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genau so, wie Du es früher auch thatest, Detlev. Er ist noch ganz der alte, lustige Vertraute. Er erzählt mir von seinen Streichen, von seinen Arbeiten, von seinen Freunden, seinen Pferden und Hunden, von Theatern, Bällen und Büchern. Soll ich es ihm verbieten, weil Du den alten, traulichen Ton verloren hast? Willst Du nicht auch wieder der Alte werden,— der Dritte im Bunde?“
Ehe er die trübe Antwort ausgesprochen, die in seinen ernsten, ausdrucksvollen Augen liegt, schallt ein helles Klingelläuten durch's Haus.—
„Nun kommen sie und holen uns. Willst Du nicht mitgehen, Detlev?“ sagt sie.— Schweigend beugt er sich wieder über den Folianten.
Da hallt eine lustige Stimme von unten herauf, Säbel⸗ und Sporengeklirr und festige, eilige Fußtritte tönen auf der Treppe; dann hört man ein flüchtiges Klopfen an der Thür.— Frischer Kältehauch strömt mit dem Eintretenden in das kleine Gemach.
Detlev steht auf und geht dem Freunde entgegen.
„Seid ihr wieder einmal in eure Bücher versunken, daß ihr uns so ohne Ende warten laßt, ihr Bösen?“ sagt der Gekommene, eine feine, adelige Erscheinung mit kühn blitzenden Augen und krausem Haar. Während er spricht, verneigt er sich mit ehrerbietiger Be⸗ wunderung gegen das Mädchen, das seinen Gruß mit freundlichem, unbefangenem Blick erwidert.
„Seit einer halben Stunde versuche ich, Detlev von seinen Büchern loszueisen,“ sagt sie lächelnd,„vielleicht gelingt es Dir besser, Edmund!“
„Geht nur einstweilen, vielleicht komme ich später,“ sagt Detlev kühl.„Ich habe noch viel zu beenden und muß die Arbeitsstimmung benutzen, wenn sie einmal über mich kommt, wie heute!“
Mit schalkhaftem Achselzucken tritt Edmund an den Tisch.
„Noch immer mit Deinem Herzensstudium beschäftigt?“ sagt er, indem er Bücher und Bogen mit flüchtigen Blicken streift.„Ver⸗ tiefe Dich nicht zu sehr in das bedenkliche Gebiet!“
Dabei blinzelt er dem Freund launig in das ernste Angesicht.
Das Mädchen ist inzwischen hinausgeeilt und steht nun in ihrem weißen, pelzverbrämten Mantel wieder auf der Schwelle. Wie eine feine Blüthe strahlt ihr Gesichtchen aus der schneeigen Hülle, die sie leicht und graziös über das lockige Haar geworfen hat.
„Versprich mir, daß Du sicher nachkommst, Detlev!“ sagt sie, ehe sie sich zum Gehen wendet.
„Ja, versprich es!“ wiederholt Edmund warm.
„Wenn ich fertig werde,“ entgegnet er ausweichend.
„Fertig wird man überhaupt nie,“ wiederholt sie nun mit seinen eigenen Worten.
Fast ungeduldig geleitet er sie bis zur Thür, die er mit leisem Seufzer hinter dem schönen Paare schließt. 5
Leicht und lautlos huscht das Mädchen vor Edmund die Treppe hinab.— Drunten vor der Eingangsthür im ersten Stockwerk hält sie an und sieht bittend zu dem Gefährten hinüber.
„Komm erst noch einen Augenblick mit zum Vater hinein!“ mahnt sie.
„Gewiß, gewiß!“ sagt er verbindlich.
Eine traute Helle durchströmt das große Gemach, in das sie ihn geleitet. Die Flammen im Kamin knistern und singen, und der Rauch einer feinen Cigarre liegt in der Luft. Lächelnd wehrt Ruth die beiden Dachse und den schönen, klugäugigen, goldbraunen Hühner— hund ab, die ihr schweifwedelnd und fröhlich knurrend entgegenkommen.
Ein alter Herr in bequemer Lodenjoppe mit kurzem, weißem Haar und schönem, schneeigem Bart, der mit einem wetterbraunen, jungen Mann beim Schachbrett am Spieltisch gesessen, erhebt sich schwerfällig beim Anblick des jungen Grafen und streckt ihm mit fröhlichem Gruß die Hand entgegen.
Im Nu ist Edmund bei ihm und zwingt ihn mit sanftem, ehr— erbietigem Griff in den weichen Lehnsessel zurück.
„Schmerzen die Füße wieder, Herr Eckert?“ fragt er gutmüthig, nachdem er herzlich die dargebotene Hand des Alten geschüttelt hat.
„Ein schöner Landwirth, der nicht vom Fleck kann!“ brummt der Angeredete, indem er die gichtkranken Füße wieder in das Polster schmiegt, das ihm Ruth's Hand zärtlich zurechtlegt. a
Trotz seiner Ungeduld setzt sich Edmund ein paar Minuten lang neben den alten, munteren Herrn, der mit sichtlichem Wohlgefallen die frischen Züge und die straffe militärische Haltung des jungen Mannes mustert.
Mit ein paar kurzen Worten werden die Tagesereignisse, Politik, 4
Jagd und Landwirthschaft abgethan. Auch der junge Inspektor, der
dabei sitzt, giebt seine Meinung ab. 1
Ruth steht von fern und streichelt mit ihrer kleinen Hand Hektor s, des Hühnerhundes, weichhaariges Fell. 1
Indessen harrt droben im Thurmzimmer Detlev vergeblich auf die Wiederkehr der Arbeitsstimmung, die er benutzen wollte und um deretwillen er den Ball im Grafenschloß so gleichgiltig geopfert hat. Er lehnt wieder am Fenster und träumt.— Minute auf Minute verrinnt.
Endlich hört er die schweren Flügel des Hausthores sich öffnen und schließen, Hektor's Abschiedsgebell und das Knarren des Schnees unter Ruth's und des Freundes Füßen. f
Nun eilen sie unter den Silberpappeln auf dem Thorweg da— hin; leichte Schneekrystalle stäuben von den Zweigen auf sie herab. Er sieht, wie Edmund dem Mädchen den Arm bietet und wie sie, das Köpfchen schüttelnd, sich fester in ihren Mantel hüllt und, ohne seine Stütze anzunehmen, sicher und zierlich über den glatten Grund schreitet.— Gleich einem Traumbilde verblaßt das Paar in dem bleichen Mondesdämmer. Als der letzte Schimmer von Ruth's heller Kopfhülle dem einsamen Lauscher entschwunden ist, wendet sich dieser vom Fenster weg und und löscht die Lampe, deren Schein seine Studien„über das menschliche Herz“ beleuchten sollte. Das mattblaue Halblicht des Mondes hellt nun das Gemach, und in dem lieben Zauberschimmer des himmlischen Freundes steigt dem ernsten Manne die Erinnerung auf an das,„was so schön einst war,“ was ihm heut noch voll und ganz gehören könnte, was er aber in trotziger Liebeslaune für verloren hält,— vielleicht, weil er das Herz des Menschen zu genau und zu lange studirt hat und nun weiß, daß der Sterbliche nichts schwerer erträgt, als— das Glück!
II.
Die Erinnerung führt ihn nicht weit zurück, denn der Lebens- weg, den er durchmessen hat, scheint ihm erst von dem Zeitpunkte an des Gedenkens werth, da das Mädchen auf demselben auftauchte.
Das war nun sechs Jahre her.— 8
An einem sonnenhellen, scharfkalten Winternachmittag war er
mit Edmund vom Gymnasium in Br. zur Weihnachtsfeier nach Rotau 1
zurückgekehrt. Edmund war damals der liebste, ja der einzige Ge⸗ nosse, an den er sein stets etwas eigensinniges Herz in vollster Freundschaft und in vollstem Vertrauen angeschlossen hatte. Daß des jungen Grafen Lebenspläne so weit von den seinigen abwichen, daß dessen Weltauffassung der seinen fast entgegen ging, daß Rang und Geburt den jungen Edelmann vor ihm, dem Büͤrgersohn, so ausgezeichnet hatten, störte ihn ebenso wenig, wie Edmund selbst, der an dem ernsten Freund mit aller Innigkeit hing, der sein sorg⸗ loses, fröhliches Herz fähig war. In frischester Stimmung hatten die beiden Genossen die Fahrt bis zu der Eisenbahnstation zurückgelegt, von welcher aus die Fahr- straße nun durch Haide und struppigen Föhrenwald nach Rotau führte. Des Grafen Schlitten mit den beiden feurigen Rappen und seinem lustigen Schellengeläute wartete an der Station. Welche unvergeßliche Fahrt durch die im Reiffrost prangende, funkelnde, sonnenüberstrahlte Landschaft! Welche Stimmung, welche heimliche, unbeschreibliche Poesie in der doch so gleichförmigen, sonst so reiz losen Heimathgegend!— Die Kaninchen- und Hasenspuren im Schnee, das Krachen der Zweige unter der Last des Schnees, der langsame, hehre Flug des Falken über den knorrigen Stämmen, das blasse, klare Blau des Himmels,— alles das floß mit der Erwartung. des fröhlichen Abends, der Heimath und des nahen Wiedersehens zu einem unsagbar traulichen, wohligen Gefühl zusammen. 1 In der Mühle auf halbem Wege machten sie Halt. Die Müllerin, welche die duftenden Christkuchen aus der Röhre zog, lud sie freundlich in's warme Zimmer und ließ sich's mit eifrigem Stolz angelegen sein, den durchfrorenen Reisenden einen warmen Trunk zu bereiten und eine Probe ihres schlichten Gebäcks vorzusetzen.— Während sie schmauchten und lachten, öffnete sich die Thür, und 1 ein blasses, zitterndes, in ein dünnes, luftiges Mäntelchen gehülltes Kind schlich sich mit schüchternem Gruße herein. Sie ging auf den Zehen über den knirschenden Sand der blankgescheuerten Diele und legte ein mit steifen Buchstaben beschriebenes Blatt auf den Tisch, an dem die Freunde saßen, indem sie zugleich mit vor Frost bebender


