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jedesmal lange, ehe sie sich entschloß, sich hören zu lassen, und seit Joseph ihr einmal einige Schmeicheleien über ihren Vortrag gesagt hatte, verstummte sie gänzlich. Sie wußte es jedesmal so einzu⸗ richten, daß sie bei der Whistpartie, an der er Theil nahm, nicht betheiligt war, und behauptete, vom Schachspiel kaum mehr die Züge zu kennen, so oft er in sie drang, sich mit ihm zu messen. Aber gerade dies scheue Zurückziehen von ihrer Seite übte einen magischen Reiz auf ihn aus, und je fremder sie sich ihm gegenüber⸗ stellte, desto glühender verlangte er, sie ganz zu besitzen. In den Stunden, wo er allein war, schwebte ihm ihr Bild unauslöschlich und im Vollbesitz aller Anmuth und Holdseligkeit vor den Blicken, ein Rausch hatte sich seiner Sinne bemächtigt, indem er nur noch den einen Gedanken zu fassen im Stande war: wie er dies Mädchen sich gewinnen könne. i
Jede Erinnerung an Alba war in ihm erloschen, der ganze Liebestraum, der ihn an ihrer Seite beglückt, lag weltfern hinter ihm, und wenn ein flüchtiger Strahl der Vergangenheit in ihm aufblitzte, war es, als wenn er auf eine lange entschwundene, ver⸗
Brücke zu dem Leben sich hinüberschwang, in dem er jetzt voll Hoffnung und Bangen einer goldenen Zukunft entgegensah. Wie sich draußen plötzlich die ganze Welt gewandelt hatte, daß man sich aus einem Frühling des Südens mitten in einen nordischen Spät⸗ herbst versetzt glaubte, so war in ihm eine Wandlung vorgegangen, über deren Tragweite er sich selbst kaum Rechenschaft zu geben ver— mochte. Er sann über nichts andres mehr nach, als über den Zauber, der ihn hier jetzt unwiderstehlich gefesselt und über das Räthsel, das Ernas Wesen ihm gegenüber zeigte. Zuweilen war die Furcht in ihm aufgestiegen, sie möge für Phuhlsteins Bewerbungen, die ziemlich offen zur Schau getragen wurden, nicht unempfindlich sein oder es bestehe gar zwischen den Beiden bereits ein heimliches Verhältniß, das nur des Augenblicks seiner Offenbarung harrte. Aber der Gedanke trat immer wieder in ihm zurück, wenn er Erna in ruhiger, liebenswürdiger Art mit dem jungen Offizier verkehren und seine Aufmerksamkeiten mit höchster Unbefangenheit annehmen sah. Vielleicht war es auch eine Regung von Eitelkeit in ihm, die ihm vorspiegelte, daß Erna ihm den Lieutenant nicht vorziehen könne, aber ein Trost oder eine Hoffnung konnte sich auch darauf für ihn nicht gründen.
Er hatte schon oft den Entschluß gefaßt, allem Zweifel durch eine offene Erklärung ein Ende zu machen und sein Schicksal sich entscheiden zu lassen, da er unter dieser Ungewißheit unsagbar zu leiden begann, aber er sah Erna niemals anders, als im Kreise der Uebrigen, und jedes Wort, das er zu ihr sprach, mußte un— befangen genug sein, um von allen gehört werden zu können. So knüpfte sich für ihn an die Hoffnung eines baldigen Witterungs— wechsels zugleich die andre, sich dann Erna unter vier Augen aus⸗ sprechen zu können. Aber so oft er auch sehnsuchtsvoll zu dem grauen Wolkenhang um die Berghäupter aufblickte, die Sonne brach sich noch immer wieder nicht Bahn, und der Sturm zerrte die letzten Blätterreste von den triefenden Bäumen. Die Verstimmung, die sich seiner infolge der jeden Morgen neuen Enttäuschungen be— mächtigke, machte allmälich einer Art Melancholie Platz, von der Seewis mit unverhohlenem Ingrimm bemerkte, daß sie den Damen noch mehr gefalle als die anfängliche Heiterkeit.
„Bester Freund,“ sagte Joseph mit halbem Lachen,„weshalb eigentlich diese Umschweife, weshalb erklären Sie sich nicht einfach und bringen durch die Neuheit eines bräutlichen Verhältnisses Ab— wechselung in die Monotonie unseres Daseins? Sie sind uns von Rechtswegen schuldig, wenn wir Ihre Drohungen für den Fall einer anderweitigen Bestimmung des Schicksals nicht für leere Re— nommisterei halten sollen.“
Aber Seewis zupfte schwermüthig an seinen unscheinbaren Schnurrbartspitzen und entgegnete:„Sie haben gut reden, Sie Glückskind. Aber als Unterlieutenant— mit einer Gage von hundert Gulden monatlich und Schulden von zweihundert in der gleichen Zeit—“
Joseph lachte.„Dann können Sie eben nichts Gescheidteres thun, als eine reiche Frau heirathen, Bester, und Ihnen wird am wenigsten unbekannt sein, daß sich das Vermögen der Helmsteins auf Hundert— tausende beläuft.“
5(Fortsetzung folgt.)
schmerzte und verrauschte Jugendzeit zurückschaute, von der keine
Kleine Frauen- Zeitung.
Die Mode.
Der Ueberfluß an Gütern ist im Allgemeinen eine angenehme Sache, aber das Angenehme hält nicht Stand, wenn es sich hierbei um die Mode handelt. Dieser Ueberfluß in Allem schadet insofern, als er die Einbildungs⸗ kraft immerfort anregt und anspornt, Massen von Dingen zu erzeugen, um jeden Preis Neuheiten zu erfinden und das oft auf Kosten des guten Geschmacks. ö
Den augenscheinlichen Beweis für das Bedürfniß, im Neuen zu leben, aufzuleben; bilden die Hüte. Man will ihnen durchaus einen besonderen Charakter leihen, und dies führt dazu, sie originell oder excentrisch zung stalten. Die übermäßig hohen und zugespitzten Hutköpfe, die gigantischen Schleifen-Aigrettes sind keine glücklichen Reuerungen, im Gegentheil, sie er- weisen sich— ohne hier die Kleidsamkeit oder Unkleidsamkeit in Betracht zu ziehen— als eine Unbequemlichkeit, zumal an den Vergnügungsorten: in den Matinéen, Konzerten, Theatern. An letzteren Orten fehlt es auch nicht an Remonstrationen, und mit Recht! Die Köpfe der hinter jenen Pyramiden sitzenden Personen müssen sich in beständiger Bewegung halten, um von dem Vorgange auf der Bühne etwas zu sehen, und man müßte, wenn man nun einmal den Uebertriebenheiten der Mode folgen will, wenigstens das richtige Gefühl haben, die thurmhohen Hüte im Wagen und auf der Straße zu tragen. Für das Theater(denn nur im Opern- und im Schauspielhause wie im deutschen Theater erscheint man, richtiger, ohne Hut, wohingegen es in den anderen größeren oder kleineren Theatern für allein passend erachtet wird, sich mit einem solchen zu zeigen) ist die kleine Kapote die modernste und schicklichste Kopfbedeckung; hübsch und kleidsam, bei mäßiger Höhe, ist sie die wirkliche Abendcoiffüre. Aber sie bleibt auch,. trotz all' der verschiedenartigen Formen in Genre- und runden Hüten, welche man für die Frühjahrs⸗ und Sommersaison hervorgerufen, der Lieblingshut für Besuche, für die Straße, und man bereitet sie vielfach in Schwarz, einerseits gänzlich aus Jetperlen und Jetkabochons(eigentlich„ungeschliffene Steine,“ doch versteht man neuerdings als Modeausdruck darunter allerlei“ geschliffene Perlen-Ornamente wie Steinchen, Ovale, Platten ꝛc.), welche auf Draht gereiht, andererseits aus Chantillyspitzen-Tüll, aus seiden⸗ und perlengestickten Tüllen und aus Spitzen. Ich sah eine schwarze Tüll⸗Kapote, deren Fond mit einem durchbrochenen Gitterwerk aus Jet überdeckt war und auf deren Passe sich eine Schleife aus moosgrünem Sammet hochthürmte, durchsteckt mit einer großen Schildpattnadel, welche als Kopf eine ge- schliffene Jetkugel hatte. ö 1
Die Jetkugeln sind nämlich mehr als je beliebt. Man bereitet für die Kapotehüte sogenannte Chapelets oder Rosenkränze aus Jetperlen von sich abstufender Größe. Die größten, welche Sie sich von dem Umfange einer Nuß vorstellen müssen, liegen in der Mitte und bilden ein Diadem; die kleinsten vereinigen sich am Nackenschirm oder hinteren Hutrand. Ver⸗ gegenwärtigen Sie sich einen Hut aus schwarzem Malinestüll und solchen Spitzen, welcher als Ausputz nichts weiter zeigt, als einen derartigen Chapelet am Rande und einen Blumenstrauß zur Seite..
Eine besondere Gunst hat man in diesem Winter den Toques zu Theil werden lassen, und man fährt fort, ihnen dieselbe auch für die Folge zu wahren. Ich habe hübsche Toques bemerkt, glatt mit schwarzem Seiden⸗ tüll überspannt, oder mit Kleeblättern(trekles) aus Jet bestickt. Der Kopf ist hoch, aber von mäßigem Umfange und mit kleinem, etwas eingedrücktem Fond ausgestattet, welchen eine Schnur Jet-Kleeblätter umkränzen und markiren. Ein krauser, voller Puff aus schwarzem Sammet zieht sich um den unteren Rand des Kopfes, und die Garnitur wird durch eine Aigretten- Schleife aus Sammet, rahmgelb, dunkelroth, moosgrün, saphirblau, oder durch eine Aigrette aus Jet oder aus feinen Gräsern und bunten Wald⸗ und Wiesenblümchen gebildet. f
Als eine der Hauptgarnituren für die Hüte der wärmeren Jahreszeit können wir wieder die Blumen begrüßen, und unter ihnen giebt man den Rosen, zumal aus Sammet, den gelben Kamillen, dem Flieder und den abschattirten Veilchen den Vorzug. Besonders gern wählt man darin die aigrettenartig und die„natürlich“ gebundenen Sträuße großen Formats, doch kommt auch die Mode der kleinen, gleichmäßig gewundenen Blumen- kränze wieder auf. Dieselben werden aus Blumen ohne Laub arrangirt, oder vielmehr, das Laub kommt nur in der Mitte in Form einer Aigrette zur Geltung, oder man unterdrückt es gänzlich und ersetzt die Aigrette durch einen Federbusch. Nichts Reizenderes als solche Kränze aus Theerosen oder Mohnblumen in Sammet und Seide! Man bringt sie seitwärts nach vorn auf den Hüten an.
Im Herbst bereits habe ich die Wiederkehr der lebhaften oder pro- nonzirten Farben verkündet, und diese werden nun großere Verbreitung finden, sich freilich mehr in hellen als in dunklen Farben zeigen. Das Auge fängt an, sich daran zu gewöhnen, zumal sie nicht grell erscheinen. Die blauen Nüancen werden besonders gesucht sein, unter ihnen ein reines Himmelblau, das man gern mit den verschiedenartigen Beige⸗ tönen— dieselben bleiben uns trotz jener Vorliebe in all' ihren Schattirungen erhalten und gehören ebenfalls der neuesten Mode an— mit Braun und mit Schwarz zusammenstellt. Eine Modistin, welche hier den Ton angiebt, hat schwarze 9 mit einer Garnirung von himmelblauem Gazeband bereitet und hofft, dieselben in Aufnahme zu bringen.— Rosa und ein blasses Grün verbinden sich in glücklicher Harmonie, und solche Kompositionen dürfte man ebensowohl auf schwarzen Spitzen⸗ wie auf schwarzen, weißen, kremefarbenen und gelben Strohhüten sehen.
Denn Sie werden wohl schon gehört haben, daß den hellen Stroh⸗ hüten wieder eine neue Glanzepoche beschieden sein soll. Und hierbei greift man betreffs des Ausputzes ebenfalls auf eine frühere Mode zurück, nämlich: dieselben mit dunkler, ja mit schwarzer Garnirung auszustatten, welche bei
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