Ausgabe 
19.12.1886
 
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gewahrt, die Wange feucht. Ein Herzensklang folgt drunten dem anderen. Alles Weiche, Einfache, Schöne, was der Melodieen schatz des Volkes birgt, vom lockendsten Sehnsuchtsruf des jodelnden Sennen bis zum schmerzlich- klagenden Liebeston der Verlassenen hallt durch die Stille; zuletzt ist es nur noch ein leises Klagen, ein Weinen und Schluchzen. Dann loösen plötzlich wieder feste, trotzige Klänge das süße Tönen, und im Nu schließt sich eine über müthige, rasende Tanzweise an das herbe Akkordgefüge.

Wie verwundet wendet der Mann sich ab. Er schreitet nach dem Tisch, und schnell, wie um die verlorene Zeit zu ersetzen, zündet er die Lampe an, welche über seinem Studiertisch von der Decke herabhängt, und vertieft sich auf's Neue in seine Geistesarbeit. Große Bogen mit peinlich ausgeführten anatomischen Zeichnungen liegen vor ihm, daneben die feinsten Mikroskope, Glastafeln mit Präparaten und ein wahrer Berg von Heften und Büchern.

Augenblicklich ist er wieder bei der Sache, wie auch die tollen Tanzrhythmen, die noch immer herauftönen, gegen seine ernsten Gedanken kämpfen.

Endlich schweigen die Töne, und nun spannt sich mit einem Male das Antlitz des Mannes zu erwartungsvollem Lauschen. Thüren öffnen und schließen sich drunten, eine helle Stimme läßt ein kurzes, glückliches Lachen er tönen, dann hallt plötzlich ein leichter Fußtritt und das Kni stern und Rauschen eines seide nen Gewandes auf der Treppe und eine Sekunde später ein leises Klopfen an seiner Thür.

Aergerlich wendet er den Kopf der Eintretenden zu. Schüch tern und lieblich steht sie vor ihm im rosigen, bauschigen Fest kleid und blitzenden Schmuck. Alles an ihr ist kostbar und reich; das Schönste und Wun dervollste aber an der ganzen feinen schlanken Erscheinung ist ihr kleines, durchsichtiges, milch weißes Gesicht mit dem lächeln den, purpurnen Kindermund, mit den unergründlichen, schim mernden Augen und dem Duft und Glanz seines frühlings frischen Jugendzaubers.

Der junge Mann starrt sie einen Augenblick lang wie ge blendet an, dann wendet er sich

ruhig wieder seiner Arbeit zu, stützt den lockigen Kopf auf die Linke dem Manne in's tiefste Herz.

seine Bewegung.

und zeichnet mit der Rechten Linie um Linie auf den weißen Papier- bogen, auf dem sich schon die künstlichen Abbildungen menschlicher Ader- und Nervengewebe befinden.

Das Mädchen schreitet wortlos zum Tisch, legt die eine Hand auf die Stuhllehne des Mannes und schaut eine Weile schweigend und sinnend den geschickten Fingern zu, die den Stift so sicher und fest über das Papier führen.

Bist Du bald fertig, Detlev? fragt sie endlich leise.

Fertig wird man überhaupt nie, entgegnete er kurz, indem er unbeirrt fortfährt, die begonnene Zeichnung durch scharfe, feine Striche

zu ergänzen. Mit einem leisen Seufzer wendet sie sich ab. Er läßt den Stift

eine Sekunde lang ruhen und lauscht, ob sie sich zum Gehen wendet. Doch nein; sie bleibt und schreitet mit ineinander gefalteten

Händen und nachdenklich gesenktem Kopf elastisch und leicht im Zimmer auf und nieder. Die Hand des Zeichners scheint nun zu ermüden; sie läßt den Stift sinken und greift wieder zum Buche. ö Mit gespannter Aufmerksamkeit schaut der junge Mann auf die Zeilen hernieder; doch obgleich er kein Auge von dem Druck ver

Einsame Weihnachten.

wendet, hört und sieht er doch nichts als das Mädchen. Das feine Rieseln und Knistern ihres Kleides, das kaum hörbare Klingen ihres Schmuckes, ihr leises Auftreten und der zarte Blumenduft, der den Faltes ihres Gewandes entströmt, nimmt alle seine Sinne gefangen. Doch noch immer wartet sie vergeblich auf ein Wort. Da hemmt sie ihren Schritt und setzt sich nun dem Schweigsamen gegenüber an den Tisch, so daß der volle Schein der Lampe auf ihr leicht⸗ gewalltes schimmerndes Haar fällt. Er schaut noch immer nicht auf und doch ist's ihm, als sähe er durch die gesenkten Lider hin durch, wie ihre Lippen zittern und ihre Augen sich mit Thränen füllen. Nun hebt er doch den Blick. Aber sie weint nicht. Schelmisch späht sie ihm in die ernsten Augen. Worauf wartest Du denn, Ruth? fragt er ruhig.

Worauf? sagt sie glücklich, als habe sie gewonnen, da sie ihn zum Reden gebracht hat. Worauf, Detlev? Auf Dich, Du weißt es ja, ohne daß ich Dir's sage; auf ein paar Worte, wie Du sie früher immer für mich hattest, auf ein gutes Lächeln und einen lieben Blick. Soll denn Alles vorbei sein, was früher so schön war?

Er schaut sie groß und trau rig an.Früher? Ach früher war freilich alles schön und anders als heut! sagt er in einem Tone, als sei er alt und grau und einsam und sähe das unerreichbare Paradies seiner Jugend im Nebel und Duft der Vergangenheit vor seiner Erinnerung aufsteigen.

Sie schüttelt lächelnd das schöne Köpfchen.

Nur Du bist anders ge worden, Detlev, sagt sie innig, sonst ist ja alles, wie es war. Früher lachtest Du mit, wenn ich fröhlich war und ich sah, ohne daß Du es sagtest, wie Dich's freute, daß ich in Eu rem schönen Heim so glücklich sein lernte und den Reif der Kindheit von mir abschüttelte. Nun scheint mir's freilich manchmal, als bereutest Du's fast, Dir die Schwester vom Wege in's Haus genommen zu haben!

Ein kaum merkliches Klagen zittert durch ihre Stimme, und der sanfte Vorwurf schneidet Aber kein Blick, kein Wort kündet

Wer lehrte Dich so bittre Worte reden, Ruth? fragt er finster. Hörst Du sie drunten beim Grafen, so wundert's mich nicht, aber es ist nicht recht von Dir, daß Du mich damit verwundest; Du

weißt, daß sie das Bitterste und Ungerechteste sind, was Du mir

sagen kannst!

Unter Thränen lächelt sie ihm zu.

Verzeih mir, Detlev, sagt sie,ich bin ja selbst so froh, es nicht wahr ist, und Du sollst es nie wieder von mir hoͤren. Aber, nun laß auch Dein finstres Grübeln. Es ist zum Lachen, wenn Du denkst, daß man mir drunten beim Grafen je ein böses Wort gegen Dich sagt. Wenn Du wüßtest, wie sie Dich alle lieben, wie die beiden Alten Dich achten und wie schwärmerisch Edmund an Dir hängt!

So? sagt er Dir das, wenn er beim Tanzen so unaufhörlich in Dich hineinplaudert? fragt er mit leisem Spott.

Eine lichte Blutwelle strömt durch ihre Wangen.

Er sagt mir nicht nur das, sondern alles, was ihm gerade durch den Sinn fährt, alles, was ein Kamerad dem andern zu sagen pflegt,

wenn