Ausgabe 
18.7.1886
 
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Tropfen Wasser auf die Straße gefallen wären, und das blonde Köpfchen blickte herab, gerade in dem Augenblick, als Mario unter dem Balkon vorüber ging. Er hob den Kopf in die Höhe, als ob er bis jetzt nur an die Erde gesehen hätte, und nahm respektvoll seinen Hut ab.

Das blonde Köpfchen lächelte und erwiderte den Gruß mit einer graziösen Verneigung; dann verschwand es.

Mario strahlte von Glück und fuhr fort, zu denken, daß dies ein Glückstag für ihn sei. In der That hatte er seit den acht Tagen, daß er diesen Weg schon machte, das blonde, junge Mädchen noch niemals am Fenster gesehen, und dafür hatte er gerade heute, an seinem Namenstage, da er schon mitten unter lauter Blumen aufgewacht war, den Trost gehabt, sie zu sehen, und sie hatte ihm zugelächelt; und nun, ohne es zu wollen, dachte er, und rezitirte er im Stillen jenes Juwel von einem Sonett Alighieris an seine

Dame: Tanto gentile e tanto onesta pare

La donna mia, quand' ella altrai saluta, Che ogni lingua divien tremando muta, Egli occhi non ordiscon di guardare.)

und es schien ihm, als ob es eigens für das Mädchen geschrieben sei, das ihn gegrüßt, und ihn von ihrem umblühten Balkon herab an gelächelt hatte. f

Er fuhr fort, mit seinen Gedanken umherzuschweifen und durch die Stadt aufs Gerathewohl ohne ein festbestimmtes Ziel umher⸗ zustreichen; dabei vergaß er den Herrn, der ihn erwartete, und kam erst bedeutend verspätet zu ihm, aber er führte ihn dann in's Café und bezahlte für ihn ein treffliches Frühstück, um dadurch sein Aus⸗ bleiben gut zu machen; dann ging er nach Hause, und machte sich munter daran, Hand an allerlei schwierige Arbeiten zu legen; an diesem Tage mußte ihm ja Alles ganz nach Wunsch gehn; auch diese Arbeiten, die ihm so viel zu denken gaben, mußten ihm heute gelingen.

Er war jung, glücklich, Alles lächelte ihm, und so war er auch hoffnungsvoll für die Zukunft. f

Auch das Mittagessen war so heiter, wie nur irgend möglich. Frau Klara hatte fünf von den besten Freunden ihres Sohnes ein⸗ geladen, lauter junge Leute von zwanzig bis dreißig Jahren, munter und lärmend, so daß sie, als man bei Tische war, soviel Lärm machten, wie ein ganzes Regiment Soldaten. Aber Frau Klara war der Lärm nicht unangenehm, wenn es sich um eine Unterhaltung ihres Sohnes handelte, vielmehr lachte und schwatzte auch sie, als ob sie ein junger Mann wäre, und Alles, um die Andren nicht in ihrer Freiheit zu stören; nach Tische ertrug sie ganz geduldig die Rauchwolken der Cigarren, ja, sie sagte sogar, daß ihr das sehr be hagte und bisweilen rauchte auch sie mal eine Cigarette, nur damit man keine Rücksicht auf sie nähme, und doch war ihr seinerzeit

der Rauch sehr zuwider gewesen; aber die Zeiten ändern sich....

.

Nachdem Mario bis zu einer gewissen Stunde zu Hause geblieben war, um mit den Freunden zu rauchen und zu plaudern, wollte er sie, als sie nun fortgingen, nicht begleiten, da er es nicht für recht hielt, an diesem Abend seine Mutter allein zu lassen, nachdem sie sich so viel für ihn bemüht hatte.

Und sicherlich konnte es für Frau Klara kein schöneres Geschenk geben, als das, sich einige Stunden hindurch ganz allein der Ge sellschaft ihres Sohnes erfreuen zu dürfen.

Wer würde es glauben, sagte sie zu ihm,daß es vor fünf undzwanzig Jahren da ein kleines Wesen gab, das man mit Mühe und Noth nur zwischen den Kissen Deiner Wiege zu entdecken ver⸗ mochte; ich erinnere mich, daß Du so klein warst, daß ich Dich hätte in meiner Tasche verstecken können.

Ich muß wohl so ein kleines Ungeheuer gewesen sein, meinte Mario. g

Dies nun gerade nicht, Du hattest schöne, kluge, kleine Augen

) Wenn Andren ihren Gruß meim Mädchen beut, Seh' ich sie hold und sittig sich verneigen, Muß schauernd jedes Wort der Lippe schweigen, Das Auge selbst sie anzusehn fich scheut.

und ich war froh, als ich Dich sie öffnen sah, gleich nachdem Du fe f

geboren worden, stelle Dir's vor, mir ist's als wäre es gestern ge⸗ eue wesen, so genau erinnere ich mich aller kleinsten Einzelheiten jenes cle Tages. due und nun bin ich dafür alt und es wäre wohl Zeit, vernünftig. Du zu werden, sagte Mario. 4 Was das betrifft, so könntest Du von Deiner Vernunft noch P das etwas abgeben. Und Frau Klara betrachtete ihn voller Zärtlichkeit. G Ja, meinst Du nicht, erwiderte Mario,daß es für mich. 0. Zeit wäre, eine Frau zu nehmen? Ein Das fehlte auch noch gerade! warf Frau Klara ein,Du, ech der Du noch ein halbes Kind bist? 1 Ein Kind mit einem ganz stattlichen Bart, sagte Mario,[ Du.

und fuhr sich mit den Fingern durch denselben hin, während er mit sich im Spiegel betrachtete, der gerade über dem Kamin hing. Ja, aber Du wirst begreifen, daß Du noch Zeit hast, Dir[ n .

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eine Frau zu nehmen, und dann: was mangelt Dir eigentlich? Bin e ich denn nicht da? ande Es würde ja auch für Dich besser sein, da ich durch meine virs

Geschäfte gezwungen bin, Dich den ganzen Tag über allein zu un lassen; Du würdest dann eine liebevolle Tochter haben, dann viel. leicht auch Enkel, und immer wärest Du umgeben von unserer Liebe. de Was mich betrifft, mir genügt die Deine, sagte Frau Klara, 1 aun die verstiumt wurde,was kommt Dir denn heute Abend in den lr Sinn? Warum muß man denn gleich, wenn man kaum fünfund⸗ 6 zwanzig Jahre alt ist, eine Frau nehmen? Das bedeutet soviel, als sich allerlei Beschwerden aufladen, anstatt sich sorgenfrei des Lebens zu freuen, wie man es in Deinem Alter doch muß; ich J will nicht sagen, daß es, wenn Du die Dreißiger hinter Dir hast, nd

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sich nicht für Dich schicken würde, daran zu denken, wie Du Dich zur Ruhe setzen kannst, aber jetzt ist noch Zeit für Dich dieb.

Es ist nur, daß Du mich an das ruhige Leben gewöhnt hast, dies an das Familienleben, und die geräuschvollen Vergnügungen ge- uur fallen mir nicht; ich träume davon, mir eine Familie zu schaffen, 11 f ein liebes Mädchen zu heirathen und zwischen euch Beiden glücklich Mut zu leben. 5 iter

Du, Mario, Du hast irgend ein Mädchen gefunden, das Dich hatt. behext hat und Dich gern hinter's Licht führen möchte; aber zum Ech Glück bin ich auch noch da, um Dich daran zu hindern, einen 1 dummen Streich zu machen.

Frau Klara schwieg mehrere Sekunden hindurch, dann fing sie wieder an:Nun, laß doch hören, wer ist es denn?

Wenn Du das erfährst, wirst Du nicht mehr so sprechen, denn es ist ein Mädchen, das Dir sehr sympathisch ist, von dem Du immer nur viel Gutes zu sagen wußtest und das Dich liebt.

Ihren Namen, heraus damit, sag ihn mir!

Errathe ihn; sie ist blond, hat ein sanftes Gesicht, ein edles Aussehn, kleidet sich einfach, ist schlank, sympathisch gebildet, und was noch mehr werth ist, sie hat ein ausgezeichnetes Herz und sie unn ist die Freude ihres Vaters. en Und sie heißt Valeria, ergänzte Frau Klara. dul

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Sehr gut, gerade sie, ich habe also doch wohl nicht schlecht gewählt. f

Du konntest gar nicht schlechter wählen, fiel Frau Klara ein, ein Mädchen, das sich so ganz selbstständig ohne Mutter erzogen hat, das weder große Schönheit, noch viel Geist besitzt, ein rechtes Frätzchen!

Sprich doch nicht so, Mama, Du thust mir weh damit; vor einigen Tagen sprachst Du ganz anders zu mir von Valeria.

Weil ich glaubte, daß ihre Sanftmuth von echtem Gepräge sei, aber ich sehe nun wohl ein, daß Alles nur Falschheit war, um meine Gunst zu gewinnen, da sie in Dir ihren angehenden Ehe herrn sah.

Das ist nicht wahr, erwiderte Mario,Du bist ungerecht, sie weiß garnichts von meiner Liebe; ich kam in ihr Haus, um ud ihren Bruder Arrigo abzuholen, als ich die Geduld zu bewundern eh begann, die sie mit ihrem kranken und immer übellaunigen Vater 115 hat, der Heilige um ihre Geduld bringen könnte, stelle Dir vor, d daß sie ihn auf dem Sessel zurechtlegt, ihm die Zeitung vorliest, ur dann sogar eine Partie tre-sette mit ihm spielt, um ihn zu zer⸗ lch streuen; er ist immer jähzornig und ungeduldig und sie erträgt alle ln die unverdienten Vorwürfe mit einer Ruhe und einer Heiterkeit, lle die mich rührt; vor mir, der ich beinahe zum Hause gehöre, thun nd

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ur de. ö er der! Ie lutz in dewꝛ, feis 1 in ein

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