Ausgabe 
15.8.1886
 
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zu den

Obherhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 33.

Gießen, den 15. August.

1886.

Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. CFortsetzung.)

Heddenheim erstaunte über diese Großartigkeit der Hilfswilligkeit, mit der Frau von Hartwitz die fremde Frau mit ihrem Kinde so fort in's Haus genommen und ein wahrscheinlich arg verwirth schaftetes Gut für eine garnicht unbedeutende Summe ankaufte. Er zweifelte jetzt daran, daß dasselbe wirklich ein erwünschter Besitz für Frau von Hartwitz sei. Martina schien überdies die Sache so ganz selbstverständlich zu finden, daß sie an Aehnliches wohl ge wöhnt war.

Anneliese sollte eigentlich nur im Sonnenschein wandeln, fuhr sie fort,sie ist so licht und die Tante! unterbrach sie sich, als eine Thür ging.

Heddenheim erhob sich und ging der Eintretenden entgegen. In demselben dunkeln Kleide, mit dem langen, altmodischen Kragen und derselben großen Haube, sah sie ihm heute wie ein aus dem Rahmen getretenes, altes Ahnenbild aus. Sie wußte sichtlich schon von seiner Anwesenheit und begrüßte ihn mit einer Steifheit, der sogar eine gewisse Unfreundlichkeit beigemischt war.

Ich bedaure, daß Sie warten mußten, sagte sie mit der männlich⸗tiefen Stimme, die heute noch etwas rauher als neulich klang,ich erwartete Ihre Zusendung, hätten Sie mir gesagt, daß Sie selbst zu kommen gedächten, so hätten Sie erfahren, daß ich in dieser Stunde niemals zu sprechen bin.

Heddenheim hatte geglaubt, mit dieser persönlichen Ueberbringung der Dame eine Höflichkeit zu erweisen und sah sich nun in der Lage, sich entschuldigen zu müssen:Frau von Hartwitz möge ver zeihen; er habe es für besser gehalten, die Summe nicht einer andern Hand zu überantworten.

Wenn Ihre Leute nicht zuverlässig sind, die Post ist es sicher, versetzte sie.

Heddenheim konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. Diese Un höflichkeit war so originell, daß sie ihn nicht beleidigte, sondern nur amüsirte. Er hatte überdies seinen Zweck, das reizende Mädchen noch einmal zu sehen, erreicht, so nahm er sie gutlaunig hin und sagte einfach:Die Sache wird ja schleunig erledigt sein, gnädigste Frau, ich bitte nur um eine Unterschrift, und werde Sie dann so fort von meiner Gegenwart befreien.

Er zog seine Brieftasche hervor, doch Frau von Hartwitz machte eine abwehrende Bewegung.Es ist ein Uhr, die Mittagsstunde, meine Hausordnung darf niemals gestört werden. Da Sie doch unmöglich nutzlos hier eine Stunde auf mich gewartet haben können, müssen Sie schon an unserm einfachen Essen theilnehmen, das freilich wenig nach dem Geschmack eines modernen Herrn, der um fünf Uhr dinirt, sein wird. 5 5

Heddenheim war einen Augenblick in Verlegenheit, wie er sich

dieser seltsamen Einladung gegenüber zu benehmen habe, als Martina

heiter ausrief:Lassen Sie sich nicht schrecken, ich wette, die Bouillon, das gute Fleisch und Tantens ausgezeichneter Rothwein schmecken Ihnen bei uns und dann bekommen Sie meinen vortrefflichen Kaffee, den zu bereiten meine Spezialität ist. Außerdem haben Sie auch noch den Vortheil, meine reizende Anneliese kennen zu lernen.

Die blasse Trauerweide wird Herrn Heddenheim schwerlich ent zücken, meinte Frau von Hartwitz geringschätzig.Uebrigens habe ich besser für Ihren Kutscher und Ihre Pferde gesorgt als Sie und schon vor dreiviertel Stunden auszuspannen bestellt, es wäre für Mensch und Thiere ein schlechtes Vergnügen, wenn sie da noch immer vor der Thür auf Sie warten sollten.

Heddenheim verneigte sich dankend, die Eigenthümlichkeit dieser Frau war ihm entschieden amüsant. Der alte Diener, der ihn vorhin hineingeführt hatte, öffnete jetzt die breite Flügelthür mit der Meldung: es sei angerichtet. Heddenheim bot Frau von Hartwitz den Arm, Martina war in das Nebenzimmer verschwunden und als jene die Schwelle des Esszimmers überschritten hatten, trat auch sie dort ein, den Arm um die Schultern einer kleinen blassen, schwarzen Gestalt geschlungen.

Frau Anneliese Berting, sagte sie vorstellend.

Man setzte sich zu Tisch und Martina hatte nicht zu viel ver sprochen, die einfachen Speisen waren gut zubereitet und wohl schmeckend und der Wein von außerordentlicher Güte. Heddenheim saß zwischen Frau von Hartwitz und Martina, Frau Berting ihnen gegenüber; so hatte er Gelegenheit, sie zu beobachten, eine kleine, schmächtige, überzarte Gestalt, das schmale Gesicht von einer durch sichtigen Blässe, mit großen hellblauen Augen und einer Fülle matt⸗ blonden Haares, die für den kleinen Kopf fast zu schwer schien. Um den Mund lag es wie ein Zug unterdrückten Weinens, die Trauerkleidung trug noch dazu bei, den Eindruck tiefer Wehmuth, den sie machte, zu erhöhen, und so war die Bezeichnung Trauer weide, die Frau von Hartwitz gebraucht, nicht unzutreffend. Sie sprach kein Wort und lächelte nur einige Male Martina dankbar an, die ihr wiederholt die besten Bissen auf den Teller legte. Sie unterhielt sich unterdeß heiter und lebhaft mit Heddenheim; es ergab sich, daß dieser beinahe alle jene Orte, welche die Damen auf ihrer Reise aufgesucht hatten, auch kannte; so gab es viele Anknüpfungen und Heddenheim setzte das sichere und treffende Urtheil in Erstaunen, das sie über die Kunstschätze der verschiedenen Galerien füllte. Ueber all hatte sie das Schönste herausgefunden, hatte ihre Lieblinge, zu denen sie wieder und wieder zurückgekehrt war und die sie denn auch in jeder Einzelheit erfaßt hatte, und mit ruhiger Unbefangen⸗ heit erklärte sie von andern, viel gerühmten und hochgeschätzten Ge mälden: die möge sie nicht. Als ihre besondere Lieblinge bezeichnete