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Regen folgt Sonnenschein. lieben Marie, das Uebrige lassen Sie meine Sorge sein. Auf frohes
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brochenen, Reue und Mitleid fühlenden Mann, der sich angelegent— lichst nach dem Befinden seines Opfers erkundigte, überhaupt windel— weich war. Marie lag noch krank, der Arzt empfahl höchste Schonung und Ruhe, um kein Nervenfieber zum Ausbruch kommen zu lassen. Der Vater erkannte jetzt erst, daß die Neigung seines geliebten einzigen Kindes eine tiefer gehende gewesen, als er voraus— gesetzt und er verwünschte seine Heftigkeit und das dadurch herbei— geführte Unheil.
Lange saßen die beiden Vertreter der verliebten Parteien zu— sammen und konferirten.„Ich lege Alles vertrauensvoll in Ihre Hand, Herr Pfeiffer“, sagte Höllriegel, nachdem die Sitzung beendet war,„auch ich glaube, daß dies der einzig richtige Ausweg ist und wenn Alles glatt geht, will ich Gott danken und meine verdammte
Heftigkeit für immer ablegen.“
„Seien Sie unbesorgt, Herr Höllriegel“, erwiderte Pfeiffer,„auf Sorgen Sie für die Genesung Ihrer
Wiedersehen!“
Der gute Pfeiffer war lange nicht so gut gelaunt gewesen, als jetzt, da er eiligen Schrittes sich zu seinem kranken Schützling verfügte. „Roller, Du bist im Trockenen!“ mit diesem Ausruf aus Schiller's Räubern trat er freudig erregt in die Thür des halbverzweifelten Christl.„Ja, ja, Glück muß ein junger Mann haben. Aber Glück und Nas'— wie leicht bricht das! haha! doch der Himmel verläßt so leicht keinen Deutschen!“
Pepi sah ihn schmerzlich an, in dem Gefühl, daß der einzige Freund ihn im Unglück verhöhne.
„Thue mir den einzigen Gefallen, Pepi, und mach kein so dummes Gesicht!“ rief Pfeiffer übermüthig aus.„Zum ersten Male in Deinem Leben hast Du etwas Vernünftiges gethan, indem Du Dir Deine stolze Römernase einschlugst, zum ersten Male kann ich Dir aus Ueberzeugung ein„Bravo!“ zurufen. Für Dich ist aus⸗ gesorgt.“
Nachdem ihn Pepi flehentlich gebeten, ihn nicht länger zu foltern, setzte sich Pfeiffer zu ihm, erzählte ihm ausführlich die Unterredung mit Marie's Vater und den Plan für seine Zukunft. Herr Höllriegel war einverstanden, daß Pepi später Marien heirathe, wenn er sich entschließe— Bäcker zu werden. Der Schwiegervater in spe würde ihn dann zu seinem auswärtigen Bruder in die Lehre schicken, nach einem Jahr könne er das nicht allzu schwere Handwerk! wenigstens in seinen Hauptregeln erlernt haben, dann solle er als Bäckergeselle bei ihm vorsprechen, das Uebrige würde sich finden. Bedingung sei auch, dies Jahr mit Marie nicht zu korrespondiren, überhaupt die ganze Abmachung als Geheimniß zu bewahren. Alle Kosten über nehme der wackere Alte jetzt schon und hoffe, so Alles wieder gut zu machen, was er ihm Uebles zugefügt. Wenn Pepi mit dem Plan einerstanden sei, wolle Papa Höllriegel ihn morgen besuchen und alles Nähere persönlich abmachen.
Pepi war vor Ueberraschung lange stumm, er konnte sich nicht so schnell in das Unverhoffte finden, wußte auch nicht, ob Alles ernst gemeint sei.„Bäckergeselle? O meine Illusionen!“ war das Erste, was er hervorseufzte.
„Bäckermeister! Meister!“ schrie Pfeiffer,„zünftiger, ehrenfester Hofbäckermeister! Kann's was Höheres geben? frage tausend Schau— spieler, was sie lieber sein möchten: Komödianten oder gut situirte Hofbäckermeister? ob nicht neunhundertneunundneunzig uni sono rufen: Hofbäckermeister! Von Dir aber bin ich überzeugt, daß Du dazu mehr Talent hast, als zum Mimen. Außerdem vergiß nicht, Marie ist Deine Frau Meisterin, Du Glückspilz!“
„Ach, meine arme Marie“, stöhnte Pepi,„wird sie den Mann mit der ramponirten Nase noch lieben können?“.
„Unsinn“, erwiderte Pfeiffer,„Marie liebt Dich wahr und innig. Und so schlimm ist es nicht mit der Nase. Für einen edlen Römer allerdings ist sie nicht mehr geeignet, aber für einen Bäckermeister geht sie immer noch. g 8
„Ich kann an das Glück, Marie mein zu nennen und einer sorgenfreien Zukunft entgegen zu gehen, noch gar nicht glauben“, sagte Pepi lächelnd;„wie wollt! ich dem Himmel danken und meine Arbeit redlich thun, wenn sich dieser schöne Traum verwirklichte!“
„Er wird sich verwirklichen, sag ich Dir. f Morgen bring ich Dir Deinen Schwiegervater in spe, sei freundlich zu ihm. Eigent⸗ lich war der Mann in seinem Recht; aber er hat ein weiches Herz
für sein Kind und auch für Dich. Er handelt wie ein Ehrenmann nur handeln kann!“
Pepi versprach dem scheidenden Freund Alles, was er von ihm verlangte, und nachdem er einen frischen Umschlag über seine defekte Nase befestigte, schlief er unendlich beruhigt ein.
Ein merkwürdiger Traum umgaukelte seine Sinne. Er wähnte, er spiele den Thumelicus im„Fechter von Ravenna“ und seine Nase baumele ihm ganz lose im Gesicht hin und her. Als Thus⸗ nelda, welche die Gestalt seiner geliebten Marie hatte, ihn umarmen und küssen wollte, fiel die Nase ab. Da nahte Meister Höllriegel, als Caligula angethan, und knetete ihm eine neue Nase aus Brod— teig, befestigte sie an der gehörigen Stelle mit der Aufforderung, Obacht zu geben, wie's gemacht werde, da er von jetzt ab seine Nasen sich selbst fabriziren müsse. Dann brachte Höllriegel einen großen Trog mit Teig herbei und kündigte den Beiden an, daß soeben zwölf Dutzend frische Nasen größten Kalibers vom Hofe be⸗ stellt wären, die sofort ausgetheilt werden sollten. Marie-Thus— nelda legte hierauf ihren großen Mantel ab, krempelte sich die Aermel hoch und munterte Pepi durch die süßesten Liebesworte auf, recht fleißig zu sein, sie würde ihm treu zur Seite stehen. Pepi arbeitete, daß ihm der Schweiß stromweise herablief, er fühlte aber, daß seine neue Brodnase allmählich weich und dabei immer länger wurde, bis sie endlich den Boden erreichte und ganz abfiel, worüber der Träumer erwachte. Er entdeckte, daß ihm der Umschlag von seiner kranken Nase gerutscht war.
Früh am Morgen betrat Pfeiffer mit Höllriegel Pepi's Zimmer. Die beiden Männer, die sich vor Kurzem so schroff gegenüber— standen, blickten sich lange schweigend an, dann reichte Meister Höll⸗ riegel dem Kranken die Hand, welche dieser freudig ergriff. Auf
dem biederen Gesicht des Alten zuckte es wie Rührung, als er end—
lich sagte:„Sie sehen blaß aus, lieber Herr Christl!“
„O, bitte, das thut nichts!“ war Alles, was der Arme in seiner Verlegenheit hervorbrachte.
Sie blieben lange zusammen, die Drei, und das hohe diplo⸗ matische Talent Pfeiffer's feierte einen großen Triumph. Als sie endlich schieden, waren die früheren Gegner Freunde fürs Leben.—
(Schluß folgt.)
Lose Blätter.
Murillo's Gassenbuben.(Siehe Illustrationen.) Murillo wird nicht nur als der größte Maler Spaniens anerkannt, sondern er überragt auch alle Zeitgenossen in Bezug auf Reichthum der Erfindung, Zauber des Co⸗ lorits und Meisterschaft in der Pinselführung. Esteban Murillo war in der Nähe von Sevilla am 1. Januar 1618 geboren, erhielt zunächst den Unterricht seines Oheims Juan de Castillo, später den des Hofmalers Velasquez, schuf eine Reihe von Meisterwerken und wurde in Sevilla zum Stifter einer Malerschule, welche die Kirchen, Klöster und Paläste vieler Städte Spaniens mit ihren Kunstwerken schmückte. Murillo's reiche Be⸗ gabung bethätigte sich auf ganz verschiedenen Stoffgebieten. Als Genre- maler stellte er Bettler und Bauern, Gassenbuben, und Dirnen mit aller realistischen Treue dar und in der Kirchenmalerei schuf er verzückte Heilige und verklärte und ätherische, von überirdischem Strahlenglanz umflossene Madonnen. So erbob sich seine Phantasie von den alltäglichsten Vorgängen zur Vision, vom schmutzigen Bettelknaben zur holdseligen, engelumschwebten Himmelskönigin, vom Naturalismus zum Idealismus. Wie derb und natur⸗ wahr der geniale Spanier Vorgänge des gemeinen Lebens zu schildern wußte, dafür zeugen jene Gassenbuben unserer Illustration, von. denen die eine Gruppe sich mit dem Würfelspiel beschäftigt, die andere mit dem Frühstück. Diese Knaben sind in Lumpen gekleidet, und doch wußte der Künstler die knospenhafte Schönheit jener beiden Burschen, welche eben mit Essen be⸗ schäftigt sind, herrlich zum Ausdruck zu bringen. Wie ausdrucksvoll sind ferner die Bewegungen der Spieler und jenes Knaben, der eben eine Me⸗ lonenschnitte in den weit geöffneten Mund gleiten läßt! Der kauende Bettel⸗ junge aber besitzt jene tiefdunklen, geheimnißvollen Augen, welche der Maler uweilen seinen Madonnen verlieh. Von Murillo kann man sagen, daß feine Kunst menschliche Schönheit im Staube auflas und sie verklärt zu den
Sternen emporhob. 8 85
Zurechtweisung. Trotz seiner großen Liebenswürdigkeit konnte der Dichter des Oberon herb und bissig werden, sobald er gereizt wurde. Das mußte der französische General Sebastian während seines Besuches bei Wieland erfahren. Geschmeidig hatte er geäußert, daß Wieland der erste deutsche Schriftsteller sei. Nur er habe der Sprache Schwung und Würde gegeben. Die Stirn des angehenden Greises wurde ernst.„Haben Sie Lessing gelesen?“—„Allerdings, in der Uebersetzung.“—„Und Goethe?“— Ebenfalls, auch in einer Uebersetzung.“—„Und Schiller?“—„Gewiß!“ „Nun wohl, ich lese seit 64 Jahren die hervorragenden französischen Schrift— steller im Original und wage doch kein Urtheil, wie Sie in Betreff der Deutschen.“ W. G.
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