Ausgabe 
20.6.1886
 
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r. r..

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nicht mit gerührtem Dank erwidert habe, so mache meinem Gefühl für Dich keinen Vorwurf daraus, sondern nur meiner Einsicht, die mich immer so himmelweit unter Dich stellte. Ja, ich verstehe es, ich war nicht vorbereitet darauf, daß Du Dich verheirathen und mich zu Deiner Frau erheben wolltest. Wie dumm und albern mag ich Dir erschienen sein, Du treuer Freund, Du. Was Du uns gewesen bist, das vergesse ich nie, und wenn die wärmste Dank barkeit und eine herzliche Zuneigung etwas dazu beitragen können, Dein Leben so glücklich zu gestalten, wie Du es verdienst, so werde ich mit Freuden Deine Frau. Du mußt Geduld mit mir haben, mein lieber Freund; wäre nur die gute Mama hier bei uns, Deine Werbung hätte Dir und mir mehr Freude bereitet; noch einmal, verzeihe mir und glaube mir, daß ich stolz darauf bin, mich für's Leben nennen zu dürfen Deine Ellinor.

Sie überlas die wenigen Worte, sie schienen ihr verworren, ohne das richtige Gefühl; sie waren ein treuer Ausdruck der Stimmung, in der Ellinor sich befand. Sie wollte überlegen, wollte in's Klare kommen, wie sie ihm zu schreiben habe, der ihr vor Kurzem erst Tröster und Beschützer geworden war, sie starrte nur in's Leere und fand nicht die Worte, die sie ihm zu sagen hatte.Heucheln ihm gegenüber, ihn glauben machen, daß ich das für ihn fühle, was ich ja so gerne für ihn empfunden hätte, das kann ich nicht, das werde ich nie; Wahrheit soll wie immer zwischen uns sein; ich gebe, was ich geben kann, ich habe ihn ja lieb, den besten der Menschen, sehr lieb habe ich ihn; und daß da ein so beständiger hartnäckiger Ge danke in meinem tiefsten Herzen ist, dafür kann ich ja nichts, rief sie laut, sich rasch erhebend, und ihre Augen flammten unwillig auf. Sie war wunderbar schön in ihrem Verdruß über sich selbst.

Sie dachte einen Augenblick daran, ihrem Vater von Eduard's überraschender Werbung zu erzählen; aber mit einem wehmüthigen Kopfschütteln sagte sie sich, daß sie nur ihr Alleinstehen noch här ter empfinden würde, wenn er auch dieses mit seiner dumpfen Gleichgültigkeit hinnehmen werde.

Am folgenden Tage ging sie traurig einher; ihr Brief war in Eduards Händen, der Bewerber mußte nun wohl kommen, um den Vater zu fragen. Sie war nicht mehr erregt, sie sah ruhig den Dingen entgegen, die kommen mußten; sie war Eduard's Schuldnerin und als solche eutschlossen, so zu handeln, daß er immer mit ihr zufrieden sein sollte. Der Tag nahte sich seinem Ende, Eduard war noch nicht erschienen. Ellinor wurde unruhig, hatte ihr Brief ihm mißfallen, hatte sie ihn gekränkt?O nur das nicht, rief sie beängstigt, und dennoch athmete sie auf und wollte es sich nicht gestehen, daß sich eine leise Hoffnung in ihr regte.Verstehe ich mich denn nur noch, bin ich's nur noch? fragte sie sich bleich und zitternd.Sonst, wenn ich sein gutes Gesicht sah, wurde es mir wohl und heimisch zu Muthe und heute fürchte ich mich fast vor ihm.

Er kam nicht, statt seiner kam ein Brief an Ellinor.Meine liebe kleine Freundin, schrieb er,vergiß, was ich gestern beim Abschied zu Dir sagte. Dein Erbleichen, Dein Erschrecken haben mir genug gesagt, armes Kind. Du liebst denOnkel Eduard von ganzem Herzen; aber es ist nicht die Liebe, die zu einem innigen Bündniß hinreicht; deshalb wollen wir gute Freunde bleiben, die besten von der Welt. Dein Schreiben hat mich herzlich gerührt, und hat mir noch einmal gesagt, daß Du Freundschaft für mich fühlst, aber keine Liebe. Unser Verkehr bleibt, als wäre das Wort nie gesprochen worden, und derOnkel wird nächstens einmal nach Mandsfelt kommen, sich nach Deinem und Deines Vaters Befinden zu erkundigen.

Im ersten Augenblick fühlte sie sich erleichtert und froh, aber als sie den Brief noch einmal überlas, wurde sie traurig und warf sich vor, alle seine Güte und Liebe mit Undank und Rücksichts losigkeit belohnt zu haben. Die Briefe machten die Sache nur noch schlimmer, sie wollte gleich am folgenden Tage nach Mandsfelt gehen und Eduard sagen, daß sie seine Frau werden wolle. Als der Tag kam, wurde ihr der Schritt schwer; sie wollte lieber seinen Besuch erwarten, und es ihm in Mandsfelt sagen. Es vergingen wieder einige Tage, Eduard blieb aus und nun wurde es ihr immer schwerer zu ihm zu gehen. Sie war froh, daß doch endlich der Tag kam, der ihr eine Zerstreuung bot, es war der Donnerstag, der Tag der Zusammenkunft mit Georg. Ellinor langte schon frühe bei den Tannen an, ihr Bruder war noch nicht da, sie wunderte sich darüber. Nach einigen Minuten sah sie eine elende Kutsche mit einem mühsam trabenden Pferde davor.Sollte Georg

in diesem Wagen kommen? fragte sie sich erstaunt; er war immer schon an Ort und Stelle gewesen, wenn sie ankam und sie hatte nie sein Fuhrwerk gesehen. Der Wagen hielt wenige Schritte von ihr und es sprang ein Mann vom Kutschersitz herunter, und zog den Hut mit einer tiefen etwas sonderbaren Verbeugung.

Ich komme im Auftrage Ihres Herrn Bruders, gnädiges Fräu- lein, sagte er in gebeugter Stellung, den Hut so tief, daß er fast

den Boden berührte;er ist sehr krank und sehnt sich nach Ihnen?

Georg ist krank, sehr krank, sagen Sie? rief sie höchlichst be unruhigt.

Er glaubt, daß er nicht davon kommen wird und möchte Sie um jeden Preis sprechen, ehe es zu Ende geht, sagte der Mann in der tiefsten Niedergeschlagenheit.

Ach, Gott im Himmel, steht es so mit meinem armen Bruder! rief Ellinor und war ganz bleich geworden.Sie sind Klas, nicht wahr? sagte sie schnell.Ich komme sogleich, ich will nur nach Hause gehen und bestellen, daß man mich nach Lengen fährt.

Klas schüttelte traurig den Kopf.Da wird noch manche Minute vergehen, und der arme Herr hat schon die ganze Nacht nach dem gnädigen Fräulein verlangt, entgegnete er mit einer Bewegung der Hoffnungslosigkeit.Freilich, das arme Gefährt von Lengen ist kaum geeignet, das gnädige Fräulein zu fahren; aber es ist vielleicht Eile nöthig; wer kann es sagen?

Nur fort, sogleich, sagte sie und war schon im Wagen.

Klas verlor keinen Augenblick, wie ein Wilder hieb er auf das arme Thier los, Ellinor wandte sich mit Thränen in den Augen zu ihm und sprach:Sie lieben wohl meinen armen Bruder sehr? Klas legte die Hand auf's Herz, verdrehte die Augen und erwiderte:

Könnten das gnädige Fräulein in mein Herz sehen, da ist kein,

Tropfen Blut, der nicht meinem Herrn gehört.

Sein Pathos und seine Bewegungen waren theatralisch, markt-

schreierisch, aber Ellinor sah nur den treuen Diener und war gerührt.

XIV.

Acht Tage waren vergangen, acht schreckliche Tage für Ellinor!

Es fröstelte sie, als sie das Gut Lengen sah. Eingetreten in das vernachlässigte Haus, in ein dunkles Zimmer, hörte sie nur Georg's Stöhnen. Derselbe nahm ihre Hände und küßte sie wie im Fieber und schrie wie wahnsinnig ihren Namen.Haben Sie keine Furcht, gnädiges Fräulein, flüsterte Klas ihr zu;er ist, Gott sei Dank, eben bei Besinnung und hat Sie erkannt; nun ist zu hoffen, daß die Raserei nachläßt.

Du Beste, bist Du endlich da, rief Georg in abgebrochenen Lauten;nun sterbe ich ruhig, meine Schwester wird bei mir sein.

Er schien nach und nach ruhiger zu werden und endlich, Ellinor's Hände in den seinen, ruhig zu entschlummern.

Es wird dunkel, flüsterte Ellinor nach einer Stunde;wollen Sie sorgen, Klas, daß man mich nach Hause fährt; ich komme morgen wieder.

In wenigen Minuten wird die Kutsche für das gnädige Fräu lein bereit sein, entgegnete Klas.Es thut mir leid, daß ich nicht die Ehre haben kann, Sie zu fahren; aber das Delirium be fällt den Herrn gegen sieben Uhr, da reiche ich kaum allein aus, ihn zu halten.

Der Wagen stand prompt vor der Thüre, Georg schlief noch immer, und Ellinor erhob sich leise und verließ das Zimmer.

Es ist mir so leid, daß ich gehen muß, sagte sie zögernd; aber mein Bruder selbst ist ängstlich darauf bedacht, daß mein Vater nichts von unserm Verkehr erfährt. 5

Leider! ist die größte Vorsicht nöthig, wenn mein armer Herr nicht seine einzige Freude auf der Welt einbüßen soll; er ist so

glücklich, Sie gefunden zu haben, sagte Klas und half Ellinor in

den Wagen. Sie sah noch einmal zurück auf das düstere, graue Gemäuer, da brach eines der zwei Räder an der Chaise und sie

schlug um. Ellinor stürzte aus dem Wagen, fand sich aber plötzlich

mit großer Vehemenz wieder auf beiden Füßen stehen. Als sie sich aus der Nähe des Pferdes entfernen wollte, schmerzte sie der rechte Fuß so, daß sie keinen Schritt machen konnte. Der Kutscher schimpfte und machte sich mit dem Pferde zu schaffen, dem das Rad zwischen die Beine gerollt war, und das nun wie leblos am Boden lag;

Ellinor schleppte sich bis zu einer niedern Mauer und wartete;

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