Ausgabe 
26.12.1886
 
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Ein feiner, rosiger Hauch weht über ihr blasses Gesicht.

Da Du nun einmal noch warten mußt, sagt sie verwirrt,so kannst Du eigentlich Deine Heilkunst einmal hier versuchen. Ist das nicht auch eine Art Herzkrankheit, Detlev, wenn man fünf Jahre lang so bitter gekränkt worden ist, wenn man so sehr, sehr viel Grund hat, zu hassen, und tretz allem, trotz allem noch lieben muß?

Nun ist ihre Kraft zu Ende; eine heiße Thränenfluth überströmt ihr Antlitz.

Aber jauchzend zieht sie Detlev an sein Herz. O Weihnachts⸗ glück, o tausendfacher Himmelssegen!

Als sie sich unter Jubel und Thränen alles gesagt haben, wovon ihre Herzen überfließen, meint Detlev noch:Wohin gehn wir nun mit unsrem Glück? Nisten wir uns in Rotau ein, ziehst Du mit

mir über's Meer, oder wo suchen wir sonst herzkranke Patienten auf?

An seine Brust geschmiegt, flüstert sie leise:Wo Du hingehst,

da will ich auch hingehen; wo Du stirbst, da sterbe ich auch; der

Tod muß mich und Dich scheiden!

Anser Wiedersehen. Kleine Humoreske nach dem Englischen von Jenny Piorkowska.

Großmama, eine Depesche sicher von Fritz! rief ich, indem ich von meinem Stuhl am Fenster aufsprang, als ich den Telegrafen⸗ boten eilends die schattige Allee heraufkommen sah; und bevor die alte Betty durch den Korridor herbeikam, hatte ich schon die Haus⸗ thüre geöffnet, dem Boten die Depesche abgenommen und sie geöffnet.

Von Fritz Berger an Else Berger. Ich kann Frau Seltenau nicht verlassen, erwarte Dich deshalb morgen früh neun Uhr hier im HötelZum goldenen Kreuz.

Großmama! rief ich dieser zu,der gute, liebe Fritz erwartet mich morgen in der Stadt! Wie er wohl aussehen mag? werde ich um neun auch schon bei ihm sein....

Halt, liebes Kind, eins nach dem anderen, unterbrach mich Großmama in ihrem gewöhnlichen freundlichen Tone,hast Du den Boten wieder entlassen und auch die Korridorthüre geschlossen?

Ach, mein Gott, nein! rief ich,habe ich doch alles über den guten Fritz vergessen. a

Damit lief ich eilends wieder aus dem Zimmer und holte das Versäumte nach. Alsdann besprach ich mit Großmama eifrig meine kleine Reise. Eine Stunde später schickten wir zu dem alten Lohn⸗ kutscher Winter, daß er am nächsten Morgen Punkt sieben Uhr bereit sei, mich nach der Stadt zu fahren. Mich versetzte der Gedanke, meinen Bruder, der neun Jahre in Amerika gewesen war, endlich wiederzusehen, in nicht geringe Aufregung. ö

Noch in tiefer Trauer um unseren theuren Vater, hatte ich einen dichten Crepeschleier vor das Gesicht gebunden, durch den ich kaum sehen konnte und glaubte, ebenso wenig von Anderen gesehen zu werden.

Wie ich so allein im Wagen saß, der mit schneckenartiger Langsam⸗ keit von der Stelle kam, kehrten meine Gedanken zu meinem geliebten Vater und seinen in letzter Zeit oft wiederholten Worten zurück: Fritz wird sich meiner kleinen Else schon annehmen. Wenn ich nicht mehr bin, Kind, so wende Dich nur in Allem an ihn.

Ich zählte grade achtzehn Jahre; Fritz war mein einziger Bruder, oder vielmehr Halbbruder, denn er war des Vaters Sohn aus erster Ehe und volle zwanzig Jahr älter als ich. Natürlich erinnerte ich mich seiner kaum mehr, doch hatte ich vor allem, was er sagte und that, den größten Respekt; und jetzt, nun er wirklich heimkam, um mit und bei uns zu leben, befand ich mich in freudigster Aufregung.

Frau Seltenau, die Wittwe eines verstorbenen Freundes von ihm, die mit ihm aus Amerika in die Heimath zurückgekehrt war, war so leidend, daß sie erst einen Tag im Hotel ruhen mußte, bevor sie ihre Reise zu ihren Eltern fortsetzte, und Fritz hatte sie da nicht allein lassen wollen.

Endlich fuhren wir vor dem Hotel vor; ich, ein schüchternes, junges Ding aus der Provinz, fühlte mich zwar nicht wenig ängstlich und nervös, faßte aber Muth und fragte, ob Herr Berger bereits angelangt sei.

Man bejahte meine Frage, ich stieg aus und folgte dem Diener die Treppe hinauf und einen langen Korridor entlang; dann öffnete er eine Thüre, meldeteFräulein Berger und zog sich zurück.

Durch meinen Schleier und die Thränen, die mir in die Augen toten, sah ich einen schlanken schönen Mann mitten im Zimmer stehen.

O, mein lieber, lieber Fritz! rief ich, eilte auf ihn zu, um⸗

schlang ihn mit beiden Armen und hob mein thränenfeuchtes Gesicht

zu dem großen blonden Schnurrbart auf.Wie freue ich mich, Dich wiederzusehen! Großmama konnte natürlich nicht mitkommen, aber sie sendet Dir viel tausend Grüße. Ach, nicht wahr, jetzt ver⸗ läßt Du mich nicht wieder? es ist zu köstlich, daß ich Dich habe! fuhr ich fort und gab meinem Fritz einen herzhaften schwesterlichen Kuß.

Doch selbst in diesem erst mir auf, daß Fritz nicht recht

anfangen sollte; freilich, der arme Bursche war so lange in Amerika gewesen, aber dort küßt ein Bruder seine Schwester gewiß auch!

Ich fürchte... hub er an, als die Thüre sich öffnete und eine große steife Dame eintrat, die bei dem Anblick eines Herrn, der einer jungen Dame, die noch röther und noch verlegener war, die eben ihre Arme von des Herrn Schulter hatte sinken lassen, und deren zärtliche Küsse in dem großen hohen Zimmer noch wiederzuhallen schienen wie versteinert stehen blieb.

roth und verlegen aussah und

Es währte mehrere Sekunden, wieder erlangte.

Richard, sprach sie mit nachdrücklicher Stimme,ich muß ge stehen, ich bin auf's höchste überrascht! Ich hatte keine Ahnung aber diese junge Dame ist ohne Zweifel... hier stockte sie wie

fragend.

Ich versichere Dich, Tante Arabella, erwiderte der Herr in

großer Verlegenheit,hier ist

angenehme... das heißt wenigstens.. Diese junge Dame

auf mein Wort, Tante, ich..

wer diese junge Dame überhaupt ist. Beide, sowohl die alte Dame als auch der junge Mann, schauten so bestürzt und hilflos drein, daß ich Muth faßte, den unglücklichen

Schleier zurückschlug und mitalle Mein Name ist Fräulein Bruder zu begrüßen, der mit

ist und sich mit mir für heute früh neun Uhr hier im Hötel ein

Rendez⸗vous gegeben hat.

Allerdings bin auch ich erst vor Kurzem aus Amerika zurück

gekehrt und heiße Richard Ber Aber mein Bruder heißt

mit den Thränen kämpfend,und jetzt, jetzt bin ich ganz sicher, daß

Sie nicht mein Bruder sind,

Allerdings habe ich nicht diese Ehre, sagte der Fremde,aber ich kenne Fritz Berger von New⸗ Vork her sehr genau, und freue mich über den Zufall, der mir das Vergnügen verschafft, seine Schwester kennen zu lernen, fuhr er mit einer artigen Verbeugung fort, und es entging mir nicht, wie ein Lächeln um seinen blonden

Schnurrbart spielte. Da endlich schienTante

lehnigen Stuhl gesunken war und kopfschüttelnd in mir unverständ⸗ lichen Worten ihrem Erstaunen Luft machte, zu verstehen, und eben wandte sie sich zu mir, um anscheinend irgend etwas zu sagen, als

der Diener hastig die Thüre 6 ich sofort als meinen Bruder

en Augenblick der Aufregung fiel es zu wissen schien, was er mit mir

bevor die alte Dame ihre Sprache

irgend eine fatale ich meine eine

ich habe nicht die entfernteste Ahnung,

r mir zu Gebote stehenden Würde sagte: Berger; ich bin hier, um meinen dem Schiff von Amerika gekommen

ger, sprach der Herr. Fritz, nicht Richard, erwiderte ich,

setzte ich mit matter Stimme hinzu.

Arabella, die in einen sehr steif

ffnete und einen Herrn einließ, den zu erkennen glaubte, aber mein be⸗

klagenswerthes Ungestüm hatte mich so scheu gemacht, daß ichTante Arabella's Beispiel folgte und mit hilfloser Miene ebenfalls auf

einen Stuhl sank. Fritz! Richard mein alter Fre

und! erklang es von beiden Seiten,

und die zwei Herren schüttelten einander herzlich die Hand.Ich

habe keine Ahnung, daß Du

hier bist, bis der Portier hier mir

sagt, Major Berger sei hier, vermuthlich in der gewöhnlichen Vor-

aussetzung, wir seien Verwand

te.

Ich habe New⸗Vork auch erst vor kaum vier Wochen verlassen,

erwiderte Major Berger. Ich erwarte meine Schwe

ster hier, fuhr Fritz fort, dann erst

schien er zu bemerken, daß Damen im Zimmer waren und grüßte

wie sich entschuldigend.

Ich kann mich nicht entsinnen, wie ich mich dabei benahm, ob ich mich irgendwie zu erkennen gab. Hätte mich in dieser Minute doch nichts überrascht, so unglücklich, so außer mir war ich. Major

Berger! und ich hatte ihn

Diese Dame, sagte er, ist meine Tante Fräulein von ich denke ich mir ist

geküßt, buchstäblich geküßt!

zu Fritz gewendet, in heiterem Ton, Althof, und diese junge Dame glaube Deine Schwester Fräulein Berger.