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und bot ein Bild winterlicher Stille und Abgeschlossenheit. Dessen— ungeachtet fühlte sich Anneliese sehr behaglich in dem einsamen Hause und ein Gefühl ruhiger Zufriedenheit, wie sie es kaum je gekannt, erfüllte sie. Die schweren Sorgen und Aengste, mit denen sie Jahre lang gerungen, lagen nicht mehr auf ihrem Herzen, es that ihr wohl, der Frau, die ihr in schreckensvollen Tagen die hilfreiche Hand geboten, nun dienen und nützen zu können, sie hatte sich das Vertrauen und die Zuneigung der Leute gewonnen, mit
denen sie an Frau von Hartwltz' Stelle verkehrte, und ihr Knabe
blühte ersichtlich frisch und fröhlich auf, seine blassen Wangen rötheten sich mehr und mehr und die sonst so müde kleine Stimme klang letzt laut und lustig.
Freundliche Lichtblicke in der stillen Einförmigkeit der Tage waren die Besuche Webers, die sich immer häufiger wiederholten. Sie saß dann mit der Handarbeit auf dem Platz vor der Epheu— wand, und Weber wurde nicht müde, Willy's Fragen zu beantworten, ihn auf seinen Knieen reiten, an seinem Bart zausen und ihn allerlei übermüthige Tollheiten treiben zu lassen. Wenn dann Anne liese sagte:„Er quält Sie, schicken Sie ihn fort,“ dann lächelte er nur dazu und meinte, sie solle das Kind nur gewähren lassen; das aber sagte er ihr nicht, daß er unterdeß beobachtete, wie sich das kleine Opal ihres blonden Kopfes von dem dunkeln Hinter— grund abhob, und wie das Licht der Lampe einen rosigen Schimmer auf ihre Wangen zauberte. War dann Willy endlich müde geworden und ließ sich an einem Bilderbuch genügen, oder war wohl gar auf Webers Schoß eingeschlafen, dann mußte er Anneliese von seiner Weltreise erzählen, und er meinte niemals besser erzählt zu haben, als wenn diese hellen blauen Augen ihn so gespannt dabei anschauten. Es wurde ihm froh und warm um's Herz, wenn er bemerkte, daß es seinen humoristisch gefärbten Mittheilungen und seinen Scherzen öfter und öfter gelang, ein Lächeln auf ihre Lippen zu locken. Bei der Heimfahrt wurde er dann jedes Mal sehr nachdenklich; er wußte längst, daß für ihn die Vorstellung des Glückes von dem Namen Anneliese nicht mehr zu lösen war und das Bild eines Heims, in dem l sie als seine Hausfrau waltete und Willy als sein Sohn her. anwuchs, gewann immer festere Gestalt. Aber würde sie wollen? War der ihr mehr als ein theilnehmender Freund, dem sie vertraute, würde das traurige Schicksal ihrer ersten Ehe sie wohl gar vor einem zweiten Ehebund zurückschrecken lassen? das waren Fragen, die ihn immer von Neuem beschäftigten, und die er sich nicht zu be— antworten wußte.
So ging der Winter seinem Ende entgegen. Frau von Hartwitz und Martina hatten den größten Theil desselben in Dresden verlebt, und von ihrer Heimkehr war noch immer nicht die Rede. Martina selbst hatte niemals au Anneliese geschrieben; anfangs hatte auch Frau von Hartwitz in ihren Briefen nur Geschäftliches behandelt und Martina's nicht erwähnt. Dann hatte sie hier da ein Wort geäußert, daß Martina wohler sei, daß sie an einem Kunstgenuß oder einer Zerstreuung Gefallen gefunden habe, oder etwas dergleichen.
„Ich hoffe, sie bleiben nicht mehr lange, der Frühling wird sie zurückführen,“ sagte Anneliese zu Weber.
„Vielleicht,“ antwortete er und es war ihm seltsam dabei zu Muthe, denn er hatte das sichere Gefühl, daß Anneliese dann nicht länger Frau von Hartwitz' Gastfreundschaft in Anspruch nehmen würde. Sie hatte schon des Oefteren eine Andeutung über Zukunfts— pläne gemacht, die sie in sich trage und es hatte geschienen, als wünsche sie Webers Rath. Doch er hatte es stets weislich ver— mieden, darauf einzugehen; ein solches Gespräch würde die Frage auf seine Lippen gedrängt haben, die er nicht aussprechen wollte, noch nicht!
Da kam ein Tag, der die Entscheidung brachte. Er war seit einigen Tagen nicht in Ornshagen gewesen, und Willy, der keinen besseren Freund als den Onkel Hans kannte, kam ihm bis in den Hausflur entgegen gelaufen, um ihm zu erzählen, daß er schon sehr auf ihn gewartet habe, da die Peitsche, die er ihm neulich gemacht, entzwei sei und das Schaukelpferd zu wild werde, wenn er keine Peitsche habe.
Als Weber mit dem schwatzenden und lachenden Knaben auf dem Arm in das Wohnzimmer trat, sah er sofort, daß ein Schatten in Frau Anneliesens Augen dämmerte.
Sie reichte ihm freundlich die Hand.„Sie sind von Willy mit kaum mehr zu zügelnder Ungeduld erwartet worden,“ sagte sie, während er einen Stuhl an ihre Seite zog.
„Nur von Willy?“ fragte er,„dann könnte ich meine Ent- schuldigung, daß ich um eines schwer Kranken willen die Stadt* nicht verlassen mochte, wohl füglich für mich behalten.“*
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.„Sie irren; auch ich habe Sie vermißt und erwartet, und zwar ganz so wie Willy, weil ich Ihre Hilfe, oder doch Ihren Rath bedurfte.“ 2
Er sah sie fragend und ein wenig erschrocken an, ihre Stimme hatte nicht ganz fest geklungen und die Hand zitterte, mit der sie U ö ihm ein Zeitungsblatt hinschob. Sie wies mit dem Finger auf eine Stelle:„Bitte, lesen Sie.“ 1
Es war das Gesuch eines verwittweten Gutsbesitzers, der eine Dame zur Führung seines Haushaltes und zur Erziehung seiner vier mutterlosen Kinder wünschte. Weber ließ den Blick darüber hingleiten; das Blut stieg ihm in den Kopf, und er fühlte plötzlich[ sein Herz so heftig schlagen, daß er tief aufathmen mußte, bevor er, zu Anneliese hinüberschauend, fragte:„Weshalb interessirt Sie das?“
„Weil ich meine, daß sich mir da eine geeignete Stellung böte,“ erwiderte sie.„Ich glaube das Geforderte leisten zu können und es wäre doch möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß man zu vier Kindern,. auf dem Lande, wo eben alle Verhältnisse größer und weniger be— engt sind, auch meinen Willy nicht ungern aufnehmen würde. Und das ist ja eine Hauptbedingung für die Stellung, die ich annehmen kann, daß ich mich von ihm nicht trennen darf.“ 5
Weber hatte sich rasch erhoben und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer.„Jetzt augenblicklich können Sie doch gar. nicht daran denken, Orushagen zu verlassen— Sie sind hier un entbehrlich.“ 2
Anneliese senkte den Kopf.„Frau von Hartwitz wird mich, hoffe ich, nicht für undankbar halten, wenn ich über den Moment 1 hinaus an die Zukunft denke. Ich bin überzeugt, daß sie zun Sommer zurückkehrt, dann kann ich nicht länger ihre Güte in Anspruch 5 nehmen, es drückt mich zu sehr. Da es aber durch meinen Knaben. immer schwierig für mich sein wird eine Stellung zu finden, so 0 kann ich ein scheinbar passendes Gesuch nicht vorübergehen lassen. N Vielleicht würde jener Herr auch noch einige Wochen warten.“ i N
„Was drängt Sie denn nur so gewaltsam fort,“ stieß Weber hastig N heraus,„fühlen Sie sich hier unglücklich?“ 4
„Nein— und doch jg. Können Sie es denn nicht verstehen, daß es mich unaussprechlich drückt, jung und rüstig wie ich bin, nur von der Güte Anderer zu leben? Frau von Hartwitz bot mir. in der schwersten Stunde meines Lebens die Hand, um mich von dem Abgrunde zu retten, der sich vor mir aufthat, sie hat mir Zeit gegönnt, mich zu fassen und den Weg zu suchen, der ferner vor mir liegt. Hier würde sich vielleicht ein geeigneter Beruf für mich finden, darum möchte ich es nicht versäumen, mich wenigstens danach E umzuthun. Doch wollte ich es nicht ohne den Rath eines Freundes und— Sie scheinen es für rücksichtslos und undankbar gegen Frau. von Hartwitz zu halten, wenn ich vor ihrer Rückkehr einen Schritt für meine Zukunft thue? Sie mögen recht haben— und so will ich's denn lassen.“.
Weber hatte sich wieder auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder- gelassen und wühlte mit der Rechten in dem Haarbusch über seiner Stirn, während die Linke erbarmungslos in dem rothen Bart zauste, ein Zeichen hochgradigster Aufregung bei ihm.
„Frau Anneliese“ begann er in einem schüchternen Ton, der eigenthümlich mit seiner martialischen Persönlichkeit kontrastirte, „haben Sie wirklich niemals daran gedacht, daß es für Sie noch einen andern Beruf, eine bessere Lebensaufgabe geben könnte?“ 8
„Ich weiß nicht— ich verstehe Sie nicht.“ Sie hatte un— befangen begonnen, doch als sie zu ihm hinüber in seine, in ängstlicher Spannung auf sie gerichteten Augen sah, senkte sie erschrocken und erröthend die ihren.
„Warum wollen Sie in einem fremden Hause als Hausfrau walten, fremden Kindern Mutter sein,“ fuhr er fort,„wollen Sie nicht lieber das eigene Haus mit Ihrer Güte und Anmuth schmücken und statt für einen fremden Mann für Ihren Gatten sorgen, der ach so unaussprechlich glücklich sein wird, wenn Sie ihm gestatten wollen, Sie zu lieben und auf den Handen zu tragen und Ihrem Willy ein treuer Vater zu sein?“
Anneliese hatte die Hände im Schoß gefaltet und über ihre Wangen rannen helle Thränen; eine Antwort fand sie nicht.
Weber rückte seinen Stuhl näher an sie heran und faßte ihre
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Hände mit warmem und festem Druck.„Liebe, liebe Anneliese, I
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