroh ähnlich sehen, sind der Mode dienstbar gemacht, und man kann sich wohl vorstellen, welch überwältigende Mannigfalkigkeit durch die stets wechselnden Zusammen⸗ stellungen in Materialien und Farben erreicht wird. Man bemerkt gelbe Strohhüte mit schwarzer, gelb gefütterter Krämpe, Hüte mit braunem Kopf und mit beigefarbenem oder vieil or Rand, mit blauem Kopf und gelbem Rand, Hüte mit gelb und blau gemischtem Kopf und gelber Krämpe, welche

mit einer einzigen, gelb und blau durchflochtenen Tresse abschließt, Hüte mit

beigefarbenem Kopf und marineblau und beige oder mit olivengrün und beige durchflochtener Krämpe u. s. w. ö

Man sieht, es ist viel Kolorit in den Kopfbedeckungen, doch sucht man trotzdem, ich wiederhole es, dieselben in Einklang mit der Toilette zu bringen, wie man denn überhaupt auf eine angenehme und dem Auge wohlgefällige Farben- Komposition hält. Die Hüte aus buntem Phantasiestroh paßt man häufig den karrirten Kleidern an, aber gleichfalls den einfarbigen, und e in Hut aus grobem, schwarz, weiß und grau durchflochtenem Stroh, attnene mit einer schwarzen Sammetschleife, nimmt sich sehr hübsch und distinguirt zu einer schwarzen Toilette aus.

Aber wie auch die Farbenmischung in den Vordergrund treten möge: die schwarzen und die einfarbigen Strohhüte wahren sich ihren festen Platz in der Mode. 1

Die Spitzen und die Perlen, die Blumen und die Schleifen aus Faille · Pikotband, besonders aus solchem mit großen Schnurpikots, bilden den her⸗ vorragenden Ausputz auf den Kopfbedeckungen. An schwarzen Brüssler Stroh⸗ und Baftbüten, vornehmlich in runder Form, wird der Kopf zu⸗ weilen glatt mit schwarzem, reich gemustertem Chantilly⸗Spitzentüll über⸗

Besonders begehrt sind gegenwärtig die Hüte