Ausgabe 
11.4.1886
 
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mit Ungestüm an die Brust.

Wer spricht denn davon? fiel er etwas ungeduldig ein,Du hast Dir wunderliche Grillen in den Kopf gesetzt, das ist das Ganze. Ich war überrascht, das gesteh' ich ein, ich hatte das nicht gefürchtet aber nun laß uns von etwas Anderem sprechen, Liebste, es wird Alles in Ordnung kommen, verlaß Dich darauf! Es ist gar nicht nothwendig, daß wir uns deshalb die kurze Zeit unseres Beisammenseins trüben lassen. Sieh, die Sonne ist schon unter, mich dünkt, es ist früher als sonst und wie kühl der Wind über den See kommt!

Sie öffnete die Augen weit und blickte starr in die Ferne. Ja, sagte sie,es wird Nacht und kalt Sie schauerte leise zusammen und schlang ihre Arme fester um ihn.Küsse mich, Joseph, bat sie. Er preßte seine Lippen auf die ihren.

Du hast mich sonst heißer geküßt, wurmelte sie.

Närrin, sagte er und bedeckte ihre Wangen und Stirn mit glühenden Küssen.Wir müssen nun scheiden, setzte er dann nach einer Weile hinzu. Aber ihre Arme ließen ihn nicht frei. Er sah ungeduldig nach Westen hinüber, wo nur noch ein purpurner Schein

über der Bergkuppe flammte und sagt:Du hast uns diese kurze

Stunde mit unnöthigen Gemüthserregungen verbringen lassen, Alba. Wenn Du nun nicht heimkommst, wird man Dich vermissen und suchen Dein Vater

Sonst war sie bei dem Wort aus der innigsten Umarmung emporgefahren, aber heut sah sie mit trübem Lächeln vor sich nieder und entgegnete:Er muß es ja nun doch bald erfahren. Sie sah die heiße Röthe nicht, die ihm dabei in die Wangen aufstieg.

Aber nicht heut, nicht jetzt, stieß er hastig heraus,das könnte Alles verderben. Ich muß jetzt mit mir zu Rathe gehen, wie wir am schnellsten zum Ende gelangen können es ist gut, daß ich allein bleibe.

Sie nickte stumm vor sich hin und reichte ihm ihre Hand. Leb wohl, Joseph!

Er drückte sie an sich.Leb' wohl, Alba auf Wiedersehen!

Es glitt ein helles, sonniges Lächeln um ihre Lippen hin.Das war ein gutes Wort, Joseph, sagte sie,wenn ich einmal um diese Stunde hier säße und Dein Kahn käme nicht Sie schau derte fröstelnd zusammen.

Thörin, fiel er hastig ein,kannst Du denn von dem när⸗ rischen Gedanken nicht los kommen? Die Barke hat mich nun schon manche Woche diesen Weg geführt. Er sagte das, während er sich

schon anschickte zu gehen und ohne ihren Blicken zu begegnen. Sie

hatte einen Schritt ihm nach gemacht. Wie er sich umwandte, um noch einmal zurückzugrüßen, eilte sie ihm nach und warf sich ihm In ihren Augen glänzten helle Thränen. Er befreite sich beinahe gewaltsam aus ihrer Umarmung und ihre beiden Hände in der seinen haltend, sagte er noch einmal: Thörin! Dann ging er schnell, ohne sich noch einmal nach ihr umzublicken. Nur von der gegenüberliegenden Ecke der kleinen See⸗ bucht grüßte er noch mit der Hand winkend zu ihr hinüber. Er sah, daß sie wie festgebannt auf ihrem Platze verharrte und keine Bewegung machte, als ob sie seinen Gruß nicht sähe. Er athmete tief auf, als er nun langsamer seinen Weg fortsetzte und an die ersten Häuser des Fischerdörfchens kam. 8

Es verging eine geraume Weile, ehe wieder Bewegung in ihren Körper zurückkehrte. Dann war es wie ein Krampf, der sie nach der Erstarrung erschütterte. Ihre Lippen murmelten tonlose Worte und sie strich sich mit der Hand über die Augen hin, wie um eine Vision zu verscheuchen. Und doch war sie deutlich da: sie sah Joseph an der Seite einer Andern im Kahn über den blauen See fahren und sie selbst war es, die das Ruder führte und sie an's Ziel brachte, wie auch eine Stimme in ihrer Brust aufschrie: Du hast mich verrathen! und ihr Herz sich dagegen aufbäumte, daß sie selbst die Glücklichen an's Ufer führen müsse ihre Arme arbeiteten mechanisch rastlos. Sie sah das Alles so deutlich, wie im Traum und doch zitterte noch letzter Abglanz der Sonne auf den Wassern und sie wachte und fühlte seine glühenden Küsse auf ihren

Lippen. f

Ein eiliger Schritt, der über den Weg heraufkam, ließ sie zu sammenfahren. Ein junger, braunbärtiger Mann in der Fischer tracht des Dorfes stand vor ihr und betrachtete sie mit einem prü⸗ fenden Blick, vor dem sie ihr Auge niederschlug.Du bist immer um diese Zeit hier zu treffen, scheint es, sagte er, sich umschauend, in argwöhnischem Ton. f

Platz da.

bürgen.

Möglich, entgegnete sie, die Achseln zuckend,es ist ein schöner

Besonders wenn man zu Zweien ist, setzte er hinzu und stieß

eine kurze, rauhe Lache hinterher aus. Sie wandte sich gleichmüthig 3

ab und schickte sich an, zu gehen. 9135

Er trat an ihre Seite und wies mit dem Finger über ihre Schulter hinweg auf die Seefläche, wo eben eine kleine Barke auf- tauchte. sagte er,es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen.

Eine glühende Röthe ging über ihre Stirn hin.Ich weiß

nicht, wer Dir erlaubt hat, so mit mir zu sprechen, fiel sie ein,

bist Du mir zum Hüter gesetzt oder welch' Recht hast Du an mich? Er nickte mit bitterem Auflachen vor sich hin:Früher hättest Du mir das Recht wohl eingeräumt, Alba, sagte er, neben ihr her die Straße entlang wandernd,aber freilich: seit der Andere gekommen ist, der mehr versprechen kann, als ich auf's Halten kommt Dir's ja wohl nicht an! 5 8 Giacomo, unterbrach sie ihn streng,ich bitte Dich, Deine Zunge im Zaume zu halten, oder ich muß mich nach Einem um⸗ sehen, der mich von Deiner Gegenwart befreit. a

Er lachte.Ist's so weit schon? rief er,nun ich denke, es könnte Dir nur lieb sein, wenn es unter uns Beiden bleibt und Niemand sonst es erfährt, wie man Dich jeden Tag um diese Stunde hier finden kann und jeden Tag zur selben Zeit die Barke da drüben vom Lande stößt, Alba. Aber wenn Du's lieber hast, daß es das ganze Dorfe erfährt, so ist's mir auch nicht zuwider und ich bin bereit, es Jedem zu erzählen, der's hören mag ich kann's ver⸗ Als sie nichts erwiderte, fuhr er fort:Nun, Du bist mit einem Male stumm geworden? Wäre Dir's doch nicht recht, wenn's an den alten Pietro käme, wie es um die Abendstunde hier zugeht? Ein gutes Gewissen sollte doch selbst die Verleumdung nicht scheuen, ich kann's zwar nicht beschwören, daß hier etwas vorgeht, was nicht vor aller Welt Augen gehört, aber wenn Du stumm wirst, die sonst so herb reden kann, ist's auch ein Beweis, der für mich hinreicht.

Sie schien mit sich zu kämpfen, ob sie ihm erwidern sollte. Endlich sagte sie:Giacomo, ich denk, Du hast früher etwas von mir gehalten 5 g

Wollt's meinen, fiel er mit leisem Auflachen ein,aber es hat mir zu nichts geholfen. So lang' von da drüben her keine Barke allabendlich hier an's Ufer kam, hatt' ich freilich Hoff nungen f

Wen man gern gehabt hat, Giacomo, fiel sie ihm in's Wort, von dem glaubt man auch nichts Schlimmes, dünkt mich. Wenn's also wahr ist, was Du da sagst, daun glaub', was Du willst, aber schweig' ich verlaß mich darauf. Sie sah ihn etwas scheu von der Seite an und konnte gewahr werden, wie finster sich seine Augenbrauen zusammenzogen. 5

Das will ich auch, sagte er nach einer Weile,denn ich hab' keinen Nutzen davon, daß ich den Angeber mache. Aber das bedenk auch, Alba: wenn Du Einen brauchst, der Dir Dein Recht mit Gewalt holt, dann nimm keinen Anderen dazu, als mich, und wenn's dafür zu spät ist und es gilt etwas Anderes Du weißt, was ich meine, dann bin ich auch bereit hörst Du? Jeder⸗ zeit. Er schüttelte die geballte Faust drohend nach der Richtung hinüber, in der die Stadt lag.

Sie lächelte schmerzlich.Ich werde an Dich denken, sagte sie. Dann gingen sie stumm neben einander her in's Dorf zurück.

Der krausköpfige Barkenführer wunderte sich, mit wie anderem Gesichtsausdruck heute der feine Herr von seiner Wanderung zurück kam, den er so oft schon an diese Stelle gerudert und der oft auf der Rückfahrt mit ihm in ein leutseliges Gespräch sich eingelassen. Heute blickten seine Augen düster und die Stirnfalten waren dicht zusammengezogen. Er sprach kein Wort, stieg in die Gondel und deutete mit einer hastigen Bewegung an, daß er schuell zurückgerudert zu werden wünsche. Ein frischer Nordwestwind hatte sich auf gemacht und trieb die Wellen des Sees gegen den Kahn. Die ganze Natur erschien Joseph verändert. Die letzten Sonnengluthen waren erloschen, ein fahles, graues Dämmerlicht webte um Berg und Land. Es kam ihm wie ein leichter Schauer, unter dem er zu frösteln begann. Waren nicht erst Stunden verronnen, seit er sich auf den sonnengoldüberspielten Fluthen gewiegt und sich in den

Frühling zurückgeträumt hatte, der statt des nordischen Herbstes

Sie stößt immer auch um diese Stunde vom Lande,*

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