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Einmal noch nahm es eine Wendung zum Besseren mit ihm: das war, wie sein zweites Kind, der kleine Joseph, geboren wurde, über den der Vater eine große Freude hatte. Damals sprach er seinem Weibe noch einmal und diesmal so recht ernst und freundlich zu und versprach auch seinerseits sich zu ändern und zu bessern und die liederlichen Freunde zu lassen. Lange aber dauerte es nicht mit der Ruhe und dem neuen Frieden im Hause. Jetzt, wo die Mene die beiden Kinder hatte, kam sie erst recht zu keiner Arbeit mehr; wenn der Vinz sich das Essen nicht selbst kochen wollte, so mußte er meistens hungrig bleiben und wenn er sich nicht dazu hergab, die Betten selbst zu machen und die Wohnung ein wenig aufzuräumen, so sah es in der Stube nicht viel besser aus wie in einem Stall. Da riß dem Vincenz zum zweiten Male und diesmal für immer die Geduld: Es litt ihn nicht zu Hause bei seinem schlampigen Weibe und seinen schreienden, schmutzigen Kindern; er glaubte nicht
mehr daran, daß sich darin jemals etwas ändern könne, und bald
sah man ihn häufiger als je mit den alten liederlichen Kameraden in allen Wirthshäusern herumlungern.
Es machte auch keinen Unterschied in seinem Lebenswandel, als sein Weib starb, nachdem er sieben Jahre mit ihr verheirathet ge⸗ wesen war; nach wie vor vertrank er des Abends, was er sich Tags über verdient hatte, um die Kinder kümmerte er sich wenig, und wenn sein Bruder sich der armen, verlassenen Würmer nicht an⸗ genommen hätte, so würde es gar schlimm um sie gestanden haben: „Schade um den Vinz,“ sagte der Franz, der längst eingesehen hatte, daß alles Zanken, Zureden und Bitten bei dem Bruder nichts helfen wollte.—„Schade um den Vinz“, sagten die ordentlichen, vernünftigen Leute aus dem Dorfe, die den frischen, hübschen Buben früher so gern gehabt und so viel von ihm gehalten hatten; und die Mädel schauten ihm verstohlen nach, wenn der junge Wittwer an ihnen vorüberging und fanden, daß er schmucker und stattlicher aus⸗ sehe, wie all die Burschen.„Schade, schade,“ seufzten auch sie und drehten sich um und dachten an den Heinrich, den Matthes und den Andres, die zwar nicht so groß und schön gewachsen waren und nicht so hübsche, blaue Augen und so lichtes, krauses Haar hatten, aber dafür auch nicht so gar arge Lumpen wären!
Ja, so thaten es die meisten, aber Eine machte es nicht so, die drehte sich nicht um und dachte auch an keinen Anderen! Wenn der Fleischer-Vinz vorüberging, stand sie vor der Thür und hielt die Hand über die Augen und guckte ihm nach, bis— ja, bis er stehen blieb, um nach ihr zurückzuschauen, und sie dann gar schnell in's Haus hineinlief. Dieselbe war es auch, die oftmals an dem Fenster ihrer engen Kammer stand und nach dem verwahrlosten kleinen Hause hinüberblickte, wo das Kind, die achtjährige Mene, herumwirthschaftete, so gut es gehen wollte. Sie konnte das kleine Haus ganz gut mit den Augen bewachen, wenn sie es wollte, es lag ja nur die Dorfstraße dazwischen, denn das hübsche Mädchen mit den lustigen, nußbraunen Augen und den frischen, rothen Lippen, die den ganzen Tag über lachten, plauderten und sangen, war die Schwester von dem Anton Pertes, dem neuen Wirth, der das Gast— haus zum weißen Roß gepachtet hatte. Der Anton Pertes war noch gar nicht lange am Ort und doch saß die große Gaststube bei ihm immer voller Gäste, denn er verstand seine Sache, schenkte ein gutes Bier, und er und seine kleine, runde Frau machten gar freund⸗ liche, gefällige Wirthe, und die jungen Leute, ja, die sprachen schon wegen der lustigen Rosel gern im weißen Roß ein. Sie alle waren mehr oder weniger hinter dem hübschen, und, wie es verlautete, auch gar nicht unvermögenden Mädel her, und wenn dieses nur gewollt hätte, an jedem Finger der kleinen, braunen Hand hätte es einen Bewerber herzählen können;— da mochte aber kommen, wer da wollte, die Rosel hob nach keinem Einzigen auch nur den Kopf auf, gegen Alle war sie freundlich, aber gegen Keinen mehr als gegen den Andern, und bei der Musik war es ihr ganz einerlei, ob es der arme Hansel oder der reiche Peter war, der sie zum Tanze führte. Der Bruder wurde ihr ganz böse deshalb, so bös, wie er es über⸗ haupt. nur werden konnte, was freilich nicht so gar viel sagen will, und hielt ihr ihren Unverstand vor.
„Schau', Rosel,“ sagte er,„sei vernünftig, mach' ein End' und nimm Dir Einen, so lange sie noch nach Dir fragen, denk nicht, daß das immer so gehen wird!“
Die Rosel schob schmollend die Unterlippe vor.
„Das denke ich auch gar nicht,“ sagte sie,„aber vom Heirathen
will ich nichts hören und aus all den Mannsleuten mache ich mir ganz und gar nichts.“ N
„Hör mich an, Rose,“ fuhr der Anton fort, ohne auf die Zwischenrede weiter zu achten,„da ist gleich dem Lindemichel sein ältester Bub, der Johann; denn sein Vater geht in's Ausgeding, wenn der Sohn heirathet, ich hab's von ihm selbst, und der Johann hat dann Haus und Hof und zehn Stück Vieh im Stall!“
„Ja, und die krummen Beine und die schieligen Augen dazu,“ spottete die Rosel.
„Geh' mir ab,“ fuhr der Bruder ärgerlich auf,„wer wird danach viel fragen und der Johann ist sonst ganz ein leidlicher Bursch. Wenn Du aber so auf die Schönheit versessen bist, so mußt Dir halt Brakes Fer nand nehmen, der möcht' Dich auch wollen und an dem wirst wohl nichts auszustellen haben.“
„Nein,“ sagte die Rosel herb,„nur, daß er die Lene, das arme Mädel, in's Unglück gebracht und dann hat sitzen lassen.“
„Nu, nu,“ begütigte der Anton,„das ist nun mal nicht anders und sogar scharf brauchst's halt auch nicht zu nehmen. Der heilige Aloysius in der Kirchen wird um Deinethalben nicht von seinem Platzl hinuntersteigen und der Schlechteste ist der Fer nand noch lange nicht. Das Mädel freilich, das ihm keinen Kreuzer zugebracht hätt', das hat er sich nicht nehmen können, da hätt' sein Vater schön aufgeschaut.“
„Gut,“ sagte die Rosel,„die Lene hat er nicht heirathen können und mich kriegt er nicht. Und von dem Fer'nand hör' mir ein für alle Mal auf, Bruder, von dem will ich schon gar nichts wissen! Ich begreif auch gar nicht, warum Du's so eilig hast, mich aus dem Haus zu geben, Ton; bin ich erst mal fort, so wirst Dich schon nach mir umschauen; Dein Weib hat dann nichts mehr zum Zanken und Du nichts zum Brummen und Ihr alle zwei nichts mehr zum Lachen.“
„Freilich wirst uns abgehen, da kannst schon recht haben,“ gab der Bruder zu,—„aber fur ewige Zeiten kann ich Dich doch nicht im Hause behalten, oder willst denn all Dein Lebtag ledig bleiben?“
„Gewiß will ich das nicht,“ sagte die Rosel lustig,„aber warten will ich, bis der Rechte kommt; weder der Johann ist der Rechte, noch gar Brake's Fer'nand, das kannst mir glauben, Bruder!“
„Ja, weder der Johann, noch der Fer nand, noch irgend ein Anderer wird's für Dich sein,“ sagte der Anton verdrießlich,„das geht nun schon zwei oder drei Jahre so und wird sich bis zum jüngsten Tag nicht mit Dir ändern, über Jeden hast halt was zu reden und zu spotten. Oder sag', Rosel, wann soll denn Dein Rechter kommen?“
„Weiß ich's?“ lachte das Mädchen fröhlich auf.„Schau, Ton, einen Reichen brauch' ich nicht, weil ich selbst genug hab', und einen Armen will ich nicht, denn der denkt nur an das, was ich mitbekomm' und einen Häßlichen will ich auch nicht, den möcht' ich mir bald zuwider schauen und einen Schönen schon gar nicht, der hat schon wer weiß wie viel Schätze vor mir gehabt. Mußt mich halt noch ein Weilchen bei Dir dulden, Ton,“ fügte sie schmeichelnd hinzu und schaute mit den braunen, lustigen Augen treuherzig zu dem Bruder auf.„Bei Dir ist's am allerbesten und wenn ich Dich nur hab', braucht meinethalben all das andere Mannsvolk gar nicht auf der Welt zu sein!“
„Mir kann's schon recht sein,“ brummte der Ton,„aber Du, Rosel, bist halt in dem Alter, wo sich sonst ein jedes Mädel nach der eigenen Wirthschaft umschaut. Du bist zwanzig Jahr' vorüber.“
„Einundzwanzig schon,“ lachte die Rosel und war zur Thür hinaus.
(Fortsetzung folgt.)
Lose Blätter.
Der erste Schritt in's Leben.(Siehe Illustration). Das Bild des hochbegabten venetianischen Genremalers Silvio Giulio Rotta bestätigt das deutsche Volkslied, welches mit den Worten beginnt:„Thut man in's Leben kaum den ersten Schritt, so bringt der Mensch schon eine Thräne mit.“ Der kleine Krauskopf, welcher zur Spielschule geführt wird, verhüllt schamhaft und wehmüthig sein Gesicht und bricht 7 der ermuthigenden Worte seiner jungen Mutter in Thränen aus. Vielleicht sagt ihm sein prophetisches Gemüth, daß der erste Schritt in die Schulstube ein verhängniß⸗ voller ist. Der Weg zur wissenschaftlichen Erkenntniß ist für die meisten Erdenbürger ein sehr dornenvoller. Wir kennen einen Knaben, der sich monatelang auf den Gang zur Schule freute und der doch vier Wochen später, als ihn die Mutter aus dem Schlaf weckte und hastig für die Schule
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