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unter dem Einfluß jenes aufgeregten Geistes und zu dessen großem Entzücken komponirte. Heute mühe ich mich vergebens, die Umrisse jener sagenhaften Helden nochmals im Geiste zu firiren,— zu lebhaft schwebt mir in diesem Augenblick ein anderes Bildniß vor,— ich kann es nicht hinwegbeschwören, und mit Recht fordert es seinen Platz in diesen Blättern, die den Erlebnissen meines Herzens ge— widmet sind.—
Vom schwülen Dunst eines gewitterschweren Sommernachmittags durchhaucht, erstehen die Hallen des Straßburger neuen Bahnhofs in meiner Erinnerung.
Müde und abgespannt von einer langen, rastlosen Fahrt, von den überwältigenden Eindrücken und der fieberhaften Thätigkeit meines Pariser Aufenthalts, schlenderte ich durch die hastende Menge, die jene Hallen 5 lte, zu müde fast, um unter den Gestalten, die mich umwogten, das Original des kleinen Bildes herauszusuchen, das ich in der Hand hielt.
Es war, nach dem Ausdruck eines Pariser Bekannten, dem ich es gezeigt hatte, die reizendste eee des deutschen Wortes Backfisch, ein Mädchen in kurzem Kleid, mit dickem, stolz zur Schau getragenen Bl ondzopf, unfertiger Figur und großen, halb sinnigem, halb übermüthigem Augenpaar, welches die feine Regelmäßigkeit des kleinen Gesichtes durchsonnte.
„Sie wird natürlich zu spät kommen,“ seufzte ich heimlich, nach— dem ich beim zweiten Läuten der Abfahrtsglocke mit wahrer Osten⸗ tation das Rosensträußchen zurecht gerückt hatte, das ich als verab— redetes Erkennungszeichen im Knopfloch meines Reiserockes trug.
Ein frisches, echtes Kinderlachen ertönte in diesem Augenblick hinter meinem Rücken.
„Natürlich ist er's,“ sagte eine Stimme, die der Oktap's in auffallender Weise glich,—„siehst Du nicht, er hält mich ja in der Hand.“.
„Freilich ist er's,“ bestätigte ich, plötzlich ermuntert, indem ich mich umwandte und nun einem jungen, se chlankgewach enen Mädchen gegenüber stand, von der mir im ersten Moments nichts auffiel, als das blendende Weiß ihres blassen, lachenden Gesichtes.
Der Schall des dritten Abfahrtssignals mahnte zu schleuniger Begrüßung und Auseinandersetzung. Kaum vermochten wir durch ein reichliches Trinkgeld den Schaffner zu bestimmen, uns eins der bereits geschlossenen Koupes zu öffnen, von dessen Fenster aus wir der freundlichen Begleiterin Käte's nur flüchtig ein dankbares Lebe— wohl zuwinken konnten.
„Es ist alles wie ein Traum!“ war die erste Aeußerung, mit der sich meine Gefährtin nach einer flüchtigen Musterung ihrer Reisegenossen in der Situation zurechtfand.
„Du wirst müde sein; es ist eine anstrengende Reise, die Du hinter Dir hast,“ sagte ich bedauernd.
„Müde?“ lachte sie mit glänzenden Blicken.
„Wie kann man müde sein bei so fen Erwartungen. Ich bin sogar die halben Nächte wach, seit ich des Vaters Brief erhielt. — Marianne als Braut, Hochzeit, Polterabend,— das ist alles so neu, so schön;— sind Sie denn müde?“
„Vor allen Dingen kein„Sie,“ kleine Schwägerin, wir 1 ja nahe Verwandte, Bruder und Schwester gleichsam,— also„Du“ — nicht wahr?“ sagte ich, indem ich ihr die Hand hinhielt.
Zögernd legte sie die kleine Rechte, die ein schwedischer handschuh straff umspannte, hinein.
Nach den ersten, schüchternen V e glitt ihr das kleine traute
Wörtchen so geläufig von den Lippen, daß sie nach echter Kinderart ihre Fragen und Antworten geflissentlich so zu stellen schien, daß sie es benutzen mußte. Unsere Gesprächigkeit machte alle übrigen Insassen des Wagens schweigsam, und mit einer Art überlegenen Stolzes bemerkte ich,. alle Augen an den beweglichen, blaß— rothen Lippen d des jungen D inges hingen. Selbst die kleine, schwarz— äugige Französin, d die neben ihr auf dem Schooß ihrer„ saß, starrte sie unter dem breiten rosig gefütterten Rand ihres n hervor ebenso unverwandt an, wie der graubärtige Major, der den Ecksitz an ihrer Seite inne hatte.
In der That mochte es dem ernstesten e e unmöglich sein, dieses glückliche, blasse Gesichtchen anders als mit Wohlwollen und Wohlgefallen zu betrachten.
Das Schweigen der Mitfahrenden mochte ihr in ee ihrer eigenen Lebhaftigkeit bald auffällig und unbehaglich werden, obgleich
Leder⸗
ich wette, daß sie auch nicht einen Hauch der ihr unwillkürlich dar- gebr rachten Huldigung ahnte.
Nur aus dem innersten Bedürfniß ihres reinen, kindlichen Mädchen⸗ herzens heraus begann sie mit ihrer niedlichen Nachbarin zu plau⸗ dern, welche bald zum Schrecken ihrer jungen Mutter und zum Er⸗ götzen aller Uebrigen aus den Armen ihrer Bonne in die ihrigen hinüber balancirte.
Von diesem Augenblick an war die Unterhaltung allgemein und blieb es auch, als die französischen i in Karlsruhe das Koupe verließen und anderen Platz machten. Von Käthe's Lebendig keit angeregt, stimmte Jeder dafür, daß eine angenehm verplauderte
Nacht dem fraglichen Genusse eines wirren unregelmäßigen Eisen⸗
bahnsch lafes bei Weitem vorzuziehen sei.
Trotzdem und trotz der gerühmten Munterkeit sank das blasse Köpfchen, als die Dämmerung der kurzen Sommernacht den ersten, rosigen Frühnebeln wich, unvermuthet auf die Schulter des alten Majors, der meinen V zersuchen, das Mädchen zu wecken, mit ge— are eigenthümlich schimmernden B Blicken Einhalt gebot.
So schlummerte sie wirklich fest und tief, bis das Hornsignal der ersten baierischen Station sie weckte.
hatte, begann sie mit echter Backfischmanier ihre Verlegenheit über
die seltsame Lagerstätte hinter Scherz und Uebermuth zu verbergen.“
„Siehst Du den dicken Kirchthurm dort?“ lachte sie, als der Wagen sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.„Genau so ehr⸗ würdig und umfangreich ist unser französischer Professor in Lpon. — Wie er sich wundern wird, daß ich nicht da bin! Heute müssen sie ihre Aufsätze einliefern, die armen Dinger, während ich es mir wohl sein lasse.— Mit welchen Themen er uns aber auch plagt! „Gedanken eines Invaliden an der Ruhestätte Napoleons?“ Was sagst Du dazu? danken hat?“— g
In Bamberg, wo der Major sich mit warmen Abschiedsworten von uns trennte, hielten wir Mittagsrast.— Als wir in den Bahn— hofssalon traten und der dem Eingange gegenüber befindliche Wand— spiegel unsere Gestalten wiederstrahlte, zuckte ein flüchtiges, schnell— verblassendes Roth über das weiche Gesicht meiner Begleiterin.
„Schämst Du Dich nicht meiner? Wie wirr und zigeunerhaft ich aussehe! Ich werde vor allen Dingen bitten, daß man mir ein Plätzchen anweist, wo ich mein Haar glätten und flechten kann.“
„Du bist mehr als hinreichend hübsch! Laß uns lieber die Speise— karte studiren!“
„Nein, nein, ich mag nicht wie ein zerzaustes Schulkind neben Dir sitzen!“——
Als sie nach einer Weile, während der ich das Menu und die Hälfte der Augsburger Allgemeinen zu studiren Zeit gehabt, wieder neben mir erschien, war das schimmernde Haar, das ihr vorhin in tausend Löckchen die Stirn e glatt von Scheitel und Schläfen Ste eh so d daß nur ein zarter Flaum der widerspenstigen Goldfäden ihr wie ein duftiger Hauch das Antlitz umrahmte.
Während dieser Prozedur schienen ihr eine ganze Menge ernster Gedanken aufgetaucht zu sein.
„Wie fandest Du es, daß der Major mir die Hand küßte, als ich ihm die Fahrkarte vom Boden aufhob?“ fragte sie plötzlich. „Ich meinte, das Bücken werde ihm gewiß schwer;— es war wohl im Grunde nicht passend für mich?“
1 0 kommen,“ tröstete ich.
„Mein Gott, es giebt so vielerlei zu bedenken, wenn man auf⸗ hört, Kind zu sein!“
„O, bleibe es noch getrost eine Zeit lang!“
„Wenn das ginge entgegnete sie hastig und altklug!„Was denkst Du denn? Im Februar wurde ich fünfzehn Jahr, und letzten Winter hatte ich Tanzstunde, wirkliche Tanzstunde mit jungen Herren. — Sie sagten mir unermüdlich, daß ich die schönste sei,— aber mein Gott, was liegt daran? Sie hatten sämmtlich noch nicht viel von der Welt gesehen, die Klügsten unter ihnen waren Studenten.“
„O, die gelten ja sonst für kompetent in solchen Dingen!“
Sie lächelte ohne eine Spur von Verlegenheit, indem sie zier— lich mit der Gabel den Zander auf ihrem Teller zerlegte.—„Weißt Du, was ich mir oft dachte? Ich möchte es einmal von einem wirklich Sachverständigen hören, von einem Bildhauer oder Maler. Als mir Vater Mariannens Verlobung mittheilte, nahm ich mir
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Nachdem sie sich mit ein paar erstaunten Blicken und mit liebreizender B Verwirrung orientirt
Wie kann ich wissen, was ein Invalide für Ge⸗
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