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Sie sich nur von jeder Schuld freisprechen wollen, so hätten Sie auch manches Andere nicht erzählt.“ Sie erhob sich und legte einige Geldstücke auf den Tisch.„Nehmen Sie das vorläufig zu Ihrer Pflege, schicken Sie nach einem Arzt, ich glaube, Sie fiebern. Sie sah in ihre glänzenden Augen, und auf die gerötheten Wangen. Blanche nickte. Seit Wochen, täglich. Es kann ja nicht mehr lange dauern, ich fühle mich sehr elend.“ „Nun also, thun Sie, was nothwendig ist, Sie hören wieder von mir.“ (Schluß folgt.)
Das khörichte Lisellchen. Von M. Day.
Es war einmal ein junger Pastor, der saß seit manchem Jahr im Amt und fetter Kalende und war noch immer unbeweibt. Hatte weder Mutter noch Tante, ließ das schöne große Pfarrhaus von einer alten mürrischen Magd verwalten, schlecht und recht, wie sie es eben verstand; das Mittagbrod aber, das jedwedem Menschen— kind nun einmal nicht anders als in froher Gemeinschaft zu schmecken pflegt, nahm er im braunen Hirschen ein, allwo ein hungriger Magen treffliche Speisung und ein geselliges Gemüth fröhliche An— regung zu finden pflegte. Denn um den munteren, behäbigen Wirth herum saß eine kleine bunte Tafelrunde lustiger Junggesellen, die täglich durch neu einpassirende und wieder abgehende Geschäfts— reisende in Quantität und Qualität verändert und neu belebt wurde, und unser Pastorlein saß munter dazwischen und freute sich über jede neue Kunde, die aus der Welt da draußen in das abgelegene Oertchen drang. i
Und so ernst und feierlich er sich auch im schwarzen Talar auf der Kanzel ausnahm, an der Tafel zum braunen Hirschen saß er fast wie ein frohes Weltkind unter den anderen; nur daß ihn ein gewisses, kleines, undefinirbares Etwas umgab, ein Atom nur von der Würde seines. Standes, das sich allmählich uber die ganze Tafel— runde verbreitete und jeden zu lauten oder gar unpassenden Scherz auf die Lippen lockerer Spaßvögel festzubannen schien, so daß die Heiterkeit niemals bis zur Ausgelassenheit ausarten konnte. Das wußte der Wirth sehr wohl, drückte ihm oft zur gesegneten Mahl— zeit kräftig die Hand und raunte ihm zu:„Herr Pastor, der Tisch vom braunen Hirschen ist seit Jahren in Ehren bekannt, und Jeder— mann weiß, daß es immer reputirlich an ihm zugegangen ist, aber seit wir einen Pastor daran haben, ist es doch noch etwas Anderes. Ich möchte sagen, es ist ein milder, guter Ton. Mancher, der in keine Kirche geht, nimmt von hier etwas nach Hause, was er sein Lebtag nicht mehr vergißt.“
Solche Rede freute unsern guten Pastor von Herzen, aber die
Gevatterinnen, die ja nicht wissen, daß es auch in Wirthshäusern
zuweilen ehrbar zugehen kann und daß es überhaupt im Leben nie— mals auf den Ort, sondern immer nur auf die Menschen darin an— kommt, gaben nicht Ruhe. Mit ihren spitzen Stricknadeln, noch spitzeren Nasen und allerspitzesten Zungen saßen sie Sonntags an den Fenstern, wenn der junge Pastor mit heiterem Herzen und heiterem Lächeln vom braunen Hirschen dem Pfarrhause zuwandelte. Ein unbeweibter Mann ist alten Klatschbasen von jeher ein Aerger ge— wesen, wieviel mehr ein unbeweibter Pastor.
„Da geht er hin von seinem Kneiptisch,“ schmälten sie,„es
nimmt einem wahrhaftig die Andacht aus dem Herzen, die er Vor—
mittags hineingepredigt!“
Oder:„Der liebe Gott hat dem Manne den starken Arm und den anschlägigen Kopf gegeben, damit er ein arm schwächlich Weib— lein mit durch die Welt nähre; ein christlicher Pastor aber sollte seiner Gemeinde mit gutem Beispiel vorangehen“—
Die Bibelfesten wandten auch Bibelverse an, als:„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin geben, die um ihn sei⸗ und manches andere, was der liebe Gott wohl recht gut gemeint hat und gewiß nicht zum Schaden eines so guten 0 5 gesagt haben würde, das aber jetzt die übelste Auslegung erfuhr. f i
Diese Worte drangen bald durch das Oertchen und kamen auch zu Ohren des jungen Pastors, der sich höchlich darüber betrübte,
und die Schleppen waren einmal in der Mode. Hatten sie die
aber fragte er lieber garnicht mehr; es war eben sehr schwer, das Lisettchen zu schelten und vielleicht lag es mit daran, daß es so. wenig erlernt hatte.
um so mehr, als er kaum eine ernstliche Abneigung gegen den christ. lichen Ehestand an und für sich im Herzen hegte. Aber er war noch ein wenig aus der guten, alten Zeit, wo die Söhne ihre[ Mütter bei Wahl ihrer Ehefrauen zu Rathe zogen, und wenn auch sein Mütterlein seit manchem lieben Jahr unter der Erde lag, die goldenen Lehren, die sie ihm mit auf den Lebensweg gegeben, hatte er getreulich im Herzen aufbewahrt und gedachte bei diesem wichtigsten 1 Abschnitte seiner irdischen Laufbahn nicht um ein Haar breit davon abzuweichen. 1 1
Sie hatte aber gesagt:„Nimm dir ein junges Kind— ein junges Bäumchen biegt sich leicht;— ein gut Stück Geld mag auch dabei sein; wer in der Zeit sorgt, hat in der Noth;— keine, die in langen 1 Schleppen dahin fährt, Sammet und Seide auf dem Leibe löschen das Feuer in der Küche aus;— keine, die in den Büchern liest, sondern eine, die mit Besen und Staubwisch Bescheid weiß und das Wasser nicht spart, denn die Ordnung hilft aushalten;— keine, die schnell mit der Zunge ist, denn ein Kamin voll Rauch und eine zornige Frau sind schädlich im Haus;— keine, die auf ihr schönes Gesicht hält und. sich von den Männern karessiren läßt, denn die Schönheit vergeht, aber die Tugend besteht;— vor Allem aber sieh, daß sie eine herzliche Liebe zu Kindern habe, das giebt allemale die besten Mütter und. Ehefrauen.“ i f
Da hatte unser armer Pastor denn die Wahl und die Qual. Zu seiner Mutter Zeit waren die kleinen Weiblein noch junge Mädchen gewesen, jetzt waren sie junge Damen. In den Büchern lasen sie alle, das lehrte man sie auf den höheren Töchterschulen,
Konfirmation und die erste Kommunion hinter sich, dann ging's gar nicht mehr anders, als daß sie den Staub von der Straße ellenlang hinter sich her kehrten. Mit dem schönen Gesicht hatte es meist nicht sehr große Noth, und auf das Stück Geld konnte er am Ende verzichten; hatte da auch schon einmal eine ganz nette Kleine auf dem Blick gehabt, und die Sache wäre sofort zum glücklichen Ende gebracht worden, wenn sie nicht plötzlich ein so allerliebstes Plappermäulchen herausgekehrt hätte, daß er sich voll Schrecken diesen Sprudel in erregtem Zustande vorstellen und an seiner Mutter Sprüchlein von der zornigen Frau hatte denken müssen.
Nun war er endlich entschlossen, hauptsächlich der Schleppe wegen, unter seinen Konfirmandinnen eine Auswahl zu treffen, um dann bald nach beendeter Einsegnung bei den Eltern der Auserwählten vorzusprechen und das Verlöbniß einzugehen. Daß er abgewiesen wurde, daran war nicht zu denken; ein junger Pastor ist überall ein begehrter Gegenstand, und auch in diesem Oertchen waren, wie sonst in der Welt, die Mädchen nicht sonderlich rar. 5
In diesem Herbst war nun gerade ein sehr hübscher Jahrgang vor dem Altar. Es giebt oft so ganze Jahrgänge niedlicher, kleiner Mädchen; ein Philosoph wüßte vielleicht einen Grund dafür an-“ f zugeben. Da war die Lucie Fischer, ein schönes, stolzes Mädchen, die konnte eigentlich des klassisch geschnittenen Köpfchens und der 1 untadeligen Figur wegen kaum noch in Betracht kommen, dann die Toni Müller, eine wohlgewachsene Brünette, immer so sauber und zierlich gekleidet, mit kirschrothen und blauen Schleifchen am knapp an⸗ liegenden Leibchen, dann die Marie Sebald, eine ätherische Blondine, die die Namen der Kirchenväter herunterzureihen wußte, wie eine Schnur Glasperlen; zu unterst aber saß ein kleines, blauäugiges Mädchen, die Tochter vom braunen Hirschen, ein sanftes, gutes Dingchen, mit einem Köpfchen, so taub wie eine hohle Nuß, im ganzen Städtlein das thörichte Lisettchen genant. Das hatte nichts
weiter in seinem sechszehnjährigen Leben erlernt, als Lesen und
Schreiben, das Einmaleins und das Vaterunser, trotzdem es getreulich sämmtliche Schulklassen hindurch die unterste Bank gedrückt hatte;. sein Vater war eben ein verständiger und behäbiger Mann, und. der Herr Rektor verstand sich auf eine treffliche Rehkeule. So saß U es nun in der Kirche als Letzte von denen der höheren Töchterschule,. blickte verwirrt mit den blauen Aeuglein zum Pastor empor und wurde sehr roth und stotterte, wenn er es nach etwas fragte. Wollte er es gar schelten, so blickte es sehr lieb und bat mit seinem sanften, schüchternen Stimmchen:„Seien Sie nicht böse, Herr Pfarrer, ich will es gewiß das nächste Mal besser machen.“ Das nächste Mal
Seine Kameradinnen sahen es etwas über die Achsel an; doch der braune Hirsch war ein nahrhaftes Haus und sein
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