Ausgabe 
14.3.1886
 
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Das ist eine heitere Geschichte, sagte er, indem er mit großen

Schritten und scheinbar in bester Laune im Zimmer auf- und nieder

schritt.

Du weißt, wie sehr der Knabe an mir hängt. Es be durfte der vernünftigsten Vorstellungen, um ihn zu bewegen, sich

auf der Promenade umherzutummeln. Heut morgen kommt er nun zum ersten Mal ganz glücklich von einem solchen Spaziergang

heim. O Zaubermacht des Weibes! Ein vierjähriges Dämchen,

mit dem er im botanischen Garten bei Ball- und Reifenspiel ewige Freundschaft geschlossen, hatte das Wunder bewirkt. Während des Essens konnte er nicht genug von ihr erzählen, und Nachmittags bestand er eifrig auf einer Wiederholung seines Spazierganges, da er seiner kleinen Schönen bestimmt versprochen hatte, wiederzukehren, um ihr den neuen Ball zu zeigen, den ich ihm gestern gekauft habe. Was sagst Du dazu? Fängt der Schlingel nicht zeitig an, zu be⸗ greifen, daß coeur im Leben atout ist?

Vortrefflich! lachte ich.Nun aber komm! Es wird Zeit, daß wir aufbrechen, wenn Du mich noch, wie Du versprochen hast, Deinen Freunden im Klub zuführen willst. Ich brenne darauf, Eure Größen von Angesicht zu Angesicht zu sehen!

Ehe wir aus der Thür gingen, hielt er mich noch einmal an: Trägst Du mir auch nichts nach, Rolf, bleibst Du mein Freund?

Stumm drückte ich ihm die Hand.

Dann ist Alles gut; und nun genug von dem Leid! Wir wollen uns das kurze Zusammensein nicht verbittern. Im fried⸗ lichsten Einvernehmen durchschritten wir den Garten, dessen schattige Anlagen im leuchtendsten Juniflor prangten.

Am Eingangsthor trafen wir Fritzchen, der mit seiner alten Wärterin heimkehrte. Jubelnd sprang er auf Gerhard zu.

Denke nur, Vater, sie kann schon schreiben! Morgen will sie mich mit zu ihrer Mutter nehmen. Wir wollen Taufe spielen; da steht's! berichtete er athemlos.

Mit glückseligem Stolz faltete er dabei einen mächtigen Bogen auseinander, auf dem in krummen und krausen Buchstaben das niedlichste Kinderbriefchen geschrieben stand, das ich je gelesen habe:

Lieber Fritz! Für morgen lade ich dich ein. Wir wollen mein Püppchen taufen. Es ist eigentlich ein Mädchen, aber ich nehme es als Bübchen. Es soll Fritzchen heißen. Komm um elf wieder zu der Bank am Brunnen. Deine Nelly.

Das nenne ich sehen und siegen, lachte Gerhard.Wer ist eigentlich die Kleine? fragte er die Wärterin.

Ich weiß es nicht. Sie kommt mit einer Bonne, die kein Wort deutsch kann und wie eine Dame aussieht. Das Kind ist sehr vornehm und so hübsch und freundlich wie ein Engel.

Wir lachten über den guten Geschmack des Malersohns.Der Junge kann's weit bringen, meinte Gerhard noch im Gehen, nach dem er sich mit väterlichem Kuß von dem kleinen Genie verab schiedet hatte.

Der Abend verstrich uns in angenehmster Weise. Da ich alle auf unsere Kunst bezüglichen Eindrücke in Tagebuchform für Euch notire, will ich Euer Interesse, das ich jetzt nur für Gerhard beanspruche, nicht auf den liebenswürdigen Künstlerkreis ablenken, in den der Freund mich einführte. Dieser selbst, der seine innere Bewegung durch das brillanteste Witzfeuerwerk zu verbergen suchte, war auch hier, wie ich bald bemerkte, die Seele des Bundes, wie er es bei uns gewesen war.

Am wärmsten wurde ich übrigens mit meinem Fachgenossen, dem Bildhauer Petersen, den mir Gerhard als den Schöpfer zweier köstlicher Idealstatuen,Perikles und Aspasia, begeistert gerühmt hatte. Ich sagte ihm, wie gern ich sein schönes Doppelwerk ge sehen hätte. 5

Das trifft sich gut, sagte der junge Mann, ein bescheidener, freundlicher Geselle mit hagerem Gesicht und leuchtenden Seheraugen. Morgen wollte ich die Gestalten nach der Villa des Grafen Sternau absenden, für den sie bestimmt sind. Ich freue mich, wenn Sie sie vorher in Augenschein nehmen. a i 0

Ich gehe mit Dir, Rolf, rief mir Gerhard zu;es giebt Dinge, an denen man sich nie satt sieht. 1

Der junge Meister verbeugte sich mit liebenswürdiger Be⸗ scheidenheit.

(Schluß folgt.)

während der Morgenstunden mit seiner alten Käte im Garten oder

Der schöne Vepi. Eine tragikomische Geschichte aus der Bretterwelt von J. Beck.

In der süddeutschen Kreisstadt B. lebte eine glückliche Familie, Namens Christl. Herr Christl, der schönste Mann der Stadt, war früher Regimentstambour, seine Frau, die gesuchteste Feinwäscherin der Honoratioren, verdiente reichlich, wenn auch mühsam, den Unter halt der Familie. Herr Christl lebte nach seinem Abgang vom Militär nur seinen Passionen. Im Sommer angelte er, im Winter wirkte er als Statisten-Anführer im dortigen Stadttheater mit.

Ein Söhnchen, das dieser Ehe entsproß, steigerte das Glück der Eltern. Wenn man am Sonntag Nachmittag in den Anlagen der Stadt das Paar mit ihrem bildhübschen Knaben spazieren gehen sah, konnte man es der Frau anmerken, wie leicht sie die schwere Arbeit der vergangenen Woche vergessen hatte und wie ihr für diese Stunde des Glückes kein Opfer zu groß erschien.

Die Freude der Eltern an dem schönen Knaben wurde von dessen Lehrern nicht getheilt. In der Schule konnte man den Pepi stets auf der letzten Bank suchen und seine Lehrer waren über sein geringes Auffassungsvermögen manchmal in Verzweiflung. Demnach trennten sie sich ungern von ihm und jeder hielt ihn ein Jahr länger in seiner Klasse, als die Regel war. Dadurch wurde der gute Pepi immer zum Senior der Klasse, und manches Scheltwort, welches das Thema schön aber dumm! variirte, mußte er über sich ergehen lassen. Doch man gewöhnt sich an Alles! Jenes Phlegma, das Christl von seinem Vater ererbt, half ihm über Manches hinweg, um so mehr, als seine Eltern der festen Ueberzeugung waren, daß ihr Liebling nur aus Neid chikanirt werde, und ihn durch Liebesbeweise zu ent schädigen suchten.

Als Pepi Christl zehn Jahre geworden, ereignete sich etwas, das für seine ganze Zukunft entscheidend wurde. Der große Helden spieler Wilhelm Kunst gastirte in B. als Tell. Der kleine Pepi spielte den zweiten Sohn des braven Schweizers. Kunst, ein großer Kinderfreund, klopfte im Zwischenakt dem kleinen Christl die Backen und sprach die denkwürdigen Worte:Ein reizender Knabe vielleicht einmal ein großer Darsteller. Damit war die Zukunft Pepi's entschieden.

Vater und Mutter Christl, die bis jetzt diese Frage noch als offene behandelten, waren nun einig, daß ihr Herzenskind Schau spieler werde, wozu ihn die Natur so wunderbar ausgestattet. Was nun das Talent betreffe, so sei ja dasselbe durch einen berühmten Künstler öffentlich anerkannt worden.

Da Pepi von Kindheit auf oft Gelegenheit hatte, das Innere der Bühne kennen zu lernen, und er von den Künstlern sehr wohl gelitten und verhätschelt wurde, war es kein Wunder, daß die Künstlerlaufbahn ihm verlockend erschien und sein kleines Gehirnchen bereits anfing, Luftschlösser zu bauen.

Der junge Herr Christl entwickelte sich äußerlich immer günstiger. Ein klassisch römisches Profil mit einer wirklich edlen Nase, schönen großen dunklen Augen, prachtvollen Zähnen, das Ganze von braunen Locken üppig umrahmt, dazu ein kräftiger und eleganter Körperbau machten ihn, kaum dem Knabenalter entwachsen, zu einer angenehm auffallenden Künstlererscheinung. Eine etwas phantastische aber hübsche Kleidung, für die seine fleißige aber eitle Mutter stets be sorgt war, erhöhte noch den Totaleindruck.

Eine ältere routinirte Schauspielerin übernahm es später, dem heranreifenden Jüngling die Geheimnisse der Schauspielkunst zu ver⸗ rathen und studirte ihm mühsam Wort für Wort den Thumelicus in der damals das Repertoir beherrschenden TragödieDer Fechter von Ravenna ein. Schon nach einem Jahre war die Dressur beendet und, noch nicht neunzehn Jahre alt, betrat der junge Mann in obiger Rolle zum ersten Male die weltbedeutenden Bretter in einer kleinen Provinzstadt.

Der Erfolg war großartig. Das anspruchslose Publikum des kleinen Nestes, durch die äußeren Mittel des Debutanten geblendet, gerieth in Entzücken. Das Lokalblatt des Städtchens stellte dem Debutanten eine glänzende Zukunft in Aussicht. Größere Bühnen bemühten sich, das aufgehende Genie an sich zu fesseln, aber mit dem Thumelicus schien es seine Kraft vollständig erschöpft zu haben, was dann folgte, war nichts weniger als schön.

Von Auffassung, selbstständiger Gestaltung einer neuen Rolle, natürlichem Sprechen, richtigem Betonen war keine Spur, und für