Ausgabe 
19.9.1886
 
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lassen Sie uns, was wir mit einander zu verhandeln haben, schnell zu Ende führen. Es ist übergenug, daß Martina weiß, wer ihre Mutter ist, sie darf nicht auch noch erfahren, daß diese Mutter noch lebt, am wenigsten sie wiedersehen.

Ah, ich soll mein Kind nicht sehen, Sie wollen mir mein Recht vorenthalten?

Recht? Ich denke, Sie haben kein Mutterrecht mehr, Sie werden das einsehen! Was sollte es Ihnen Beiden nützen? Martina mate es nur ein Kummer mehr und für Sie nun ich denke,

Sie werden begreifen, daß Ihnen Kindesliebe von ihr nicht ent gage d werden könnte, schon Ihr wiederholter Anblick hat sie instinktiv mit Schreck erfüllt. Ersparen Sie sich selbst den schweren Augenblick. Uebrigens ist es einfach Ihre Pflicht gegen das Kind, auf dessen Haupt Sie genug Schmach und Schande ehäuft. a g 15 sind hart! rief Blanche mit flammendem Auge.

Frau von Hartwitz zuckte die Achseln.Ich habe keine Ver anlassung, Sie zart zu behandeln. Es ist meine Art, jedes Ding beim rechten Namen zu nennen. Uebrigens will ich Ihnen die Mittel geben, anständiger zu wohnen und zu leben, bis Sie gesund sind, nur müssen Sie Dresden sofort verlassen; ich kann nicht so schnell mit Martina abreisen, ohne bei ihr Verdacht zu erwecken, und jede Möglichkeit einer Begegnung mit Ihnen muß vermieden werden. Wohin wollen Sie?

Blanche schüttelte den Kopf.Ich bleibe, ich bin auch viel zu krank, um zu reisen, ich hoffe, der Tod kommt bald; arm, alt und elend, warum soll man da noch leben! Ich habe oft gedacht, das Klügste wäre es, selbst ein Ende zu machen, nur daß man zu feige dazu ist!

Frau von Hartwitz richtete sich stramm auf.Dazu freilich waren Sie nicht zu feige, einem andern Leben ein Ende zu machen, sagte sie verächtlich.

Renard? rief Blanche.Sie glauben, ich hätte es damals gethan? Nein, bei Gott, daran bin ich unschuldig.

Frau von Hartwitz fuhr auf.Unschuldig? Ist das wahr?

Ich schwöre es Ihnen; ich würde nicht lügen, was ich gethan habe, das gestehe ich auch.

Und doch entflohen Sie? Ihnen mußte doch daran liegen, daß die Wahrheit, also Ihre Unschuld, an's Tageslicht kam?

Blanche zuckte die Achseln.Was lag mir daran! Ich gehörte ja nicht zu den Leuten, die einen ehrenwerthen Namen zu vertheidigen haben! Bei uns fragt man nicht nach dem Woher und Wohin! Sollte ich mich da lange einsperren und mich ausfragen lassen, mir graute vor alle dem Hin und Her und das dunkle, feuchte Loch, in dem ich saß, war schauderhaft. Ueberdies war der Henri, der's gethan, ja entflohen und hätte sich schwerlich greifen lassen, so konnte ja meine Unschuld nicht bewiesen werden.

Erzählen Sie mir, wie der Mord geschah, gebot Frau von Hartwitz.

Da ist nicht viel zu erzählen, erwiderte Blanche.Ich war mit Renard von meinem Manne geflohen, nicht weil ich ihn liebte, sondern weil ich frei wurde und er mir alles das versprach, wonach ich mich sehnte: lustiges Leben, Vergnügen, Umherreisen in der Welt. Er hielt Wort und im Anfang war Alles gut, so lange wir Geld hatten. Dann verlor er seine Stelle, weshalb habe ich nie von ihm erfahren, er war brotlos und brauchte viel, mehr als ich ich war nicht verwöhnt! Da wurde er oft unwirsch, ich war unzufrieden und drohte von ihm fortzugehen; nun erwachte seine Eifersucht und es gab oft Scenen schlimmer Art zwischen uns. Ich hatte keine Lust, das zu ertragen und was Anfangs nur ein Mittel sein sollte, ihn zu zähmen, wurde mir Ernst. Ich wollte nicht mehr bei ihm bleiben. Henri, den wir zufällig einmal auf einer Spazierfahrt kennen gelernt hatten, durchschaute bald, wie es bei uns stand und er schlug mir vor, mit ihm über's Meer zu gehen: er war Seemann. Henri gefiel mir gut, der Plan, in die weite Welt, dahin wo ich sie noch nicht kannte, zu gehen, lockte mich, ich war das unstäte Leben gewöhnt. Wir hatten uns öfter heimlich gesprochen, Renard hatte etwas davon gemerkt, wurde wüthend und drohte, er würde Henri aus dem Hause werfen, wenn er noch einmal käme. Ich warnte ihn, er lachte und meinte, ein Seemann würde mit solcher Landratte schon fertig. Da, an dem Unglückstage, kam er, er hatte wohl Renard nicht zu Hause ge glaubt, ich war im Garten und hatte ihn nicht gesehen, es war

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zum Streit gekommen, wie, das weiß ich Alles nicht, erst das Ge⸗ schrei trieb mich hinein, als ich eintrat, fand ich die Beiden sich gegenüber, und in dem Augenblick schoß Renard auf Henri, ohne ihn zu treffen. Ich sah in seiner Hand ein Messer aufblitzen, wollte es ihm entreißen, doch wie ich danach greife, stößt er es dem

wüthenden Renard in die Brust, ich reiße es aus der Wunde und ehe ich noch zur Besinnung komme, ist Henri zum Fenster hinaus. Menschen, die den Schuß gehört, dringen in's Zimmer und finden mich mit dem Todten allein und das Messer in der Hand. Henri war fort, natürlich fiel der Verdacht auf mich und Niemand glaubte mir, als ich sagte, daß ich unschuldig sei das war ja begreiflich! Alles sprach gegen mich, unsere Wirthin und manche Andern wußten, daß wir in Unfrieden gelebt hatten, da lag es auf der Hand, daß er im Streit auf mich geschossen und ich das Messer gegen ihn gebraucht hatte. Ich wäre wahrscheinlich verurtheilt worden, im besten Falle wäre es eine lange Untersuchung geworden, und da war es doch das Klügste, daß ich mir selbst zu helfen suchte und entfloh. Wie ich den Hafen erreichte und auf ein Schiff, das eben auslaufen wollte, kam nun, das wird Ihnen ja gleichgiltig sein, ich war eben schlau und wußte meinen Verfolgern zu entgehen. Ich entkam glücklich nach Amerika; freilich hatte ich nichts gerettet als das nackte Leben, aber zum Glück fand ich bald Beschäftigung. In New Jork engagirte mich der Direktor eines Cirkus.

Wie? wer? unterbrach sie Frau von Hartwitz mit dem Aus druck so grenzenlosen Erstaunens, daß Blanche mitten in dieser ernsten Geschichte auflachte.

Erscheint Ihnen das so undenkbar? Wissen Sie nicht, daß Heddenheim mich im Cirkus als Löwenbändigerin kennen lernte? Nun, so war es ja nur etwas von dem alten Handwerk, was ich wieder aufnahm. Ich wirkte hier und da mit, saß an der Kasse, that dies und das, was man eben von mir verlangte, verdiente mir Essen und Kleidung und führte das alte, ungebundene Leben, von Ort zu Ort ziehend, viele Jahre, wie lange war es? Mir war die Zeit gleichgiltig geworden; dann auf einmal hielt meine Gesundheit nicht mehr stand, ich kam zum Liegen, ich fühlte mich plötzlich alt und dachte an's Sterben. Als ich halbwegs genesen war, und zum ersten Mal an der Kasse wieder die Billets ausgab, erzählte mir unser Klown, daß er bei einer andern Gesellschaft Engagement angenommen habe, die nach Europa gehen wolle; er habe Lust, den andern Welttheil kennen zu lernen. Da erfaßte mich plötzlich eine unbezwingliche Sehnsucht, nach Europa zurück zukehren, vielleicht war es der Gedanke an mein Kind, der mich

trieb, der Wunsch, vor dem Tode noch zu erfahren, ob Jeanne lebte. Gefahr konnte damit für mich nicht mehr verbunden sein,

die alte Mordgeschichte war wohl längst vergessen, überdies hieß ich jetzt nur Madame Blanche, genug, durch die Vermittelung des Klowu gelang es mir, Engagement bei derselben Gesellschaft zu finden, und ich kam nach Europa. Das sind nun beinahe drei Jahre her, drei Jahre des Elends; ich wurde immer kränker und leistungsunfähiger, trieb mich von einer Gesellschaft zur andern umher und mußte mich mit einer Gage begnügen, die mich gerade vor dem Hunger schützte. Es ging immer abwärts mit mir; vor etwa sechs Monaten erkrankte ich hier schwer, lag wochenlang dar nieder, ohne etwas von mir zu wissen als daß ich furchtbar litt und zu sterben hoffte. Wie ich denn zur vollen Besinnung und damit zur Erkenntniß meines Elends kam, erfuhr ich, daß meine Leute längst abgereist waren und der Direktor nur noch eine kleine Summe zurückgelassen hatte, von der die Frau hier für mich ge- sorgt; sie ist mitleidig und hat seitdem soviel für mich bethan als sie kann, sie ist selbst im Elend. Was sollte aus mir werden! Arbeiten? ja was! Ich habe nichts zu arbeiten gelernt! Da habe ich denn gebettelt und mit den wenigen Groschen so von einem Tage zum andern gelebt. Wäre ich nicht so 1 feige, dann läge ich schon längst dort unten in der Elbe! Da sah ich vor- gestern Sie und Jeanne auf der Terrasse; ich erkannte Sie sofort und in Jeanne glaubte ich mich wiederzusehen, als ich noch jung war. Es ließ mir seitdem keine Ruhe, und als ich Ihnen gestern in der Kirche wieder begegnete, folgte ich Ihnen bis zu Ihrer, aßen immer in der Absicht, Sie anzureden, 87 75 that ich's doch nicht und schrieb an Sie. 1 Frau von Hartwitz war der Erzählung bis zum Schluß mit. Aufmerksamkeit gefolgt; als Blanche jetzt schwieg, sagte sie:Ich 1 glaube 9 denn Sie haben im Meggen nichts beschönigt, hätten