Ausgabe 
14.3.1886
 
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zu den

Oberhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 14. März.

Der d oßgopf Novelle von Frida Schanz. (Fortsetzung.)

Nach einem kurzen Frühschlummer ging ich am nächsten Tag, sobald sich die Thore der Glyptothek den Sterblichen öffneten, meinen Kunststudien nach. Erst gegen Mittag kehrte ich in mein Hotel heim, erledigte meine Postsachen und stand eben auf's Neue zum Ausgang gerüstet, als Mr. Lee, mein Reisegefährte, nach höf lichem Klopfen in mein bescheidenes Gemach trat.

Ich komme, sagte er, nachdem er mir freundlich die Hand geschüttelt hatte,um eine große Liebenswürdigkeit von Ihnen zu

erbitten. Meine Verwandten, mit denen ich, wie Sie wissen, hier zusammentreffen wollte, haben gegen mein Erwarten ihren Dresdener

Aufenthalt abgekürzt und sind mit dem heutigen Frühzuge hier an⸗ So habe ich Hoffnung, meine Reise nach Italien in höchstens vierzehn Tagen mit ihnen vereint fortsetzen zu können.

Während meines Hierseins bleibt mir nan die angenehme Pflicht, mich den Damen nach Kräften zu widmen. Da ich aber Ihre Ge⸗ sellschaft dabei nicht missen möchte, bitte ich um die Erlaubniß, Sie meiner Tante und meinen Kousinen vorstellen zu dürfen. Haben Sie nichts Besseres vor, so entführe ich Sie gleich. Ihrem Künstlerherzen gebe ich im Uebrigen die Versicherung, daß meine Kousinen sehr schön sind.

Der lenksame Mensch, als stimmen.

Da der Sonnenschein heiß in den Straßen lag und das Boar⸗ ding⸗house, in dem die Damen Unterkunft gefunden hatten, weit von meinem Hotel entfernt war, miethete mein Gefährte einen flinken Fiaker, und wir gelangten, noch ehe die Grenzen der von der kultivirten Menschheit festgesetzten Besuchszeit überschritten waren, nach der reizenden Villa Gisela, dem komfortablesten Privathotel der Stadt.

Die Damen, von denen die beiden jungen mit ihren süßen Blumengesichtern dem Geschmack ihres Vetters glänzend Ehre machten, haben mich mit einer Freundlichkeit aufgenommen, die auf unver diente Fürsprache schließen ließ. Auch Mrs. Lee, eine Dame von den einnehmendsten Manieren, die ihr Deutsch mit jovialer Grazie radebrach, nahm mich sofort für sich ein.

Wir durchstreiften in unseren Gesprächen alle Gallerien und Museen, die wir in den nächsten Tagen zu durchwandern gedachten.

Heute speisen Sie auf jeden Fall mit uns, sagte Mrs. Lee, als die große Tischglocke die verschiedenen Boarders zu gemeinsamer Tafel rief.Man versprach uns eine zahlreiche und interessante Gesellschaft, und im schlimmsten Falle werden wir uns auch unter uns nicht langweilen. 5

Trotz aller Gegendemonstrationen mußte ich bleiben und sah mich fünf Minuten später inmitten einer von anglo⸗amerikanischer Zungenfertigkeit angenehm belebten Tafelrunde zwischen den beiden

den ihr mich kennt, ließ sich be

wunderschönen jungen Ladies, zu denen mancher bewundernde Blick herüberflog.

Mit einem Mal aber zog ein geringfügiger Umstand, ein helles, fröhliches Kinderlachen, das vom Korridor her ertönte, die Auf⸗ merksamkeit der Tischgäste auf sich. Der Diener setzte die silberne Servirplatte, die er trug, bei Seite und öffnete dienstbeflissen die Thür, in deren Rahmen eine junge, schlanke Dame in leichtem, weißen, mit kostbaren Spitzen verzierten Sommerkleide erschien. Ein kleines Mädchen mit lichtem lockigem Goldhaar hüpfte neben ihr her. Die Eintretende schien von der allgemeinen Aufmerksamkeit, die ihr Kommen erregte, peinlich berührt zu sein; ein flüchtiges Roth streifte ihre Züge, während sie mit leichtem Kopfneigen die Gesell⸗ schaft begrüßte und sich bei der Wirthin, einer stattlichen, ernsten Offizierswittwe, wegen ihres späten Kommens entschuldigte.

Dann nahm sie den in einiger Entfernung von uns für sie freigebliebenen Platz ein und begann sich ausschließlich mit dem

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Kinde zu beschäftigen, das, wie es schien, soeben von einer Morgen

promenade mit der Wärterin heimgekommen war und der jungen

Mutter nun von seinen Erlebnissen berichtete.

Nach dem ersten flüchtigen Blick hatte mich nur der un gewöhnlich edle, weiche Schnitt dieses zarten, blassen, von den wunderbar sprechenden Augen belebten Gesichtes berührt; beim Klange ihrer Stimme lauschte ich auf, als töne eine bekannte Melodie an mein Ohr, und endlich, als bei einer drolligen Be merkung der Kleinen ein liebes Lachen den nachdenklichen Ernst ihrer Züge vermischte, erkannte ich sie wieder, das Urbild der Psyche, Gerhards erste und einzige Liebe, Kornelie, dieses ver körperte Gedicht! Auch sie erkannte mich, obgleich sie mich nur einmal vor Jahren flüchtig in Gerhard's Gesellschaft gesehen hatte; ein eigenthümliches Leuchten ging über ihr Antlitz, als sie mit reizendem Lächeln meinen Gruß erwiderte.

Lange sah sie dann schweigend, wie gebannt, vor sich hin.

Klang in diesem Augenblick eine Mahnung an vergangene Zeit, an trautes, entschwundenes Liebesglück in ihre Seele?

Sah sie jetzt, gleich mir, im Geiste jene prangende Lan schaft am Rheinufer vor sich, in der sie den sonnigsten Traum ihres jungen Lebens geträumt hatte?

Erstand das alte, kastanienumschattete Haus vor ihren Blicken, das Weingelände, an dem die Rebblüthe duftete, die breitästige Linde an der Mauer, von deren Zweigen sie als ein frohes, kind lich-unges Ding mit kurzem Kleid und flatterndem Haar hinüber staunte in den Nachbargarten, wo der braunlockige Maler, der sich mit Sack und Pack im Winzerhäuschen eingemiethet hatte, im Grase lag und den Schwalben in den Lüften nachschaute?

Lebte sie den Augenblick noch einmal durch, da sie in kindische m