Ausgabe 
31.1.1886
 
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der nahen Apostelkirche f

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hörte man, wie der Mann dem Thier etwas zuflüsterte, ein Wort, das kaum die Nächstsitzenden hörten, das aber von dem Hunde ver standen und mit einem verständnißvollen Blick beantwortet wurde.

Gewöhnlich verweilte der Fremde, dessen Namen selbst den Kellnern noch ebenso unbekannt war, wie am ersten Tage seines Erscheinens, eine Stunde im Kaffeehaus. Wenn es auf dem Thurm

sieben Uhr schlug, legte er die Zahlung auf das Kaffeebrett und ging. Nur selten, wenn die Zeitungen besonders interessante Nachrichten brachten, blieb er länger, nicht zum Vortheil seiner sichtlich sehr angegriffenen Lunge. Denn um diese Zeit füllte sich das Café mit zahlreichen Gästen, deren dampfende Cigarren die Luft verschlechterten und die Brust des Unbekannten zu heftigem Husten reizten. Dann erhob sich der Hund, legte seinen Kopf auf die Kniee seines Herrn und blickte denselben so ausdrucksvoll an, daß dieser, unfähig der stummen, aber doch eindringlichen Mahnung zu widerstehen, die Zeitung weglegte. Wenn er sich dann zum Gehen erhob, folgte ihm das Thier froh wedelnd, erfreut, daß sein Herr seiner Aufforderung gefolgt war.

Zuweilen traf es sich, daß ich zufällig zu gleicher Zeit das Café verließ; dann kam es mir vor, als spreche der Mann mit dem Thier, das immer dicht neben ihm herschritt. 1

Meine Freunde und mich interessirte der Mann, obwohl wir nie ein Wort mit ihm gewechselt hatten. Er wich jeder Unter⸗ haltung aus. Doch entging es uns nicht, daß der stumme Gast, wenn die Unterhaltung auf die politischen Tagesfragen kam, mit großer Theilnahme lauschte. Zumal, wenn sich die Meinung geltend machte, daß eine Niederlage Oesterreichs in Italien eine Auferstehung der Freiheit und Einheit Deutschlands zur Folge haben werde.

Bei solchen Worten leuchtete es in den Augen des Unbekannten auf und über sein blasses, krankhaftes Gesicht flog ein flüchtiger rosiger Schimmer.

Mit jedem Tag wuchs indessen die Spannung auf dem politischen Schauplatz. Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges wurde immer größer. Jugleich aber wurden die Vertheidiger der österreichischen Herrschaft in Italien zahlreicher und lebhafter.

Es waren vor Allen zwei jüngere Assessoren und ein ihnen befreundeter Baron von Grüner, welche diesen Standpunkt ver traten. Baron Grüner, ein Mecklenburger von Geburt, war ein Mann von einigen vierzig Jahren. Groß, breitschultrig, mit wein rothem Gesicht, kurzgeschnittenem flachsartig blonden Haar, starkem röthlichen Schnurrbart, den er in lebhafter Erregung durch die Finger laufen ließ. Von seinem Vorleben wußten wir nur Weniges. Er war in sehr jungen Jahren Lieutenant in einem österreichischen Kavallerieregiment gewesen, später Adjutant im Dienst eines kleinen deutschen Fürsten. Eine reiche Heirath hatte es ihm ermöglicht, den Dienst zu quittiren. Er war Wittwer. Er hielt sich wegen einer Prozeßsache aus einer Erbschaft in der Stadt auf und seine Bekanntschaft mit den Regierungsassessoren war die Veranlassung, daß er auch öfters in das Cafe kam.

Er war auffahrend, stolz, anmaßend, ein Feind jeder freisinnigen Meinung. In seinen Augen waren die Völker die leibeigenen Sklaven der Fürsten, wie vor noch fünfzig Jahren die Bauern in seiner mecklenburgischen Heimath das Eigenthum der Ritterguts besitzer gewesen waren. Er duldete nur ungern einen Widerspruch und renommirte viel mit seinen Duellen, die er bestanden habe. In seinen Augen waren die Italiener Rebellen, die sich gegen ihren Landesherrn empörten, Kerle, die den Korporalstock, Spießruthen und Galgen verdienten. Pulver und Blei seien noch viel zu gut für sie. Da gab es nun zuweilen sehr leidenschaftliche Auseinander setzungen, die vielleicht nur deshalb keine ernsteren Folgen hatten, weil man den Baron für etwas beschränkt hielt und ihn nicht sehr ernsthaft nahm, und weil sodann die Bekannten desselben, die beiden Regierungsassessoren, gute und artige Menschen, als Vermittler guftraten.

Eines Tages indessen, an einem kalten Februarabend, war der Baron, der von einem sehr reichlichen Diner kam, verletzender als je. g Das Café war sehr gefüllt, auch der Mann mit dem schwarzen Hunde saß still in seiner Nische, in unmittelbarer Nähe des Barons Grüner und las in derAugsburger Allgemeinen Zeitung, welche damals die zahlreichsten Mittheilungen über die Vorgänge in Italien enthielt.

Ein Ingenieur meinte, wenn Italien frei von der österreichischen Herrschaft würde, dann müsse das auch für Deutschland gute Folgen

haben. Daun würde das Werk, das man 1848 begonnen, zu einem guten Ende geführt werden. 2 Sie meinen das Werk der Freischärler, fiel der Baron ein, der Banditen, die den Fürsten Lichnowsky und General Auerswald todtschlugen und den Kriegsminister Latour in Wien an den Laternen pfahl aufhingen? 5 und Robert Blum, den Windischgrätz todtschießen ließ, obwohl er als Mitglied des Parlaments unverletzlich war? Und die unga⸗ rischen Generale, die Haynau in Arad hängen, die Frauen, welche er in Brescia peitschen ließ? Von anderen Gräuelthaten gegen die Volkskämpfer gar nicht zu reden, entgegnete der Ingenieur lebhaft. Volkskämpfer? höhnte der Baron und zog seinen rothblonden Schnurrbart durch die Finger.Volkskämpfer nennen Sie die Kerls von Achtundvierzig? Räuber, Bummler, schlechte Subjekte waren sie Alle! Gegen ihren rechtmäßigen Souverän haben sie gefochten, schrie er dunkelroth vor Wuth,die Schleswig-Holsteiner waren eben solche Rebellen, wie die Italiener. Und ich wiederhole es, alle diese Volkskämpfer von Achtundvierzig, mögen sie nun auf den Barrikaden oder in Schleswig-Holstein gestanden haben, sind Lumpengesindel gewesen... Alle... wiederholte er herausfordernd und den Ingenieur und ein paar Studenten, die sich bei diesen Worten er hoben hatten, scharf fixirend. g Da, noch ehe Jemand etwas erwidern konnte, sprach hinter dem Baron eine ruhige, klare, fast sanfte Stimme: 05 Das ist eine Verleumdung, die Niemand beweisen kann. Alle Köpfe wandten sich überrascht nach dem Sprecher. Das Er⸗ staunen wurde noch größer, als man entdeckte, daß es der Unbekannte war, welcher den Widerspruch erhoben hatte. Der Baron wurde purpurroth im Gesicht. Seine Stirnadern quollen auf und lagen wie Stricke über den Schläfen. Mit rascher, heftiger Geberde stand

er dem blassen unbekannten Manne drohend gegenüber, Auge um Der Unbekannte, der sich hoch aufgerichtet hatte, war eben

Auge. so groß als der Baron, nur viel schlanker, schmächtiger, seine Hal

tung, nach vorwärts geneigt, wie das bei Brustkranken der Fall,

weniger stramm. Sein Hund hatte sich gleichfalls erhoben und seine klugen treuen Augen wanderten beobachtend von den Zügen seines Herrn auf das drohende Gesicht des Burons. f Wer sind Sie? Wie können Sie sich unterstehen, sich in unser Gespräch zu mischen? fuhr Herr von Grüner den Unbekannten an. Zu jener Zeit herrschte noch nicht die militärische Vorstellungsweise von heut zu Tage in gesellschaftlichen Kreisen. Man trat damals noch nicht in öffentliche Lokale an einen Tisch und stellte sich mit den WortenKaufmann Schulze oderAssessor Lamm der Tafel runde vor, sondern überließ die Vorstellung dem Zufall und der Gelegenheit. N Der Unbekannte hatte diese Gelegenheit nie gesucht. Desto mehr überraschte seine heutige Einmischung. Auf die brutale Frage des Barons zuckte er leicht mit den Achseln. Mein Name thut nichts zur Sache, entgegnete er, dem drohen den Blick des Barons begegnend.Aber das, was Sie soeben sagten, war eine Verleumdung. f

Es lag etwas in dem Wesen des Fremden, das auf jeden An

wesenden einen tiefen Eindruck machte. Etwas Entschiedenes, Festes, das sich nicht leicht durch laute, drohende Worte einschüchtern ließ. Der Baron mochte selbst so etwas fühlen.

Ich bin der Baron von Grüner, Ritter.. Er nannte eine Anzahl Orden, die ich vergessen,Erb, Lehn- und Gerichts- herr auf Klein-Malchow und Groß-pelzin..

Als der Fremde den Namen hörte, zuckte er leicht zusammen und richtete einen raschen forschenden Blick auf das vunkelrothe zorn glühende Gesicht des Barons. Es schwebte ihm sichtlich eine Frage auf den Lippen. Dann aber bezwang er sich und entgegnete ruhig: Ich habe nichts dagegen, ich möchte Sie nur bitten, Ihre Ver⸗ leumdung zurückzunehmen. g

Herr, Sie werden unverschämt, schrie jetzt der Baron.Wer sind Sie, frage ich noch einmal?

Der Andere zögerte einen Augenblick. Auf seinen blassen Wangen brannten zwei glühend rothe Flecken. ö

Meine Name thut nichts zur Sache, sagte er endlich in halb lautem Tone,indessen wenn Sie ihn kennen wollen ich heiße Walther Frank. Aber nun bitte ich Sie nochmals, setzte er mit lauter, fester Stimme hinzu,Ihre Behauptung zu widerrufen. Der Vorgang hatte etwas Eigenthümliches, so daß die sämmtlichen

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