Ausgabe 
20.6.1886
 
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vor Frost und Schmerzen schlugen ihr die Zähne zusammen.

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Wie sollte sie nun nach Hause kommen? Was sagte ihr Vater, wenn Ellinor nicht zum Nachtessen erschien? Der Knecht war gegangen, Hilfe zu holen und Ellinor hörte, wie Klas den Mann auszankte und ihn einen ungeschickten Tölpel hieß. Gleich darauf eilte er er schrocken auf sie zu.Helfen Sie mir, daß ich wieder in das Haus komme, rief sie ihm zu;es ist mir nicht möglich, auf den Fuß zu treten.

Es ist zu stark, es ist zu toll, was man mit diesen Menschen aussteht, rief Klas außer sich,nun haben Sie sich am Ende ver letzt, gnädiges Fräulein? hätte ich Sie doch selbst gefahren! Er nahm Ellinor auf den Arm und trug sie wie ein Kind dem Hause zu.Tragen Sie mich in das Zimmer meines Bruders und sorgen Sie für ein anderes Fuhrwerk, sagte sie und preßte vor Schmerz die Zähne zusammen. Er ließ sie sorgfältig in einem Sessel nieder und ging hinaus, ihre Aufträge zu besorgen; Georg schlief noch immer. Es verging eine lange Stunde, Georg murmelte im Fieber abgebrochene Worte und rief mehrere Male mit ängstlichem Aus druck:Meine Ellinor, bleibe bei mir, verlaß mich nicht. Sie flüsterte einige beruhigende Worte und er schlief wieder ein.

Als Klas zurückkam, erstaunte er, seinen Herrn in ruhigem Schlaf zu finden.Ihre Gegenwart wirkt Wunder, gnädiges Fräu⸗ lein! rief er hocherfreut aus;mit Ihrer Hilfe retten wir vielleicht den lieben Herrn! So glücklich ich darüber bin, so betrübt es mich, Ihnen zu sagen, daß ich kein Fuhrwerk auftreiben konnte; das Pferd ist ganz lahm und im nächsten Dorf ist nur ein Pferd, das der Bauer nicht herleihen will, weil es zu müde sei, könnte ich selbst mich anspannen, mit Freuden würde ich es für das gnä dige Fräulein thun.

Bringen Sie mir Papier und Feder, sagte Ellinor entschlossen, ich will einige Worte an meinen Vater schreiben.

Klas rollte ihr den Sessel an den Tisch und besorgte Alles mit großer Behendigkeit. Ellinor erzählte ihrem Vater die ganze Wahrheit und bat rührend um seine Vergebung.Du wirst gut und großmüthig sein und mir vergeben, schloß sie.Dein Sohn ist todtkrank; vielleicht, guter geliebter Vater, kommt morgen in der Frühe Dein Wagen nicht leer nach Lengen. O, wenn Du vergessen wolltest und dem armen Georg Deinen Anblick gönnen, wie glücklich könnten wir noch einmal werden!

Schicken Sie diesen Brief sogleich nach Mandsfelt, damit mein Vater wegen meines Ausbleibens beruhigt ist, sagte Ellinor und Klas versprach, daß die Botschaft in Zeit von vier Stunden an Herrn Lindner gelangen werde. Es trat eine ältliche Person von scheuem Aussehen in das Zimmer und flüsterte, daß sie das Abend essen für das Fräulein aufgetragen habe. Der Sessel wurde von Klas und der Köchin in das Zimmer gegenüber getragen. Ellinor ein wenig; die Räume waren so unheimlich, die Wände ge schwärzt, die Möbel vom Wurme zerfressen.Mein armer Bruder, flüsterte sie und schauderte in sich zusammen. Es ließ sich Niemand sehen, man schien sie vergessen zu haben. Endlich kam Klas mit trauriger Miene und meldete, daß sein Herr im schrecklichsten De⸗ lirium liege.Sie können ihn heute Abend nicht mehr sehen, fuhr Klas fort;er springt in dem Zimmer umher, er wüthet und es ist lebensgefährlich, um ihn zu sein; er würde Sie jetzt gar nicht erkennen.

Und er packte, ohne Ellinor's Entscheidung abzuwarten, mit der Köchin den Sessel auf und trugen sie die Treppe hinauf in eines der obern Zimmer. a

Ich möchte aber bei meinem Bruder bleiben, wandte Ellinor ein.

Klas schüttelte traurig den Kopf.Nicht möglich, gnädiges Fräulein, sagte er entschieden;auch muß die Köchin nun nach Ihrem kranken Fuße sehen und kalte Umschläge machen; sie ist ein halber Doktor. 5

Das Schlafzimmer war auch so leer, die Decke so geschwärzt, daß Ellinor nicht begriff, wie man in einem so vernachlässigten Hause leben könne. Die Köchin machte Umschläge und blieb außer einigen kurzen Antworten stumm. Als sie gegangen war, konnte

sich Ellinor nicht entschließen, sich zu Bette zu begeben; die Schmerzen am Fuße waren heftig genug, und dann die Sorge um ihren Bruder und die Unruhe darüber, wie ihr Vater ihren Schritt auf nehmen werde, ließen sie doch nicht schlafen. Der Morgen kam endlich, sie hörte in der Ferne Thüren auf und zugehen; aber Nie Es war schon zehn Uhr geworden,

mand nahte sich ihrem Zimmer.

der Wagen von Mandsfelt mußte nun kommen; sie bedauerte es, daß sie nicht einmal das Fenster erreichen konnte. Endlich kam die Köchin und brachte Ellinor das Frühstück. Sie fühlte sich ganz durchkältet, ganz krank.Ich mag nicht frühstücken, sagte sie, rufen Sie doch Jemand, damit man mich zu meinem Bruder trage.

Klas kam und erklärte, er habe verboten, das gnädige Fräulein so frühe zu stören; der Arzt sei eben dagewesen und er meine, die Krisis müsse von einer Stunde zur andern eintreten. Ellinor hätte so gerne selbst den Arzt vor ihrer Abreise nach Mandsfelt gesprochen, Klas aber versicherte, daß ihn nichts in der Welt vermocht hätte, die Ruhe des gnädigen Fräuleins zu stören. Sie fand nicht, daß eine wesentliche Veränderung im Zustande ihres Bruders vorgegangen war; nach dem heftigen Delirium der letzten Nacht lag der Kranke erschöpft wie im Halbschlummer. Ellinors Unruhe wuchs, es wurde Mittag, die Dämmerung kam, und ihr Vater hatte keinen Wagen geschickt. Da reichte Klas ihr einen Brief, den gerade ein Bote von Mandsfelt hergebracht. Ellinor öffnete mit zitternden Händen, es waren nur wenige Worte, die ihr Vater schrieb.Du hast zwischen Deinem Vater und dem, dessen Namen ich nicht mehr hören will gewählt; nun bleibe bei ihm, meine Thüre ist Dir von nun an vel schlossen. a

Ihr schewindelte, sie starrte auf das Blatt, das mit einem dunkeln Rand umgeben war, sie verstand, sie begriff nichts; dann stieß sie einen lauten Schrei aus und verlor die Besinnung. Als sie zu sich kam, befand sie sich auf dem elenden Bett oben im Schlafzimmer und die Köchin saß in einiger Entfernung von ihr. Sie besann sich nach und nach, was mit ihr vorgegangen war, sie konnte nicht mehr an dem Unheil zweifeln, die Worte, die ihr der Vater zu geschickt, standen quälend vor ihren Augen und sie fühlte sich krank und elend. Am Morgen versuchte sie aufzustehen, es war nicht möglich, sie fühlte sich zu krank. Die Köchin berichtete ihr, daß die Krisis vorüber sei und der Herr sich viel besser fühle. In dem leidenden Zustand schrieb Ellinor einen flehentlichen Brief an ihren Vater; sie bat ihn im Namen der Mutter, die so kurz erst von ihnen geschieden, ihr zu vergeben und sie wieder aufzunehmen. Darnach wurde sie ruhiger; er konnte sie ja nicht ganz verstoßen, wäre nur ihr Fuß gesund gewesen, sie wäre zu dem Vater geeilt, er hätte sie nicht aus dem Hause jagen können. Sie war sehr bleich, als sie das armselige Lager verließ und langsam und vorsichtig hinunter zu ihrem Bruder schlich. Er streckte ihr die Hände ent gegen und sagte mit matter Stimme:Dank, Ellinor, Du hast mich gerettet. Deine Gegenwart in meinem Hause brachte mir die Ruhe, deren ich bedurfte, um die Krisis glücklich zu überstehen. Klas sagte mir, Du habest bei mir bleiben wollen, bis Du die Gewißheit meiner Rettung hattest; o bleibe noch ein wenig, Du machst mich so glücklich, und er küßte inbrünstig ihre Hände.

(Schluß folgt.)

Lose Blätter.

Die Lieblingsunterhaltung im alten Frankreich. Der berühmte Chronist seiner Zeit Jean Frossart(geboren 1337, gestorben 1409), der in seinem großen Geschichtswerke den wichtigsten Beitrag zur Geschichte des 14. Jahrhunderts brachte, schildert folgendermaßen die Unterhaltungen in den ritterlichen Schlössern:Man sieht im Saal, Gemach und Hof des Hauses Foix Ritter und Pagen ein- und ausgehen, und man hört nur von Waffen und Liebe sprechen. Hier vernahm man Alles; denn jede Kunde, woher sie auch kommen mochte, wurde dahin gebracht, um des edlen Herrn Tapferkeit willen, die Jeden anzog.Der edle Herr Aman des Escas pflegte sich nach dem Aufstehen von der Tafel an das Feuer des großen, mit Decken belegten und tapezierten Saales zu setzen, dann versammelten sich seine Pagen um ihn und er unterhielt sich mit ihnen von Waffen und Liebe; denn Alles in seinem Hause bis auf den geringsten Knecht huldigte der Liebe.. W. G.

Barbarei früherer Zeit. Aus der alten Chronik der Stadt Coesfeld (Regierungebezirk Münster) geht hervor, daß dein dortigen Scharfrichter, Meister Hans Röpckenus, für die im Jahre 1631 der Hexerei beschuldigten und vom Stadtrath zum Tode verurtheilten Menschen 169 Thaler gezahlt worden sind. Er A, nach der damaligen Taxe, für jede Tortur drei Thaler; für das Köpfen und Würgen eines Menschen fünf Thaler; für das Verbreunen eines Körpers nach der Hinrichtung fünf Thaler. Wie viele Unschuldige haben daher nicht in einem Orte, der nur 6000 Einwohner zählte, eines qual- und schmachvollen Todes sterben müssen! II.

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