Ausgabe 
11.7.1886
 
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Kostüm sah etwas phantastisch aus, aber sie war so schön, daß Heddenheim sie staunend betrachtete und sie dann selbst zärtlich in den weichen weißen Mantel hüllte und einen seidenen Shawl um ihren Kopf schlang.

(Fortsetzung folgt.)

Mutter und Sohn.

Novellette von Cordelia, deutsch von Konrad Telmann. (Fortsetzung.) III.

Nachdem sie zum großen Verdruß ihrer Kammerzofe einige Stunden darauf verwandt hatte, sich anzukleiden und sich zu frisiren, war Frau Clara's erster Gedanke der, in Mario's Arbeitszimmer zu treten, um dort seinen Schreibtisch in Ordnung zu bringen. Um nichts in der Welt hätte sie gewollt, daß ein Andrer Hand an die Papiere ihres Sohnes lege. Sie sah ihn für ein Genie an, wes halb nichts natürlicher war, als daß sich auf seinem Schreibtisch stets ein Wirrwarr von zerstreuten Blättern, von offenen Büchern und verzettelten Papieren befand, wie auch nichts natürlicher war, als daß der junge Mann diese Unordnung beließ, da er wußte, daß es Jemanden gab, der sich eine Lust daraus machte, Alles wieder in Ordnung zu bringen. Und die Zeit, die Frau Clara in jenem Zimmer zubrachte, entfloh ihr wie ein Blitz, so gut unterhielt sie sich damit, Hand an die Arbeiten ihres Sohnes zu legen. Manch mal las sie auch seine Schriftstücke nach; wenn sie im Papierkorb irgend eine Zeichnung fand, die er dort hinein geworfen hatte, nahm sie dieselbe auf und bewahrte sie in einem Album, wie eine Reliquie, so daß sich in kurzer Frist schon eine ganze Sammlung daraus gebildet hatte, die sie für die Meisterwerke aus dem Museum Correr nicht würde hingegeben haben. Dann vergaß sie auch nie mals, die Blumen zu erneuern, die in kleinen Porzellanvasen das Zimmer schmückten, und häufig fügte sie noch eine von ihr selbst gestrickte Kleinigkeit den vielen hinzu, die schon auf dem Tischchen verstreut lagen; bald war es ein Federwischer, bald ein Cigarren behälter, kurz, fast immer irgend eine neue Ueberraschung.

Nach dem Arbeitszimmer kam das Schlafzimmer an die Reihe; auch dort untersuchte die vorsorgliche Mutter Alles, betrachtete die Kleider, ob sie noch alle in Ordnung waren oder ob es an irgend einem Stich oder an einem Knopf fehlte, warf einen Blick auf die Hemden, ob sie gut geplättet und spiegelblank waren; sie wußte, daß dies eine Leidenschaft ihres Sohnes war und hielt darauf, daß sie auch befriedigt wurde; dann überblickte sie das Bett, ob die

Betttücher auch neu gewaschen waren und die Decke in richtigem

Verhältniß zu dem Thermometer stand; wenn die Luft draußen kühl war, ließ sie eine Zudecke darauflegen, die sie wieder fortnahm, sobald die Jahreszeit milder wurde. Später saßen dann Mutter und Sohn bei einander im Eßzimmer, um zu frühstücken; ihre Unterhaltung war immer belebt, es ist überflüssig, zu sagen, daß Mario von tausend Projekten redete. Frau Clara interessirte sich für Alles, was er irgend sprach; dann ging ein Jeder an seine häuslichen Verrichtungen, und zur Zeit des Mittagessens fanden sie sich wieder zusammen. Oft bat Frau Clara damit das Leben zu Zweien für Mario nicht zu eintönig würde ihren Sohn, doch einige Freunde zum Essen bei ihnen einzuladen; dann sprach sie wenig und beschäftigte sich nur damit, ihren Sohn zu beobachten, wenn er auf's Höchste angeregt sprach oder sich auch bei irgend einer Diskussion erhitzte, sie hätte ihn beinahe mit den Augen ver schlungen und alles, was er sprach, erschien ihr wie ein Evangelium. Nach Tische ging sie mit Mario aus, um unter den Prokuratien einen Rundgang zu machen und in irgend einem Cafe ein Ge frornes zu nehmen. Natürlich war sie immer in vollster Toilette, und war immer strahlend vor Glück darüber, daß sie sich am Arm dieses schönen, jungen Mannes sehen lassen konnte, der ihr Sohn war. Sie schritt ganz aufrecht daher, sie hatte eine schlanke Ge stalt und sie war trotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch eine schöne Frau; oft hielten sie Diejenigen, die sie nicht kannten, für die Schwester oder auch für die Gattin ihres Sohnes und sie, wenn sie davon erfuhr, war ganz selig darüber. Mario war ein schöner, dunkelhaariger, junger Mann, groß und untersetzt von Gestalt, aber er sah aus, wie ein Dreißigjähriger, obgleich er noch nicht die fünf

undzwanzig vollendet hatte, sodaß der Unterschied zwischen Mutter und Sohn kaum bemerkbar war.

Zu einer gewissen Stunde begab sich Frau Clara zu einigen Freundinnen, um mit ihnen den Abend zu verbringen, und den Sohn frei zu geben.Das fehlte auch noch, sagte sie,daß ich ihn den ganzen Abend hindurch zu meinem Sklaven machte! Vielmehr, wenn Mario ihr vorschlug, zu kommen und sie abzuholen, erwiderte sie jedesmal:Aber was denkst Du? Hab' ich denn nicht die Gondel bereit, die kommen kann, mich zu holen? Geh, unterhalte dich und denke nicht an mich!

Dennoch ging sie niemals zu Bett, bevor denn ihr Sohn zurückgekommen; es war eine Grille von ihr, wenn sie ihn außer⸗ halb wußte, konnte sie nicht ruhig sein. Obgleich er groß und stark genug war, steifte sie sich doch manchmal darauf, ihn wie ein Kind zu betrachten. So war sie jeden Abend mit ihrer Arbeit in der Hand zugegen an der gewohnten Stelle und erwartete ihn. Er traf gewöhnlich vor ein Uhr immer schon zu Hause ein. Wenn er sich zufällig eines Abends um etliche Minuten verspätete, befiehl Frau Clara eine unbeschreibliche Unruhe. Bis halb ein Uhr dachte sie an nichts, bis ein Uhr wartete sie darauf, ihn jeden Augenblick erscheinen zu sehen, war aber ein Uhr vorüber, so verlor sie den Kopf. Jede Minute erschien ihr ein Jahrhundert. Ihr Haus ging auf der einen Seite nach dem Canalazzo hinaus, auf der anderen nach einer engen Gasse; sie horchte mit einem Ohr gespannt nach der Straßen-, mit dem andern nach der Kanal-Seite, und wenn sie einen Schritt sich nähern hörte, dachte sie:Das ist er, das wird er sein! Aber der Schritt entfernte sich langsam wieder und verlor sich im Schweigen der Nacht. Und wenn sie das Klatschen eines Ruders in's Wasser vernahm, dachte sie:Das ist er sicher lich, er kommt in der Gondel. Aber die Gondel glitt vorbei und hielt nicht an. Bisweilen versuchte sie dann, mit ihrer Arbeit weiter vorzurücken, um die Zeit schneller vergehen zu lassen.So, dachte sie;wenn ich bis zu diesem Punkt gekommen bin, dann wird er zu Hause sein. Sie zog es in die Länge, soviel es nur irgend gehen wollte, aber Mario ließ sich nicht sehen; und wenn dann noch eine Viertelstunde verging, so befand sie sich geradezu schon im Delirium, sie bildete sich tausend Gefahren ein, sie dachte an Mord und Hinterhalt, sie ging von einem Fenster an's andere, überall Schweigen, und die Schatten der Nacht ließen ihre Furcht nur wachsen. Es war nicht möglich, daß Mario sich so verspätete, irgend etwas mußte ihm zugestoßen sein, und während solcher Ge danken wurde ihr Athem immer beklommener, sie zitterte ganz und gar und hatte Thränen in den Augen.

Endlich, vielleicht nach einer halben Stunde, die durch die Un ruhe zu einer Ewigkeit geworden war, hörte sie einen Schritt, der immer näher herankam, dann anhielt, hörte den Schlüssel in's Loch an der Hausthür stecken, nun gab es keinen Zweifel mehr, er war's! Ihre Stirn klärte sich, sie gab einen erleichterten Seufzer von sich, und als sie ihn eintreten sah, empfing sie ihn mit ihrem gewöhnlichen Lächeln.

Ich komme spät heute Abend, Mama, sagte Mario zu ihr,verzeih mir, hörst Du, aber die Andern haben mich aufgehalten.

Du hast gut daran gethan, mein Sohn; hast Du Dich unterhalten? Dann bin ich zufrieden.

Aber eins bekümmert mich, daß Du hier immer aufbleiben und mich erwarten mußt.

In meinem Alter schläft man nicht mehr so viel, denke doch überhaupt nicht an mich, wenn ich müde gewesen wäre, würde ich ohnehin zu Bette gegangen sein, aber glaube mir, ich bin nicht einmal schläfrig.

Du bist ein Engel, liebe Mama, und ich that Unrecht, Dich so lange wachen zu lassen, aber wenn man sich in Gesellschaft be findet, ist man nicht im Stande, zu thun, was man will.

Geh doch, quäle Dich nicht, Mario, Du bist hier und damit gut, und nun wollen wir zu Bette gehn.

Der Aermste! dachte Frau Clara, während sie in ihr Zimmer ging, wie es ihm leid that! Es fehlte noch gerade, daß ich ihn hätte merken lassen sollen, daß ich unruhig um ihn war, um ihn zu bekümmern; für mich schadet's nichts, auch wenn ich leide, mir genügt es, wenn nichts passirt, um ihn zu stören und dann, wenn ich ihn so vor mir habe, vergeht mir ja jede Unruhe, ich vergesse Alles und bin glückselig.

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