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zu den
Oberhessischen UMachrichten.
Nr. 5.
Gießen, den 31. Januar.
Die Schwestern.
Von Frida Schanz. (Schluß.)
Wit einem kräftigen, willensstarken Entschluß raffte ich mich endlich aus meinem Brüten empor.— Wieder und wieder, bis ich mich völlig überzeugt glaubte, hielt ich es mir vor, wie tollkühn es sei, an einem Glück zu mäkeln, das mir der Himmel in über⸗ schwenglicher Güte an's Herz gelegt,— wie sündhaft, die un⸗
vergleichliche Treue und Sanftmuth einer so ungewöhnlich edlen,
vornehmen Mädchenerscheinung, wie Marianne es war, gegen die Vorzüge einer anderen abzuwägen. Mit dem Gefühl eines erkämpften Sieges über eine erwachende Leidenschaft kam mir endlich meine Ruhe wieder und mit ihr ein 5** 5 9— 77 1 1 Hauch jener Freude, die ich noch vor wenig Tagen so voll und wohl⸗ thuend bei dem Gedanken an das Kommende empfunden hatte. Dringender, als je vorher, erwuchs mir nun das Bedürfniß nach einer Aussprache mit Mariannen. Im Darlegen meiner Zukunfts- pläne, der künstlerischen Errungenschaften und Hoffnungen, die mir
aus dem Pariser Aufenthalt erwachsen, wollte ich mir Bestätigung
ihres Verständnisses, ihrer Theilnahme, ihrer seelenvollen Neigung uchen.—
Ihren klangvollen Namen leise auf den Lippen tragend und ihr liebenswürdiges, anmuthiges Bild mit meinem geistigen Auge um⸗
fassend, schritt ich die Treppe nach ihrem Zimmer hinab. „ 0 0 K
Zum ersten Mal stand ich, Einlaß begehrend, vor diesem Mädchenheiligthum still.— Vielleicht wäre alles, alles anders ge⸗ kommen, wenn jetzt, da mein ganzes Herz ihr ehrlich entgegen— schlug, ihr trautes„Herein“ auf mein erwartungsvolles Klopfen
erklungen wäre, wenn sie mir vergönnt hätte, in ihrer reinen Nähe
von dem kaum bezwungenen Sturm zu rasten, mein heißes Haupt knieend in ihren Schooß zu bergen und meine bedrückte Seele im Vertrauen auf ihre geduldige Liebe ihrer Bürde zu entlasten.
Aber das mit Zittern erwartete:„Herein“ erscholl nicht, kein Laut, kein Tritt regte sich drinnen!— Als ich voll Erregung und Ungeduld die Thür k öffnete, fand ich das Zimmer leer und sah mich nun in selbstvergessener Rührung in dem traulichen Nestchen um, von dessen Ordnung und Harmonie nur das in scheinbarer Achtlosig— keit über die Lehne eines Divans gebreitete Brautkleid abstach.
Zum ersten Male überkam mich im Banne dieses kirchenstillen, resedaduftenden Gemachs mit seinen weißumwallten Fenstern, seinen von der braunen Wand abstechenden, edelschönen Büsten und Zeich⸗ nungen, seinem blumengeschmückten Arbeitstischchen und den mit den zartesten und sinnigsten Luxusgegenständen bedeckten Konsolen eine Ahnung des Opfers, welches das Weib in selbstloser, stillschweigen— der Zärtlichkeit dem Manne bringt, mit dessen Heim sie das theuere Asyl ihrer Mädchentage vertauscht.
Ein rascher Schritt, der auf der Treppe erscholl, weckte mich aus meinem Sinnen.
„Ah, Du hier, Veit,“ ertönte Oktav's Stimme von der Thür her,„hast Du nicht Käten gesehen?“
„Nein, aber ich suche Mariannen, vielleicht kannst Du mir helfen!“
„Gewiß,“ entgegnete er.„Ich glaubte, Du seist bei ihr.— Soeben sah ich ihr Kleid noch zwischen den Rüstern im Park.— Ich muß nämlich Ausschau halten, daß ihr Beide uns nicht zu nahe kommt, wir halten Proben ab.— Wo nur Käte steckr?:
„Wenn ich sie sehe, schicke ich sie Dir,“ rief ich ihm noch nach, als er mich an der Hausthür verließ, um dem Gartensalon wieder zuzueilen, durch dessen Glasthüren ein köstliches Gemisch von jungen lachenden Stimmen in die geheimnißvolle Schwüle des sinkenden Sommernachmittags hinein hallte.
Ich weiß nicht, ob es der glückverheißende Klang dieser Stimmen allein war oder die Zusammenwirkung derselben mit dem flimmern⸗ den Sonnenduft, der durch das reglose Laub auf Büsche und Halme rieselte, dem lichtüberströmten Himmel, dem feinen geheimnißvollen Hauch, den Fichtenharz und Rosen in die Luft webten und dem in meinem Innern nachhallenden wehmüthigen Entzücken, das ich aus Mariannens Zimmer mit hinweggenommen, was mich plötzlich in eine so eigene, traurig-süße Feststimmung versetzte. Mit jedem Schritt, den ich in das immer dichter verwebte Düster des Parkes that, wurde die Sehnsucht, mit der ich Mariannen entgegenblickte, weicher und zärtlicher, die Hoffnung auf das Werdende freier und sorgloser.— Die lieblichen Strophen von Heyse's stimmungsvollem Hochzeitslied für mich hinsummend, ging ich dem Ruf einer Drossel nach, weiter und weiter in das lichtdurchblitzte, dämmergrüne Meer hinein, in dessen Tiefe ich mir ein Stelldichein mit meinem Mädchen träumte, das die Qualen der letzten, furchtsamen Ahnungen, die mir noch den Sinn beschwerten, für immer bannen sollte.
Während ich so, mit allen Fasern meines Seins in dem mir zugedachten Glücke Wurzel zu schlagen suchte, übertönte plötzlich ein leises, schmerzliches Schluchzen das verheißungsvolle Drossellied, das mich dahergelockt hatte.
Ueber Ranken und Gestrüpp hinweg folgte ich dem seltsamen Klageton bis in einen pfadlosen, mit Ginsterstauden überwucherten Theil des Parkgehölzes, dessen schlanke Fichtenstämme gleich Säulen aus dem goldigblübenden, lichtüberströmten Untergrund emporragten. An einem dieser Stämme lehnte Käte im dünnen, weißen Fest⸗ gewand, welches ein blitzender Gürtel leicht und malerisch zusammen— hielt. Ihr langes, wundervolles Haar, das in weichen Wellen über die weißen Falten fluthete, schmückte ein schlichter, goldener Reif, dessen Farbe sich kaum von dem flimmernden Glanze des ent— fesselten Gelocks abhob.
Beim Schall meiner Schritte hob sich das junge Gesicht, d
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