Ausgabe 
14.11.1886
 
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Oval des Gesichts waren die Brauen über den schwarzen Augen fein und scharf wie mit dunkler Farbe gezeichnet, und die Wimpern warfen fast Schatten auf die blühenden Wangen. Die Nase im Profil gesehen war kurz, so daß die rosige Nasenwand ein wenig hervorschimmerte, ebenso die Oberlippe, die die Zähne nicht ganz zu decken vermochte.

Schön war sie zweifellos, von jener eigenartigen, faszinirenden Schönheit, die auf den ersten Blick besiegt, obgleich man dabei ein warnendesHüte Dich spürt. Aber er hätte nicht Roland Harten stein sein müssen, wenn er nicht in der ersten Sekunde des Sehens hingerissen, entzückt, begeistert gewesen wäre. Stumm sah er auf das lebende Bild vor sich, mit angehaltenem Athem fast, als wenn er fürchtete, es könne nur eine Vision sein, die ihm beim ersten Laut entwich. Aber sie sollte und durfte ihm nicht entweichen! Das war Venus, wie er sie geträumt, seine Venus, die er schaffen wollte! Eine Göttin, aber zugleich ein sterbliches Weib, mit allen Schwächen, allen Liebenswürdigkeiten, allen Fehlern eines solchen und darum unwiderstehlich.

Sie hatte die Thüre gehen gehört, drehte sich aber nicht um, da sie Gottliebe zu sehen erwartete, nur die kleinen Hände schlug sie zusammen und sagte:

Wie schön er ist! Ob es wirklich solche Männer geben mag? Hast Du schon Jemand gesehen, der ihm ähnlich war?

Alles blieb still. Sie horchte ein wenig rückwärts, dann drehte sie sich langsam um. Roland stand noch immer auf der Schwelle im Anschauen verloren, ihre Blicke trafen sich. Sie war weder verwirrt, noch erschreckt von dem unerwarteten Anblick, im Gegen theil ging sie auf ihn zu mit ausgestreckter Hand und sagte:Du bist Roland, nicht wahr? Gottliebe fürchtete, Du würdest zanken, daß ich hier in Dein Heiligthum eingedrungen, aber ich hoffe, Du thust das nicht. Weißt Du denn, wer ich bin? Marion Deine Schwägerin.

Er sah, während sie durch das prächtige, luxuriöse Atelier schritt, daß sie kleinstädtisch und schauderhaft gekleidet war. Das Kleid, offenbar zu eng, hinderte ihre Bewegungen und ließ unschön die Füße sehen, die in häßlichen Lederstiefeln steckten, nichts hatte auch nur im Geringsten Sitz oder Schick. Roland Hartenstein verab scheute schlecht gekleidete Frauen ebenso sehr wie angeborene Häßlichkeit, aber er merkte mit Erstaunen, daß es diesmal eher sein Mitleid, wie seine Ungeduld wachrief, diesen schönen Kern in unwürdiger Schale stecken zu sehen. Er ergriff ihre Hand, die sie ihm reichte, sah ihr noch immer in das Gesicht und erwiderte zerstreut:

Also Du bist Marion. Merkwürdig, merkwürdig! Und dann zog er sie neben sich auf den orientalischen Divan und fuhr fort:

Wolltest Du nicht Klavierlehrerin werden? Welche Narrheit! Frauen, die so aussehen wie Du, sind berufen, andere Wege zu gehen. Sagte Dir noch Niemand, daß Du schön bist?

Sie schob schmollend die Unterlippe vor und spielte mit einer Strähne ihres goldenen Haares.

O ja; zu Hause wohl Dieser und Jener. Aber was hilft mir das, ich bin arm. Der blasse, blonde Provisor aus der Apotheke uns gegenüber wollte mich sogar trotzdem heirathen, aber ich konnte ihn nicht leiden. Und dann hatte ich solche Sehnsucht in mir hin aus in das Leben, in die große Welt. Ich dachte manchmal, ich könnte doch auch noch in etwas Besseres kommen, als gerade in eine Apotheke mit ihren scharfen Gerüchen, die mir immer Kopf weh machen. Alle sagten sie damals, Gottliebe habe solch ein Glück gemacht. Ich möchte auch mein Glück machen, wenn es freilich auch nicht so glänzend sein wird wie das hier.

Sie sah sich mit einem tiefen Seufzer ringsum. Die Pracht, die die Schwester beim ersten Anblick fast erdrückt hatte, erweckte in ihr nur Begehrlichkeit nach ebenso schönen Dingen und dann an sich herunterblickend, sagte sie halb traurig, halb zornig:Wie ich unter all diesen Herrlichkeiten aussehe, mit dem häßlichen Fähnchen von zu Haus. Warum putzt sich Gottliebe nicht? Wäre ich an ihrer Stelle, ich sorgte schon dafür, daß ich hier hinein gehörte. Oder leidest Du es nicht, Roland? Die Männer sind manchmal so komisch.

Gottliebe! wiederholte er spöttisch und verächtlich zugleich. Marion sah ihn verwundert an. Wäre sie klüger gewesen, hätte ihr dieser einzige Ausruf das ganze Martyrium der Schwester ver rathen, aber davon verstand sie noch nichts.

Ich danke Dir herzlich, daß Du mir erlaubtest herzukommen,

sagte sie nach einer kleinen Pause, in der ihr einfiel, daß ihr Gott liebe diese Schuld der Dankbarkeit gegen ihren Schwager dringend an's Herz gelegt hatte.Die ganze letzte Zeit lebte ich zu Hause nur noch in der Hoffnung auf die Residenz und Euch. Aber denke Dir, daß mich Gottliebe gestern Abend auf dem Bahnhof nicht einmal mehr erkannt hat, zweimal sind wir aneinander vorüber gegangen, und von Dir hatte ich mir auch ein anderes Bild ge macht. Ich dachte, Du müßtest schon alt und häßlich sein, so ein berühmter Mann und nun finde ich Dich jung und

Trotz alledem kein Tannhäuser.

Sie erröthete und lachte.

Es kommt nicht so viel darauf an! Und mit einem aber maligen Seufzer wiederholte sie:Glückliche Gottliebe! Glückliche Gottliebe!

Marion! rief Roland Hartenstein und legte den Arm um die biegsame Gestalt des Mädchens.Willst Du die Venus werden dort auf dem Bilde, das Dir so gut gefiel? Schenke mir dein Gesicht nur auf kurze Zeit, und ich will den Ruhm Deiner Schön heit durch meinen Pinsel von Stadt zu Stadt tragen. Du wirst angestaunt und bewundert werden, wie Keine außer Dir, Huldigung und Anbetung wird man Dir zu Füßen legen, Dir und mir, denn ich habe Dich geschaffen! 0

Mit glühenden Wangen und halbgeöffneten Lippen horte sie ihm zu:Ich will! Ich will, Roland! Sage mir nur, was ich thun soll.

Blindlings meinen Wünschen gehorchen und mich ein wenig lieb haben.

Er neigte sein Gesicht dem Ihrigen entgegen, Marion aber sprang hastig auf, eilte auf Gottliebe zu, die soeben über die Schwelle trat, und jubelte athemlos:

Er will mich malen, denke doch nur! Dort hin auf das schöne große Bild, und ich werde bewundert und berühmt werden wie er.

Aus den schwarzen Augen zuckten leuchtende Blitze, sie sah in der Erregung wunderschön aus. Gottliebe wurde ein wenig bleicher, als ihre Blicke von der Schwester zum Gatten glitten, dann sagte sie mit ihrer freundlichen Ruhe:

du siehst, ich habe Recht; er ist sehr gut. (Fortsetzung folgt.)

Vor der Staffelei. Nach dem Englischen von P. Olliverio.

Unter den verschiedenen Gemälden, die in meinem Wohnzimmer hängen, befindet sich ein Pfuschwerk, das ich höher schätze, als all die übrigen Bilder, die zum größten Theil kleine Meisterwerke sind; und obgleich ich von der Malkunst etwas verstehe, sie werth halte, ja verehre, kann ich doch stundenlang vor jenem Bilde sitzen und es betrachten. Ich brachte es vor zwei Jahren aus der Bilder galerie mit nach Hause, an einem glühend heißen Tage, der es mir zum ersten Male fühlbar machte, daß meine Kräfte im Abnehmen waren, und ich mit Macht ein alter Mann wurde.

Während einer ganzen Reihe von Jahren hatte ich die Galerie regelmäßig besucht, denn ich stand in dem Ruf, ein guter Kopist zu sein, und bekam in Folge dessen sehr viel Aufträge, die ich aus führen mußte.

Gegen Ende genannten Sommers jedoch, nachdem ich meine letzte Bestellung abgeliefert hatte, war mir seltsamer Weise noch keine weitere zu theil geworden, was wohl in den schlechten Geschaͤfts verhältnissen liegen mochte, und so beschloß ich eine Landschaft von Karl Heyn zu kopiren, für die sich sicher bald ein Käufer finden würde.

Mehrere Tage lang war ich der Einzige in der Galerie, der das Bild kopirte, eines Morgens jedoch, als ich eben mit meiner Arbeit beginnen wollte, gesellte sich ein junges, schlankes, sehr zart aussehendes Mädchen zu mir mit einer Staffelei, einer aufgespannten und in Papier geschlagenen Leinwand und einem großen Malkasten.

Verzeihen Sie, sprach sie erröthend,könnten Sie nicht ein wenig zur Seite rücken?

Gewiß, antwortete ich bereitwillig, während ich ihr voll Interesse in das liebliche, bleiche Gesicht blickte.Sie können meinen Platz haben, das Licht ist hier am günstigsten.

O nein, ich moͤchte Sie nicht verdrängen! wehrte sie hastig. Das Licht ist überall gut, dieser Platz hier ist eben so günstig.

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