Ausgabe 
13.6.1886
 
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verschaffen wußte, würde nicht einen, sondern zwei Menschen auf der Stelle tödten.

Das ist's eben, wenn Du nur vorsichtig gewesen bist, sagte Georg kaum verständlich; er zitterte an allen Gliedern und seine Zähne schlugen zusammen,wenn Dich in Mandsfelt nur ein Mensch gesehen hat, so sind wir verloren. Du bist doch wenigstens ganz sicher, daß es Dir gelungen ist, sie ist todt, sagst Du?

Meinen Sie, ich muͤßte von Ihnen Pfiffigkeit lernen? fragte Klas und lachte wieder laut auf.Es ist gethan, sage ich, und den möchte ich sehen, der dem Nikolaus Back gleichkommen will. Legen Sie sich auf's andere Ohr und schlafen Sie aus; schlafen Sie acht Tage, das rathe ich Ihnen. Es wird Lärm geben in Mandsfelt, rühren Sie sich nicht; verlassen Sie Ihr Gut nicht; sprechen Sie mit keinem Menschen, Sie könnten sich verrathen. Und nun wünsche ich Ihnen eine gute Nacht. Ehe der Tag kommt, muß ich Meilen weit von Lengen sein, adieu.

Du willst mich doch nicht allein lassen, Klas! rief Georg ängstlich.Du sagst, Niemand habe Dich gesehen, warum willst Du fliehen? ö

Fliehen will ich nicht und brauche es nicht, antwortete Klas; aber meinen Sie, ich sei hart genug, um diesen und jenen sagen zu hören:die gnädige Frau ist todt es liegt ein furchtbares Verbrechen vor, Puh! Die Marter will ich mir ersparen. Geben Sie mir Geld, ich muß gehen, und mich wieder zur Ver nunft bringen.

Hier, nimm, mehr habe ich nicht, sagte Georg und nahm aus der Schublade sein Portemonnaie.

Klas zählte die wenigen Geldstücke und sprach kopfschüttelnd: Immer knickerig, auch wenn man ihn in derselben Nacht zum Erben eines Rittergutes gemacht hat. Sobald ich zurück komme, nehme ich die Wiese in Besitz, darauf verlassen Sie sich. Um einst⸗ weilen das Aufsehen zu vermeiden, sind Sie von dieser Stunde an

mein Pächter; ich gebe Ihnen die Wiese bis auf Weiteres in Pacht, hastig vorwärts, eine Mauer erhob sich zu seiner Rechten, er blickte. und nun adieu. zerstreut auf; weiße Kreuze starrten ihm über der Mauer entgegen.

Es ist besser, er geht, sagte Georg zu sich und zog die Decke Klas war wie an den Boden gefesselt, er rang nach Luft, und kalte über den Kopf.Diesen Ton ertrüge ich doch nicht lange. Ich Schweißtropfen standen ihm auf der Stirne: das war der Dorf- sein Pächter, der elende Betteljunge. Er soll gelohnt werden; kirchhof! Unter dem großen weißen Marmordenkmal, das ihm geister⸗ E aber die Wiese bekommt er nie und nimmer, er ist doch nur haft immer näher zu rücken schien, ruhte sie vielleicht schon; die Gruft ein dummer Klas. der Familie Lindner hatte sich aufgethan, die Frau zu empfangen,.

Georg wollte in die Decke hinein kichern; aber plötzlich schienen die er gemordet. Ein gespenstiges Flüstern ging durch die dürren 5 ihn die Augen seiner Stiefmutter aus dem Dunkel anklagend an Blätter der Kirchhofsbäume, Klas stürzte mit einem dumpfen Stöhnen zusehen; er warf die Decke zurück und sah, daß die Lampe noch zu Boden. Niemand kam in der Nacht des Weges; als Klas sich ö

brannte. Was hatte er denn in den Augen? Ihre leichte weiße Gestalt schwebte vor ihm, wohin er sich auch wenden mochte, und die weitgeöffneten, im Tode gebrochenen Augen ließen nicht von ihm ab. Ein Zittern erschütterte wieder seinen kräftigen Körper, und die Zähne schlugen zusammen, warum ließ ihn Klas so ganz allein?

Er hörte ihn im Hofe rufen und schreien:Steht denn keiner von Euch Faullenzern auf, mir das Pferd anzuspannen? Ihr könnt schlafen, bis der Tag kommt, ich muß in Sturm und Regen hinaus. Nun, seid Ihr bald fertig? Es ist halb vier, und der Zug geht um sechs Uhr ab; wie soll ich denn noch bis dahin die Stadt er⸗ reichen? Nur stille, nur keine Widerrede, sonst werde ich Euch zeigen, wer hier der Herr ist.

Er ist toll geworden, rief Georg mit kläglicher Stimme;was soll der Knecht nur denken, daß der Mensch sich einfallen läßt, sich wie der Herr bedienen zu lassen; gut, daß er sich aus dem Staub macht; käme er nur nie wieder. Freilich, freilich, er hat sein Wort gehalten und Mandsfelt kann mir kaum entgehen; der Alte enterbt mich nicht, so wüthend er auch auf mich ist. Dann soll auch an Klas gedacht werden; undankbar bin ich nicht.

So sehr er sich bemühte, der Zukunft lachende Bilder abzuge winnen, die Augen seiner Stiefmutter verfolgten ihn. Er stand auf, kleidete sich an, blieb aber in seinem Zimmer. Niemand durfte etwas Auffallendes an ihm finden, er mußte ruhig in Mands felt bleiben. Jetzt wo die That geschehen, an deren Ausführung er immer nur zweifelnd gedacht, fiel es, auf ihn wie zerschmetterndes Blei. Hatte Klas die Dosis Morphium so stark genommen, daß die Frau auf der Stelle sterben mußte, so lag das Verbrechen sogleich klar auf der Hand. Klas hatte recht, er blieb am besten im Bette. Er sah erschreckend bleich aus, das nervöse Zittern wollte nicht aufhören. Der Tag kam, Georg wagte nicht, den Kopf von der

Bettdecke zu befreien; jedes Geräusch im Hofe verursachte ihm eine Höllenangst.Sie kommen, sie kommen, murmelte er in Todes⸗ angst, als er einen Wagen eiligst in den Hof fahren hörte,es sind die Herren vom Gericht, die mich verhören wollen, und stöhnend sank er in die Kissen.

Es war nur der Wagen, der Klas zur Station gebracht und erleichtert athmete er auf. Der Tag verging und am folgenden wagte er sich wieder unten in seine Wohnstube. Nachrichten von Mandsfelt konnten ihm nicht zugetragen werden; er ging mit Nie⸗ manden um, und der Baron von Berschau besuchte ihn kaum ein⸗ mal im Jahre; zudem war dieser eben jetzt sehr beschäftigt; seine Haushälterin war gegangen, aber wie er bemerkte, war sie nicht leer ausgegangen. Sein Vermögen war außerordentlich reduzirt und er wußte nicht, wie er es angreifen sollte, als Kläger gegen eine Person aufzutreten, der er Fug und Recht gegeben, seine Geldan gelegenheiten zu verwalten.

Die Tage vergingen; Georg wurde immer ruhiger und wünschte Klas sehnsüchtig zurück. Dieser erschien endlich nach acht Tagen, bleich, müde mik einem veränderten Gesichtsausdruck. Die Frau, die ihm mit gütigen Händen Wohlthaten gereicht, wollte ihm nicht aus dem Sinne. Er hatte eine Tagereise zwischen sich und Mands felt gelegt und hatte getrunken, so lange, bis er Alles vergessen. Nun wollte er zurückkehren, Frau Lindner war nun begraben, man konnte kaum zur Vermuthung gelangen, daß ihr Tod auf eine an⸗ dere Art herbeigeführt worden war, als durch das sie längst ver⸗ zehrende Uebel. Klas mußte nun ein Mann sein, das sagte er sich, und schlug sich wüthend vor die Stirne, als er von der Stadt den Weg nach Lengen zu Fuß zurücklegte. Ja, ein Mann mußte er sein! Er schlug den Weg ein, der nach Mandsfelt führte. Er wollte das Haus fest ins Auge fassen. Sicher und schnell verfolgte er seinen Weg, es war schon dunkel geworden, desto besser; es sah ihm Niemand forschend ins Gesicht, er fühlte sich freier. Er ging

wieder aufrichtete, schien der Mond.

Er warf einen raschen Blick auf den Friedhof und stürzte da⸗ von. Er kam erst zu sich, als er am Thore stand, das in den Hof von Mandsfelt führte. Sein Kopf war so krank und schwindlig, daß jede Erinnerung nur dumpf in ihm brütete und er betrachtete das Gutshaus mit stumpfsinnigen Blicken.Alle schlafen; es muß spät sein, murmelte er und zog mechanisch seine Uhr heraus.Erst acht Uhr? fragte er befremdet;wo sind denn die Menschen? Er gaffte an dem Haus empor, so war er es ihm nie erschienen. Die Veranda war mit Läden geschlossen, das ganze Gebäude sah aus, als stände es seit Jahren verödet. Kein Lichtschimmer fiel durch die sorgfältig geschlossenen Läden, auch durch die Jalousieen des Wohn zimmers drang kein Licht, Alles dunkel, Alles lautlos! Waren sie geflohen vor dem Verbrechen, war das Haus dem Fluche und der Verödung übergeben? Die unheimliche Stille des verlassenen Hauses erfüllte Klas mit Entsetzen. Er konnte den stieren Blick nicht von dem Hause abwenden:Dies ist Dein Werk, keuchte er.Hier athmet keine Seele mehr; der Schrecken hat sie Alle ergriffen. Wer weiß, ob man nicht die Schuldigen in der Küche gesucht und Liesl gefänglich eingezogen hat. Und plötzlich hob sich seine Brust krampf⸗ haft, und ein gewaltsames Schluchzen drang daraus hervor.O der Versucher, der feige elende Georg! Zu einem Giftmischer habe ich das Zeug nicht, und die Frau war gut gegen mich. Er ging nach alter Gewohnheit wie im Traume hinten nach dem Souterrain, schrak aber plötzlich zurück und lief aus allen Kräften Lengen zu.

Als er dort ankam, war es fast Mitternacht; er öffnete leise die Hinterthüre und schlich hinauf in sein Zimmer. Er verließ es den ganzen Tag nicht; und als er gegen Abend sich wusch und reinigte und seine besten Kleider anlegte, da war die durch das viele Trinken hervorgerufene Schwäche und kranke Stimmung verschwunden. Er hatte sich einmal gründlich ausgeschlafen und fühlte sich als der

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