Ausgabe 
25.4.1886
 
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noch Alles hell erleuchtet und Adeline sang mit erregter vibrirender Stimme zum Klavier.

Die Schwester ist ja lustig, sagte Georg.Es war gewiß ein Freier heute Abend da; es wird ihr wohl nicht daran fehlen. Er ging in den Salon und Julia rettete sich eilends in die Nähe ihres Kindes, an dessen Bett die Bonne eingeschlafen saß.Ist Jemand während meiner Abwesenheit hier gewesen? fragte Julia.

Keine Seele, antwortete das Mädchen mit schlaftrunkenen Wee

(Fortsetzung folgt.)

Auf den Vassern.

Novelle von Konrad Telmann. (Fortsetzung.)

Joseph fühlte, daß er eine Befangenheit zur Schau trug, die seinem Wesen sonst völlig fremd war und die er sich auch jetzt nicht zu erklären vermochte, es sei denn, daß er unter Erna's Blick, der zuweilen dem seinen begegnete, seine Ungezwungenheit verlor! Er richtete kaum einmal das Wort an sie, während die lebhafte und zugleich geistvolle Unterhaltung Herminens auch ihn bald in ihren Bereich zog, aber er fühlte, daß sein Herz lauter schlug, wenn er

ihre klare glockenhelle Stimme vernahm oder wenn ihr blaues Auge

unter den langen Wimpern sich gegen ihn emporhob. Er wurde allmählich selbst schweigsam, hörte dem Geplauder der Uebrigen zu, das bei dem Eifer, mit welchem die Offiziere es betrieben, niemals zu versiegen drohte, und begnügte sich damit, sich ganz in den Lieb⸗ reiz der Züge Erna's zu vertiefen. Er erfuhr im Laufe des Ge sprächs, daß die Damen einen längeren Herbstaufenthalt in Lugano zu nehmen gedachten und erwiderte auf die Frage, wie lange er selbst noch bleiben werde, ohne Besinnen:So lange es mir hier gefällt, Frau Gräfin, und nach dem heutigen Nachmittage zu urtheilen beißt das soviel, als; solange ich das Vergnügen Ihrer Gesell⸗ schaft genießen werde.

Herr von Seewis schoß infolgedessen einen ingrimmigen Blick auf Joseph hinüber, aber die Gräfin lächelte sehr huldvoll und ver⸗ sprach, ihn beim Worte nehmen zu wollen. Ein paar Stunden rannen in heiterem Geplauder hin, bis die Herren ihren Abschied nahmen, aber nicht, bevor sie das feierliche Versprechen abgelegt hatten, ihre Besuche häufig und ungeladen zu wiederholen, da man sonst nach der Versicherung der Gräfin, absolut vor Langeweile sterben werde.

Joseph langte nach einer kurzen Verabschiedung von den beiden Offizieren, von denen ihm Seewis versicherte, daß nur über seine Leiche der Weg zum Altar mit Gräfin Hermine gehe, wie von einem Rausch befangen in seinem Zimmer an. Die letzten Stunden hatten Alles in ihm gewandelt, er dachte nicht mehr an die Abreise, kaum daß ihm blitzgleich auf Sekunden der Gedanke an Alba zurückkam. Erna's holdselig lächelndes Bild drängte sich immer wieder vor seine Phantasie und nahm alle Kräfte seiner Seele in Anspruch, wirbelte alle seine Sinne zu wildem Aufruhr empor. Draußen rauschte jetzt der Regen in gleichmäßigem Tropfenfall nieder, die Wolken hatten sich so tief gesenkt, daß von den Bergen kaum ein flüchtiger Umriß sichtbar blieb und ein kalter Wind zerrte das gelbe Laub von den Linden und Akazien, mit denen der Quai bepflanzt war. Wo war der Frühling geblieben, den man sich im Norden anstatt des Herbstes im Süden träumte und der noch gestern bei der Fahrt über den jetzt dunkelgrauen See ihn entzückt hatte? Ein naßkalter Spätherbsttag gerade, wie sie um diese Zeit die heimathlichen Hügel und den entfärbten Buchenwald melancholisch umlagern. Es war auch nur ein Traum gewesen, mit dem Frühling des Südens, gerade wie mit dem des Herzens vorüber! vorüber! Er saß an der offenen Balkonthür und blickte in die nebelgraue Landschaft hinaus, aber ein Lächeln lag um seine Lippen ausgeprägt.

Der Himmel schien durchaus keinen Grund einzusehen, weshalb er sich mit dem einen Regentage begnügen solle und weshalb der Horizont sich nach Ablauf desselben durchaus aufklären müsse, was man mit einer Bestimmtheit voraussetzte, welche der Allerweltsweisheit

der Touristen zwar einen neuen Nimbus zu verleihen schien, aber

den Himmel in keiner Weise in seinen Entschlüssen wankend zu machen im Stande war. Die letzteren mochten dahin gehen, daß

eine neue Sintfluth dem verderbten Menschengeschlechte nur heilsam

sein könne, denn nachdem es den ersten Tag geregnet hatte, regnete es den zweiten weiter, und der dritte setzte das Geschäft seines Vor⸗ gängers mit erneuten Kräften fort, und als man am vierten er⸗ wachte und mit vollster Sicherheit die Sonne am Himmel stehen

glaubte, regnete es noch immer, ohne daß sich mit Bestimmtheit 1

angeben ließ, ob dies ein neuer Regentag oder nur die Fortsetzung

des früheren war, was im Grunde auch ziemlich gleichgiltig sein

konnte. Das einzige Unterscheidungsmerkmal des vierten Regen⸗

tages von seinen Vorgängern bestand darin, daß es jetzt nicht mehr

nur regnete, sondern schüttete, und das mit einem Eifer und einer

Unermüdlichkeit, daß man hätte annehmen sollen, es käme etwas darauf an, eine möglichst bedeutende Wassermenge in möglichst kurzer

Zeit auf die Erde zu bringen, für die Nothwendigkeit welches Vor⸗ habens aber Niemand das Motiv finden zu können erklärte. Das Traurigste bei dem ganzen Ereigniß war, daß man am Ende des vierten Tages statt des erhofften Steigens ein nicht unerhebliches Fallen des Quecksilbers in den verschiedenen Barometern konstatiren mußte und deshalb kaum ein Zweifel darüber übrig blieb, daß man es mit einer richtigen längeren Regenzeit zu thun haben werde. Die Hilfsmittel zur Bekämpfung eines solchen Feindes sind auf Reisen nicht eben zahlreich an die Hand gegeben, und nirgends stellt sich die üble Laune schneller und unausstehlicher ein, als eben dort, wo gutes Wetter eines der Haupterfordernisse, ja, neben Zeit, Geld und Gesundheit wohl das erste unter allen ist, um die Ent⸗ fernung von der Heimath und liebgewordenen Beschäftigungen zu einer Annehmlichkeit zu erhöhen. Am ersten Tage tröstet man sich mit einem Buch und der Lektüre früher liegengelassener Zeitungen, der Flügel wird mehr als sonst in Anspruch genommen, und hie und da thun sich Gruppen zusammen, die sich das Versprechen geben, die Unbill des Wetters gemeinsam zu ertragen und so viel als möglich sich darüber hinwegzuhelfen. Am zweiten Morgen findet man diesen beständigen Regen bereits langweilig und ist der An sicht, daß es wirklich aufhören könne. Man liegt auf dem Kanapee und gähnt, man denkt, wie viel gemüthlicher es jetzt zu Hause sein würde, man ärgert sich über den mangelnden Komfort in den Hotels und flieht sogar die Geselligkeit mit ihrer sich wie eine Motte um das Licht immer um denselben Brennpunkt kreisenden Unterhaltung, um im Zimmer auf seine eigene Hand verdrießlich zu sein. Am dritten Tage macht sich bereits eine Art tiefgreifender Verzweiflung geltend, welche die Gerechtigkeit eines höchsten waltenden Wesens in gelinde Zweifel zu ziehen beginnt, ja, hie und da greift die Panik so weit um sich, daß man den Glauben an einen Umschlag des Wetters überhaupt aufgiebt und, nachdem sämmtliche Briefschulden erledigt sind, einen anderen Ort in der bestimmten Erwartung auf⸗ sucht, daß es nicht überall, also auch dort nicht regnen könne, eine so schwankende Logik, daß es von Rechts wegen Niemanden über⸗ raschen dürfte, wenn sie, wie gewöhnlich, täuscht oder der erhoffte Witterungswechsel doch gleicherzeit auch an dem verlassenen Aufent⸗ haltsort eintritt. Am vierten Tage tritt allgemeine Flucht ein, und die Engländer verzeichnen in ihren Tagebüchern, daß das regnerige

Klima des betreffenden Orts denselben zu längerem Aufenthalt durch 5

aus ungeeignet erscheinen lasse. Wer nach einer vollen Regenwoche seinen Aufenthalt noch nicht gewechselt hat, legt dadurch entweder ein Zeugniß von ungewöhnlicher Geistesgröße ab, oder ist gegen die Einflüsse der Witterung überhaupt unempfindlich, wenn er nicht etwa zu den Wenigen gehört, die, durch frühere Erfahrungen ge witzigt, sich von dem Wechsel des Wohnorts nicht zugleich einen Witterungswechsel versprechen.

Zu diesen Letzteren gehörten die Gräfin Helustein mit ihren Töchtern, sowie die drei Herren, die sich täglich in ihrem Salon zusammenfanden und, während draußen der Sturm raste, der Regen klirrend gegen die Scheiben schlug und der sonst so friedliche See weißköpfige, dunkelgraue Wellen mit lärmendem Getöse gegen die Ufer trieb, mit allerlei Kurzweil die schleichenden Stunden hin⸗ brachten. Man versuchte sich anfangs in kindlichen, später in ernsteren Spielen, ging dann zu musikalischen Genüssen über und endete den Tag regelmäßig damit, daß man abwechselnd irgend ein neu er⸗ schienenes Buch vorlas. Das dauernde Beisaumensein im engen

Salon, dessen Traulichkeit durch das draußen wüthende Unwetter

nur noch erhöht wurde, brachte eine innigere Beziehung innerhalb weniger Tage zwischen den Anwesenden hervor, als sie im gewöhn⸗

lichen Leben während mehrerer Monate hätte Platz greifen können.

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