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hat sich nun wenigstens überzeugt, daß ich eigenes Haar habe.“ Dabei nestelte sie den Zopf wieder fest.
Unterdeß hatte Frau von Hartwitz ihr Strickzeug bei Seite gelegt und erhob sich.„Es ist die Stunde, in der ich für meine Ornshagener Leute zu sprechen bin,“ sagte sie,„und Sie wissen be— reits, in der Hausordnung giebt es keine Unterbrechung.“
Auch Martina erhob sich.„Bleibe nur,“ winkte ihr Frau von Hartwitz zu,„ich besorge das heute schon allein.“
„So kommen Sie in den Garten,“ wandte sich Martina an Heddenheim,„Sie kennen ihn noch nicht und ich meine, er ist hübsch.“
Er ging an ihrer Seite durch die geschmackvollen Anlagen des Gartens zwischen wohlgepflegten Rasenplätzen, die von Gruppen blühender Gesträuche und Beeten mit buntfarbigen Frühlingsblumen unterbrochen waren. Dazwischen standen überall hochstämmige Rosen, während sich längs dem Hause ein Rosenparterre hinzog, das, in Blüthe stehend, einen überaus anmuthigen Anblick gewähren mußte. Martina machte ihn auf jede Einzelheit aufmerksam, nannte jeden Strauch und jeden Baum beim Namen, zeigte ihm die vor— züglichsten Rosenarten und erzählte ihm, welche Veränderungen in den Anlagen des Gartens in diesem Jahre stattgefunden hätten.
„Da sehen Sie zugleich Etwas von meiner Thätigkeit,“ sagte sie,„der Garten gehört mir, die Tante hat ihn mir übergeben, ich darf mit dem Gärtner Alles nach meinem Geschmack und Willen einrichten und habe täglich mehrere Stunden damit zu thun.“ Sie sah ihn mit einem neckischen Blick an.„Da haben Sie zugleich einen Theil der Antwort auf die große Frage, die neulich in Ihren Augen lag, was in aller Welt ich unnützes Mädchen denn eigentlich thue, da ich weder Handarbeiten noch Künste treibe.“
„Gnädiges Fräulein—“
„Leugnen Sie nicht, Ihr ganzes Gesicht war ein Fragezeichen und Sie sollen nun hören, daß ich nicht so ganz und gar unnütz meine Tage verträume, als Sie es wohl dachten. Also der Garten; — dann hat die Tante mich nur heute freigegeben, sonst begleite ich sie und helfe ihr, wenn die Leute, nicht nur aus Ornshagen, sondern aus der ganzen Umgegend kommen, um sich von ihr Arbeit, Arznei und bisweilen auch nur guten Rath zu holen, je nach Bedarf. Ich besuche auch hier unsere Leute in ihren Wohnungen, sehe zu, daß sie dieselbe ordentlich und reinlich halten und erstatte Tante Bericht über sie und namentlich über die Kinder, ob sie zur Schule gehen, lernen, gesund und lustig sind c. Im Uebrigen habe ich einen Schatz von guten Büchern, treibe allerlei Wissenschaftliches, soweit mein Verstehen reicht, zunächst kümmerte ich mich nur um Botanik, die mir hier auch nützlich sein kann, allmählig hat mich diese aber in die Naturwissenschaft überhaupt hineingeführt und ich lese darüber viel. Sie sehen, ich bin ein wenigstens nicht ganz un— nützer Mensch, ich meine, wer mit Tante zusammen lebt, kann's auch nicht, man muß ihrem Vorbilde folgen. Sobald Sie dieselbe erst näher kennen gelernt haben, werden Sie auch unter der rauhen Außenseite das warme Herz herausfinden; sie hat etwas so männ— lich Starkes und ist doch so weich; als ich noch ein ganz kleines Kind war, habe ich sie oft mit feuchten Augen über mein Bett ge— beugt gesehen und dann küßte sie mich so zärtlich.“
„So lange also sind Sie schon bei Frau von Hartwitz?“ fragte Heddenheim. f
Sie sah ihn erstaunt an.„Gewiß; fast so lange ich denken kann. Meine Eltern starben früh, ich habe nur ein dunkles, ganz unklares Bild von ihnen.“ Es war wie ein Schatten über ihre Züge geglitten.„Alles Schöne, alles Liebe und Beglückende danke ich der Tante,“ fügte sie hinzu.
Unter diesem Gespräch waren sie wieder zum Hause zurückgekehrt. Heddenheim sah nach der Uhr und meinte; es sei wohl Zeit, zur Stadt zu fahren.
„Was wollen Sie!“ rief Martina,„auf dem Lande macht man keine Visiten, Sie müssen den Abend über hier bleiben und dann haben Sie eine Heimfahrt im Mondschein, um die ich Sie beneiden könnte.“
So blieb er. Doch war Martina jetzt meist still und überließ Frau von Hartwitz die Unterhaltung mit ihm, die allerlei politische und kommunale Fragen behandelte. Heddenheim setzte dabei ihre Ein— sicht in Frauen sonst gewöhnlich fernliegende Angelegenheiten und ihr klares, sicheres Urtheil in Erstaunen.
Martina lag mit halb geschlossenen Augen in den Stuhl zurück— gelehnt, der leise hin- und herschaukelte; es hätte scheinen können,
als ob sie garnicht auf das Gespräch hörte, wenn nicht doch hier und da ein Wort dazwischen gefallen wäre, welches das Gegentheil bewies. 2
Man hatte sich zu dem Abendessen wieder in das Speisezimmer begeben; als dasselbe beendet, bot Heddenheim Frau von Hartwitz den Arm, Martina war vorausgeeilt. Das große Zimmer war durch eine Lampe nur theilweise erhellt, das junge Mädchen stand neben der Epheuwand, von bläulichem Mondlicht überfluthet.
„Kommen Sie,“ winkte sie ihm und trat dann mit ihm in den Erker. Der Mond stand an dem wolkenlosen Himmel und übergoß den ganzen Platz mit seinem magischen Licht; die Palmblätter und das zierliche Schlingkraut waren wie mit silbernem Netz überzogen, der ferne Höhenzug zeichnete seine sanft geschwungene Linie von dem Himmel ab und die Baumschatten schienen in dem Mondlicht noch dunkler.
„Das ist Poesie,“ sagte sie leise. Noch ehe er antworten konnte, war sie von seiner Seite verschwunden, er hörte einige sanfte Akkorde und dann begann eine volle, weiche Stimme:
Der Tag entschlief, blau fluthet die Nacht— Der Abendstern ist kaum erwacht,
Es birgt die erste wilde Rose
Süß duftend sich im Waldesschooße,
Tief in Gebüsch und Blüthenweiß
Der Nachtigallenschlag so leis—
Und durch die sehnsuchtathmende Luft Haucht süß und lind der Maienduft.
Er lauschte gleichsam mit verhaltenem Athem, ohne sich zu be— wegen, erst als der letzte Ton verhallt war, trat er in das Zimmer zurück. Martina saß am Flügel. N
„Sie singen?“ sagte er erstaunt.
„Warum nicht?“ fragte sie zurück.
„Ich dächte, Sie hätten doch gesagt—“
„Daß ich keine Kunst übe; ich habe auch niemals Unterricht gehabt, nur hier und da singe ich zu meiner eigenen Freude.“
(Fortsetzung folgt.)
ie Novelle von Frida Schanz. 55
Die mächtige, rauschende Edeltanne, welche die Klostermauer von ihren Schwestern im Forste trennte, zauberte den Beiden, welche tagtäglich auf der Steinbank unter dem Baume saßen, eine ganze, heimliche Welt von Duft und Glück in die Abgeschiedenheit.
Der eine der zwei Genossen, die man im Kloster die„Un— zertrennlichen“ nannte, obwohl eine lange Reihe von Lebensjahren zwischen ihnen lag, träumte beim Knistern der Tannennadeln sehn— süchtig von einem Leben im vollen Sonnenschein, von Speerkampf und Hufschlag, von Sang und Tanz.
Der Andere sah es gern, wenn die Sonnenstrahlen durch das tiefe Dunkel des Gezweiges auf den weichen, tiefgrünen Moosgrund irrten, wenn die Glockenblumen träumerisch im Windhauch erzitterten, und die Farbe des Himmels sich so tief, so klar, so undurchdringlich blau von den schönen Formen der dunklen Aeste abhob. f
Das Sinnen des Einen irrte dann wie ein lustiger, ungeduldiger Frühlingsvogel in die Weite, das des Andern stieg hinab in die tiefen, ruhigen Schachte der eignen Brust, wo all' sein Reichthum verborgen war, wo das Rauschen und Brausen der Welt nur in leisen, verklärten Tönen wiederhallte.
Tagtäglich, wenn die jungen Klosterschüler im Nußbaumschatten des Hofes sich mit frühreifem Ernst lustwandelnd ergingen oder hier und da über einem frohen Spiel die Bedeutsamkeit der Stätte vergaßen, wenn die Mönche durch behagliche Mittheilsamkeit sich die Aufsicht über die junge Schaar erleichterten, dann sonderten sich der ernste Bruder Silas und sein Liebling, der junge, blonde Schüler, Franz von Gehringen, von den Uebrigen ab, um in der Stille
ihres tannenbeschatteten Lieblingsplatzes sich des schönen Liebesbandes, ö
das sie einte, doppelt bewußt zu werden.
Die Brüder ließen die Beiden stillschweigend gewähren, wie sie ihnen überhaupt manches zugestanden, was gegen das Herkommen, ja gegen die strenge Ordensregel verstieß.— Die mächtige, voll ausgeprägte Persönlichkeit des Einen und der Rang und Name des
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