Ausgabe 
29.8.1886
 
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8 f 276 als wolle er in kindischem Liebestrotz erproben, wie lange der Mönch kronen, ob er gleich alles nur als ein gesammtes, unerklärbares seinen Bitten widerstehen könne und ob nicht endlich Freundschaft]Behagen empfand, den letzten Rest von Nachdenklichkeit verscheucht, und Sehnsucht über den schwermüthigen Vorsatz siegen werde. und der Mönch mußte ihn zuletzt mit strafendem Blick an seine

Schon zum zweiten Male blühten die Veilchen an der Kloster⸗ Gefühllosigkeit mahnen, als er bei der Mittagsrast am plaudernden mauer, seit der junge Adler aus dem Nest geflogen war, und noch Gießbach sich lang in die Farren streckte und mit ungefüger Stimme immer war des Mönches Wunsch, einmal wieder in die schönen, zu singen begann: ehrlichen Augen seines Lieblings zu schauen, unerfüllt geblieben.O Mägdlein mit den Augen blau,

Da tönte an einem Malabend der Hufschlag von Wilmar's Hab' Dank für Deine Treu!

Schecken auf's Neue vor dem Klosterthor, und die Brüder, die im Wie lustig dampft der Trunk zum Mahl!

milden Licht der scheidenden Sonne im Hofe standen oder wandelten, Der Kienspan flammt mit 5 Strahl,

ließen sich durch des Pförtners fröhlichen Willkommgruß nicht un Dein Spinnrad geht dabei! 4

gern aus ihren stillen, frommen Betrachtungen wecken. Doch das Als der zweite Reisetag sich senkte, bog die Straße, auf welcher gutmüthige Gesicht des Boten war heut trüb und nachdenklich, und die Reiter daherkamen, nach des Gehringer's Schloß ab.

obgleich im tiefsten Grunde seiner Schelmenaugen auch heut beiIst Euch daran gelegen, eine Viertelstunde Weges zu er⸗

allem Ernst ein Rest seiner unverwüstlichen Laune zu blitzen schien, sparen, sagte Wilram,so reiten wir auf dem schmalen Waldsteig,

so sah man doch der steifen Würde seiner Haltung deutlich an, der freilich Knorren und Wurzeln hat, aber doch näher zum Ziele

daß er bedeutsame Kunde bringe. Zwei große, in dem frisch ge- führt, als die Landstraße.

rötheten Gesicht seltsam wirkende Thränen trübten auch die letzte Der Mönch lenkte sein Roß schweigend durch das Haselgestrüpp,

Spur des frischen Muthes, die seine Blicke noch bewahrt hatten, das den Eingang des Pfades überwölbte; sein Auge war feucht als er den Gottesleuten den Grund seines Rittes zu wissen gab:[und jede Muskel seines Gesichts erwartungsvoll gespannt. Da N

Sein armer, junger Herr lag, von heißem Fieber überfallen, erschaute er bei einer Wegbiegung ein schlichtes, an einen Baum⸗ 1 todtkrank daheim und war drum und dran, das liebe, fröhliche stamm geheftetes Kreuzbild zwischen einem lachenden Flor von 1 Leben dahingeben zu müssen, wenn der blasse Schnitter Tod sich Schwarzdorn und Schlehenblüthen. 14 nicht scheute, solch ein hoffnungsfrisches Reis zu mähen. In TraumReitet voraus! sagte er ernst zu Wilram,meldet mein und Wachen, trotz Fieberangst und Schmerzenspein, seufzte er wie Kommen; in wenig Augenblicken folge ich Euch! Der Knappe ein eigenwilliges Kind nach seinem frommen Freund; ihn einmal ließ seinem Schecken freien Lauf, und während er fröhlich über noch vor dem Tode zu sehen, war sein Flehen, sein glühendstes Sehnen. Steine und Ranken dahinsprengte, ließ er einen schrillen, klaren

Silas, der, während Wilram erzählte, stillschweigend zu der Pfiff durch die hallende Abendluft ertönen. a Gruppe der lauschenden Mönche getreten war, fühlte sein Herz bei Silas aber lag, gleichsam an der Schwelle der Welt, in innigem, der Trauerbotschaft wie von eiskalter Hand gestreift, seine zitternden[flehendem Gebet vor seinem Herrn. Eine tiefe, wunderbare Zu⸗ Finger legten sich bittend auf des Knappen markige Faust. versicht durchströmte sein innerstes Sein, und die Strahlen des

Ich gehe mit Euch, Wilram! sagte er.Stärkt Euch eilig sinkenden Tagesgestirnes, die roth und golden über die zarten zum Heimritt, indeß ich des Abtes Einwilligung erbitte. Frühlingsblumen flammten, ließen sein gebeugtes, mildes Antlitz wie

Ein fast übermüthiges Freudenlächeln ließ Wilram's Thränen- verklärt erscheinen. Eine solche Ruhe überkam den Beter, daß er paar vertrocknen.Das nenne ich Freundschaft! sagte er.Roß nicht gewahrte, wie die Zweige hinter dem Bild des Heilands sich und Lanze will ich verwetten, daß Euer Kommen dem Kranken theilten und eine wehende, lichte Locke zum Vorschein kam. Mit schnellere und bessere Heilung schafft, als all' die Tränke und Pillen, einem tiefen, warmen Athemzug erhob sich der Getröstete; da die man ihn zu schlucken zwingt. Was Rast und Stärkung hallte plötzlich ein jauchzender, seliger Freudenruf an sein Ohr, und anbelangt, so verzichte ich heut gern auf beides, denn Ihr werdet ehe er Zeit gefunden hatte, sich umzuschauen, lag ein lieber, wohl. ermessen, daß mir der Boden unter den Füßen brennt. Ich und bekannter, blonder Männerkopf an seiner Brust, zwei lachende, über⸗ mein Scheck, wir werden der Anstrengung nicht erliegen, und der strömende Augen blitzten ihm mit unsäglicher Liebe entgegen, und geduldige Braune, den mein Roßbube für Euch daherritt, wird zwei zitternde Lippen flüsterten jubelnd und demüthig zugleich: seinem Herrn zu lieb wohl auch seiner guten Pflege Ehre machen.[Vergieb mir, Silas, vergieb mir!

Trotz seines selbstlosen Verzichtes ließ sich der Brave den gold Es dauerte lange, bis der Mönch sich so weit zu fassen ver klaren Trunk, den der Kellermeister ihm herbeibrachte, indeß der mochte, daß er nur ein Wort zur Begrüßung des Ungestümen fand. Mönch nach des Abtes Zelle schritt, fröhlich munden. Silas Zu- Der Sturm, mit dem das still erflehte Glück sich an sein Herz stimmung schien ihn von aller Angst befreit zu haben; kein Heiliger[legte, war zu jäh und zu laut, als daß er ihn schnell zu verstehen hätte sich festeres Zutrauen wünschen können, als der gute Gesell' vermochte. Erst als Franz den Betroffenen traulich in's Moos es in die Heilmacht des ernsten Mannes setzte. herniederzog und mit ehrlicher, liebevoller Stimme wieder und wieder

Die beiden Hengste, die im Tannenschatten des Waldrandes sich für den Ueberfall um Verzeihung bat und die ganze fromme, gut⸗ die jungen, würzigen Kleeblüthen und das zarte Maigras schmecken[gemeinte Lüge, mit der er den Widerstrebenden nun doch zu sich ließen, waren mit der Eile, in der Silas sich zum Aufbruch ge- hergelockt hatte, dessen langmüthiger Milde anheimstellte, da schmolz 5 rüstet hatte, offenbar nicht sonderlich einverstanden, so wenig wie die wortlose Zurückhaltung, und die Freude des lang ersehnten 9 der Knabe, der den Braunen hergeritten und der nun unein- Wiedersehens zog rein und voll auch in sein dankbares Herz. 5 gedenk des kranken Herrn das letzte Stück, das er Wilram abIch lernte einsehen, daß kein Bitten und Drängen Dich aus gelauscht, den Finken des Waldes vorpfiff. Deinen heiligen Mauern hervorlocken werde, Du Unbeugsamer,

Gewandter, als Wilram vermuthet hatte, schwang sich der Mönch sagte der Gehringer,und doch wünschte ich so dringend, so sehn auf das Roß, und der Knabe, der hinter dem Knappen auf dem füchtig, Dich einmal, nur ein einziges Mal, losgelöst von der breiten Rücken des Schecken ein Plätzchen fand, sah mit Bewunderung, ehrwürdigen Umgebung, im frischen Tagesstrahl des freien Lebens wie sicher die weiße, schmale Hand den Zügel führte, die sich seit[zu genießen, um Deiner selbst willen, der Du Deinen Ernst einmal, Jahren nur zum Gebet gefaltet. einmal nur vergessen sollst, um hier harmlos heiter den Duft des

In des blassen Reiters Brust wechselte die Stille des gläubigen Daseins ins Herz zu trinken, und meinetwegen, der ich Dich Gottvertrauens mit dem heißen Wogen des Schmerzes. So sehr so innig liebe und mein Recht auf Dich endlich einmal unbeeinflußt er auch das mit dem Ewigen vertraute Herz gegen das bittere, und ganz allein geltend machen möchte! schaudervolle Leid von Tod und Sterben gestählt zu haben glaubte, Der sanfte Vorwurf erstarb auf des Mönches Lippen, als er so schneidend berührte der Gedanke, daß Franz, dieser Vollbegriff[dem lieben selbstsüchtigen Weltkinde ins Auge sah. blühenden irdischen Lebens, sterben könne, ihm den gottgefaßten Sinn.Wie braun und männlich Du geworden bist und wie froh

Licht und hoffnungsreich brach nach dem Zwielicht der Mond. Du dreinschaust, wilder Vogel! sagte er zärtlich.Das Leben nacht der Morgen herein. muß Dir herrlich Wort gehalten haben; deshalb fandest Du wohl

Wilram versuchte ein paar Mal vergeblich, die schweigsame auch das ferne Waldthal nicht wieder, in dem Du doch heimlich

N Schwermuth des Gefährten durch muntere Worte zu bannen; ersehnt wurdest, seit Du an jenem braunen Herbsttag den Fuß übe

1 ihm hatte der Duft des Forstes, das zitternde, thautropfende Gras, die Schwelle setztest! 1

1 der übermüthige Vogelruf und das wonnige Rauschen der BaumIch wußte, daß ich Dir ein wenig fehlen würde, und eben

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