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„Ich würde sie lieber mit einer Höhe vergleichen, auf der Alles, was sonst groß und hoch erscheint, was beengt und fesselt, ver⸗ schwindet,“ antwortete sie mit ihrer sanften, weichen Stimme.
Er sah sie überrascht an.„Das sagen Sie, eben Sie, Frau Anneliese?“
Ihre Wangen färbten sich mit einem leichten Roth, das bis zu den Schläfen hinaufstieg und ohne ihn anzusehen, erwiderte sie: „Ich werde nie aufhören, die Liebe als die höchste Macht zu erkennen, die allein die Bürde des Lebens ertragbar macht.“ Dann wandte sie sich dem Knaben zu und begann, sich mit seinem Spiel zu be⸗ schäftigen, als ob sie das Gespräch abzubrechen wünsche.
Weber hatte recht; noch wandelte Heddenheim wirklich wie mit verbundenen Augen, noch war er sich der Gefahr nicht bewußt, die seinem wohlüberlegten Entschluß drohte— oder doch, er wollte sich ihr nicht bewußt sein. Martina's unbefangenes Wesen, die offene und herzliche Art, mit der sie ihm wie einem Freunde entgegen kam, die eben so weit entfernt von der schüchtern befangenen, als von der koketten Art anderer junger Damen war, erhielt ihn anfangs im Unklaren über sein eigenes Empfinden ihr gegenüber, er gab sich zuerst willig dem Zauber hin, der für ihn in dem Umgang mit ihr lag, dann— wollte er nicht weiter denken, er lebte der glücklichen Gegenwart, warum über sie hinausschauen?
Da kam ein Tag, der plötzlich ein jähes Erwachen aus dem Traum brachte, dem er sich so willig überlassen hatte. Ein Dampfer mit einer bedeutenden Waarenladung für die Firma Heddenheim war in den Hafen eingelaufen und er fand sich veranlaßt, selbst hinauszufahren, um Anordnungen hinsichtlich des Ausladens und Ueberführens der Ballen zur Stadt zu treffen. Die Angelegenheit war bald geordnet, früher als er es gedacht, konnte er die Heim⸗ fahrt antreten. Wie der Wagen längs der Straße dahinrollte, heftete sich sein Blick unwillkürlich auf die dunkle Laubwand, die zur rechten Seite gleichsam den Hintergrund für die freundlichen Villen bildeten, welche nur durch die langgestreckte Allee von der Stadt getrennt waren. Dort, hinter diesem schmalen Waldstreifen
lag Ornshagen, wenn man den richtigen Augenblick nicht verfehlte,
konnte man sogar einmal das weiße Haus mit dem rothen Dach aufschimmern sehen. Es überkam ihn plötzlich ein sehnsüchtiges Ver⸗ langen dorthin abzuschweifen; er war freilich erst gestern mit Weber den Abend über bei Frau von Hartwitz gewesen, allein ein solch gelegentliches Vorsprechen durfte er sich dessen ungeachtet heute wieder erlauben; er hatte einige Freunde zu Tische geladen, mußte demnach pünktlich in der Stadt sein— er sah nach der Uhr, es war eben drei, eine halbe Stunde blieb ihm noch vollständig frei. Martina war um diese Zeit gewöhnlich im Garten, sie erwartete ihn heute sicherlich nicht und er sah im Geist ihr freudig überraschtes Gesicht, hörte ihr heiteres Auflachen, wenn er plötzlich vor ihr stehen würde. Er gab dem Kutscher den Befehl zu wenden und den Weg nach Ornshagen einzuschlagen.
„Rasch zufahren,“ gebot er.
Die Pferde griffen weit aus, in einer Viertelstunde hatte er die Tannenhecke erreicht. Die Ueberraschung, die er in einer Regung jugendlichen Uebermuthes geplant, sollte eine vollständige sein, so ließ er halten und ging zu Fuß bis zu einer kleinen Pforte, durch welche man direkt in den Garten gelangte. Er kannte Martina's Lieblingsplatz, eine dicht mit Klematis überrankte Laube, von der man den Blick auf die schönste Gruppe hochstämmiger Rosen hatte. Die dunkelblauen Sterne leuchteten ihm entgegen, er trat unwillkürlich leise auf und bog lächelnd um die Laube— sie war leer. Ent⸗ täuscht ging er weiter, von Platz zu Platz, Martina war nirgends zu finden; halb und halb war er schon entschlossen fortzufahren, ohne sie gesehen zu haben, die Stunde, und die kurze Zeit, die ihm nur blieb, wären zu einer solchen scherzhaften Ueberraschung geeignet gewesen, nicht aber zu einem eigentlichen Besuch im Hause, bei dem der Diener niemals die feierliche Meldung unterließ.
Dennoch näherte er sich dem Hause und als ob der Zufall seinem Wunsch entgegenkam, fand er die Thür offen und den Flur leer. Er durfte es wohl wagen, ungemeldet einzutreten. Auch die beiden ersten Zimmer waren leer, erst im dritten schimmerte es hell durch den Epheu: Martina saß im Erker, auf einem der niedrigen Sessel, tief über den Tisch gebeugt. Sie hatte den sich nähernden Schritt nicht vernommen, erst als Heddenheim unmittelbar neben der Musa stand, die ihre breiten Blätter auf den Tisch hinabsenkte, hob sie
den Kopf. Sie sprang auf und schlug hastig das vor ihr liegende Buch zu, während eine helle Röthe in ihrem Gesicht aufflammte.
„Sie! welche Ueberraschung!“
Ihre sichtbare Verwirrung stand in so seltsamem Gegensatz zu ihrer sonstigen offenen Unbefangenheit, daß Heddenheim sich selbst Sein Eindringen hier schien ihm ein knaben⸗ hafter Streich, den er gegen Martina nicht zu entschuldigen wußte.
„Ich habe Sie erschreckt, gestört, vergeben Sie,“ kam es stockend
plötzlich unfrei fühlte.
über seine Lippen.
Sie hatte sich scheu gesammelt und reichte ihm lächelnd die Hand.
„Nur überrascht, zu so ungewohnter Stunde.“
„Ich fuhr nahe bei Ornshagen vorüber,“ erklärte er,„und es ö lockte mich, Sie in der Klematislauke einen Moment zu begrüßen,
wo ich Sie sicher zu finden glaubte; Sie waren nicht dort und da ich den Diener nicht traf, der mich melden konnte, drang ich bis hierher vor. Nochmals: Vergebung! ich hätte denken können, daß
nur irgend eine dringende Beschäftigung Sie zwang, die gewohnte
Nachmittagsstunde im Garten aufzugeben.“ Sie schüttelte den Kopf und legte wie unwillkürlich die Hand auf das Buch.
„Keineswegs, ich habe nur die thörichte Gewohnheit, hier und
da einmal einen Gedanken, der mir durch Kopf und Herz geht, zu
verzeichnen.“ Sie lächelte.„Fürchten Sie nichts, es sind keine Ge-⸗„— dichte, es ist auch kein Tagebuch, nur eben je zuweilen ein flüchtig Hin⸗ geworfenes, was das Herz gar zu voll macht— das dann leichter wird.“
Sie hatte das Alles leichthin, ja scherzhaft gesagt, aber doch
wie in einer sich von Neuem steigernden Befangenheit, und wieder
war ihr das Blut in die Wangen gestiegen.„Es ist aber nur
für mich ganz allein,“ fügte sie rasch und beinahe beklommen hinzu.
„Es ist sehr heiß draußen, meine ich. Wo kommen Sie her?“ Es schien, als hätte sie durch die Hitze die Gluth ihrer Wangen
erklären wollen und beabsichtigte nun, dem Gespräch eine andere
Wendung zu geben. Er gab ihr Bescheid und sprach, um ihrem Wunsch nachzukommen,
ausführlicher als wohl sonst über die angekommenen Güter, die
Verladung und Versendung derselben.
„Wie seltsam, daß Sie Kaufmann sind,“ sagte sie plötzlich,„und
Einer, der es mit ganzer Seele ist, wüßte ich's nicht, ich würde es nicht glauben, Kaufleute habe ich mir stets als Geldmenschen, nüchtern und trocken gedacht, wie Sie— es eben nicht sind.“ l
„Der Handel ist ein gewaltiges Kulturmittel, er fördert Wohl⸗ stand und Bildung, verbindet die fernsten Länder mit einander und macht uns mit der Entwickelungsstufe entfernter Völker bekannt. Ich möchte nicht, daß Sie in ihm nur ein nacktes Mittel des Geld⸗ erwerbes sehen, sondern seine zivilisatorische Bedeutung anerkennen. Darin freilich hat Ihr Scharfblick Sie nicht getäuscht,“ setzte er lächelnd hinzu,„daß ich meinen Beruf nicht aus freier Wahl er⸗ griffen habe. Ich wollte Naturwissenschaft studieren, da kam der Vorschlag meines Onkels, mich in sein Geschäft eintreten zu lassen, der so günstig schien, daß er angenommen werden mußte und ich habe es auch niemals bereut, denn ich gewann dadurch einen liebe— vollen Vater und— meine gegenwärtige Lebensstellung.“
Während er die Worte aussprach, durchkreuzte sie der Gedanke an die Unsicherheit dieser Stellung, an die Gefahr, die ihr in jeder Stunde drohte. f
„Wie seltsam,“ erwiderte Martina,„hätten Sie Ihren ersten Entschluß zur Ausführung gebracht, so wären wir uns wahrscheinlich niemals begegnet, Sie hätten dann—“ der helle Ton einer Glocke
unterbrach sie.„Die Tante ruft mich, verzeihen Sie einen Augenblick.“
Sie hatte sich rasch erhoben und eilte hinaus. Ihm war es nicht entgangen, daß sie in dem Ausgang des Erkers einen Moment stehen geblieben war, wie unschlüssig und einen schüchternen Blick auf das Buch werfend, dann hatte dieser Blick ihn gestreift und sie war gegangen. Sie hatte auf seine Diskretion gebaut, sie war überzeugt, daß er, was sie diesen Blättern anvertraut, als Geheimniß ehren würde. Er wollte es auch, sie sollte sich in ihm nicht getäuscht haben; doch plötzlich überwältigte ihn ein Gedanke, der schon oft schattenhaft vor ihm aufgestiegen war, und den er dann jedes Mal als thöricht zurückgewiesen hatte. Jetzt stand er deutlich und klar vor ihm, wie eine unleugbare Gewißheit, die ihn mit jähem Schreck
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erfüllte: sie liebte Weber! Ihr sichtliches Erschrecken, ihr Erröthen
— er mußte es wissen, nur einen Blick, nicht mehr! Er schlug das Buch auf, blätterte weiter, da war das letzte beschriebene Blatt—
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