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aber das Näpfchen leer war, griff er nach ihrem Busentuch, und das Lisettchen erröthete über und über, recht wie eine schämige, junge Mutter und gab ihm einen leichten Schlag auf die Hand; da kreischte der Bube laut auf vor Vergnügen, und das Lisettchen.
lachte so glücklich-leise und saß so stillselig da, als ob es das aller⸗
klügste Mädchen der Welt wäre.
Dies hübsche Bildchen ging unserm jungen Pastor die ganze Nacht im Kopfe herum.
Als sie dann bei der Konfirmation vor den Altar traten, die vier hübschen Mädchen, so zart und duftig in ihren weißen Kleidern, wie die thaubenetzten Rosenknospen, konnte sich der Pastor fast nicht vorstellen, daß es dieselben wären, die er wenige Tage vorher mit den Studenten liebäugeln, in den Modezeitungen blättern, das Schlüsselbund suchen und mit dem Bübchen kosen gesehen, und hätte es die Heiligkeit des Ortes und die Würde des Aktes zugelassen, so hätte er sicher an seiner Mutter Sprüchlein von den Flausen gedacht. 5 a
So aber legte er ernst und feierlich einer Jeden mit schönem Bibelspruche die Hand auf das Köpfchen; als er aber an das Lisettchen kam und die krausen Härchen alle unter seiner Berührung zu er⸗ zittern und die hellen Thränen ihr über das sanfte Gesichtchen zu fließen begannen, da wurde es ihm ordentlich warm im Herzen.
Am nächsten Tage kamen sie alle sehr ernst und demüthig und schwarz gekleidet zur Kommunion, und er betete inbrünstig für ihr Seelenheil und reichte ihnen den Wein und das Brot, wie er es
so vielen Konfirmandinnen schon Jahr aus Jahr ein gereicht hatte.
Wie aber des Lisettchens frisches, rothes Mündchen sich an den Kelch legte, da stieg ein sonderbares Gefühl in seiner Seele auf, fast wie Neid gegen das kalte, unempfindliche Metall, und zum ersten Male empfand er, daß auch das heilige Amt nicht vor echt menschlichen Regungen schützt.
Nachmittags kamen sie dann, um ihm Dank zu sagen und sich zu verabschieden. Zuerst die Landkinder, die zeitig wieder heim wollten, dann die Knaben, die gern noch einen Ausflug auf's Land machten; zuletzt erschienen die schöne Lucie Fischer, die feine Toni Müller und die kluge Marie Sebald. Sie zierten sich ein wenig an der Thüre; keine wollte zuerst eintreten; sie waren ja jetzt junge Damen, die da wußten, was sich schickte, und der Pastor war ein unverheiratheter Mann. Er nöthigte sie Platz zu nehmen; sie dankten, standen einen Augenblick vor ihm und überflogen mit neugierigen Augen die Einrichtung seines Studirzimmers; dann verbeugten sie sich zierlich, sprachen die Hoffnung aus, ihm in ihren Häusern wieder zu begegnen und rauschten mit ihren schwarzseidenen Kleidern hinaus, wie ein Flug scheu gewordener Tauben.
Nicht lange darauf kam das Lisettchen. Es hatte sich etwas verspätet, weil es wieder bei seinem Buben gewesen war; nun kam es schüchtern an und klopfte mit dem kleinen Finger an die Thüre.
„Ah, Du bist's, Lisettchen,“ sagte der Pastor freundlich,„ich dachte schon, Du wolltest nicht mehr kommen.“
„O, seien Sie nicht böse, Herr Pfarrer,“ bat sie und wollte in gewohnter Weise hinzusetzen,„ich will es das nächste Mal besser machen,“ besann sich, daß dies nicht mehr paßte, stockte und wurde sehr roth.
„Setze Dich doch, Lisettchen,“ sagte der Pastor verlegen. Sie setzte sich auf die Kante eines Stuhles und sah still vor sich hin, und er wurde immer verlegener und wußte nichts anzufangen.
Endlich bemerkte er, daß ihre Augen feucht von Thränen waren.
„Was fehlt Dir, Lisettchen?“ fragte er gütig und trat näher.
„Daß ich jetzt fort muß, Herr Pfarrer.“
„Wohin, Lisettchen?“
„Zu der Tante nach der großen Stadt, Herr Pfarrer.“
„Warum, Lisettchen?“
„Weil ich eben so dumm geblieben bin, Herr Pfarrer. Es ist ja meine eigene Schuld. Aber im Sommer, da scheint einem die Sonne all' die Namen und Zahlen aus dem Kopf, und im Winter ist der Schnee so schön weiß und das Eis so glatt. Und alle Tage gackern die Hühner auf dem Hof und brüllen die Kühe im Stall. Das Vieh will seine Wartung haben, Herr Pfarrer; die Leute allein thun es nicht.“
Und als der Pastor nicht antwortete und sich immer nur wunderte, daß er noch niemals gesehen, wie goldschimmernd ihr krauses Haar, wie tiefblau ihre schüchternen Augen, wie rosig die runden Bäckchen waren, fuhr sie fort: ö
„Das Schweinchen will zart behandelt sein, Herr Pfarrer, es ist eins von der englischen Race; Sie werden schon selber ein wenig danach sehen müssen. Und ich will kein Angeber sein; aber auf die Entenzucht versteht sich Ihre Dore nun einmal nicht; das Ge thier muß durchaus mehr Wasser bekommen.“ 8 8
Dann stand sie leise auf, drückte ihr Mündchen auf des Pastors Hand und sagte innig: Behüte Sie der liebe Gott, Herr Pfarrer und ich danke Ihnen herzlich.“—
Da hielt er in ganz ungeschickter Weise ihr Köpfchen fest und. fragte:„Du gehst nicht gern, Lisettchen?“ 1
„Ach Gott, Herr Pfarrer,“ schluchzte sie,„es wird so frend. dort sein, und es sind keine Kinder im Haus. Ich bin einmal an 5 den Peter gewöhnt. f
Da glänzten des Pastors Augen ganz hell und er fuhr fort: „Kämest Du wohl zu mir, Lisettchen?“
Sie nickte.„Es sind wohl auch keine Kinder hier.“—
„Das dürfte sich schon finden, Lisettchen,“ erwiderte der Pastor.
Er hatte daran gedacht, ihr den Peter zuweilen zum Spiel herüber holen zu lassen; im Sprechen aber kam ihm ein anderer Gedanke, und er wurde sehr roth dabei. 0
„Ich käme schon gern als Wirthin zu Ihnen,“ sagte das Lisettchen.„Aber werde ich Ihnen auch klug genug sein? So recht ordentlich kann ich nichts als das Lesen, das Schreiben, das Ein— maleins und das Vaterunser.“ 5 3
„Ei Unsinn, Lisettchen,“ rief er und griff nach seinem Hute, „wir gehen gleich mitsammen zu Deinem Vater; eine richtige Pastorsfrau braucht nichts weiter zu wissen, als das Vaterunser zum Schluß; die Predigt macht dann ihr Mann schon allein; nun kannst Du noch lesen und schreiben und gar das Einmaleins noch zum Ueberfluß!“ 5
Und über eine kurze Zeit, da führte der Pastor sein Lisettchen an den Traualtar, und wieder hatten die Klatschbasen, denen er es nun einmal nicht recht machen konnte, zu klappern und zu sticheln. Das thörichte Mädchen! Lesen, schreiben, das Vaterunser und das Einmaleins, und das will eine Pastorsfrau sein!
Es stellte sich aber schon im ersten Jahre heraus, daß entweder das Lisettchen doch noch etwas anderes verstehen mußte oder daß eine Pastorsfrau wirklich nicht mehr zu können braucht; denn als unser Pastor sein erstes Töchterchen aus der Taufe hob und über Mutter und Kind einen frommen Segen sprach, da leuchtete sein Antlitz wie das eines der Seligen auf dem großen Altarbilde seiner Kirche; zu Hause aber küßte er beide auf den Mund und rief so recht aus voller Seele heraus:„Nun wünsche ich weiter nichts, als daß sie auch dereinst ein so süßes, thörichtes Lisettchen werde!“
Kleine Frauen-Zeitung.
Die Mode.
Es scheint, als ob in diesem Sommer meine Mittheilungen über die Mode mit der Außenwelt immer in lebhaften Konflikt gerathen, denn die zart⸗duftenden Toiletten, deren ich in meinen letzten Berichten gedachte, wollten nicht in Einklang mit den mehr kalten und unfreundlichen Tagen stehen, und nun, wo ich über die Neuheiten für die Herbst- und Winter⸗ saison plaudern möchte:— sendet die Sonne ihre Strahlen so glühend hernieder, daß sie alle Berechnungen täuscht, und ich kaum wage, an das Werk zu gehen. Zudem zögern unsere Magazine mit dem Entfolten ihrer herbstlichen Vorräthe, da die schöne Welt noch nicht gesonnen ist, sich zur Heimkehr zu rüsten und in den Bädern und auf Reisen das erst nachholen will, was ihr in vollen Zügen zu genießen in den ersten Sommermonaten versagt blieb. So sind es noch immer die Anzüge eines mehr sommerlichen. Gepräges, welche das allgemeine Interesse in Anspruch nehmen. Ich will indeß versuchen, dasselbe für die Moden der Zukunft zu wecken.
Die ersten Kostüme, mit welchen man die doch einweiht, werden meist im genre tailleur bereitet, also einfach, doch sehr korrekt im Schnitt. Man verwendet zu denselben einfarbige Mohairs und gestreifte, nicht zu schwere Cheviots, vornehmlich in Grau, Goldbraun(mordoxré) und Dunkel⸗ blau, oder in grauem Grund mit feinen schwarzen Streifen, in marine⸗ blauem Grund mit rothen oder weißen Linien. Der Rock wird entweder in breite oder schmalere russische Falten gelegt oder mit einem hohen Plisse besetzt, und darüber fällt die lange Tunika, welche auf der einen Seite hoch⸗ gerafft ist, oder welche, in vague Draperien 1 vorn wie im Rücken eine Spitze zeichnet und an letzterer Stelle sich bauschig gestaltet. Dazu wählt man ein Amazonenleibchen, bis zur Taille geöffnet, von hier ab mit zwei Reihen von je drei großen Knöpfen geschlossen und gänzlich von einem Reverskragen eingerahmt. Die Oeffnung wird durch ein leicht gekräuseltes Plastron aus Surah ausgefüllt, bei grau und schwarz gestreiftem Wollen⸗
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