Ausgabe 
14.11.1886
 
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Sie verdrängen mich durchaus nicht, entgegnete ich, und schob meine Staffelei ein Stück zurück.So, und nun gestatten Sie mir, Ihnen behilflich zu sein.

Sie sind außerordentlich gütig, sprach sie, nachdem ich ihr Alles zurecht gestellt hatte, und lehnte sich gegen die Messingstange, die zum Schutz der Bilder vor denselben angebracht war;ich habe einen weiten Wet hinter mir und bin ziemlich müde.

Und die Hitze ist so groß, versetzte ich.Ich fürchte, Sie werden sie hier unerträglich finden. f

O, es wird so schlimm nicht sein, entgegnete sie, während sie die Leinwand, welche ungefähr eben so groß war wie die meine, aus dem Papier nahm, und sie auf die Staffelei stellte.Ich fürchte, Sie werden mich meines traurigen Versuches wegen aus lachen. Ich fing das Bild vor sechs Jahren an, als ich fast noch ein Kind war, und mein guter Vater noch lebte; und nun möchte ich es vollenden, um hier stockte sie einen Momentum es zu verkaufen.

Ich betrachtete die Leinewand, und muß gestehen, daß, obgleich ich schon manchen sonderbaren, lächerlichen Malversuch gesehen hatte, mir ein ungeschickteres, kläglicheres Machwerk noch nicht vorgekommen war. Man konnte es wahrlich nur eine Schmiererei nennen. Von Zeichnung keine Spur darin; der Himmel blau wie Indigo, die Wolken schwarz wie Dinte, die Sonne schmutzig gelb und ziegel roth kurz es bot einen Anblick, der mir mindestens ein Lächeln entlockt haben würde, wäre ich mir der Gegenwart des bleichen, jungen Mädchens an meiner Seite nicht bewußt gewesen.

Glauben Sie, daß ich jemals einen Käufer dafür finden werde? fragte sie, die großen Augen begierig auf mich gerichtet.

Es lag etwas so unsagbar Trauriges, Rührendes in dem Ton ihrer

Stimme, daß ich nicht im Stande war, ihr die Wahrheit zu sagen. Warum nicht, antwortete ich etwas kleinlaut,Sie sind noch nicht sehr weit damit, vielleicht darf ich Ihnen ein wenig behilflich sein. Ich bin ein alter Mann und habe manche Erfahrung ge sammelt. f

Sie sah mich ernst an.

Ja, wenn Sie mir ein wenig helfen wollten, rief sie dann plotzlich,nur ein ganz klein wenig, gerade nur so viel, daß es Ihrem Bilde ähnlicher wird. Ich habe so lange keinen Pinsel an gerührt, aber die Leute kaufen ja immer gern Bilder reiche Leute, meine ich; und ich dachte, wenn ich dies hier fertig machte, könnte ich es in einen Laden geben und verkaufen lassen.

Das arme Kind! Ich sah Thränen in ihren Augen schimmern, während sie so sprach, und fragte mich innerlich, welch traurige Geschichte sie wohl von ihrem Leben zu erzählen haben mochte. Doch ich wollte nicht für neugierig gelten, und unterdrückte daher jede Frage, die mir auf den Lippen schwebte.

Sie hatte ihre Palette inzwischen mit jeder denkbaren Farbe versehen, und trat nun, den Pinsel in der schmalen, bebenden Hand, an die Staffelei heran.

Ich glaube, ich habe das Malen gänzlich verlernt, hob sie von Neuem an.

Würden Sie mir gestatten, daß ich gleich jetzt zu Anfang ein wenig an Ihrem Bilde male? fragte ich.

Ich hätte nie gewagt, Sie darum zu bitten, antwortete sie, während es in ihren Zügen hell aufleuchtete;doch es wäre sehr gütig von Ihnen; es ist so lange her, seit ich zum letzten Mal gemalt habe. Das Bild dem Original nur einigermaßen ähnlich zu machen, war vollständig unmöglich, doch ich that, was in meinen Kräften stand, und reichte ihr darauf Pinsel und Palette zurück. Sie schien sehr dankbar zu sein; und ihre Augen leuchteten voll Hoffnung. J

Welches Glück für mich, in Ihnen eine so große Hilfe gefunden zu haben! rief sie, indem sie sich vor der Staffelei niedersetzte, und mit einem Seufzer fügte sie hinzu:Hoffentlich bin ich bald fertig, denn es wird mir sehr schwer, meine Kleinen allein zu lassen.

Ueberrascht sah ich sie an. Ihre Kleinen! Sollte es möglich sein, daß sie verheirathet war? Unwillkürlich warf ich einen Blick auf ihre rechte Hand, und bemerkte nun zum ersten Mal, daß sie einen Trauring trug, doch aus Furcht, ich könnte etwas sagen, das ihr wehe thäte, schwieg ich auch diesmal. So arbeiteten wir, ohne weiter ein Wort mit einander zu wechseln, bis es ein Uhr schlug, und ich meine belegten Brödchen und die kleine Flasche Wein hervor langte, die mir meine Schwiegertochter allmorgendlich in die Rock

tasche steckte, bevor ich nach der Galerie ging. Da ich zu bemerken glaubte, daß meine Nachbarin sich mit keiner Stärkung versehen hatte, bat ich sie, mein Frühstück mit mir zu theilen. Sie lächelte und lehnte dankend ab.

Ich bin aufgeregt, sagte sie,ich wäre nicht im Stande, etwas zu essen.

Doch Sie scheinen nicht allzu kräftig, entgegnete ich.Ein wenig von diesem Wein würde Sie stärken.

Ich bin nicht schwächlich, beharrte sie, nur sehr, sehr aufgeregt.

Und so kam unsere Unterhaltung wieder in Gang, und nach und nach erzählte sie mir ihre ganze Geschichte. Dieselbe war sehr traurig, aber keineswegs eine außergewöhnliche. Die Erzählerin war seit sechs Jahren verheirathet, und zählte jetzt vierundzwanzig. Ihr Mann hatte ein kleines Agenturgeschäft und arbeitete Tag und Nacht für sie und ihre zwei Kinder; doch plötzlich war er krank geworden, man hatte ihn in das Hospital bringen müssen, und das Geschäft ruhte. Die geringen Ersparnisse reichten nur für ein kärgliches Leben zu; und um das Maaß ihrer Sorgen voll zu machen, hatte ihr Hauswirth gedroht, ihr die Wohnung zu entziehen und sich mit ihren Habseligkeiten für die rückständige Miethe bezahlt zu machen. Und dabei war ihr armer Mann noch schwer krank. Es würde noch einer langen Zeit bedürfen, bevor er das Hospital verlassen und seine Beschäftigung wieder würde aufnehmen können, hatte der Arzt gesagt; aber wenn sie ihr Bild für vierhundert Mark verkaufte, könnte sie die Miethe bezahlen, und Alles war gut!

Ich folgte ihren Worten voll innigen Mitleids. So jung noch, und schon so traurige Erfahrungen! Mein Herz blutete für sie, aber leider hatte ich nichts weiter zu geben als tröstende Worte, denn ich besaß und verdiente zwar augenblicklich gerade noch genug, um davon zu leben; mit dem kleinen Vermögen aber, das ich mir im Laufe der Jahre gesammelt, hatte ich meinem Sohne ausgeholfen, der schwere Zeiten kennen gelernt.

In der nächsten Nacht ließ mich der Gedanke an die arme, junge Frau, die mit so viel Sorgen, dazu noch ganz allein, zu kämpfen hatte, nicht schlafen. Ich überlegte, wie ihr zu helfen sei, doch vergebens; es fiel mir nicht das Geringste ein.

Am folgenden Tage war sie wieder in der Galerie, so die nächsten, und immer malte sie mit dem größten Eifer.

Ich denke, ich werde bald fertig sein, sagte sie häufig zu mir.Natürlich ist es nicht so wie das Ihre; aber der Bilder händler hat ja das Ihrige nicht gesehen, und so wird er mit dem meinen schon zufrieden sein.

So sprach sie in ihrer glücklichen Unwissenheit und ich lächelte zustimmend; ich konnte ihr unmöglich widersprechen. Sie hatte sich in letzter Zeit zusehends erholt, ihre Züge hatten den trüben, ver härmten Ausdruck verloren, und das einzig und allein, weil sie so fest von der Hoffnung erfüllt war, sie werde das Bild verkaufen und die Miethe bezahlen können.

Ich habe Alfred von meinem Vorhaben nichts gesagt, er zählte sie mir eines Tages;der Gedanke, daß ich die Kinder ver lasse und hier arbeite, würde ihm peinlich sein; wenn er aber erst wieder bei uns ist, dann will ich ihm erzählen, wie ich unser kleines Heim gerettet habe, und er wird mich seine kleine brave Frau nennen, und ich werde so stolz und glücklich sein., 5

Einmal verließ sie die Galerie mehrere Stunden früher als ge wöhnlich ihres jüngsten Kindes wegen, das an einer heftigen Er kältung litt, und ich erbot mich, ihre Sachen wegzuräumen, damit sie keine Zeit verliere. Sobald sie den Saal verlassen hatte, hob ich die Leinewand von der Staffelei, nicht weil sie mein Auge be leidigte, sondern weil, wenn ich an ihre hochfliegenden Hoffnungen dachte, der Anblick des Bildes mir ordentlich in's Herz schnitt.

Kaum war es geschehen, als ich einen Herrn bemerkte, der mit kritischem Auge und sichtlichem Wohlgefallen meine Kopie betrachtete, an deren Vollendung nur noch wenige Pinselstriche fehlten. Sollte er die Absicht haben, es zu kaufen? Da plötzlich kam mir ein Ge danke und eben so schnell, wie er gekommen, beschloß ich auch, ihn auszuführen.

Nachdem der Herr mein Werk noch eine Weile schweigend ge prüft hatte, wandte er sich zu mir, der ich noch mit Pinsel und Palette meiner jungen Freundin in der Hand vor deren Staffelei stand, und fragte, ob ich das Bild gemalt und die Absicht habe, es zu verkaufen. Ich verneigte mich und beantwortete beide Fragen bejahend, worauf er mir sechshundert Mark dafür bot. Der Preis

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