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ihn losgerissen hatte, heißathmend durchlebte.

Andern ließen jede Einwendung, jede feindselige Regung im Keime ersterben.— So hatten sich Lehrer und Schüler innig und fest, wie Freund und Freund aneinander geschlossen und sich inmitten der engen Welt, deren Lebensauffassung sich nicht weit über die rechte Würdigung des feurigen Klosterweines, des Klosterwildes und des friedvollen, gottgeschützten Heims erhob, eine Welt für sich erschaffen.

Welcher Sturm den Bruder Silas in das stille Eiland von Mariahort verschlagen hatte, wußte Niemand. Nur daß er sich zu der Ruhe und Ergebung, die jetzt auf seiner Stirn und in seinen dunklen, milden Augen lag, erst mühsam und ernst hindurchgerungen, ja, daß er von Kämpfen wußte, in denen das Heiligste auf dem Spiel gestanden hatte, davon konnten die Alten im Kloster berichten, die sich erinnerten, wie er müde und bleich, mit wirrem Haar und wunden Füßen zur Nachtzeit Einlaß und Aufnahme begehrt, und wie er Jahre lang des Nachts die heilige Stille durch sein heißes Flehen und Stöhnen und das Fallen der Geißelhiebe auf seinem schmerzgekrümmten Rücken gestört hatte.

Durch ein himmlisches Wunder mußte dann Gnade und Heiligung über ihn gekommen sein, denn plötzlich wurde er still wie das wilde Bergwasser, das im Thale ein sanftes Bett gewinnt; plötzlich nahm sein brennendes Auge jene tiefe, sonnige Milde, sein ganzes Wesen jenen Friedensduft an, der dem trotzigen Knaben, Franz von Geh— ringen, im Nu das ganze Herz gewann.

Den blonden Gehringer traf das harte Geschick, als zweiter Sohn cines edlen, mächtigen Rittergeschlechtes geboren zu sein, dessen Familienbestimmungen das gesammte Erbe dem jeweiligen Aeltesten zusprachen. Das Machtgebot eines durch Sieges ruhm stolz und unbeugsam gewordenen Vaters hatte den Jüngsten in's Kloster verwiesen, dessen schwermüthige Ordenstracht, so unwillig der Knabe sie trug, ihm gar liebreizend zu dem rosigen, rehäugigen Antlitz stand. Daß der Knabe im Uebrigen beim Abschied von dem Heimathschloß die trotzigen Thränen verschluckte, war eine Helden— that, die der„eiserne“ Gehringer weniger zu würdigen verstand, als die zarte, feinfühlende Mutter des Scheidenden, welche ihren schönen Liebling bis auf die verschwiegensten Tiefen seines Herzens kannte und mit verschleierten Blicken der Staubwolke nachsah, welche sein Roß auf der Landstraße aufwirbelte. Ihr wehendes Tuch war das letzte, was der Knabe sah, als bei der Biegung des Weges das Felsennest seiner Ahnen sich seinen Blicken entzog.

Obwohl nun die harte Klostersatzung den jungen Schülern gegenüber, von welchen das Leben manchen zurückforderte, nicht allzu streng in Kraft trat, so war der Uebergang von den bunten, geräuschvollen Festen der Heimathburg zu der Stille des geweihten Ortes, von den freien Träumen eines jungen Herzens zu den langen, gezwungenen Gebeten, von Hörnerschall und Hussa-Rufen zu feier⸗ lichem Orgelsang doch kein leichter.

Franz litt so schwer darunter, daß der heimliche Schmerz, der Druck der gewaltsam zurückgedrängten Thräuen ihn gleich an der Schwelle der neuen Laufbahn auf's Krankenlager warf, wo er in langen, seligen Fieberträumen alle Wonnen, von denen das Leben Aber während sein Mund in irren, unzusammenhängenden Worten von Lanzenstechen und rosenduftenden Siegeskränzen sprach, machte die Krankheit den jungen Körper immer hagerer, die Lippen und Wangen immer schmaler und die Schatten der glänzenden Augen immer tiefer und dunkler.

Unermüdlich harrte in jenen Fiebernächten Bruder Silas an dem Lager des mit dem Tode Ringenden. Seine kühle Hand lag segnend auf des Knaben fieberheißer Stirn, und seine Gebete kämpften, gleich einer Engelschaar, gegen die finstern Mächte, welche das hoff— nungsreiche, junge Leben für sich heischten.— In einer Juninacht, als durch das halbgeöffnete Fenster der Krankenzelle vom Kloster— garten her der Duft von Gaisblatt und Jasmin mit dem sehnsuchts— reichen Sang der Drossel einströmte, schlug der Knabe zum ersten Mal wieder die Augen auf und sah den Mönch, der an seines Lagers Seite, von langem Wachen und Sorgen übermüdet, ein— geschlafen war.

Der Schmerzensschrei des wieder zum Bewußtsein seines traurigen Lebensloses Erwachten erstickte in Bewunderung für den friedvollen, siegesfreudigen Ausdruck, der auf dem blassen, edelgeschnittenen Ge— sicht des schlafenden Mannes lag. Von jener Stunde an ahnte Franz, daß es Siege gebe, die zwar nicht von weißer Frauenhand mit Preisen gekrönt, aber doch des schwersten Kampfes werth seien.

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Ein geheimnißvolles Band, das die Dankbarkeit allein nicht so fest zu knüpfen vermocht hätte, einte den Genesenden fortan mit seinem Pfleger. Obgleich Silas weder die Liebe, noch das Ver⸗ trauen des Knaben zu erstreben schien, so gewann er doch Beides im Fluge. Unter herzbrechendem Schluchzen beichtete Franz, was seine Fieberworte dem treuen Hüter längst verrathen hatten: daß sein Sehnen ihn weit, weit hinweg von diesen heiligen Mauern locke, und daß er mit Gott hadre, der ihn so gegen seinen Willen zu seinem Diener bestellt habe. 0

Silas versuchte es nicht, die Milde Gottes, von der sein Innerstes durchdrungen war, gegen den wilden Knaben zu vertheidigen; er. streichelte nur mit ernstem Lächeln das wirre Blondhaar und statt die schönen Seiten des Mönchslebens zu preisen, um den Trotzigen mit seinem Stand zu versöhnen, veranlaßte er Franz, ihm von der Heimath zu erzählen: von dem Felsenschloß zwischen uralten Baum⸗ riesen, von des Vaters Strenge und Kraft, seinen schweren Rüstungen und starken Rossen, von der Mutter Fleiß und Güte, von den Ge⸗ lagen und Turnieren, von all' dem frohen, regen, bunten Treiben, dessen Erinnerung noch so frisch hinter der weißen Stirn des jungen Gesellen lebte. Beim Plaudern trockneten die Thränen, verrann die Leidenschaft, und ein helles Kinderlachen tönte durch die Kranken- zelle, als Franz seinem Zuhörer erzählte, wie sein Vater den dicken, prahlerischen Reckenfelder, den stolzesten Mann seines Heimathgaues mit einem Stoß aus dem Sattel gehoben, und wie der Arme dann hinkend und mit sauersüßem Lächeln zum Mahle gekommen sei.

Trotz seiner frischen Jugend genas der Knabe nur langsam und zeigte sich dabei als ein gar widerwilliger und unbändiger Pflegling,

der keinen andern als den liebgewonnenen Bruder an seiner Seite dulden wollte.— Silas wußte es zu bewerkstelligen, daß die Mönche das Lager des Leidenden in seine eigene Zelle rückten, damit er. stets, ohne die ganze Nacht zu wachen, zu dessen Hilfe bereit sein könne.— Hier nun, wo die trauliche, grüngoldene Dämmerung, welche die vor'm Fenster ragenden Nußbäume in dem kahlen Raume

woben, der frostigen Stätte allen Schauder nahm, wo am Abend die wilden Tauben einkehrten, um aus des frommen Bruders Hand ö 41 Körner und Brosamen zu picken, wo ein Zweig von Waldrosen oder eine wilde Rebe das ernste Schmerzensbild des Erlösers schmückte, 0 N schmolz der heiße Grimm des Knaben gegen den Aufenthalt im 1 Kloster. Zwar hoffte er im Stillen, daß Gott, den der Mönch so 5 schlicht und schön als den Allmächtigen pries, diese Allmacht einst f an ihm selbst durch Befreiung aus den heiligen Mauern beweisen werde, doch ließ er sich inzwischen den Umgang mit Silas, dessen g Wesen seinem für alles Große und Bedeutende empfänglichen Geist 1 so sehr zusagte, gern gefallen. 5 Allmählig kehrte das Roth der Gesundheit, wenn auch zart und 1 fein, wie der Farbenhauch der Pfirsichblüthe, auf Franzens Wangen 1 zurück, so daß der Genesene, noch ehe der Sommer schwand, in die 0 Bänke der jungen Weisheitsstrebenden eingereiht werden konnte, 0 denen gelehrte Mönchsdocenten den Kenntnißkreis des Trivium und 1

Quadrivium erschlossen. Auch das erschien dem Knaben als eine Welt, in der sich's leben ließ. An dem Zorne des göttlichen Paliden und der himmlischen List des irrenden Helden von Ithaka stählte er sein Herz. Aus den Büchern der Bibel, die er Anfangs mit Widerwillen ergriff, lernte er unter Silas' Leitung die tiefste und heiligste Poesie trinken. Das bedeutungsvolle, große Schicksal eines Moses, das so seltsam ergreifend auf dem Berge Nebo Angesichts des heiß ersehnten, nie erreichten Landes ausklang, der wundervolle Liebesgedanke des stillen Dulders von Golgatha, das gewaltige, herzbewegende Streben eines Paulus griffen dem Knaben tief in die Seele.— So reifte sein Gemüth, während Jahr um Jahr 1 verrann, und der junge Körper in der schwermüthigen Mönchstracht ebenso stolz und geschmeidig emporwuchs, wie er in der farbenfrohen Tracht eines Edelknaben sich entwickelt hätte. f 2 Silas, der längst mit allem irdischen Hoffen und Freuen ab- geschlossen hatte, nahm das Zusammenleben mit dem weichherzigen, heldenmüthigen Knaben als eine Gnade Gottes hin. Gleichwie ein klarer Spätherbsttag, an dem das letzte sinkende Laub noch einmal wie purpurne und goldne Flammen im reinen Sonnenlicht erglüht,. das mit dem Gedanken an die Winteröde vertraut gewordene Herz mit frommem Danke erfüllt, so durchsonnte des jungen Gehringers Liebe das stille, erdenmüde Seelenleben des Mönches.—. Auf der Steinbank unter der Tanne war der Lieblingsplatz dern Beiden. Dort saßen sie gar oft im Abendschein, und während die

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