Ausgabe 
28.3.1886
 
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Also suchen Sie in der Arbeit Vergessen? Nein, o nein, viel mehr! ruft sie erregt und lehnt mit dem Rücken an dem Marmorblock.Ich habe mir redliche Mühe ge geben, nicht anders zu sein, wie man es von mir verlangte, wenig fordernd und wenig gebend; kann ich dafür, wenn ich anders ver anlagt war? Wenn die wie ein Fruchtbaum am Spalier gezogene Weiblichkeit immer wieder von der Kraft durchbrochen wurde, die einmal gegen meinen Willen in mir lebt? Sagen Sie mir was Sie wollen, es läßt sich nicht jeder Vogel in denselben Käfig sperren. Und doch, vielleicht wäre ich ruhig drinnen geblieben, hätte selbst die Flügel geschlossen um meines Kindes willen, aber man

raubte mir die Seele des Kindes, man entzog mir seine Liebe, weil

ich anders dachte und fühlte wie Jene. Zögernd hielt sie einen Augenblick inne.

Und dann?

Und dann? Ach, es kam nicht plötzlich über mich! Ganz allmählich reifte die Erkenntniß in mir, daß ich einen aufreibenden Kampf umsonst kämpfte! So sehr ich mich auch zwang, mit keinem Gedanken die Grenzen zu überschreiten, die mir als Hausfrau und Mutter gesteckt waren, mein Sehnen nach etwas Höherem, nach der Kunst, blieb dasselbe, ob ich wollte oder nicht. Mein Gatte begriff das nicht und seine Familie noch weniger. Man tadelte mich hart. War ich ohnehin schon vereinsamt in meinem Denken und Fühlen, so nahm man mir nun noch das Einzigste, was ich besaß und um dessentwillen ich bisher geduldig ausgeharrt, die Liebe meines Kindes! Man spottete über mich in seiner Gegenwart, man bedauerte ihn mit halben Worten. O und Kinder empfinden so fein! Ich fühlte es, wie er mir allmählich entzogen wurde. Die kleinen Spiel⸗ sachen, die ich ihm zu seiner und meiner Freude zuweilen bossirte, warf er in den Winkel, nachdem sie ihm sein Vater verhöhnt hatte und wurde laut und lärmend, seitdem er nicht mehr ruhig neben mir saß und mir zusah. Und was wollte ich denn so Großes? Weshalb betrachtete man mich mit fast feindseligen Blicken? Ich konnte mich nicht willig mit den Erbärmlichkeiten begnügen, mit denen die Anderen zufrieden waren. Ich vernachlässigte meine Pflichten nicht, aber sie bildeten nicht allein den Inhalt meines Denkens. Das war mein Verbrechen! Als ich dann endlich ging, den Platz räumte, den ich nach dem Urtheil der Andern nicht mit Seele und Leib ausfüllte, da wußte ich, daß man mein Kind nun lehren würde, mich zu mißachten und zu verdammen. Und ich hatte doch niemals etwas Böses gethan. Aber um späterhin einmal das Recht zu haben, ihm zu sagen: Sieh, ich war nicht das, was man Dir erzählte, ich war mehr wie meine Neider und Feinde! Deshalb strebe und arbeite ich so rastlos, deshalb habe ich keine Zeit zu verlieren, denn erst der Erfolg entsühnt.

Hochathmend hält sie jetzt inne, und der alte Mann mit den grauen Locken nickt zustimmend. 5

Ja, ja, nicht das Streben, der Erfolg allein entsühnt! Sie werden ihn erreichen, Frau Felicia.

Ihre Augen strahlen, ihre Lippen lächeln und leise zieht sie die Hülle von dem Marmorblock..

Ein heller Mondstrahl beleuchtet den Kopf der Ariadne. Nicht in zitterndem bangem Schmerz, mit ungläubig groß geöffneten Augen blickt sie in die Ferne, sondern dumpfe Verzweiflung, wider standslose Resignation liegt in diesen halbgeschlossenen Augen, in diesem gepreßten Mund und in dieser gefalteten Stirn. Ein Aus⸗ druck, so naturwahr und ergreifend, daß den Beschauer unwillkürlich Mitleid mit der so schwer und verzweifelt Leidenden erfaßt.

Bravo! sagt der Professor leise,der Erfolg steht greifbar vor Ihnen, Frau Felicia.

Sie ergreift seine Hand und küßt sie dankbar.Wenn es so wäre! Daß mein Knabe einstmals meinen Namen mit Liebe und Hochachtung nennt, das ist mein Ziel! g

Die Ariadne wurde nicht vollendet. Eine Krankheit befiel die Künstlerin, von der sie nicht wieder genas und der einzige Leid tragende hinter dem schmucklosen Sarge war der alte Professor, der tief um die Frau, aber noch tiefer um das große zerstörte Talent vor ihm trauerte. Da sich Niemand um sie oder ihre Hinterlassen⸗ schaft kümmerte, nahm er die unvollendete Ariadne in sein Atelier,

verhing sie sorgfältig und nur selten, in einsamen, weihevollen

Stunden ließ er seine Augen auf dem Kunstwerk ruhen, gedachte des rastlosen Strebens seiner Schöpferin und der eisernen Härte des

gehabt. Aber sie wurde nicht wieder lebendig und seufzend zog er die grüne Hülle wieder über den Marmor.. Nach Jahren als auch er gestorben, einsam, wie er gelebt, nahm einer seiner Lieblingsschüler den verhängten Marmorblock aus dem Atelier des verehrten Meisters zur Erinnerung. Er meinte lächelnd, er hoffe, daß ihm dieser verschleierte Block, den auch er nicht enthüllen werde, Glück und Ruhm bringe. Mehr wollte er nicht von ihm. 5

Eines Abends riß er absichtslos die Decke zu Boden, und als die schmerzgebrochene Ariadne ihren stummen, verzweifelten Blick auf ihn heftete, da beugte er in stiller Ehrfurcht sein Haupt vor dem gewaltigen Genius seines Schöpfers und ein Schauer des Entzückens überrieselte ihn. Der junge Künstler schwieg über seine Entdeckung, aber im Geheimen begann er rastlos zu forschen, hier und da zu fragen, aber Niemand hatte eine Ahnung von diesem Ariadnekopf. Hinter der grünen Decke war sicher ein Geheimniß geborgen gewesen, aber ein unenträthselbares, und die es kannten, lagen wohl Alle im Grabe. Was aber nützte der Kopf, wenn der Körper unvollendet blieb? Zuerst scheu, dann immer dreister, that er einige Hammerschläge, er kam sich fast vor wie ein Dieb, und doch war Niemand da, der ein Eigenthumsrecht geltend machte. Der Kopf ließ ihm auch keine Ruhe, Tag und Nacht sah er ihn vor sich, bittend, ihn aus seiner Dunkelheit zu befreien. Er ar⸗ beitete weiter, und täglich wurde aus der gefundnen Ariadne mehr und mehr seine Ariadne; zuletzt vergaß er ganz, daß er sie nicht geschaffen, zum Mindesten liebte er sie wie ein Kind seiner Phantasie. Und sie lohnte es ihm. Er wurde ein berühmter Mann. Die ganze Welt huldigte ihm, man nannte seinen Namen unter den Besten. Der Kopf der Ariadne erregte Bewunderung und Enthusiasmus; er trieb den Frauen Thränen in die Augen, den a erweckte er ein verschwiegenes Gefühl von Schuld und We, N N

Wenn die späteren Werke des Künstlers nicht ganz auf derselben Höhe zu stehen schienen, entsühnte man ihn durch die Erinnerung an das Herrlichste, was er doch einmal geschaffen an den Kopf der Ariadne.

Niemals erfuhr Jemand, daß ihn der Künstler gefunden und nicht selbst gemeißelt, ebenso wenig wie er jemals den wahren Schöpfer. Die Götter hatten ihm das Geschenk gemacht, er nahm es dankbar an, und nannte die Ariadne mit Stolz sein bestes Werk.

Auf dem großen Kirchhof der großen Stadt liegt ein ver⸗ wildertes, eingesunkenes Grab. Wer ahnt, wen es birgt? Es sind ihrer so viele!

Sonne und Mond gleiten darüber hin und Licht und Schatten. Im Sommer singt ein Vogel in den Zweigen des nächsten Baums, im Winter braufen Schneestürme über dasselbe. Die darin schläft, stört es nicht. ö

In weiter Ferne ist aus einem kleinen, braunäugigen Knaben ein großer, schlanker Mann geworden. Einen Frauenverächter nennt

noch vermag er die Liebe einer Frau zu würdigen, er versteht nur, sie zu verhöhnen. den Weg zu etwas Höherem gezeigt.

Nur einmal, als er vor dem berühmten Meisterwerk der Ariadne saß, und in ihre tieftraurigen Augen sah, überkam ihn ein dumpfes Gefühl von Sehnsucht und Reue. Er mußte an seine vergessene

ein Hauch seine Stirn und küßte ihm die harten Augen, wie sie es dem Kinde so oft gethan. Und vor dieser Ariadne fragte er sich zum ersten Mal, ob man sie nicht grausam und ungehört ver⸗ dammt habe, ob sie auch wirklich jenes harte:sie taugte nichts verdient habe.

und die Zukunft hatte der Armen den Lohn versagt. fast scheuen Blick nach dem Ariadnekopf zurück, als er ging. Er

vergessen schnell, und auch dieser vergaß.

Schicksals. Nur noch wenige Monate und sie hätte ihr Ziel erreicht 0

man ihn. Er glaubt weder an das Gute und Edle im Leben, ö

Das macht, er hat keine Mutter gehabt, die ihm 5

Mutter denken, immer und immer wieder; es war ihm, als streife

Das konnte er nicht wissen, und doch warf er noch einen letzten, 0

nahm sich vor, nach der Vergessenen zu forschen, aber Männer 9

Aber Niemand gab ihm Antwort, und auch die leise Stimme in seinem Innern erstarb wieder. Die Vergangenheit war fort,