Ausgabe 
31.1.1886
 
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Lächeln voll Muth und Ergebung. Der kleine Kahn, zur Hälfte mit Seerosen gefüllt, trieb auf den Wellen.

Sie wollte sich Blumen zum Feste holen und hat sich zu weit vorgeneigt! klagte Oktav mit den jungen Gästen. Nur Marianne und ich, wir wußten es besser!

Auf meinen Armen trug ich die liebliche Leiche ins Haus; kein Belebungsversuch erzeugte auch nur eine Spur von Roth auf ihren Wangen.

Des Freiherrn entsetzliches Weh, Oktav's herzbrechender Jammer, Gottlieb's und der Uebrigen Erschütterung zu beschreiben, wäre unmöglich. 5 N

Nur Mariannens Augen und die meinen blieben thränenlos. In stummer Verzweiflung kniete ich am Bett der Todten, bis eine barmherzige Ohnmacht ihre düsteren Schleier um mich wob.

Lange, lange lag ich besinnungslos, in seligem Vergessen. Als ich im Mittagssonnenschein des nächsten Tages erwachte, führte mich Oktav, der schluchzend an meinem Lager gesessen, durch die verödeten Gastzimmer nach jenem rothen Saal, wo nun die Gestorbene unter den strahlenden Augen ihrer Mutter in den Sarg gebettet lag. Ihr schöner Leib war von Mariannens Brautkleid umhüllt und auf dem gelösten, goldenen Haar ruhte der Myrthenkranz, den sie der Schwester nicht überreichen wollte.

Zehn Jahre sind seit jenem Scheiden verflossen. Ich habe

dieselben im weitesten Sinne der Trauer um die süße Todte ge

widmet, denn mein Leib und mein Geist war durch die Erschütterung des Schmerzes in ein langes, thatloses Siechthum verfallen, aus dem mich weder ärztlicher noch geistlicher Beistand zu erretten ver⸗ mochte. Auch meine Kunst war mit meinem Glücke gestorben. In Florenz, wohin ich mich vor der quälenden Theilnahme meiner Freunde flüchtete, fristete ich mir von dem Ertrage einiger Zeichen⸗ stunden mühsam mein Leben.

Hier war es, wo Octav, der liebe, treue, geduldige Gesell, mich meiner feindseligen Verbitterung zum Trotz vor Kurzem aufgespürt hat. Das Wiedersehn mit dem jungen Genossen, der inzwischen schön und edel wie ein Apoll herangeblüht war, erschütterte mich so gewaltsam, daß zum ersten Mal seit zehn Jahren ein heißer Thränenstrom meine im Schmerz erstarrte Seele von ihrem Eises bann befreite.

Unermüdlich hat der geliebte Freund indessen sein Samariter⸗ werk fortgesetzt, dessen Vollendung er sich, wie er in seiner heiteren, frischen Weise sagt, zur Aufgabe gestellt hat, ehe er nach seines greisen Vaters Wunsch die Bewirthschaftung von Sassen übernimmt, um derentwillen er seiner militärischen Karriere entsagt hat.

Indem er mir seine Hoffnungen und Pläne enthüllte, zwang er auch mich mit sanfter Gewalt, von dem Vergangenen zu plaudern und in der Zukunft Zwecke und Ziele, die ich verloren hatte, wieder zufinden.

Sogar arbeiten lernte ich auf's Neue, da er nun, wie in ver gangener Zeit, mit den treuen Augen den Bewegungen meines Pinsels folgt. 2

Als wir vor einigen Tagen an einem naßkalten Decemberabend durch die dämmernden Straßen gingen, blieb er plötzlich stehen.

Weißt Du, daß es bald Weihnachten wird und daß ich nach Haus muß? Der Vater und Marianne allein zum Fest mit ihrer Wehmuth, das ist unmöglich! Und doch gehe ich nur unter einer Bedingung. Ich will es nicht besser haben, als Du! Komm Du mit mir, das ist meine Bedingung!

Da nach zehnmaligem traurigemNein sich endlich ein schwer müthigesJa meinen Lippen entwand, jubelte er:Nun habe ich gewonnen! Weißt Du noch, wie wir vor langen Jahren zum ersten Male in Sassen einfuhren? wie Mariannens liebe Augen

uns willkommen hießen? Ach, Veit, wenn Du wüßtest, wie weh es ihr thut, daß Du Dein Leid so allein vertrauerst! Meinst Du, daß sie kein Recht habe, Dir eine Freundin zu sein? Aber was sehe ich? Nein, nein, jetzt keine Thränen! Du hast es

versprochen, Du bist unser Weihnachtsgast! Und vielleicht ent zündest Du Dir zum zweiten Male eine Lebenshoffnung am Lichte der Christtanne!

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hatte auch für den flüchtigen Beobachter etwas Fesselndes. Zuweilen

Hein bester Freund.

Novelle von Karl Wartenburg.

Es war ein großer, aber trotzdem anheimelnder Raum das Café national, in dem ich zur Zeit, da sich die nachstehende Geschichte zutrug, mit meinen Freunden verkehrte. Die dunklen Tapeten, von Cigarrendampf und Gasgluth gebräunt, paßten zu dem mächtigen Pfeiler in der Mitte, von dessen Kopf die hohen Schwibbogen der Decke ausliefen, wie zu den Tischen mit braunen Holzplatten und den kleinen Sesseln mit Strohgeflecht. Der Cafetier, ein alter, dicker, weißköpfiger Graubündtner, der vor vier Jahrzehnten als junger Mensch in diese große Handels- und Universitätsstadt ein⸗ gewandert war und es durch Sparsamkeit und Fleiß vom armen Zuckerbäckergehilfen bis zum wohlhabenden Eigenthümer gebracht hatte, hielt weniger auf Vergoldungen, Marmortische und Wand⸗ spiegel, als auf guten Kaffee und echtes Kirschwasser. Auch fand man bei ihm die meisten Zeitungen. Der alte Selly hatte, als in der Schweiz der Sonderbundskrieg 1847 ausbrach, eine be⸗ deutende Summe für die Verwundeten in die schweizerische Hei math geschickt, da er zu dick war, um selbst die Flinte zu ergreifen. Das Bildniß des Gemahls Dufour, des Besiegers des Sonderbundes, hing in einer Nische inmitten der Portraits Robert Blum's und Friedrichs von Schiller. 5

Robert Blum war für ihn der unvergeßliche Freiheitskämpfer und Märtyrer des Jahres 1848; und in Schiller verehrte der alte Schwyzer den Sänger des Tell. 8

Diese Bilder waren übrigens die einzigen Kundgebungen Sellys bezüglich seiner politischen Meinung. In Unterhaltungen über Politik ließ er sich nie ein. Seine ganze Beschäftigung bestand darin, hinter seinem Büffettisch, wo er Sommer und Winter in heller Jacke, die weiße Schürze über den dicken Leib gebunden, saß, die beiden Kellner, junge Landsleute von ihm, zu überwachen. Das Cafe war der Sammelplatz freisinniger Männer aller Stände, wenn schon auch Andersdenkende dasselbe besuchten. Den Parteihaß von heute, der sogar öffentliche Lokale für Anhänger einer gewissen Richtung in Acht und Bann thut, kannte man damals noch nicht.

Es war in den ersten Tagen des Jahres 1859. Der bleierne Druck, welcher nach dem Scheitern der großen Volksbewegung von 1848 und 1849 auf Deutschland lag, begann zu weichen. Noch saß zwar der Bundestag zu Frankfurt am Main, noch hielten die Beust, Dalwigk, von der Pfordten, die Minister des Rückschritts, die Zügel in den Händen, aber die Reaktion schauerte schon zu⸗ sammen vor dem frischen Hauch, der durch Deutschland zu wehen anfing. Das Rußland des Czaren Nikolaus war mit Sebastopol in Trümmer gesunken, der Czar selbst in das Grab. In Preußen war die neue Aera angebrochen. 5

Im Café national ging es um diese Zeit stürmisch zu. Man stritt sich stundenlang darüber, ob es zwischen Oesterreich und Frank reich und Italien zum Kriege kommen werde, welche Rolle der deutsche Bund und Rußland spielen würden, wer siegen werde. Die große Mehrheit der Gäste, Studenten, Schriftsteller, Kaufleute, Künstler, Gelehrte, Techniker wünschten die Niederlage Oestreichs, in dessen Regierungssystem sie den Erbfeind der deutschen Einheit und Freiheit erblickten. Blos ein paar junge Regierungsassessoren traten für Oesterreich in die Schranken, da es zum deutschen Bund gehöre; deshalb müsse man seiner Armee auch den Sieg wünschen.

Unter den Besuchern des Café National gab es nur Einen, der sich niemals an diesen Gesprächen betheiligte, obwohl er ein täglicher Gast in dem Lokal war. Es war dies ein schlanker, blasser, bärtiger Mann in mittleren Jahren, der regelmäßig um sechs Uhr Abends mit seinem Hund erschien, sich in die Fensternische mit den Bildern setzte, seinen Kaffee trank und die Zeitungen las. Zuweilen raunte er ein Wort seinem Hund zu, der, stets zu seines Herrn Füßen liegend, der unzertrennliche Begleiter des Mannes war. Es war ein mittelgroßes schwarzes Thier mit langen herab⸗ hängenden Ohren und weißen Vorderpfoten. Der Hund war nicht mehr jung. Er konnte seine elf oder zwölf Jahre auf dem Rücken haben. Man sah es auch an dem klugen, verständigen Ausdruck seines Gesichts, besonders seiner braunen Augen, daß er seine Er fahrungen gemacht hatte.

Das Verhältniß zwischen dem Hund und dem blassen Mann

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