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zu erlangen, zum festen Entschluß, und so ward durch mein dring⸗ liches Ungestüm allmählich ein offener Gedankenaustausch zwischen uns herbeigeführt. Spekulation zum Opfer gefallen, sie mit tausend Treuschwüren von
deren Fäden sie nicht ahnte, als mir Abschied nahm. Nicht, um
sie der Einsamkeit des Vaterhauses zu entziehn, nicht, um ihr das
gesellschaftliche Treiben der großen Welt zu zeigen, hatte ihr Bruder
sie zu dem Besuch in des reichen Onkels Haus veranlaßt. Er selbst
hatte gegen eine fürstliche Summe, die er zur Deckung neuer Ehren— schulden nöthig hatte, die Hand des jungen Kindes an den alternden Mann verhandelt, der dem armen Wesen den Sachverhalt rückhaltlos darlegte, als er sah, wie vergeblich sein Liebeswerben war. In
ihrer Todesangst um den Bruder, der mit Selbstmord drohte und
um den alten, ehrenhaften, zärtlichgeliebten Vater, sagte sie zu.
Der Brief, in dem sie mir das Weh ihres Herzens ausgeschüttet hat, gelangte nie in meine Hand, und ihre Verlobungsanzeige, die ich richtig erhielt, faßte ich nicht als das auf, was sie sein sollte: als Wehruf, als Hilfeschrei einer gequälten Seele. Mein Groll hatte nur eine Antwort für sie: meine Verbindung mit Irene! So führte uns das Leben auseinander.“—.
„Und nun, Gerhard?“
„Nun hat uns der Knabe vereint, der Trotzkopf, der alle meine
Erziehungspläne über den Haufen warf. Vielleicht glückt mir's,
ihn nun doch zu einem glücklichen, guten Menschen zu erziehen, wenn sie mir hilft!“ Mit strahlendem Gesicht hob er den Jungen zu sich empor, während seiner Worte im Morgenröckchen hereingetrippelt kam, um dem Vater, dem er sein Unrecht großmüthig verziehen hatte, den üblichen Morgenkuß zu geben. N ö „Was hast Du angerichtet, Du Schelm!“ sagte Gerhard glückselig. »Votre bonheurle parlierte der Kleine, welcher das, dem Pa⸗
der
pageien abgelernte Wort seinem neuen Schwesterchen zu Liebe so
gut gemerkt hatte. i „Das walte Gott!“ riefen wir Beide aus einem Munde.
Hiermit Sela, Kameraden! Habt Ihr meine Epistel geduldig zu Ende gelesen, so fragt Ihr mich nicht länger, ob Gerhard glück⸗ lich sei!—
Der schöne Vepi. Eine tragikomische Geschichte aus der Bretterwelt von J. Beck. N(Schluß.)
Etwas über ein Jahr war vergangen. Beim Hofbäcker Höll— riegel feierte die einzige Tochter Geburtstag, den fünfundzwanzigsten. Feiern konnte man eigentlich nicht sagen. bekannten Ereigniß ernst und verschlossen und auch heute erfüllte sie ihre gewohnten Pflichten still und gleichgültig, ohne im Geringsten eine Feststimmung zu zeigen. f
Papa Höllriegel trat jetzt aus dem Wohnzimmer, das durch eine
Glasthür mit dem Bäckerladen verbunden war, ein Bouquet in der Hand haltend auf Marien zu und gratulierte ihr mit ein paar herzlichen Worten. Sie dankte ruhig und gemessen. Marie, heute bist Du fünfundzwanzig,“ fuhr der Papa mit Humor fort,„die Jugend kann Dich vom Heirathen nicht abhalten. Wirst Du mir auch in diesem Jahr nicht meinen Lieblingswunsch erfüllen und mir einen Schwiegersohn in's Haus bringen, einen tüchtigen, jungen Bäcker? Sieh, ich möchte dem Schwiegersohn mein Geschäft übergeben und mich endlich zur Ruhe setzen.“
„Vater! Ich habe von Dir nie verlangt, daß Du meinen Herzenswunsch erfüllen sollst, Du weißt, was ich meine. Ich werde Dir Dein Geschäft zu erleichtern suchen, so gut ich kann; aber verlange auch Du nicht das Unmögliche von mir, mach' mich nicht noch elender, als ich schon bin,“ antwortete das Mädchen. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, vor denen der Alte stets respekt⸗ voll den Rückzug antrat, auch heute retirirte er wieder in das
Wohnzimmer, rief ihr jedoch die Worte zu:„Und ich sage Dir,
Du heirathest doch noch einen Bäcker!“ „Nie!“ rief Marie ihm nach. Der Alte ging drin im Wohnzimmer auf und ab und pfiff
— Ihre Liebe und ihr Herzensglück war einer
Marie war seit dem
ein Lieblingsstück, den Dessauer Marsch. Seit er vor eini en ö 0 8 9
Tagen einen Brief von seinem Bruder erhalten, war er in bester 9 9 5 7 7 aune. 8
eine Photographie hervorgezogen, die sie innig küßte,— wir kennen den schönen Kopf. Eine Rose aus dem Bouquet legte sie auf das Bild neben sich, nahm wieder ihre Näharbeit zur Hand und seufzte tief auf. 3 5
„Gott grüßt das Handwerk!“ mit diesem Spruch der zugereisten Gesellen trat ein hübscher Mann in den Laden, sauber aber einfach gekleidet, den Stock in der Hand, das Ränzel auf dem Rücken.
Marie zuckte bei dem Ton der Stimme in wendete sich um. Ein Schrei der Freude ertönte:„Pepi, mein Pepi!“ Jetzt lag sie in den Armen des stattlichen Gesellen.
Papa Höllriegel, weniger überrascht,
Willst Du meinen Lieblingswunsch endlich erfüllen und den jungen
Bäckergesellen- da mir als Schwiegersohn in's Haus bringen?“
fragte er lächelnd.
„Vater! herzlieber Vater!“ war Alles, was die freudig Er⸗ regte hervorbrachte, indem sie sich von Pepi losriß, ihren Vater umarmte und ihm ein Dutzend Küss der Alte lange schwer entbehrt hatte. a
Es wurde wieder Frühling in ihrem Herzen,— und sie hatte kurz vorher geglaubt, der Winter wäre schon angebrochen.—
Zehn weitere Jahre waren ins Land gezogen. Freund Pfeiffer,
der jetzt eine ehrenvolle Stellung an einer großen königlichen Bühne einnahm, kam auf einer Ferienreise durch die kleine Residenz A.
Er erinnerte sich seines Schützlings, des schönen Pepi und beschloß, ihn zu besuchen. 8
An dem wohlbekannten Hause prangte ein anderes Schild. Die g
beiden heraldischen Thiere, das herzogliche Wappen haltend, waren geblieben, darunter aber stand jetzt: b Herzogliche Hofbäckerei von Joseph Christl(früher Höllriegel). Die Freude des Ehepaars war groß und aufrichtig, als sie dem
Mitbegründer ihres Glückes die Hand schütteln konnte. Und glück-
lich waren sie, die Christl's, das sah man auf den ersten Blick. Der wackere Papa Höllriegel hatte vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet; er konnte das Bewußtsein mit sich nehmen, daß sein gutes Herz ihm keinen dummen Streich gespielt, sondern im Gegentheil, das Glück seines geliebten Kindes dauernd begründet hatte. Er starb auch leicht.
„Nun Pepi, die Nase sieht ja wieder ganz reputirlich aus,“
sich zusammen und
a trat jetzt aus der, Glas⸗ thür, die Gruppe wohlgefällig betrachtend.„Na, Marie, wie ists?
Marie hatte sich im Laden wieder an ihr Tischchen gesetzt und f
e hintereinander versetzte, die
scherzte Pfeiffer,„wenn auch nicht gerade streng römisch, doch auch
nicht böhmisch.“
„Nicht wahr, Mann?“ fragte Frau Christl halb im Scherz, halb im Ernst.
„Der schönste Bäckermeister, den ich je gesehen,“ antwortete Pfeiffer ganz ernsthaft.„Wie viel kleine Christl's kann man denn zur Zeit begrüßen?“
„Sechs!“ erwiderte Frau Christl halb verlegen.
„Das heißt, es wären acht, aber zwei sind gestorben,“ fiel Herr Christl ein, ohne den kleinen Stoß seiner Frau zu beachten.
Eben kamen die größeren drei Knaben und ein Mädchen von der Schule heim und begrüßten etwas verlegen den fremden Gast.
„Ah! Wirklich hübsche Kinder, ohne Schmeichelei!“ rief Pfeiffer
bei ihrem Anblick der erfreuten Mutter zu.„Na, und wie ist's,
Pepi, soll keines von ihnen sich der Kunst widmen?“ „Um Gottes Willen, nein, nur nichts davon!“ energisch aus. „Warum denn nicht?“ fragte Pfeiffer. „Ich fürchte, sie haben mein Talent geerbt!“
Lose Blätter.
Julius Hermann v. Kirchmann. politischen Veteranen, welche in dem ersten Menschenalter der preußischen en sgeschichte kämpfend und leidend die Sache des Volkes aufrecht erhalten Ein ebenso bedeutender Jurist wie Philosoph, bewahrte er sich auf den geistigen Höhen der modernen Bildung ein tiefes Verständniß für die
Herr Pfeiffer, Pepi ist immer noch ein hübscher
aben, steht mit in erster Reihe Julius Hermann v. Kirchmann.
rief Pepi
(Mit Illustration.) Unter den
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A 3 * A., 2 8 2 2 1 u:
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Schmerzen und Leiden des Volkes; um als Fürsprecher der Armen und 1


