—
. 2 0
86=
diese Mängel konnte auch der naturwahre süddeutsche Dialekt, den der junge„Künstler“ in allen Rollen zur Anwendung brackte, nicht entschädigen. Mit einem Wort, es fehlte ihm nicht nur das Talent, sondern auch die nothwendigste Grundbildung zum schauspielerischen Beruf. Jede weitere Rolle überzeugte die betreffende Direktion immer mehr, daß hier nur die reinste Dressur vorliege und keine Hoffnung auf selbstständige Entwickelung vorhanden sei.
In kurzer Zeit hatte„der schöne Pepi“, wie er bald in der Theaterwelt hieß, mehr Direktoren unglücklich gemacht, wie Andere Zeit ihres Lebens. Kündigung oder Abstandsgeld war nach wenigen Wochen der Schluß jedes Engagements. Zwei Drittel der deutschen Bühnen waren auf diese Weise schon von dem Talent des schönen Pepi in den sechs Jahren, während welcher er der Kunst angehörte, ge— schädigt; wie lange konnte es dauern, und von Lilsit bis Trier gab es kein Theater mehr, das auf die Leistungen des guten Christl noch reflektirte. Und was dann? Mit trüben Ahnungen blickte sein schönes Auge in die Zukunft. Seine fleißige Mutter starb indeß, sein Vater, das Zwecklose seines Daseins jetzt erkennend, folgte ihr bald nach. Beide hatten keine Ahnung, daß durch eigene Schuld ihr Liebling für's Leben unbrauchbar geworden war.
In trüber Stimmung traf unser Pepi am Hoftheater zu A., der Residenz eines kleinen mitteldeutschen Fürsten, ein. Er sah schon sein gewohntes Schicksal, Kündigung und Entlassung, voraus. Eine doppelt freudige Ueberraschung war es für den Armen, dort einen Landsmann vorzufinden, der als Oberregisseur und rechte Hand des Intendanten einen mächtigen Einfluß besaß. Pfeiffer, so hieß der Gewaltige, freute sich wirklich, den jungen, sehr hübschen Mann wiederzusehen, den er schon als Knaben lieb gewonnen hatte, als er noch der heimathlichen Bühne angehörte.„Der Fechter von Ravenna“ wurde als Debut für den neuen Ankömmling bestimmt und damit wenigstens ein Erfolg erzielt, der den Kontrakt perfekt machte.
Pfeiffer gab sich die erdenklichste Mühe, seinen mit so generösen Mitteln von Mutter Natur ausgestatteten Landsmann durchzubringen, aber es hatte seine Schwierigkeiten. Publikum und Presse waren über einzelne Kunstleistungen des Pepi entrüstet und der gute Pfeiffer mußte seinen ganzen Einfluß aufwenden, um die übliche Entlassung zu verhüten.
Der arme Bursche, der durch die unverantwortliche Affenliebe seiner beschränkten Eltern um sein Lebensglück betrogen war, that ihm von Herzen leid. Der schöne Pepi kam nach fast jeder neuen Blamage in die Wohnung Pfeiffer's, niedergeschmettert und ihm sein Herz aueschüttend.„Was soll aus mir werden? Ich seh es immer mehr und mehr ein, daß mir für die Bühne die nöthige Bildung fehlt, meine Eltern und ich haben es uns nicht so schwer gedacht. Durch diese ewigen Mißerfolge ist auch mein Selbstver⸗ trauen dahin. Ich fühle es selbst, ich werde immer schlechter und gehe mit einer Angst auf die Bühne, die unbeschreiblich ist. Wenn ich wenigstens ein Handwerk gelernt hätte, ich würde mich glücklich preisen, der Kunst Valet sagen zu können! Wie soll das werden? Welcher Zukunft geh ich entgegen?“ jammerte der Bedauernswerthe, in Thränen ausbrechend.
Pfeiffer suchte den armen Burschen aufzurichten und zu er⸗ muthigen, ohne selbst von dem Inhalt seiner Worte überzeugt zu fein; innerlich fürchtete auch er das Schlimmste für die Zukunft desselben.
Da griff, wie so oft im Leben, wenn die Menschen rathlos dastehen,„die Hand des Verhängnisses“ energisch ein und veränderte die ganze Situation. Das größte Unglück, das dem Pepi über⸗ haupt passiren konnte— Schädigung seines schönen Gesichtes—, schlug ihm zum Glück aus. 5
Pepi hatte ja selbstverständlich in jeder Stadt, und es waren nicht wenige, wo er seine Kunst verübte, einige Verehrerinnen, meist Backfische oder ältliche Jungfrauen, die über den schönen Mann seine Künstlerschaft vergaßen und ihn mit Briefen bombardirten. Diese Briefe aber beantwortete der junge Mann nur höchst selten, da das Schreiben eine seiner schwächsten Seiten war und er auch mit Recht fürchtete, den guten Eindruck zu schädigen. Es kam auch darum selten zu einem festen Verhältniß, da ihm außerdem die Direktoren nie die genügende Zeit ließen, sich in einer Stadt fest⸗ zusetzen. In seinem jetzigen Aufenthaltsort verliebte sich die Tochter eines Bäckermeisters sterblich in ihn, und Pepi war auch diesmal nicht so gleichgiltig wie sonst. Es hatten bereits Rendezvous statt— gefunden, welche die gegenseitige Liebe immer mehr entflammten.
Aber mit dem Herrn Hof Bäckermeister Höllriegel, dem Vater der geliebten Marie, war in der Beziehung nicht zu spaßen. Er war ein biderber Bürger von herkulischem Körperbau, sich seines Werthes bewußt und ebenso wenig wie sein Name idealistisch an⸗ gekränkelt. Seine Marie, die seit dem Tode der Mutter im Ge⸗ schäft wie im Haus die Hausfrau ersetzen mußte, war sein Stolz und seine Freude. Leider erfüllte das Mädchen den väterlichen Wunsch, einen Bäcker zu heirathen, nicht. Sie stand schon in Mitte der Zwanziger, aber bis jetzt war es noch keinem Mann gelungen, ihr Herz zu rühren. Im Laden sitzend, dabei strickend und viel lesend, hatte sich in Mariens Köpfchen die Welt ein bischen romanti⸗ scher gestaltet wie sie eigentlich ist; das mag wohl der Grund ge⸗ wesen sein, daß von den in Aussicht genommenen Freiern keiner auf sie den geringsten Eindruck machte. Doch der schöne Pepi hatte es ihr angethan. Mit der ganzen Leidenschaft der ersten Liebe hing sie an dem Manne ihrer Wahl, obwohl bei den Lebensansichten ihres Vaters für eine Heirath die Aussichten mehr wie schlecht waren. Einmal überraschte Herr Höllriegel den Pepi bei einem Besuch, den er der Bäckerstochter machte, und Ersterer, der, wie man sagt, be— reits Lunte gerochen, sagte dem jungen Mann in dürren Worten, wenn er sich noch einmal unterstünde, sein Haus zu betreten, würde er ihn die Treppe hinunterwerfen.
Ein liebeglühendes Mädchen läßt sich nicht so leicht ihre erste und wahre Liebe aus dem Herzen reißen. Marie liebte Pepi nicht nicht allein seiner schönen Gestalt wegen, sondern hatte auch dessen wirklich gutes Gemüth kennen und schätzen gelernt. Das Verhält— niß bestand ununterbrochen fort, nur wurde die Leidenschaft der Liebenden durch die sich häufenden Hindernisse noch mehr angefacht.
Nach etlichen Wochen hatte Marie ihren süßen Pepi abermals eine Zufammenkunft in ihrem Hause bewilligt, da Herr Höllriegel zur angegebenen Zeit von einem Freunde zum Abendessen geladen war, hatte sie jede Störung für unmöglich gehalten. Aber war's Verrath, war's Zufall, Herr Höllriegel überraschte die Liebenden wieder und diesmal kam es zur Katastrophe. Der erzürnte Vater packte den unglücklichen Pepi am Kragen und warf ihn zur Stuben— thür hinaus; jener die finstere Treppe hinabfliegend, verfehlte eine Stufe, fiel und— ein entsetzlicher Schrei durchdrang das Haus. Als man von allen Seiten mit Licht herbeigeeilt, fand man den Aermsten auf der untersten Stufe bewußtlos im Blute liegend. Marie, die ihres Geliebten Leiche zu sehen wähnte, schleuderte ihrem Vater die Worte:„Mörder! Mörder!“ zu und fiel dann dem Neben— stehenden ohnmächtig in die Arme.
Herr Höllriegel war zerschmettert und keines Wortes fähig. Er saß im Lehnstuhl des Bäckerladens und fühlte sich unfähig, zu denken oder zu handeln. Mitleidige Seelen brachten den armen Christl in seine Wohnung unter großer Begleitung des angesammelten Straßen— Publikums, welches schnell in der Stadt das Gerücht verbreitete: Hofbäcker Höllriegel habe den Geliebten seiner Tochter, den schönen Schauspieler Christl, erschlagen. Die ganze Stadt nahm Partei für das verfolgte Liebespaar und Pepi hatte sich zum erstenmale die ungetheilte Sympathie der ganzen Stadt erworben.
Das Gerücht hatte stark übertrieben, so schlimm war es nicht. Der schnell herbeigerufene Arzt erklärte nach genauer Untersuchung des Verunglückten jede Gefahr für ausgeschlossen, aber— die schöne römische Nase für total zerschlagen. Für Christl das Schlimmste! Was blieb ihm noch, wenn auch das hübsche Gesicht verunstaltet war?
Pfeiffer, der die Affaire erst am nächsten Morgen erfuhr, begab sich sofort zu seinem Schützling und fand ihn in einer verzweifelten Stimmung.
„Warum nicht lieber auf der Stelle todt, es wäre immer noch ein Glück für mich gewesen, im Vergleich zu dem Loos, das jetzt meiner harrt,“ rief Pepi schmerzlich aus,„wer wird mich jetzt noch engagiren, mit diesem Bruchstück von Nase? Was hab' ich denn verbrochen, daß mich der Himmel so entsetzlich straft?!“ Dicke Thränen feuchteten das Gesicht des Armen. Auch Pfeiffer konnte sich seiner Rührung kaum erwehren, tröstete ihn so gut er konnte und versprach ihm wiederzukommen, ihm die ersehnte Nachricht über Marie's Befinden zu bringen.
Pfeiffer, dem die Geschichte sehr nahe ging, hatte unterwegs einen Plan gefaßt und begab sich direkt zu dem Urheber des Un⸗ glücks. Er war auf einen ziemlich unangenehmen Empfang gefaßt, da er die etwas robuste Umgangsform des biederen Bäckermeisters kannte, er wurde aber angenehm enttäuscht.
2 A eee eee ee
7 nn
Er fand einen ge⸗


