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102.
Kleine Irauen-Zeitung.
Die Mode.
Wenn der Frühling über das Land zieht, so lassen nicht nur die ge⸗ fiederten Sänger der Lüfte ihre Jubellieder ertönen, nein, auch auf Erden klingen von kundigen und unkundigen Sängern die Lenzeshymnen wieder, und tausend Federn regen und bewegen sich, das Erwachen der Natur zu verkünden. Und so müßte ich füglicherweise meinen Bericht heut mit einer Frühlingsschilderung einleiten. Aber erlassen Sie mir, ich bitte, diese Prä⸗ liminarien! Sehen sie sich doch alle einander gleich. Sie wünschen von der Mode zu hören, die, unbeständig wie das Glück, hierhin, dorthin flattert und sich kaum Zeit zu einer kurzen Rast gönnt. Ich beginne.
An Ueberraschungen reich, bringt sie uns für die Frühlingssaison des Neuen in Fülle, wenngleich sie auch das Aeltere in frischer Schöne wieder erstehen läßt. Und wir brauchen uns über letzteres nicht zu beklagen, denn es wäre schade, noch gut Erhaltenes, das uns vom vergangenen Jahre blieb, so schnell bei Seite zu legen. Das Genre Guipüre bewahrt in den Kleider⸗ stoffen seine früheren Rechte und um dasselbe gruppiren sich alle die ihm verwandten Durchbruchs-Gewebe in reiner Wolle wie in einem Gemisch von Seide und Wolle, welche sich in den reizendsten Dispositionen präsentiren. Die Mode dieser Stoffe, welche ein seidenes Unterkleid erfordert, begünstigt, ebenso wie die Mode der Vereinigung verschiedener Gewebe in einem Kostüm, ganz besonders das Aufarbeiten und Arrangiren älterer Toiletten. Man hat einen Rock aus Seide, welcher vielleicht verblichen oder etwas abgenutzt ist; nichts Besseres, als davon ein Unterkleid für einen Anzug aus durch⸗ brochenem Wollenstoff zu fertigen. Oder man hat eine Tunika und Drape⸗ rien aus Seide und man wird leicht das sich ihnen Anpassende zur Ver— vollständigung der Toilette unter den neuen Fabrikaten finden.
Viel, viel Pekings, mit welchem Sammelnamen man alle gestreiften Stoffe bezeichnet, mögen sie nun mit guipüre⸗artig durchbrochenen oder anderen spitzengemusterten Streifen, mit verschlungen oder verschnürt durch⸗ brochenen Streifen, oder mit festen Bouclé-, mit festen, auf die mannig⸗ fachste Art fagonnirten Streifen, mit Bandstreifen oder auch mit mattbunten Streifen auf Voile oder Etaminegrund durchwebt sein! Die großen und schlanken Damen werden mit Vergnügen und der neuesten Mode gemäß die Streifen der Quere nach, also im Genre„Bajadere“, tragen, während die— jenigen von kleiner oder stärkerer Figur Vortheil aus den Langstreifen zu ziehen wissen, welche sie größer und schlanker machen.
Für jeden fagonnirten und durchbrochenen Stoff giebt es, als dazu gehörig, ein schlichtes Gewebe, das mit dem Fond von jenem übereinstimmt. Unsere Toilette wird also wie bisher— und ich deutete dies oben bereits an— aus zwei Stoffen zusammengestellt sein.
Die Voile und die Etamine! diese Namen dürften Ihnen nicht mehr neu genug klingen, aber sie sind bezeichnend für die Webearten, und so ist man übereingekommen, Alles, was fest, fein und dicht, unter„Voile“, was grobfadig und etwas loser, unter„Etamine“, aber selbstverständlich mit ver⸗ schiedenen Attributen zu klassificiren. Diese beiden Arten umschließen zahl⸗ lose Wandlungen, welche das Auge auf den ersten Blick mit„neu“ be— grüßen wird. f
Keine von den bisher angenommenen Farben ist von der Mode eigentlich ausgeschlossen, doch begünstigt sie in Kleiderstoffen vornehmlich die mannig⸗ fachen Beigetöne,„Eichenholz“ in zwei Nüancen, einer hellen und einer dunkleren und Schwarz.
Ein größerer Farbenreichthum macht sich freilich in den Frühlings⸗ und Sommerhüten bemerkbar, und man spricht davon, daß man nicht mehr die strenge Einheit in der Toilette wahren, d. h. nicht mehr den Hut ꝛc. mit dem Kleide in gleicher Farbe tragen will, obschon von anderer Seite wiederum dagegen Opposition gemacht wird. Hier hält man gern an der
sein mag: beide Geschmacksrichtungen werden zum Ausdruck kommen und welche den Siegespreis erhält— bleibt abzuwarten.
Etwas ganz Originelles in Kleiderstoffen bieten die grau⸗bläulichen
Melange⸗Diagonals mit bunt seidenen Kaschmirstreifen, begleitet von schlichtem Wollen⸗Diagonal und von bunten Kaschmirstoffen persischen oder türkischen Stils. Der letztere Stoff wird entweder zu dem Jaquett-Leibchen oder zu dem kurzen Straßen⸗Jagquett, ganz anliegend oder mit losen Vordertheilen, gewählt, während der schlichte Diagonal das Kleid abgiebt und der gestreifte zu den Garniturtheilen dient. Die Vigognes und Beiges in naturfarbenen(d. h. graubräunlichen) und in einzelnen grauen Nüancen sind auch wieder zu neuen Erfolgen berufen. Sie zeigen sich in neuem Gewande mit kleinen Bouclé⸗, wie mit großen abschattirten Carreaur, mit Bajaderenstreifen, mit feinen Langstreifen und mit kleinen Gittercarreaur. Gehören zu derartigen Dispositionen ebenfalls schlichte Stoffe derselben Gattung, so bilden diesenigen mit feinen Streifen und Gittercarreaux eine Gruppe für sich, da sie beide vereint zur Ver— wendung gelangen.
Jedem Wunsche wird also durch die neue Kleidermode genügt werden und Diejenigen, welche nicht die Phantasieen lieben, dürften in dem nuch hüher im Aueh das gegenwärtig so hoch geschätzt und bestimmt ist, noch höher im Ansehen zu steigen, die Befriedigung ihres Geschmackes für ein mäßigeres Genre finden.
Und die Zierrathen, Bordüren und Gehänge aus schwarzem Jet sind es, welche dem schwarzen Kleide seine Triumphe sichern. Man bereitet sehr schöne neue Plastrons und Epaulettes aus Jetperlen, die verschiedenen Parüren darin in Form von Stehkragen nicht zu vergessen.
Aber auch die farbigen Perlen⸗Colliers hören nicht auf, sich die große Gunst, die man ihnen geschenkt, zu erhalten. Alle Formen sind darin
schönen und vornehmen Mode der Farbengleichheit fest. Wie dem nun
zugelassen: das einfache, gerade Band, über und über mit kleineren oder
größeren Perlen benäht— der Schnebben-Stehkragen mit einem Gitterwerk
oder mit kleinen Gehängen von Perlen bedeckt und oben und unten von
einer Perlenschnur eingerahmt— das sogenannte„collier de sauvage““: ein Perlenstehkragen mit breiten, niederfallendem Gitterwerk und Gehängen — diese wie jene Formen insgesammt seitwärts mit einer Schleife aus schmalem oder breitem Picotbande geschlossen. Man trägt derartige Colliers aus Jet⸗, Stahl-, Blei-, Goldperlen, aus goldbraunen, dunkelblauen 2c. Perlen am Tage zu hohen Leibchen, aus feinen Wachsperlen, rosa, weiß, creme, himmelblau, grau; am Abend zu hohen, herzförmig geöffneten oder ausgeschnittenen Leibchen. Ganz neu und reizend, besonders für junge Mädchen, ist das Collier, das vorn aus fünf niederhängenden Schnüren solcher Wachsperlen, hinten aus einem Atlas- oder Moircebande besteht. An letzterem sind auf der einen Seite die Perlenschnüre befestigt, während diese auf der anderen Seite eine entsprechende Bandschleife erhalten, unter welcher das Band, resp. das Collier schließt. In blaßrosa Wachsperlen mit gleichgetöntem Moiréebande, in creme Wachsperlen mit gleichfarbigem oder Hane Moircebande ist das Collier besonders empfehlenswerth.
Die französische Faille wird in den Seidenstoffen herrschen, der Sammet zu den beliebtesten Garnituren gehören. Und so werden wir letzteren wiederum vielfach auf den Leibchen sehen. Dasjenige mit schmaler Weste oder mit Plastron ist die Mode der Gegenwart und wird die Mode der Zukunft sein. Doch variirt man auch und bereitet neuerdings Leibchen: über der Brust etwas eng, um es hier offen zu lassen, oben am Halse mit einem einzigen großen und schönen Knopf aus Perlmutter, Elfenbein, bemalt oder geschnitten, aus ciselirter und vergoldeter Bronze ꝛc., zusammengehalten, und dann die erwähnte Oeffnung mit einem kleinen, schmalen Bausch aus Surah oder Krepp, roth, weiß, jonquillengelb, himmelblau, kurz in irgend einer beliebigen Farbe ausgefüllt. Unter der Brust schließt das Leibchen bis zur Schnebbe unsichtbar mit Haken und Oesen oder mit einer Knopfpatte. Den Hals umgiebt ein kleines Moiré- oder Atlasband, seitwärts zu einer Schleife gebunden, in der Farbe des Bausches.
In dem Leibchenschnitt scheint sich übrigens eine Umwälzung vorzu⸗ bereiten. Die Pariser Modisten haben nämlich ein Leibchen ohne Eimäßer versucht, das sich der Figur, selbst einer starken, wie ein Handschuh an⸗ schmiegen soll. Und was ist hierbei ihr Geheimniß? Dasselbe besteht einzig und allein darin, den Stoff richtig zu legen, zu schneiden und zu präpariren. Der Schnitt findet nur Anwendung bei den Leibchen mit Westen- oder Plastrontheil; unter dem Arm wird nach vorn ein besonderer Seitentheil angebracht und diesem ein vollständig schräg geschnittener Vordertheil an⸗ gesetzt, welchen man mit dem Westen- oder Plastrontheil vom Halse bis zum Schooßrand durch eine ausgehohlte Naht verbindet. Diese Naht ver⸗ tritt die Stelle des Einnähers und sichert den festen Anschluß. Ein solcher Schnitt ist besonders bei gestreiften Stoffen kleidsam, da der schräg laufende Vordertheil sich eigenartig zu dem gerade gehenden Plastron ausnimmt.
Die Mantelets und Visiten, welche man aus Noppestoffen, klein karrirten Tuchen und Cheviots in graubräunlichen Tönen, noch mehr aber aus schwarzen, etamine- und armüreartigen, größer oder kleiner gemusterten Wollgeweben herstellt, bieten noch mehr Phantasien als im vergangenen Jahre. Ich will nur im Allgemeinen deren Form angeben: geschweifter Rücken, sehr kurz, viel kürzer als die Vordertheile, Aermel oder der„An— schein“ dafür: sehr hoch und der Schulter beginnend, sich um den Obertheil des Armes schmiegend und nach unten häufig zu einer Schlinge um⸗ geschlagen, das Ganze die Büste und Taille fest einhüllend. Was die Details betrifft, so werden sie bis in's Unendliche variiren. Man wird schmale, plissirte Vordertheile aus Faille bereiten, die von dem Fagonné der übrigen Theile des Mantelets abstechen, Westentheile aus Faille, breite Plüsch⸗ oder Sammetstreifen oder solche Einfassungen, Theile aus Stickereien oder Perlenstoffen, Bausche aus Spitzen, Spitzenvolants, eckig gespaltene Schöße, welche flach auf den Hüften liegen und den Rücken vom Vorder⸗ theil trennen,— glatte Mantillenenden oder bauschig zusammengefaßte Zipfelenden als Vordertheile, hochgenommene Draperien im Rücken, Schleifen, hier und dort wie durch Zufall ingen vor Allem aber in der Mitte des Rückenschooßes, an welcher Stelle sie sich oft zu einer richtigen Schärpe verlängern. Und zwischen all' diesen Schnitt- und Garniturtheilen flimmern und glitzern die leichten wie die ganz schweren Gehänge aus Jetperlen.
Im Uebrigen bleibt man dem Jaquette treu, das die Mode auch vornehmlich den jungen Mädchen zudiktirt. Es ist im Rücken kürzer als vorn, und man trägt es eutweder knapp anschließend, vorn gerade herunter geknöpft und mit hohem Stehkragen, oder mit losen Vordertheilen, ohne Abnäher und seitwärts oder in schräger Richtung geschlossen und mit um⸗
eschlagenem Stehkragen. Dies sind die bekannten Formen, wie wir sie bereite hatten und wie sie immer noch modern. Doch bringt man Neues durch die Art und Weise der Ausstattung hinein. Die Jaquettes, zu welchen man dieselben graubräunlichen Stoffe wie zu den Mantelets verwendet, ferner noch schwarze, dunkelblaue, dunkelbraune, bronzebraune und russisch— grüne Cheviots, Tuche, Kammgarngewebe, Loden, Zickzack⸗Diagonals, erhalten bei anschließender Form, in dunkler Farbe, häufig eine Weste aus rahm⸗ gelber oder graubräunlicher Wollenarmüre,— in hellerem oder mittlerem Ton: eine gefaltete Weste in dunkler Faille und diese begrenzt von Seiden⸗ oder Plüschrevers, während die Jaquettes mit losen Vordertheilen zuweilen Plüsch⸗ oder Sammetrevers allein zeigen, welche von dem entsprechenden Kragen ausgehen. Im Allgemeinen herrschen aber hier als einzige Zierde die Knöpfe, welche man entweder einfach und stilvoll, aus echtem Schild— patt oder aus ciselirtem Metall, oder, originell, aus gereifeltem oder baum⸗ stammartig geschnittenem Holz oder aus Holz und Metall wählt.
Als Uebergangshut wird man densenigen aus schwarzem oder dunkel⸗ farbigem Seidentüll und Spitzen, mit Perlenstickereien und Perlenschnüren, mit Sammetbouillonnes und Schleifen aus Sammet oder Picotband in Atlas und Faille, ferner den schwarzen Strohhut mit gleichem Schleifen⸗ schmuck tragen, die Blumen hier und dort nicht zu vergessen, und später,
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