Ausgabe 
23.5.1886
 
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Es erhob sich ein Tumult unter den Leuten, sie traten und stießen gegen die verschlossenen Thüren und Lindner verging Hören und Sehen.

Nun, Mann, halten Sie sich wenigstens aufrecht! Sie sehen ja aus, als wollten Sie sterben, redete ihn ein Kommis an. Unser Geschäft ist gewiß hart mitgenommen; aber den Kopf oben behalten, sage ich.

Der Gutsbesitzer setzte sich ganz betäubt auf einen Divan nieder; er hörte das Schimpfen und das Poltern, als wenn es aus weiter Ferne zu ihm dränge. Als er wie aus einem beängstigenden Traume plötzlich auffuhr, war es stille um ihn geworden. Er stürzte auf die offenstehende Thüre, die nach der Treppe ging und schloß sie fest zu. Was wollte er hier? das fragte er sich. Ja, gestern in der Frühe, in dem schnell dahineilenden Wagen, da hatte der un⸗ selige Mensch gesessen und sich vor ihm verborgen. War auch seine Tochter bei ihm gewesen, die unglückliche, betrogene Frau, war sie mit dem Menschen geflohen? Wer konnte ihm Klarheit in der schmachvollen Geschichte geben! Er saß stundenlang da und zermarterte sich den Kopf mit dem Gedanken, was nun zu thun sei. Es schreckte ihn dann und wann ein heftiges Schellen oder laute Stimmen aus seinem trostlosen Hinbrüten, dann fiel wieder Alles in die lautlose Stille zurück.

Plötzlich glaubte er einen langen schmerzlichen Seufzer zu hören. Athemlos horchte er, und wieder durch das tiefe Schweigen drang es zu ihm wie ein fernes Stöhnen. Er schlich bebend nach der

eingeführt worden war. Endlich, als der Morgen graute, stand der

Fremde vom Spiele auf und betrachtete den Lord mit einem langen sonderbaren Blicke.

Sie werden mir Kredit bis morgen auf mein Ehrenwort geben, Baron, sagte der Lord nachlässig und erhob sich ebenfalls.

Auf Ihr Ehrenwort? lachte der Andere laut auf.Ei, nicht eine Stunde, nicht eine Minute, mein Herr Graf Hermani.

Der Lord wurde todtenbleich und taumelte einen Schritt zurück. Ein dumpfes Gemurmel, laute Ausrufe wurden um ihn laut und der Fremde sah triumphirend um sich.

Ja, meine Herren, sagte dieser laut und durchdringend.Der hier anwesende Herr heißt nicht Lord Graham, sondern er ist der selbe Graf Hermani, der vor zwanzig Jahren in Ischl wegen Fälschungen gerichtlich verfolgt wurde. Die meisten von Ihnen, meine Herren, sind noch zu jung, um sich der Sache entsinnen zu können. Der Herr Graf wußte sich der Gerechtigkeit zu entziehen, auch kam nach einigen Jahren ein Attest seines Todes über die See her an den Magistrat von Ischl, was verdächtig genug aussah. Nun sehe ich den Herrn ganz unvermuthet in der Haupt⸗ stadt Deutschlands wieder. Ich mußte mit ihm spielen, um mich genau von seiner Identität zu überzeugen, er ist es, darüber bleibt kein Zweifel möglich. a

Der Lord war keines Wortes fähig, er sah sich scheu und un ruhig um, die Herren waren mit tiefer Verachtung in den Blicken aus seiner Nähe gewichen, der Weg war frei und er wankte zur

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Alles blieb ruhig in dem Zimmer, Lindner's Herz pochte laut.Nun, so lebe denn wohl, mein Kind, sagte er nach einer Weile mit bebender Stimme.Vielleicht thut es Dir noch einmal wehe, Deinen Vater vor Deiner Thüre ab⸗ gewiesen zu haben.

Er horchte wieder, und gerade als er sich anschicken wollte zu gehen, da schob eine Hand den Riegel innen zurück und Lindner stand vor seiner Tochter. War dieses Bild des Jammers wirklich seine Tochter! Bleich, abgehärmt, mit vernachlässigter Kleidung warf sie sich auf einen Stuhl und brach in ein herzbrechendes Weinen aus.

Lindner stand tief erschüttert. Er nahm sie wie ein Kind in seine Arme, strich ihr das verworrene Haar aus der Stirne und wärmte ihre eisigen Hände in den Seinen.Die Schmach, die unerhörte Schmach! schrie sie auf und rang die Hände.Könnte ich doch in die Erde versinken, damit ich den verhaßten Blicken der Menschen entginge!

Ueber das bleiche Gesicht des tief gebeugten Mannes flog etwas wie Freude.Ich führe mir mein Kind wieder in die Heimath zurück, rief er mit einem so freudigen Ausdruck, daß Adeline ihn ganz verwirrt anschaute.

Wie glücklich werde ich sein, mein Liebling, fuhr Lindner fort,wenn ich mein Kind wieder habe! Wie friedlich und schön sollen uns die Tage verfließen, wie

O sprich nicht von Frieden und Glück zu mir; bedenke doch die schmachvolle Lage, in der ich bin, sagte sie heftig und brach wieder in leidenschaftliches Weinen aus.

Sage mir nur, daß Du mit mir nach Mandsfelt gehen willst, sogleich, heute noch. Je eher ich Dich allen diesen Wirrnissen ent⸗ ziehe, desto besser ist es. Komme sogleich mit mir in den Gasthof, 1 N Du hier in der verödeten Wohnung! sagte Lindner ittend.

Ich habe sie heute am frühen Morgen alle entlassen, diese Menschen, die gestern schon laut genug flüsterten und impertinent ihren Lohn forderten. Sie wußten schon Alles, als ich noch nichts

Mensch hier, wie nur er.

ahnte und gestern Abend in der Soiree der Gräfin Rochen erschien,

sprach sie trostlos und verbarg laut stöhnend das Gesicht in ihren Händen.

Lindner fragte nicht um die nähern Umstände. gebrochenen Sätzen errieth er den Zusammenhang.

Am vorgestrigen Abend war Lord Graham nach Mitternacht in dem Spielklub, den er jede Nacht, oft noch um zwei, drei Uhr Morgens besuchte, erschienen. Ein Spieler von Profession, der meistens mit Glück spielte, verlor er in dieser Nacht erhebliche

Aus ihren ab⸗

0 Richtung, aus der es drang und horchte, da ließ es sich ganz Thür hinaus.

N N deutlich hören, es mußte aus dem Zimmer kommen, vor dessen Thüre(Fortsetzung folgt.)

f er stand.Adeline! rief er,Adeline, mein Kind, bist Du es? 5 ö Aus Barmherzigkeit öffne Deinem Vater Deine Thüre; es ist kein

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Tobu Aosenthal.

In den beiden letzten Jahrzehnten hat Deutschland nicht nur eine ungeahnte politische Machtstellung errungen, sonderu es erfreut sich auch auf dem Kunstgebiete so großen Ansehens, daß heute Aus länder in großer Zahl nach den Pflegestätten seiner Kunst pilgern, um von deutschen Lehrern unterrichtet zu werden. Am mächtigsten äußert sich der pädagogische Einfluß deutscher Meister auf dem musika⸗ lischen Gebiete. Während vor wenigen Jahrzehnten noch deutsche Instrumental⸗Musiker, Sänger und Sängerinnen in Massen nach Paris und Italien wanderten, um sich dort belehren zu lassen, bildet heute Deutschland in seinen mustkalischen Pflegestätten Berlin, Leipzig und Dresden ein musikalisches Centrum für die ganze Welt. In den Salons der berliner Musikfreunde begegnet man heute jungen Spaniern, Amerikanern, Skandinaviern und Russen, ja selbst Fran⸗ zosen in Menge, welche sich bei deutschen Lehrern und Lehrerinnen unterrichten lassen und der deutschen Musik den ersten Rang willig zugestehn. Eine ähnliche Wandlung hat sich auf dem Gebiet der Malerei vollzogen. Zu Anfang unseres Jahrhunderts suchten Cor- nelius und Overbeck das Heil in Rom, später wandten sich unsre Bildniß⸗ und Genremaler nach Paris und nur selten suchte ein Aus⸗ länder deutsche Malerschulen behufs seiner künstlerischen Ausbildung auf. Heute aber werden in Düsseldorf und Berlin die Kunst⸗ akademieen recht zahlreich von norwegischen, schwedischen, russischen und englischen Malern besucht, schüler aber wenden sich München zu. Dort finden sie in der That an Piloty und Defregger Lehrer und Vorbilder, wie sie kaum ein anderer Kunstort aufzuweisen hat.

Der münchener Schule verdankt ein amerikanischer Maler seine glückliche künstlerische Entwicklung, dessen Bildniß wir unsern Lesern vors Auge führen. Toby Rosenthal verspricht eine hervorragende Stellung in der Kunstwelt einzunehmen und sein Lebensgang ist so eigenthümlicher Art, daß wir demselben wohl eine eingehendere Be⸗ trachtung widmen dürfen. Toby Edward Rosenthal wurde im März 1848 zu Newhaven im Staate Connecticut geboren. Seine Eltern führten einen sehr harten Kampf ums Dasein und siedelten aus dem Osten Amerikas nach dem Westen über; hier ließen sie sich in San⸗ Franzisko nieder. Leider verbesserten sich auch in der Stadt am goldnen Thore des stillen Oceans die Verhältnisse der Familie Rosenthal nicht und der kleine Toby mußte, wie Edison in seiner Kindheit that, zum Unterhalt der Familie als Zeitungsverkäufer und Laufbursche

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die meisten ausländischen Kunst.

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Summen an einen älteren Herrn, der heute zum ersten Male hier thätig sein, statt die Schule zu besuchen. Trotz der starken Arbeit-

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